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Der große Sprung

Die Digitalisierung hat viele Innovationen hervorgebracht. Doch verglichen mit anderen Umbrüchen bleiben sie überschaubar, sagt der Ökonom Robert J. Gordon.





• Die Arbeitswelt hat drei große Revolutionen erlebt. Die erste industrielle Revolution begann gegen 1760 in Großbritannien. Maschinen ersetzten Handarbeit, Eisen und Stahl waren die neuen Werkstoffe, die Dampfkraft ermöglichte den Betrieb neuer Maschinen und Fabriken. Die zweite industrielle Revolution setzte um 1870 ein. Mit ihr wurden der Telegraf, die Eisenbahn, Gas- und Wasserversorgung eingeführt, und Henry Ford baute das Fließband. Die dritte industrielle Revolution begann mit dem Computer – und sie ist in vollem Gang. Sie setzte zwischen 1950 und 1970 ein. Waren es in den vorangegangenen Epochen Edmond Cartwrights Webstuhl, Thomas Alva Edisons Glühlampe oder Carl Benz’ Motorwagen, wird die gegenwärtige Epoche vom Personal Computer und dem World Wide Web geprägt. Die Erfindungen verändern die Wirtschaft. Roboter ersetzen menschliche Arbeit, Computer übersetzen Sprachen, und Smartphones haben stärkere Prozessoren als die Supercomputer der Sechzigerjahre – und trotzdem ist das Wirtschaftswachstum in den entwickelten Ländern momentan relativ schwach.

brand eins: Herr Gordon, wenn Sie zum Flughafen fahren, nehmen Sie dann ein Taxi, oder buchen Sie bei Uber?

Robert J. Gordon: Ich rufe ein Taxi.

Gehen Sie ins Hotel, oder buchen Sie bei Airbnb?

Ich gehe ins Hotel.

Sie scheinen kein Freund des Fortschritts zu sein.

Im Gegenteil, ich schaue mir die Veränderungen sehr genau an. Es ist nur so, dass ich ein Taxi im Voraus buchen kann, ich kann einen Tag, eine Uhrzeit vereinbaren. Das kann ich bei Uber nicht. Da bestelle ich den Wagen und muss warten. Aber ich warte nicht gern, ich mag keine Unsicherheiten. Und wenn ich verreise, bin ich meist auf Tagungen. Dann übernachte ich im Hotel, das mir der Gastgeber bucht. Es ist meist in der Nähe des Veranstaltungsorts und daher sehr praktisch gelegen. Ich bin kein Gegner von Technik, aber es ist nun einmal so, dass weder Uber noch Airbnb für mich komfortabel sind.

Wie wichtig sind diese Plattformen für die Wirtschaft?

Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt von Taxifahrten oder Hotelübernachtungen ist gering. Uber bedeutet nicht das Ende des Taxigewerbes, und Airbnb wird nicht die Hotelbranche zerstören. Beide Plattformen werden das bestehende Angebot ergänzen, nicht ersetzen.

Durch die dritte industrielle Revolution – Sie schreiben in Ihrem neuesten Buch von der „digitalen Revolution“ – hat sich die Wirtschaft grundlegend verändert. Welche Bedeutung kommt ihr in der Wirtschaftsgeschichte zu?

Die digitale Revolution umfasst alles, was mit Computern zu tun hat. Vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren war sie für starke Wachstumseffekte verantwortlich. Während dieser beiden Jahrzehnte führten wir Textverarbeitungsprogramme ein, in den Büros wurden die Schreibmaschinen durch Computer ersetzt, Arbeiten wurden erleichtert und beschleunigt. Der größte Teil dieser Entwicklung war 1995 abgeschlossen, also bevor das World Wide Web groß wurde. Wir haben seither, abgesehen von Smartphones, keine großen Sprünge mehr gemacht.

