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Gestern ist heute schon morgen

Hin und wieder sollte man sich Herausforderungen stellen: zum Beispiel 24 Stunden lang Homeshopping gucken.





• Gegen elf Uhr vormittags schalte ich HSE24 ein, Nicola Sautter stellt gerade ihre „Eiweißlinge“ vor. Auf dem Verkaufstresen stehen belegte Brötchen mit weißen Tabletten obendrauf. „Leiden Sie manchmal an diffusem Unwohlsein? Ab jetzt nie wieder! Essen Sie einfach zu jeder Mahlzeit Eiweißlinge. Eiweiß ist lebenswichtig für den Körper, man glaubt ja gar nicht wie sehr. Vielen von uns fehlt es. Bewiesenermaßen. Und: Tagesangebot! Exklusiv! Mit gratis Velourlederarmband. Rufen Sie jetzt an, diese kleinen Helfer sind sooo beliebt!“

Manchmal schalte ich um zu QVC oder 1-2-3. Ich gucke das alles auf dem Tablet. Bald bringe ich durcheinander, was gerade wo läuft. Überall Uhren, Ringe, Unterbetten, clevere Wäscheständer und Wohlfühlgeburtstag dank Dr. Hartigs Nahrungsergänzungsmitteln. Zwischendurch nicke ich ein. Oder nicht?

Manchmal werden laufende Vorführungen einfach unterbrochen, vom Pastaclean-Waschkraftverstärker geht’s rein in die Vorführung der Zeolit-Matten für den Kühlschrank in der Farbe „Beere“ und „Limone“. Das Zeolit, sagt eine große Frau neben einem kleinen, dicken Mann, könne man auch super in die Turnschuhe des Partners legen, damit sie nicht mehr stinken. Und in Topfpflanzen auch, damit sie gesünder wachsen, denn Zeolit sei ein Alleskönner-Mineral. Dann sagt die Frau, dass sie diese Matten auch in ihren Reitstiefeln habe und hebt ihr Bein hinter dem Verkaufstresen hervor und zeigt die Stiefel, haha, ja, sie komme direkt aus dem Stall und habe vor der Sendung keine Zeit mehr gehabt, sich umzuziehen. Supersympathisch, denken jetzt die Zuschauer, so nahbar, diese Frau!

Die Hauptargumente von Homeshopping sind: Spaß, Effizienz, Gesundheit und das Beeindrucken der Nachbarn. Sehr oft fallen Sätze wie: „Ihre Nachbarn /Freunde / Verwandten werden Sie darum beneiden“ oder „Reiche Menschen werden niemals auf die Idee kommen, dass das kein echtes Gold ist, das Sie da um den Hals tragen“. Gerne werden die Namen der Produkte und ihrer Materialien auch an die ihrer hochwertigen Vorbilder angelehnt, in der Hoffnung, dass die halb senilen Zuschauer das nicht merken. Ein Plüsch-Hauskleid aus Cashma, so weich, so edel. Alles ist voller Kennenlernangebote und Top-Tagesangebote, die zwar angeblich nie wiederkommen werden, aber in Wahrheit nie aufhören. Alles ist heruntergesetzt. „Nur heute.“

Abends Wurstsendung. Klaas und Pitsch, eine Familienmetzgerei aus Westfalen, dazu Bilder aus der Region. Moderator: „Wenn ich nach 20 Jahren QVC gefragt werde, was meine Lieblingssendungen sind, sage ich: die Genusssendungen!“ Dann steckt er sich ein Stück Wurst aus der Schweinsblase in den Mund, macht „Mmmmhhh“ und „Haihaihaihaihai“ und sagt: „Oh, genial, genial, genial, die Paprika da drin! Wie bitte, sechs Minuten Wartezeit im Moment? Das tut mir leid, liebe Zuschauer, aber das war mir klar, dass das alle haben wollen.“ Ich google Klaas und Pitsch. Ein Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie, das an Rewe, Aldi, Wal-Mart und die Metro liefert sowie an Krankenhäuser und Altenheime.

