Konzernaussteiger

Die Sicherheit. Das Geld. Die Erwartungen der anderen. Dazu die Ungewissheit: Was kommt danach? Trotz alledem gibt es Manager, die mitten in ihrer Karriere den Absprung wagen. Vier von ihnen berichten.





• An einem nasskalten Oktobernachmittag tritt unweit des Englischen Gartens in München ein mittelalter Herr gegen den Ständer eines parkenden Fahrrads. Der Mann trägt einen blauen Mantel, schwarze Slipper und unter seinem Arm eine in goldenes Glitterpapier gewickelte Champagnerflasche. Als er sich in den Sattel schwingt und in Richtung Residenz davonradelt, meint man, ihn leise summen zu hören.

„Ihr Arbeitgeber kauft Ihre Zeit. Sie tauschen eine bestimmte Anzahl Wochenstunden gegen eine bestimmte Summe Geld ein. Wenn Ihnen dieser Handel nicht länger vorteilhaft erscheint, sind Sie es sich selbst schuldig, nach Alternativen zu suchen, ohne Rücksicht darauf, wie viele Menschen Ihnen raten, sich Ihrem Schicksal zu fügen und dankbar dafür zu sein, dass Sie überhaupt einen Job haben.“ – Das Escape-Manifest

Hinter ihm, in der Hauptverwaltung des Allianz-Konzerns, bleibt ein verwaistes Büro zurück. Der Schreibtisch ist schneeweiß und kahl, die Regalwände sind ausgeräumt, die To-dos auf dem Whiteboard der Sekretärin schon nicht mehr seine. Bereits in einer Woche wird sich seine Nachfolgerin um all das kümmern.

Emilio Galli Zugaro macht sich vom Acker.

Über mehr als zwei Jahrzehnte war „egz“, wie er hausintern abgekürzt wurde, Kommunikationschef und damit einer der einflussreichsten Manager des Konzerns. Gebürtiger Neapolitaner, vier Sprachen, drei Kinder aus zwei Ehen, beste Verbindungen weit über die Allianz hinaus. Nach allem, was man aus dem Unternehmen hört, hätte der 55-Jährige seine berufliche Restlaufzeit einfach herunterzählen können wie der FC Bayern München die verbleibenden Spieltage bis zur nächsten Meisterschaft.

Und doch setzte sich der knapp zwei Meter große Galli Zugaro vor einiger Zeit auf das Ledersofa seines Vorstandsvorsitzenden und sagte diese drei unerhörten Worte: „Ich will raus.“ Genauso konsterniert wie Michael Diekmann reagierten später, als seine Demission öffentlich wurde, viele Kollegen. Denn Galli Zugaro wechselte weder auf einen besser dotierten Posten noch in den Vorruhestand. Er wollte schlicht sein altes Leben abstreifen, um ein neues beginnen zu können. Und das ist, so naheliegend es scheint, ein geradezu exotisches Ansinnen.

„Unter Führungskräften ist es tabu, über ein alternatives Leben nachzudenken“, sagt Galli Zugaro, als er eine Viertelstunde später sein Fahrrad im Glockenbachviertel abstellt. Hier, in einem begrünten Hinterhof, hat er sich in Vorbereitung auf seine Demission eine alte Büroetage gekauft. Im vorderen Teil liegt jetzt eine Wohnung für seine dreiköpfige Familie, ein schmaler Gang führt zu seinem neuen eigenen Arbeitsplatz. Viele Antiquitäten, eine große Bücherwand, Kamin, eine orangerote Hängematte in einer Fensternische und Patschuli-Duft in der Luft. Während Galli Zugaro sein künftiges Büro vorführt, wirkt er stolz wie ein erfolgreich aus dem Internat entwischter Junge, der sein perfekt ausgestattetes Versteck zeigt. „Die meisten Alphatiere in meinem Alter atmen ja nicht mehr aus“, sagt er. „Stattdessen erfüllen sie mit angehaltener Luft ihren Job, bis sie sich eines Tages in den Ruhestand oder Herzstillstand verabschieden.“

Und doch gibt es einige, die sich den Absprung trauen.