Wie bitte? Im Silicon Valley wird doch pausenlos am nächsten großen Ding geforscht. Unsummen von Risikokapital fließen in Start-ups, es gibt Suchmaschinen, man kann per Mobiltelefon sein Konto verwalten, man kann überall kommunizieren …

Ich möchte diese Erfindungen nicht kleinreden, viel von dem, was Sie erwähnen, macht unser Leben bequemer. Man sollte sie aber im geschichtlichen Kontext sehen. Zwischen 1870 bis 1940 gab es viele Erfindungen, die für uns Menschen viel bedeutender waren. Es ist schwer, das zu wiederholen. 1870 waren die Räume in den Häusern entweder zu kalt oder zu warm, heute können wir das mit Heizung und Klimaanlage regeln. Zu jener Zeit durchliefen die Bewohner der Großstädte in den USA einen Prozess, der alles veränderte. Um 1870 waren die Häuser der Städte isoliert. Binnen weniger Jahre waren sie mit einem Netzwerk verbunden und damit mit der Welt: Sie waren angeschlossen an Elektrizität, Gas, Telefon, fließendes Wasser, sie hatten Radio und Fernsehen. Es gab Toiletten mit Wasserspülung. Auf welche Erfindung wollen Sie nicht verzichten: auf die Toilette? Oder auf Facebook?

Also hat der Paypal-Mitgründer Peter Thiel recht, der sagte: „Wir wollten fliegende Autos, stattdessen bekamen wir 140 Zeichen.“

Das Zitat ist ironisch gemeint und bezieht sich auf den Kurznachrichtendienst Twitter. Aber es ist schon etwas dran. Bestimmte Träume der früheren Generation haben sich nicht erfüllt. Das fliegende Auto ist einer davon. Weltraumreisen sind ein anderer. Es ist jetzt 50 Jahre her, dass wir einen Menschen auf den Mond geschickt haben. Aber vom Weltalltourismus sind wir noch weit entfernt. Der spielt in unserem wirtschaftlichen Leben praktisch keine Rolle.

Ist es so schlecht um die Innovationskraft unserer Zeit bestellt?

Ich glaube, dass die digitale Revolution nicht mehr viele Innovationsreserven hat. Wir haben den Wachstumsschub der Computer schon hinter uns. Ich bin kein Technikfeind, im Gegenteil. Es wird sehr viel erfunden. Nur: Die Innovationen haben nicht die Macht, bedeutende Produktivkräfte zu entwickeln, wie das Anfang des 20. Jahrhunderts geschah. Heute gehen Millionen Menschen auf der Welt praktisch der gleichen Arbeit nach wie vor zehn Jahren. Die Jobs, die in den USA neu entstanden sind, sind vor allem bei den ungelernten Dienstleistungen entstanden. Die Leute, die dort arbeiten, brauchen heute die gleichen Kenntnisse wie im vergangenen Jahrhundert.

Warum ist es ein Problem, dass die Menschen womöglich weniger innovativ sind?

Das führt zu schwachem Wachstum in den entwickelten Ländern. In den USA etwa wächst die Produktivität so langsam wie niemals zuvor. Im vergangenen Jahrhundert hat sich der Lebensstandard von Generation zu Generation verdoppelt. Das ist bei unserem gegenwärtigen Innovationstempo nicht mehr zu schaffen. Wir müssten aber stärker wachsen, um den demografischen Wandel, die wachsende Ungleichheit und die hohe Staatsverschuldung auszugleichen.

Wo sind die Produktivitätsgewinne des digitalen Zeitalters?

Sie sind momentan schwer auszumachen. Nur ein Beispiel: Universitäten. Es wird immer mehr Geld in die Technik gesteckt, es wird immer mehr teures Equipment gekauft, Hörsäle werden mit Computern ausgestattet. Das führt dazu, dass man in der Verwaltung einen aufgeblähten Apparat bekommt – ohne dass die Ausbildung dadurch besser würde. Dadurch steigen die Kosten, doch die Studenten lernen nicht mehr als früher.

Aber es wurde doch einiges erfunden, was die Welt weiterbringt. Der 3-D-Drucker zum Beispiel …

… ist eine nützliche Erfindung für all diejenigen, die während des Entwicklungsprozesses Prototypen bauen wollen. Oder für Nischenmärkte, mein Zahnarzt hat einen. Nun braucht man nur einen Termin, um eine Krone zu wechseln, nicht mehr zwei. Das ist gut. Aber die Massenproduktion wird er nicht ersetzen.