Alle lachen herzlich

Aber egal, denn jetzt stürmt der freche Sascha auf die Bühne (das ist der Moderator von der nächsten Sendung, mit den tollen Uhren, die, wie der Zuschauer gerade erklärt kriegt, auch schon fast ausverkauft sind). Sascha ist noch gar nicht dran, aber er kann der Wurst nicht widerstehen: „Du, sorry, ich nehm’ das jetzt einfach mit der Hand, wie früher als Kind, das kenn’ ich so von zu Hause.“ Alle lachen herzlich.

Gegen Mitternacht bewirbt Dr. Peter Hartig seine Weihrauchkapseln. „Joker der Woche, rufen Sie an, hören Sie, es geht ganz einfach darum, dass Sie Ihr Geburtsrecht einlösen können, das Recht auf Bewegung, auf Leben, Ihr Leben. Nutzen Sie die Chance, Tiefpreis.“ Harter Schnitt und dann: „Eine Weltpremiere, liebe Leute: Die Velou Herzvase, mit Herz und Liebe erschaffen, für Blumen, Kerzen, Gestecke, Pralinés. Ist das nicht einfach ein süßes Teil? Für Menschen wie den Günter, der das Herz am rechten Fleck hat, denn kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.“ Ich blinzle. 21,99 Euro für ein herzförmiges Stück Plastik.

Wer sind diese Moderatoren? Wieso machen die das? Ist alles, was sie sagen, gelogen oder nur das meiste? Was sind das für Produkte? Wer sind die Zuschauer? Am besten, denke ich, verträgt man sich mit Homeshopping, wenn man es als Kunstwerk betrachtet. Hans-Peter Feldmann hat sein jahrelang in Düsseldorf betriebenes Geschäftlein voll Staubfänger und Quatschartikel immerhin auch an die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München verkauft. Direkt daneben ein Homeshopping-Studio samt Homeshopping-Sendung-Dauerloopvideo einzurichten wäre nur konsequent. Titel: „Auswüchse der Konsumkultur 1980 –2016“.

Am Morgen wage ich noch einen Versuch. Wieder Eiweißlinge. Wieder der clevere Wäscheständer. Morgen ist heute schon gestern, sagt man? Hier gilt: Gestern ist heute schon morgen.

Mein Experiment ist beendet. Was habe ich gelernt? Die Menschen stehen nicht gern vom Sofa auf. Vielen ist es zudem anscheinend egal, ob sie etwas Gutes bekommen, Hauptsache, es wird ihnen als etwas Gutes verkauft, und Hauptsache, die Nachbarn denken auch, dass es etwas Gutes ist.

Homeshopping-Gucken hat mir ein außerordentliches Wohlgefühl beschert. Ich fühlte mich innerlich aufgeräumt. Weil mir klar wurde, wie luxuriös Verzicht sein kann. Wie viel Geld, Zeit und Platz ich dadurch spare, dass ich all den Schund, den ich kaufen könnte, nicht kaufe.

Aber da ist noch was anderes. Homeshopping beruhigt. Kriege? Anschläge? Flüchtlinge? Findet hier alles nicht statt. Schlafstörungen? Macht nichts. Bei Homeshopping ist auch noch jemand auf. Angst? Hier ist alles rosafarben und flauschig und wie bei Oma auf dem Sofa. Probleme im Job? Macht nichts, andere Leute müssen ihr Geld als Homeshopping-Moderatoren verdienen.

Der Slogan von HSE24 lautet: „Immer für Sie da.“ Dieses Versprechen ist ihr größter Trumpf. „Werden Sie Teil unserer großen Homeshopping-Familie!“, sagen die Moderatoren während ihrer Sendungen oft. Wie schön. Eine Familie.

Zum Glück habe ich schon eine. ---