Harry Klein etwa, bis vor wenigen Monaten noch beim Software-Riesen Symantec für eine halbe Umsatzmilliarde verantwortlich, sitzt jetzt am Schreibtisch seiner Den Haager Wohnung und sucht nach einem Neuanfang. Seine Hoffnung: „Weniger Unternehmenspolitik, mehr bewegen, vermutlich weniger verdienen, definitiv Sinnvolleres leisten.“

Chantal Piani, Ex-Managerin bei BNP Paribas, kehrte aus der Sommerpause mit dem festen Entschluss an ihren Schreibtisch zurück, diesen schnellstmöglich zu räumen. „Ich hatte viel zu lange eine wesentliche Einsicht ignoriert: dass ein Mensch nicht nur eines, sondern viele professionelle Leben haben sollte.“

Frank Sarfeld, ehemaliger Kommunikationschef bei Siemens Healthcare, zog im Affekt die Reißleine, nachdem ihn sein Job psychisch wie physisch an seine Grenzen gebracht hatte. Jetzt bastelt der Aussteiger in seiner Wahlheimat Hongkong an einem neuen Berufsmodell, sporadische Zweifel inbegriffen. „Natürlich liegt ein gewisser Wahnsinn darin, alles aufzugeben“, sagt der 51-Jährige. „Noch wahnsinniger aber wäre es gewesen, einfach immer weiterzumachen.“

Keiner der vier Aussteiger wusste, was ihn erwartete. Kaum einer ist in der komfortablen Lage, nicht mehr für seinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Jedem war bewusst, dass ihn sein beruflicher Abschied Geld, Verlässlichkeit und Sicherheit kosten würde.

Was also bewegt erfolgreiche Manager, aus freien Stücken Karriere, Netzwerk, Status und festes Einkommen aufs Spiel zu setzen?

I. Was ist eigentlich los?

Grundlegende Veränderungen beginnen häufig mit einschneidenden Ereignissen. Bei Emilio Galli Zugaro war es eine zufallende Haustür, die sein Leben auf den Kopf stellte.

Wie immer, wenn der Allianz-Manager vom Joggen in seine Schwabinger Wohnung zurückkehrte, spielte er ein kurzes Spiel mit sich selbst. Schaffe ich es, bis ins Zwischengeschoss hinaufzusprinten, bevor unten die Haustür ins Schloss fällt? Normalerweise gewann er den Wettlauf. Es war ein albernes Orakel, gewiss, aber als er immer häufiger unten die Hauseingangstür zuschlagen hörte, war es ein Zeichen für ihn, dass irgendetwas nicht stimmte.

Genaugenommen hatte sein Körper es ihm längst verraten. Auf dem Posten eines Unternehmenskommunikators bildet man die natürliche Reibungsfläche zwischen Organisation und Außenwelt. „Man muss Tag für Tag Steine einen Berg hinaufrollen, von denen man vorher schon weiß, dass sie nachher wieder hinunterrollen werden“, sagt Galli Zugaro.

Damals, als er unten immer öfter die Haustür zuschlagen hörte, hatte dieses permanente Steine-Hinaufrollen seinen Blutdruck auf 220 / 180 getrieben. Er war in der Hochdruckzone des Betablocker-Niveaus angekommen, dort, wo die Luft gefährlich dünn wird. Das war vor etwa fünf Jahren.

In diese Zeit fielen auch Ereignisse wie die Begegnung mit seiner zweiten Frau. Die Geburt des gemeinsamen Sohnes Fabio. Das Zusammentreffen mit Ulrich Bauhofer, einem Münchener Ayurveda-Mediziner, der lange in Indien gelebt hatte und ihn mit den Techniken der Transzendentalen Meditation vertraut machte.

Seither zieht sich Galli Zugaro jeden Morgen und Abend für 20 Minuten zur Meditation zurück – eine Übung, die, so sagt er, sein Denken und Fühlen verändert habe. „Mir ist bewusst geworden, dass ich ein harmonisches Leben führen kann, ohne Kompromisse eingehen oder Angst vor Arbeitslosigkeit haben zu müssen.“

Von dieser Erkenntnis war es bis ins Büro seines Vorstandsvorsitzenden nur noch ein kurzer Weg.

