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Anthony Francis Lucas

Niemand hatte geglaubt, dass unter einem Hügel in Texas Erdöl liegen könnte. Ein Ingenieur war anderer Meinung – und schrieb Wirtschaftsgeschichte.





• Anthony Francis Lucas hatte im Jahr 1900 keine Wahl. Die zwei Unterhändler der Mellon-Familie, damals Besitzer einer der größten Banken der USA, waren zwar bereit, seine Suche nach Erdöl nahe der Ortschaft Beaumont in Texas zu finanzieren. Aber sie stellten drei Bedingungen.

Die erste lautete, Lucas sollte nur noch ein Achtel der Anteile der Firma besitzen. Die zweite war, sein Partner Pattillo Higgins sollte ganz aussteigen, ihm wollten sie kein Geld anvertrauen. Die dritte: Wenn er in 366 Metern Tiefe kein Erdöl finden sollte, wäre das Projekt beendet.

Die erste Bedingung war glatte Erpressung. Mit der zweiten konnte er leben. Es war die dritte, die ihn gewaltig unter Druck setzte. Er willigte trotzdem ein.

Eine Zeitungsannonce hatte ihn einst nach Beaumont gelockt. Higgins hatte einen Spezialisten für Salzstockbohrungen gesucht. Lucas war der Einzige, der sich gemeldet hatte. Schließlich wussten alle, dass Erdöl in Pennsylvania aus dem Boden gepumpt wurde, wo die Standard Oil von John D. Rockefeller das Geschäft kontrollierte. Aber in Texas? Keine Chance.

Lucas kam trotzdem. Er wusste, worauf er sich eingelassen hatte, er war vom Fach. Als Antun Lučić war er 1855 in Split im heutigen Kroatien geboren worden. In Graz hatte er an der Technischen Universität studiert und war 1879 ausgewandert.

Im Jahr 1899 fingen er und Higgins an, auf dem Hügel, den die Einheimischen Spindletop nannten, nach Erdöl zu bohren. Beaumont, rund 140 Kilometer östlich von Houston gelegen, war zur Jahrhundertwende ein verschlafener Ort. 10 000 Menschen lebten dort, sie verdienten ihr Geld vor allem in der Landwirtschaft, und sie hatten wenig übrig für die Abenteurer, die auf dem Hügel vor der Stadt ihr Glück suchten.

Täglich schufteten Lucas und Higgins mit den Brüdern Al und Curt Hamill an der Bohrstelle. Die Hamills waren die Techniker. Unermüdlich trieben sie den Bohrer tiefer ins Erdreich. Doch die harte Arbeit war vergeblich.

Dabei war Lucas sich sicher, dass in dem Salzstock unter dem Hügel Erdöl lagerte. Er hatte die Gegend genau untersucht, er hatte festgestellt, dass an einigen Stellen Schwefelgas aus dem Boden austrat, auch kleine Teerpfützen hatte er entdeckt. Vielversprechende Indizien.

Anfang 1900 ging ihnen das Geld aus. Und als sie niemanden fanden, der von dem Experiment in Texas etwas wissen wollte, blieben nur noch die Mellon-Unterhändler. Nach dem Deal war Lucas allein für den Erfolg des Projekts verantwortlich.

Er musste Probleme lösen, die vor ihm noch kein anderer gelöst hatte. Da war zum Beispiel der Untergrund. In 60 Metern Tiefe stieß er auf Sand. Die feinen Sedimente verklebten den Bohrer und ließen sich nicht so einfach mit Wasser wegwaschen wie Gestein.

Anthony Francis Lucas besorgte eine Dampfmaschine, um den Bohrer anzutreiben. Aber der Sand war so fein, dass das kaum half. Da hatten die Hamills eine Idee. Um sie herum weideten Rinder, die regelmäßig durch Pfützen marschierten und dadurch einen zähen Schlamm am Boden anrührten. Statt Wasser pressten die Brüder den Schlamm in das Bohrloch, um den Bohrer zu reinigen. Und siehe da, es funktionierte. Die feuchte, dickflüssige Substanz stabilisierte die Wände im Untergrund, es konnte weitergehen. Sie pumpten mehr und mehr Schlamm in das Bohrloch. Noch heute wird Schlamm bei Bohrungen verwendet, allerdings ein synthetischer.

