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Tempo Taschentuch

Was macht eigentlich Tempo? Erkundigungen über eine Ikone.





• Markus Armbruster hat Schnupfen. Und so Gelegenheit, auf seine Lieblings-Tempo-Variante für solche Fälle hinzuweisen: „sanft und frei“ mit Eukalyptus-Öl und „Verwöhnbalsam“. Der 48-Jährige kann eine Bilderbuchkarriere im Marketing vorweisen, war zuvor in verschiedenen Unternehmen unter anderem für Mövenpick, Vileda, Pfanni und Knorr zuständig. Seit Sommer 2014 ist er als Marketing-Direktor Zentraleuropa des schwedischen Konzerns SCA in Mannheim unter anderem für Tempo verantwortlich – vor fast 90 Jahren erfunden und längst Gattungsbegriff geworden.

Das ist das Höchste, was eine Marke erreichen kann, aber auch gefährlich. Denn wenn die Leute bei Tempo generell an Papiertaschentücher denken und irgendwelche kaufen, verliert die Marke an Bedeutung. Daher gilt es, sie frisch zu halten und sich in regelmäßigen Abständen etwas Neues für sie auszudenken. „Unser Kunden mögen Zusatznutzen“, sagt Armbruster. Daher gibt es allerlei Taschentuch-Sorten, neuerdings auch „Tempo protect“ mit einem Wirkstoff, der Bakterien und Viren in Schach halten soll.

Bei Tempo setzte man lange vor allem auf Festigkeit, auch „Durchschnupfsicherheit“ genannt. Weil die Zeiten aber härter werden, mögen die Leute zunehmend weiche Produkte. Daher wurde das klassische Produkt überarbeitet und dabei, so Armbruster „ein fast unlösbares Problem gelöst: die Verbindung von Festigkeit und Weichheit“. Dieses Feld will man nicht den „Softis“ überlassen. Denn diese Taschentücher musste SCA im Jahr 2007 nach der Übernahme von Tempo aus kartellrechtlichen Gründen abstoßen. Sie werden nun vom italienischen Unternehmen Sofidel produziert.

Tempo ist hierzulande und in anderen europäischen Ländern die Nummer 1, in Italien hält man sie des Namens wegens sogar für genuin italienisch. Die Verlockung, eine solch starke Marke zu dehnen, ist groß. 2009 brachte SCA Tempo-Toilettenpapier auf den Markt, was in Marketingkreisen als „Griff ins Klo“ kommentiert wurde. Tatsächlich geriet der Stretch hierzulande zum Flop. „Aber in der Schweiz“, sagt Armbruster, „sind wir mit dem Produkt Marktführer.“

Insgesamt erweisen sich allerdings bei sogenannten Hygienepapieren, also Toilettenpapier, Taschen- und Küchentüchern et cetera die Handelsmarken als Sieger: Mittlerweile haben sie europaweit bei Privathaushalten einen Marktanteil von 53 Prozent. Armbruster sieht das entspannt, denn sein Arbeitgeber – nebenbei der größte private Waldbesitzer Europas – produziert auch für Handelsmarken. Der Marketing-Direktor beschreibt das Geschäft mit den großen Namen und den No Names so: „SCA ist bekennender Dualist.“ ---

Am 29. Januar 1929 lässt Oskar Rosenfelder, Mitinhaber der Papierwerke Nürnberg, beim Reichspatentamt in Berlin das Papiertaschentuch aus Zellstoff eintragen und weitsichtig gleich in 20 Ländern schützen. Er nennt seine Erfindung, passend zu den schnelllebigen Zeiten, Tempo: schneuz – und weg! Er bewirbt die Tücher als „seidenweich, saugfähig und hygienisch“ und hat damit großen Erfolg, den er allerdings nicht auskosten kann. Als die Nazis an die Macht kommen, zwingen sie Rosenfelder und seinen Bruder, wegen ihrer jüdischen Herkunft die Firma für eine lächerliche Summe zu verkaufen. Profiteur ist der Quelle-Gründer und NSDAP-Parteigenosse Gustav Schickedanz, der sich Tempo 1935 unter den Nagel reißt. Im Zweiten Weltkrieg ruht die Produktion, ab 1947 brummt sie wieder. 1994 kauft der amerikanische Konzern Procter & Gamble Tempo. 2007 geht das Hygienepapier-Geschäft für 512 Millionen Euro an die schwedische SCA. Das Unternehmen besitzt mehr als 80 Marken weltweit, darunter Zewa, Tena, Tork und Danke.

SCA
Mitarbeiter: rund 44 000 (in Deutschland: 3350)
Umsatz 2014: 11,4 Mrd. Euro (in Deutschland 1,26 Mrd. Euro)
Gewinn: 778 Mio. Euro