Auch vor Michael Kastner sitzen häufig Führungskräfte, die beim Steine-Hinaufrollen ins Grübeln gekommen sind. Viele von ihnen haben sich aus Eitelkeit oder dem Gefühl, es schon irgendwie schaffen zu können, so lange wie möglich durchgeschlagen. „Manager sind typischerweise Logiker, die in klaren Kosten-Nutzen-Kategorien denken und ihre psychischen Affinitäten so lang wie irgend möglich verdrängen“, so der Leiter des Instituts für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke.

Offenbar gehört für Manager ein Sich-infrage-Stellen weder zum Berufs- noch zum Selbstbild. In einer Umfrage der Max Grundig Klinik, die sich auf die Gesundheit von Führungskräften spezialisiert hat, erklärten mehr als drei Viertel der Befragten, Fähigkeiten wie Durchhaltevermögen und Aushalten-Können seien für ihre Karrieren „essenziell“.

Irgendwann lasse sich die Frage nach dem Sinn des (Arbeits-)Lebens aber nicht mehr länger ignorieren, so Kastner. Nach seiner Erfahrungen ist das häufig rund um das 50. Lebensjahr der Fall, wenn die Kräfte spürbar nachlassen und das Ende der Arbeitszeit absehbar erscheint. Aus Sicht des Psychologen ist diese Krise eine gesunde. „Es gibt eine sehr gut beforschte Tatsache: Wenn man mehr als 20 Jahre lang das macht, was man gut macht, verblödet man. Und: Wer keine Träume mehr hat, ist psychisch tot.“

Es ist rund fünf Jahre her, dass diese Frage auch zwei junge Briten umtrieb. Beide arbeiteten als Unternehmensberater in der Londoner City, beide empfanden ihre Honorare als Schmerzensgeld für einen sinnentleerten Alltag.

„Wir arbeiteten 16 Stunden am Tag und wussten nicht, wofür“, sagt Dom Jackman, der damals bei Ernst & Young unter Vertrag war. „Unsere Firmenjobs hatten nichts mit der Welt zu tun, in der wir leben und arbeiten wollten.“

Ihre Zweifel äußerten Jackman und sein Kollege Rob Symington in einem Blog, den sie in Anlehnung an das Londoner Wirtschafts- und Finanzzentrum „Escape the City“ nannten. Offenbar trafen die beiden Aussteiger damit einen Nerv: Binnen kurzer Zeit wurde Escape the City mit E-Mails und Anfragen aus aller Welt überhäuft.

Heute sind die beiden so etwas wie Identifikationsfiguren für berufliche Sinnsucher – und ihr Erfolg ein Beleg, dass die Wozu-das-alles-Frage keineswegs dem Post-Midlife-Crisis-Alter vorbehalten ist. Erkenntnis Nummer zwei: Es gibt augenscheinlich sehr viele Ausstiegswillige. 250 000 haben nach Angaben der Escape-the-City-Macher den wöchentlichen Newsletter abonniert, in dem unkonventionelle Jobs offeriert werden. Auf Treffen der sogenannten Tribes berichten Angestellte, denen der Umstieg gelungen ist, all jenen von ihren Erfahrungen, die ihn noch vor sich haben. Mit ihrem Manifest haben die Erfinder ein flammendes Plädoyer für ein selbstbestimmtes Arbeitsleben verfasst und gleichzeitig eine Bedienungsanleitung für einen gelungenen Ausstieg.

