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Antiheldinnentum

Auf Russisch heißt verkaufen „prodawat“, das klingt sehr nach „predowat“ – zu Deutsch: verraten.





• Man kann in Russland alles kaufen. Luxus-Uhren für 700 000 Dollar, ihre angeblich belgischen Präzisionskopien für 3000 Dollar oder ihre chinesischen Billigkopien für knapp 20 Dollar. Erhältlich sind auch Zwischenprüfungsnoten oder Abgeordneten-Mandate; auch Seelenheil, das die russisch-orthodoxe Kirche in Form von Sündennachlässen anbietet. Einmal verkaufte mir ein Polizist an einem Verkehrskontrollpunkt hinter Omsk sogar den Fahrzeugschein meines eigenen Wagens. Seine Kollegen hatten mir das Dokument am selben Ort ein paar Stunden vorher abgenommen.

Verkäufer sind in Russland traditionell unbeliebt. Im Gegensatz zu Verkehrspolizisten können sie sich oft selbst nicht leiden. Russen verkaufen nicht gern.

Schon in Tschechows Dramen hat diese Tätigkeit etwas Schmuddeliges, sie widert seine Helden, kluge, aber weltfremde Adlige, so an, dass sie sich beim Verkauf ihrer letzten Kirschgärten von plumpen Krämerseelen übers Ohr hauen lassen. Verkaufen heißt auf Russisch „prodawat“, das klingt sehr nach „predowat“, zu Deutsch: verraten. Unter den Zaren galten Kaufleute als dem Abschaum nah. So wie in der frühen Sowjetunion die Kulaken, die Großbauern, die einen Überfluss an Fleisch oder Getreide produzierten und verkauften.

Die Ladenschwengel der späten sowjetischen Mangelwirtschaft pflegten dieses Antiheldentum weiter. Genauer Antiheldinnentum: Übergewichtige Frauen in fadenscheinigen blassblauen Kitteln gluckten mit bösem Blick hinter Vitrinen, die leer waren bis auf ein paar Dosen mit Seetang, weil die Verkäuferinnen alle Eier, Würste oder Weinflaschen längst beiseitegeschafft hatten. Wurden Wurst oder Wein aber zu zahlreich angeliefert, um sie sämtlich für Verwandte, Freunde oder Schwarzhändler abzuzweigen, thronten sie mit noch böseren Blicken vor dem Kundenproletariat, das sich untertänig in einer Warteschlange formiert hatte. „100 Gramm, mehr gibt’s nicht!“ Verkäuferinnen waren Autoritäten, besaßen das Recht auf Willkür und Grausamkeit. Noch heute sind viele von ihnen, die zumindest den Kindergarten noch in der UdSSR absolviert haben, überzeugt: Nicht der Kunde ist der Zar, sondern ich.

Auf dem flachen Land galt der Verkäuferjob zu Sowjet-Zeiten aus ganz anderen Gründen als verflucht. In seiner Erzählung „Geld für Maria“ schildert der Dorfschreiber Valentin Rasputin, wie ein Mann verzweifelt versucht, seine junge Frau vor dem Gefängnis zu retten. Sie hatte sich breitschlagen lassen, die Stelle als Verkäuferin im Kolchos-Laden zu übernehmen. Weil es den meisten im Dorf an Bargeld mangelte, ließ sie ihre Kunden immer wieder anschreiben. Eines Tages kam ein Revisor und entdeckte einen Fehlbetrag von 1000 Rubel, für sowjetische Dorfbewohner eine astronomische Summe. Nun klappert ihr Mann verzweifelt Nachbarn, Funktionäre und Verwandte ab, um das fehlende Geld zusammenzupumpen.

Längst haben die Russen ihre Verachtung für den Mammon überwunden, es ist niemandem mehr peinlich, Geld zu verlangen. Es gilt sogar als schick, möglichst hohe Preise zu fordern. Aber die russische Marktwirtschaft exportiert vor allem Rohstoffe, ein Geschäftsmodell, bei dem es wirklich nicht auf gute Verkaufe ankommt. Für den eigenen Markt dagegen produziert man wenig, importiert die üblichen globalen Konsumgüter. Und der nicht minder globale Siegeszug des E-Commerce hat einen Teil des Berufsstandes auch in Russland schlichtweg abgeschafft. Die Übriggebliebenen in Elektronikmärkten, Boutiquen oder Autosalons unterscheiden sich wenig von der geschniegelten Unverbindlichkeit ihrer Kollegen in anderen Weltgegenden. Vielleicht sind sie sogar noch geschniegelter.

Aber nur wenige von ihnen wirken glücklich. Zum Teil mag es am Untergang des Handwerks und des Einzelhandels in der Sowjetunion liegen. Es gibt kaum jemanden, der stolz ist, feilzubieten, was er zuvor selbst verwurstet oder gebacken hat. Oder womit er sich besser auskennt als alle anderen. Außerdem hat das neue kapitalistische Russland seine Kinder schnell gelehrt, „big“ zu denken, kreative Jobs und Führungspositionen anzustreben. Geduldig irgendjemand anzulächeln, den sie gar nicht kennen, gehört nicht unbedingt in ihr Berufsbild.

„Ich stelle lieber Verkäuferinnen ohne Hochschulausbildung ein“, erzählt ein Diplom-Ingenieur, der in der Wolga-Stadt Tscheboksary ein Geschäft für Autobatterien leitet. „Die Mädels mit Uni-Abschluss kommen in Stöckelschuhen und Businessanzügen an und erkundigen sich nach den Karriereperspektiven im Betrieb.“ Begeisterte Autobatterieverkäuferinnen würden aus denen nicht. Leider kämen Bewerberinnen ohne Diplom immer seltener, viele hätten sogar zwei. „Sind ja überall zu kaufen.“ ---