In 180 Metern Tiefe trafen sie auf eine Kammer aus explosiven Gasen und Wasser: Eine gigantische Explosion erschütterte die Bohrstelle. Der dadurch entstandene Druck presste Wasser und Gas durch den Schacht nach oben. Die Arbeiter überlebten mit Glück, reparierten die Anlage – und machten weiter.

Seine Hartnäckigkeit veränderte die amerikanische Erdölindustrie

Danach dauerte es noch lange Wochen, ehe sie wieder Hoffnung schöpfen konnten. In den ersten Tagen des Jahres 1901 schafften sie es auf 311 Meter, das war ein Fortschritt, jedoch hatten sie noch immer kein Erdöl gefunden.

Am 10. Januar 1901 sah es danach aus, als wäre all die Anstrengung vergeblich gewesen. Sie waren auf 330 Metern angekommen. Noch 36 Meter tiefer, und Lucas hätte aufhören müssen.

Er ließ den Bohrer aus dem Schacht holen, um ihn zu säubern. Als er ihn wieder hinabgleiten ließ, blubberte auf einmal Schlamm aus dem Bohrloch. Sekunden später schoss ein Stahlrohr aus dem Boden, glücklicherweise wurde niemand verletzt. Danach geschah nichts. Keiner wusste, was das zu bedeuten hatte. Alle waren verwundert.

Doch als die Arbeiter sich gerade daran machen wollten, den Bohrturm zu reparieren, hörten sie im Schacht eine laute Explosion, es klang wie ein Kanonenschlag. Sekunden später sprudelte Schlamm aus dem Bohrloch. Kurz darauf schoss ein schwarzgrüner Strahl aus dem Bohrturm: Erdöl! Eine 50 Meter hohe Fontäne! Lucas und die Hamills benötigten neun Tage, um die Leitungen so zu legen, dass das Öl aufgefangen werden konnte. Sie hatten an jenem Tag das größte Erdölfeld der USA angebohrt. Anthony Francis Lucas hatte mit seiner Hartnäckigkeit die amerikanische Erdölindustrie verändert: 100 000 Barrel pro Tag wurden schon bald darauf in Spindletop gefördert – mehr als in allen anderen Erdölfeldern der USA zusammen.

Die Produktion in den USA stieg durch die Entdeckung von 57 Millionen Barrel im Jahr 1899 auf 126 Millionen Barrel im Jahr 1902 – wovon allein das von Lucas entdeckte Feld 17,4 Millionen Barrel produzierte.

In Konkurrenz zum bisherigen Monopolisten der Standard Oil Company von Rockefeller entstand in Texas das neue Zentrum der Erdölindustrie des Landes. Binnen weniger Monate zogen Investoren, Glückssucher und Gauner nach Beaumont. Aus dem beschaulichen Ort wurde innerhalb eines Jahres eine schmutzige Industriestadt mit 60 000 Einwohnern. 1902 gab es bereits 285 Bohrstätten auf dem Hügel Spindletop. Daraus entstanden die Gulf Oil, woraus später Chevron wurde, und Humble Oil Company, der Vorgänger von Exxon.

Und Lucas? Sein Anteil an den Gewinnen war so gering, dass er Texas nicht als reicher Mann verließ. „Meine größte Belohnung war es“, sagte er, „etwas geschaffen zu haben, das zuvor noch keiner geschafft hat, das die Golfküste der USA zum inzwischen wichtigsten Ort der Ölindustrie gemacht hat.“ Lucas arbeitete später als Berater in Rumänien, Russland, Mexiko und Algerien. Er starb 1921 in Washington. ---