Ihr Credo ist ebenso simpel wie radikal: „Sie schulden sich selbst eine Arbeit, die Sie fesselt. Das Leben ist kurz. Kündigen Sie!“

II. Warum eigentlich nicht?

An dem Tag, als Chantal Piani ihren Job bei BNP Paribas kündigt, liegt eine 28 Jahre lange Musterkarriere hinter ihr. Studium an einer französischen Elitehochschule, Einstieg bei BNP Paribas, Aufstieg ins Top-Management mit wechselnden Aufgaben – eine schnurgerade Linie. Was Piani beunruhigt, ist die absehbare Verlängerung dieser Linie um zwölf weitere Jahre. „Wenn man wie ich viele Jahre Teil eines großen Unternehmens ist, führt man zwangsläufig ein eintöniges Leben“, sagt die Frau, die mit Mann und drei Kindern in Paris lebt. „Ich finde aber, ein Berufsleben sollte vielfältig sein.“

Chantal Piani, 58, Paris,
ehemals Managerin bei BNP Paribas

Das größte Kopfzerbrechen, sagt Chantal Piani, habe sich gar nicht sie selbst, sondern ihr Sohn gemacht. „Was willst du denn tun, wenn du nicht mehr zur Arbeit gehst? Hängst du dann den ganzen Tag zu Hause rum und schaust mir auf die Finger?“ Die Sorgen ihres damals 16-jährigen Sohnes seien durchaus verständlich gewesen. Denn zu Hause hatte er seine Mutter außer in den Ferien nie längere Zeit erlebt.

Wenn sie heute auf ihr altes Leben zurückblickt, wundert sich Piani vor allem über eines: dass sie überhaupt so lange in einem Job durchhielt, der sie schon lange nicht mehr glücklich machte. „Doch das ist typisch für meine Generation“, sagt sie. „Wir sind noch im Bewusstsein erzogen worden, dass man für Beruf und Karriere einiges erdulden müsse.“ Jüngere Kollegen seien da ganz anders. „Die schauen nüchtern, ob ihnen ein Job sinnvoll erscheint. Tut er es nicht, wechseln sie.“

Piani selbst entschied sich nach ihrem Ausstieg für mehrere Jobs: Sie ist selbstständige Beraterin, arbeitet als Fundraiserin für eine amerikanische Hilfsorganisation und als Generalsekretärin in einer Einrichtung für psychisch kranke Menschen. „Ich habe ein vorherseh-bares Berufsleben gegen ein vielfältiges und überraschendes eingetauscht.“ Die Sorgen ihres Sohnes waren jedenfalls unbegründet.

Nach einigen Diskussionen mit ihrer Familie geht sie den Schritt. Darüber, was nach ihrem Ausstieg folgen soll, macht sich die damals 53-Jährige zu diesem Zeitpunkt wenige Gedanken. Über den absehbaren Verlust an Einkommen gar keine. Dank ausreichender Ersparnisse und des Einkommens ihres Mannes, sagt sie, sei Geld „kein Thema“.

Für viele andere Unzufriedene hingegen ist das feste Einkommen ein entscheidender Grund, die ungeliebte Arbeit weiter zu verrichten. „Wäre es ein Leichtes, sich eine erfüllende Karriere nach eigenen Vorstellungen aufzubauen und gutes Geld zu verdienen, würde das jeder machen“, sagen die Escape-Manifest-Macher Symington und Jackman. Häufig sind es auch die Rentenansprüche oder der Posten an genau diesem Ort, den man nicht aufgeben mag, weil die Familie, der Partner, die Freunde dort leben.

Spricht man den Psychologen Kastner auf diese Sachzwänge an, schüttelt er den Kopf. „Abgesehen davon, dass wir atmen, essen, trinken und sterben müssen, gibt es im Leben keine echten Sachzwänge“, sagt er. Selbstverständlich müsse fast jeder sein Dach über dem Kopf finanzieren und fürs Alter vorsorgen – doch wer sage denn, dass dies auf neuen beruflichen Pfaden nicht mindestens genauso gut funktioniere? Letztlich seien die aktuelle Lebenssituation und die damit verbundenen Sachzwänge eine Folge von Entscheidungen, die man in der Vergangenheit getroffen habe.

