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Aboalarm

Einen Vertrag abzuschließen ist nicht schwer, ihn zu kündigen dagegen sehr – oder zumindest nervig. Die Firma Aboalarm hat aus diesem Alltagsproblem ein Geschäft gemacht.





• Es klang wie Hohn: „Vielen Dank für Ihre Bestellung“, hieß es in dem Schreiben, das Bernd Storm van’s Gravesande wütend machte. Denn eigentlich war nichts bestellt worden, seine Frau hatte nur vergessen, ihre Bahncard rechtzeitig zu kündigen. Ihr Abo hatte sich automatisch um zwölf Monate verlängert. Eine Unachtsamkeit, die damals 220 Euro kostete, ihn aber auf eine Idee brachte.

Zusammen mit Stefan Neubig gründete der damalige Unternehmensberater den Online-Kündigungsdienstleister Aboalarm. Anders als der Name suggeriert, können damit Verträge aller Art beendet werden: Kfz-Versicherungen, Mitgliedschaften, Telefonanschlüsse. Signiert sind die Kündigungen mit einer automatisch erzeugten oder mit der eigenen Unterschrift; die App ermöglicht es auch, mit dem Finger zu unterschreiben. Rechtlich einwandfrei, sagen die Aboalarm-Macher.

Nach der Gründung 2008 bestand das Angebot nur aus einer Internetseite, auf der vorformulierte, voradressierte Kündigungsschreiben zum kostenlosen Download angeboten wurden. „Wir fühlten uns wie Rebellen, die gegen die großen Konzerne kämpften und den Kunden halfen“, sagt der 29-jährige Stefan Neubig. Anfangs war es ein Hobbyprojekt; Neubig studierte parallel, Storm van’s Gravesande arbeitete Vollzeit als Berater.

Beide investierten je 2000 Euro aus eigener Tasche, alle weiteren Ausgaben bestritten sie aus den überschaubaren Werbeeinnahmen ihrer Website. So schrieb Aboalarm von Anfang an schwarze Zahlen – aber es dauerte vier Jahre, bis Storm van’s Gravesande das Gefühl hatte, dass das Unternehmen ihn als zweifachen Vater finanzieren konnte. Den Durchbruch brachte das Fax. „Bis heute ist es der kleinste gemeinsame Nenner für Kündigungen“, sagt der 40-Jährige, „außerdem hat man mit dem Sendungsprotokoll einen Nachweis.“

Kaum war der Web-to-Fax-Dienst freigeschaltet, zahlte der erste Nutzer für den neuen Service. Heute werden täglich bis zu 6000 Kündigungen über Aboalarm verschickt. „Die Leute haben keinen Bock, sich die notwendigen Daten zu besorgen, ein Schreiben aufzusetzen, auszudrucken und abzuschicken“, sagt Storm van’s Gravesande. Seine Nutzer müssen nur den Namen des Anbieters auswählen sowie ihre Anschrift und Kundennummer eintragen, den Rest erledigt Aboalarm. Dafür berechnet der Dienst den Web-Nutzern 2,49 Euro und den App-Nutzern 99 Cent. Inzwischen werden die Kündigungen zwar auch als E-Mail oder per Post zugestellt, die meisten aber nach wie vor als Fax.

Das neue Geschäftsmodell hatte einen Haken: Es klang etwas gestrig, zumal für ein junges Internetunternehmen, zumindest sahen das die Investoren so, denen sich die Gründer damals vorstellten. „Die sagten uns: Nee, in eine Faxmaschine stecken wir kein Geld“, sagt Neubig. Also bauten die beiden ihr Unternehmen ohne jedes Fremdkapital, dafür nach ihren eigenen Vorstellungen aus. „Im Nachhinein erwies sich das als Glücksfall“, sagt Storm van’s Gravesande.

Heute erwirtschaftet die Firma einen knapp siebenstelligen Umsatz, der jedes Jahr um 60 Prozent wächst. Neben den Gründern beschäftigt das Unternehmen 18 Mitarbeiter, die Hälfte in Festanstellung. Vor einem Jahr ist man an den Münchener Gärtnerplatz gezogen, keine billige Gegend. Die Entwickler sitzen in Deutschland, Serbien und Kroatien.

Wer über die App oder die Website eine Kündigung verschicken lässt, bekommt eine Garantie: Stellt sich der Vertragspartner quer, übernimmt Aboalarm die Anwaltskosten – und im Zweifel sogar die Folgekosten des Vertrags. Letzteres passierte 2014 nur elfmal bei rund einer Million Kündigungen. „Mehr könnten wir uns nicht leisten“, sagt Storm van’s Gravesande. Deshalb gibt es Ende November, wenn viele Kunden ihre Kfz-Versicherung kündigen, eine Urlaubssperre. „Da muss jeder am Platz sitzen, Tag und Nacht schuften.“

Katja Henschler von der Verbraucherzentrale Sachsen rät zur dreifachen Kündigung per E-Mail, Fax und Post. Sie kennt die Streitfälle aus ihren Beratungen. Gerade in Branchen mit wachsendem Konkurrenzkampf würden beispielsweise Onlinekündigungen nicht akzeptiert, obwohl die Verträge im Internet abgeschlossen wurden. Eigentlich Schikane, findet Henschler, räumt aber ein, dass die Rechtslage nicht eindeutig ist.

