Partner von
Partner von

Bocksbeutel

Er diente seit fast 300 Jahren sowohl als Verpackung als auch als regionales Markenzeichen und fiel irgendwann aus der Zeit. Nun legte ein prominenter Franke Hand an den Bocksbeutel.





• Der Blick von außen kann nützlich sein. Das stellten Hermann Kolesch, Präsident der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG), und Hermann Schmitt, Geschäftsführer des Fränkischen Weinbauverbands, bei einer Veranstaltung in Hamburg fest. Dort wies der Designer Peter Schmidt, der als Verpackungs-Papst gilt und selbst aus Franken stammt, auf „das kauzige Image des Bocksbeutels“ hin. Und bot Hilfe bei der Neugestaltung der Flasche an: Wenn’s was wird, zahlt mir was, sonst nicht. Kolesch und Schmitt konnten ihr Glück kaum fassen.

Das ist nun fast fünf Jahre her. Im August sollen die ersten Frankenweine im neuen Outfit angeboten werden. Zwischenzeitlich waren etliche technische Probleme zu lösen, denn, so Kolesch: „Der Bocksbeutel ist die Diva unter den Flaschen“ – und in der Herstellung etwa doppelt so teuer wie gewöhnliche. Vor allem galt es, die Winzer zu überzeugen; nicht alle waren begeistert vom Re-Design, das alles in allem rund 100 000 Euro gekostet hat. Kolesch aber lobt den neuen Bocksbeutel, der „Zeitgeist, Eleganz, Kraft und Kantigkeit“ ausstrahle.

Relaunches von Verpackungen folgen meist der Devise: alter Wein in neuen Schläuchen. Für den fränkischen gilt das nicht – er hat in den vergangenen 15 Jahren eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht, weil innovative Winzer nun Klasse statt Masse produzieren und individuelle Stile pflegen. Das zeigt sich vor allem beim Silvaner, einer Rebsorte, die in der Region gedeiht wie nirgendwo sonst und neben Müller-Thurgau am häufigsten angebaut wird. Allgemein als junger, frischer Begleiter von Spargel bekannt, kann der Silvaner auch beeindruckend über Jahre reifen. Experimentierfreudige Weinmacher bauen ihn in Holzfässern aus oder nach georgischer Tradition in Amphoren.

Statt den Export zu fördern, setzt man lieber darauf, Kundschaft in die liebliche Main-Landschaft mit den steilen Wein-bergen zu locken. Kolesch rechnet vor, dass mit Frankenwein 200 bis 250 Millionen Euro jährlich umgesetzt wird – mit Tourismus, auch unter dem Motto „trinkbare Landschaften“ vermarktet, rund 3,2 Milliarden Euro. Manche Winzer verkaufen mehr als zwei Drittel ihrer Produktion direkt vor Ort. Ein einträgliches Geschäft, das auch Investitionen in moderne Architektur möglich macht, mit der die fränkischen Weinmacher demonstrieren, dass sie nicht von gestern sind.

Ihr großes Vorbild ist das weltberühmte Burgund. Bei den feinen Tropfen können die Franken durchaus mithalten, nur an einem fehlt es ihnen noch: Trüffel. Aber auch daran hat der promovierte Agrarwissenschaftler Kolesch bereits gearbeitet. Mit Trüffel-Sporen geimpfte Bäume sind gepflanzt worden, in drei bis vier Jahren sollen die ersten Knollen so weit sein. Dazu passe dann perfekt: alter Silvaner, natürlich in neuer Flasche. ---

Die Lage Würzburger Stein ist weithin geschätzt und zieht daher Weinfälscher an. Um ihnen das Geschäft zu verderben, beschließt der Rat der Stadt 1726, dass Steinwein fortan in Bocksbeutelflaschen abzufüllen und mit einem Siegel zu versehen ist. Der Name geht auf Gebetsbeutel, Feld- und Pilgerflaschen zurück, die Buggesbüdel, Booksbüdel oder Bugsbeutel genannt werden – und nicht etwa auf das Gemächt des Ziegenbocks. Später entwickelt sich die Flasche zum Markenzeichen für fränkischen Wein guter Qualität. Dazu trägt eine weitsichtige Entscheidung der Winzer bei, die sich 1971 – gegen den damaligen Trend zu billiger Süßware – darauf verständigen, ihre Weine trocken auszubauen. Doch die weitere Entwicklung verschlafen sie, werden von der internationalen Konkurrenz kalt erwischt und flüchten sich in die Massenproduktion. Der Bocksbeutel ist seit 1989 europaweit geschützt (mit einigen Ausnahmen, die Flaschenform ist unter anderem in Portugal verbreitet). Dennoch gerät er zu jener Zeit laut Kolesch in seine „größte wirtschaftliche Krise“. Mehr als 2600 Winzer geben in der Folge auf. Die Überlebenden erfinden den Frankenwein neu. Als Wendepunkt gilt das Jahr 2004, in dem das Weingut Horst Sauer in Eschendorf bei der International Wine Challenge zum German Wine Producer of the Year gekürt wird. Viele weitere Auszeichnungen für ihn und seine Kollegen folgen.

Frankenwein

Jahresproduktion: 45 bis 50 Mio. Flaschen; davon in Bocksbeutel abgefüllt: rund 15 Mio. Flaschen