Genauso könne man sich – gleich einem Autofahrer, der vorsichtig aus einer Sackgasse ausparkt, in die er sich leichtsinnigerweise hineinmanövriert hat – durch bewusste Entscheidungen wieder von den Sachzwängen befreien. Funktionieren könne ein Neuanfang nur, wenn man wirklich für den Neuanfang brenne. Denn nur so seien Zweifel und Krisen zu überstehen, die einem Aussteiger so sicher bevorstehen wie einem Beamten die Pensionierung. „Viele argumentieren mit den Worten ,eigentlich‘ und ,aber‘, sagt Michael Kastner. „Doch wenn man die Gabelungen des Lebens verpasst, fährt man ewig weiter bis zur Endhaltestelle.“

Wie tiefgreifend oder wie vorübergehend ist jedoch die Sehnsucht nach Veränderung? Und wie lässt sich das eine vom anderen unterscheiden?

Rob Symington und Dom Jackman schlagen zur Klärung dieser Frage ihren sogenannten EastEnders-Test vor, benannt nach einer populären Seifenoper, die an vier Abenden pro Woche im britischen Fernsehen läuft: „Wenn Sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen und bereit sind, weitere fünf Stunden an ihrem Ausstiegsplan zu arbeiten, statt im Fernsehen EastEnders zu schauen, sind Sie vermutlich entschlossen genug, ihren Ausstieg Wirklichkeit werden zu lassen.“

III. Wie stell’ ich’s an?

Damals, als er im Büro seines Chefs Platz nahm, hätte Emilio Galli Zugaro die EastEnders-Frage im Brustton der Überzeugung bejaht. „Ich wollte ein anderes, neues Leben. Und ich konnte, allein schon körperlich, meinen alten Job nicht weitermachen.“ Sein nächster Lebensabschnitt sollte wenig mit PR und Unternehmenskommunikation und viel mit Coaching und Mentoring zu tun haben – Tätigkeiten, die ihm wirklich Spaß machten, für die er aber zu wenig Zeit hatte. Deshalb musste er kündigen.

Michael Diekmann aber reagierte auf Galli Zugaros Exit-Strategie unerwartet. Auf „seine pragmatisch-westfälische Art“ habe der Vorgesetzte ihn gefragt, was er denn überhaupt vorhabe. Ob man nicht die Sehnsucht nach einem neuen Leben irgendwie mit dem alten verzahnen könne – zum Beispiel indem Galli Zugaro sich mit einer von der Allianz finanzierten Ausbildung auf seine zweite Karriere vorbereite. Seine Gegenleistung: Er müsse seine Aufgabe als Unternehmenskommunikator noch so lange erfüllen, wie die Amtszeit des Vorstandsvorsitzenden Diekmann dauere.

Fortan flog er regelmäßig nach London und absolvierte eine Ausbildung bei Meyler Campbell, einem Coaching-Institut für Führungskräfte. Bei Bernotat & Cie., der Mentoringberatung des ehemaligen Eon-Vorstandsvorsitzenden Wulf Bernotat, ließ er sich zum Mentor ausbilden. So verging die Zeit, bis Diekmanns Nachfolger eingearbeitet und Galli Zugaros Abschied gefeiert war, „wie im Fluge“. Auch wenn sie viereinhalb Jahre dauerte.

Diese Form des sanften Abschieds folgt ganz der Linie, die Herminia Ibarra vorzeichnet. Die Professorin für Organisationsverhalten an der Insead-Managementschule in Fontainebleau hat herausgefunden, dass berufliche Neuanfänge häufig wegen eines großen Irrtums scheitern: dem Glauben, dass ein Job dazu da sei, das „wahre Ich“ eines Menschen zu verwirklichen.

„Was aber ist dieses wahre Ich?“, fragt Ibarra. „In einem Menschen steckt keineswegs nur ein einziges, vermeintlich wahres Ich, sondern viele berufliche Identitäten.“ Die meisten aber stellen sich ihre berufliche Zukunft wie eine leicht aufpolierte Version der Gegenwart vor. Und übersehen Alternativen, die unter Umständen Erfolg versprechender sind als die vermeintlich einzig „wahre“ Berufung.