Probleme gebe es auch, wenn die Kundenangaben minimal von den hinterlegten Daten abwichen, weil zum Beispiel beide Eheleute Vertragspartner seien, aber nur einer von beiden die Kündigung unterschreibe. „Die Anbieter weisen die Kündigung zurück, und das Spiel geht von vorn los – womöglich ist die Frist aber inzwischen verstrichen und der Vertrag verlängert.“

Viola Hampp kennt solche Fälle aus zahlreichen Telefonaten und E-Mails; die 27-Jährige betreut bei Aboalarm den Kundenservice. „Die Leute schütten einem ihr Herz aus“, sagt Hampp, die Probleme würden von finanziellen Engpässen über Arbeitslosigkeit bis zur Krebserkrankung reichen. „Es sind oft die ärmsten Schweine, bei denen dann noch das Inkassounternehmen vor der Tür steht“, sagt Storm van’s Gravesande. Auch Menschen mit schlechten Deutschkenntnissen würden häufig „abgezockt“, weil sie sich schlechter wehren könnten und schneller einschüchtern ließen. Deshalb gebe es Aboalarm jetzt auch auf Türkisch und Russisch, weitere Sprachen sollen folgen.

Die Branche der Kündigungsdienstleister ist klein, Aboalarm hat nach eigenen Angaben einen Marktanteil von 95 Prozent. Teilweise sind die Unternehmensseiten bei Google schlechter platziert als jene Website, die ihre Kündigung bewirbt. Gerade in der Anfangszeit erreichten Aboalarm deswegen wütende Protestmails, Dating-Portale, Mobilfunkanbieter und auch Journalistenverbände drohten dagegen vorzugehen.

„Das fanden viele natürlich sehr ärgerlich, dass es da ein Unternehmen gab, das an der Unzufriedenheit der eigenen Kunden verdient hat“, sagt Dirk Walter. Er war früher selbst in der Branche tätig und berät heute große Telekommunikationsunternehmen bei der Kundenbindung und -rückgewinnung. Er glaubt, dass es in den vergangenen Jahren einen Strategiewechsel gegeben habe. Noch vor zehn Jahren sei Kunden in dieser Branche das Kündigen mit versteckten Klauseln und langen Fristen erschwert worden. „Aber wenn jemand unzufrieden ist, findet er seinen Weg. Je höher die Hürden, desto unzufriedener wird er“, sagt Walter. „Die Chance, ihn danach wieder zurückzugewinnen, ist ganz erheblich geschmälert.“

Deswegen sei der Kündigungsprozess in seiner Branche im Allgemeinen heute leichter und vermehrt auch online möglich. Die Unternehmen wollen jetzt lieber möglichst früh mit den Kunden ins Gespräch kommen, um sie mit Angeboten zum Bleiben zu bewegen. Das wiederum erleichtern Dienste wie Aboalarm. Zum einen, weil sie den Prozess beschleunigen, da ihre Kündigungen alle relevanten Angaben enthalten. Zum anderen erlaubt das Geschäftsmodell von Aboalarm auch anderweitige Formen der Kontaktaufnahme zum Kunden.

Abwerben leicht gemacht

Konkret heißt das zum Beispiel, dass ein Unternehmen wie Vodafone bei Aboalarm einen Banner neben das vorformulierte Kündigungsschreiben schalten kann, um auf seine kostenfreie Hotline hinzuweisen. Vodafone kann aber auch Kunden von O2 oder Telekom anbieten, ihre Kündigungskosten zu übernehmen, sofern der Kunde der Kontaktaufnahme zustimmt. Das alles finde nur mit Zustimmung des Kunden statt, beteuern die Gründer. Momentan würden solche Kooperationen getestet und machten weniger als zehn Prozent des Umsatzes aus. Der Austausch mit den Unternehmen sei über die Jahre freundlicher und kooperativer geworden. „Wir sagen nicht, dass alle Abos scheiße sind und abgeschafft werden sollten“, sagt Storm van’s Gravesande, „es muss nur fair ablaufen.“

Das Thema Kündigung ist für die Aboalarm-Macher indes noch nicht ausgeschöpft. Seit Neuestem können Kunden mit dem „automatischen Abocheck“ die Transaktionen auf ihrem Girokonto analysieren und sich so anzeigen lassen, welche Verträge sie haben – und ob die vergessene Zweit-SIM-Card oder Auslandskrankenversicherung gleich gekündigt werden soll.

Das funktioniert mithilfe von Kontoalarm, einer zweiten App, die bislang zwar „finanziell irrelevant, aber eine super Spielwiese zum Testen neuer Funktionen ist“, sagt Storm van’s Gravesande. Momentan besteht die Hauptfunktion der App darin, Bankkunden bei Abbuchungen oder Überweisungen zu informieren, zum Beispiel als Push-Nachricht auf dem Smartphone. Langfristig planen Bernd Storm van’s Gravesande und Stefan Neubig, ein verbraucherfreundliches Girokonto zu entwickeln. Das soll vor allem eines sein: einfach zu kündigen. ---