… oder Roboter und Künstliche Intelligenz …

… Roboter kommen in der Industrie immer öfter zum Einsatz. Aber das ist keine Revolution. Es bedeutet nicht, dass Millionen Menschen von heute auf morgen ihren Job verlieren. Bei Künstlicher Intelligenz hat man bei Stimmerkenung, in der Radiologie oder beim Übersetzen von Sprachen einiges erreicht. Aber so schrecklich weit ist man noch nicht.

… oder Big Data …

… das ist vor allem ein Marketing-Instrument. Ein Wettbewerber nutzt die Datenanalyse und nimmt einem anderen Marktanteile weg. Davon profitiert derjenige, der als Sieger daraus hervorgeht. Aber nicht die Gesellschaft als Ganzes.

… das selbstfahrende Auto …

… kommt sicher. Aber bis dahin wird noch einige Zeit vergehen. Wir brauchen zunächst vollständige 3-D-Karten von allen Straßen in einem Land, wo solche Fahrzeuge unterwegs sein sollen. Es wird wohl zunächst so etwas wie einen Autopiloten für einfache Strecken geben. In Innenstädten und auf schwierigen Straßen werden Menschen noch lange am Steuer sitzen. Nicht vergessen sollten wir die Lastwagen. Der Lkw-Fahrer hat mehrere Rollen: Er fährt, be- und entlädt den Truck. Solange wir noch keine Technik haben, die das automatisch macht, brauchen wir Fahrer. Hinzu kommt, dass wir eine Flotte von Fahrzeugen haben, die nur langsam ersetzt wird. Am Wachstum wird das wenig ändern. Es sei denn, die Menschen werden einmal in der Lage sein, während des Fahrens zu arbeiten, dann erhöht das die Produktivität.

Aus dem Silicon Valley hört man, wir lebten in der sich am schnellsten verändernden Ära der Geschichte.

Die Technikoptimisten glauben das. Seit den Sechzigerjahren haben sich Computer in einem atemberaubenden Tempo verbessert, so etwas gab es noch nie in der Geschichte. Daher glauben viele, wir lebten in einer Zeit, in der der Fortschritt so schnell vorankommt wie noch nie zuvor. Aber das trifft nicht zu. Nur eine Zahl: Die Gesamtausgaben von Unternehmen und Haushalten in den USA für Computerausrüstung und Software betrugen im Jahr 2014 nur sieben Prozent der Wirtschaftsleistung. Schauen Sie sich doch einmal in Ihrem Alltag um: Wenn Sie mit Menschen zu tun haben, bei der Bank, beim Finanzamt, beim Bäcker, an der Supermarktkasse … wie hat sich deren Job in den vergangenen zehn Jahren verändert? Ich tue das regelmäßig und sehe keinen radikalen Wandel.

Aber es entstehen doch neue Unternehmen, die neue Produkte anbieten.

Auch hier sehe ich nicht die großen Veränderungen. Es wird viel über kreative Zerstörung gesprochen, wenn junge Firmen sich auf etablierten Märkten breitmachen und mit neuen Techniken den alten, nicht besonders produktiven Unternehmen Marktanteile abnehmen. Aber der Anteil der jungen Firmen an der Gesamtzahl der Unternehmen in den USA lag 1978 bei 14,6 Prozent und im Jahr 2011 bei 8,3 Prozent.

Warum profitieren die Volkswirtschaften in den entwickelten Ländern nicht mehr von den Innovationen wie früher?

Schauen wir noch einmal zurück. Anfang 1900 reisten wir mit der Pferdekutsche. 1958 kam die Boeing 707 auf den Markt. In etwas mehr als 50 Jahren stieg unsere Reisegeschwindigkeit von rund 10 auf 885 Stundenkilometer. Das ist in etwa auch heute noch unsere maximale Reisegeschwindigkeit. Irgendwann hat man eben das Potenzial erreicht, das eine Erfindung hat. Die Geschwindigkeit lässt sich nicht unendlich steigern. ---