In „Working Identity“, ihrem Standardwerk über unkonventionelle Karrierestrategien, beschreibt Ibarra eine spanische Literaturprofessorin, die eigentlich Aktienhändlerin werden wollte, sich dann aber doch in der Unternehmensberatung umschaute. Am Ende fand sie ihre Mission in einem Highschool-Projekt für Lehrer. „Auch die noch so gründliche Selbstreflexion kann nicht die praktische Erfahrung ersetzen, die man braucht, um mögliche Alternativen zu bewerten“, folgert Ibarra. So wie Emilio Galli Zugaro neben seiner regulären Arbeit zwei Ausbildungen absolvierte, lässt sich mit Workshops oder Fortbildungen eine neue Tätigkeit ausprobieren. Auf diese Weise verwandeln sich abstrakte Vorstellungen vom vermeintlich besseren Leben in konkrete Optionen, die sich nüchtern bewerten, vertiefen und notfalls auch wieder verwerfen lassen.

Harry Klein, der ehemalige IT-Manager, tut dies gerade systematisch. Seit seinem Abschied bei Symantec beschäftigt er sich jeden Tag vier Stunden mit Projekten, Märkten und Techniken, trifft potenzielle Partner und fahndet nach Firmen, die für ihn interessant sein könnten. „Ich manage meinen Neuanfang sehr diszipliniert und wie ein Unternehmensprojekt mit Projektordern, Disposition und Kommunikationsmaßnahmen. Ich suche ja keinen Arbeitsplatz, sondern eine Aufgabe bei einem Unternehmen, das die Welt wirklich verändern will.“

Harry Klein, 52, Den Haag,
ehemals General Manager EMEA bei Symantec

„War’s das jetzt?“ Nachdem Harry Klein drei Jahrzehnte lang die Führungspositionen in Großunternehmen gewechselt hatte, bekam er diese Frage nicht mehr aus dem Kopf. Als einer der beiden General Manager des IT-Riesen Symantec für Europa, den Nahen Osten und Afrika verdiente er gut, war etwa drei Viertel des Jahres auf Reisen und mitverantwortlich für rund 520 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr.

Als Bindeglied zwischen der amerikanischen Konzernmutter und ihren europäischen Töchtern erlebte der 52-Jährige aber auch den alltäglichen Wahnsinn eines Weltkonzerns. „Wenn ein neuer CEO an die Konzernspitze kommt, muss er – das gilt quasi als Naturgesetz – die Organisation umkrempeln“, sagt Klein. Für die Belegschaft hieß das, dass sie sich quasi kontinuierlich im kräftezehrenden Reorganisationsmodus befand. Für einen Manager wie Klein, dass ihm für seine eigentlichen Aufgaben kaum mehr Zeit blieb.

Dieses Problem resultiere aus der Logik von Großunternehmen. „Konzerne sind einfach zu selbstbezogen und träge, um auf die Fragen unserer Zeit reagieren zu können. Und so ist es auch kein Wunder, dass die Innovationen und Technologien, die wir heute brauchen, fast ausschließlich von agilen Kleinunternehmen und Start-ups kommen.“

Eine solche Firma sucht Klein jetzt für seinen Neuanfang. Dabei helfen kann ihm ein verzweigtes Netz an Kontakten, denn die besten Tipps kämen meist von Leuten, die man gar nicht auf dem Schirm habe. Sein wichtigster Ratschlag an Ausstiegswillige: „Baut euch bereits während der Festanstellung ein Netzwerk auf, als hättet ihr bereits keine mehr.“

Um ein solches Unternehmen zu finden, hat Harry Klein sich fürs Erste sechs Monate Zeit gegeben. Sollten die nicht reichen, hätte er noch Ersparnisse für mindestens ein weiteres Jahr Recherche. „Klar ist: Ich muss für eine interessantere, relevantere Aufgabe möglicherweise finanzielle Zugeständnisse machen. Klar ist aber auch: Ich werde keinen Job annehmen, um einen Job zu haben.“

IV. Was kostet es?

Eines der ersten Gefühle, von denen Aussteiger wie Klein berichten, wenn ihr Absprung geschafft ist, ist eine tiefe Erleichterung. Ein zweites, meist mit ein paar Wochen Abstand folgend, heißt Ernüchterung.

Chantal Piani: „Als Managerin mag sich dein Leben leer anfühlen, aber diese Leere ist eine sehr geschäftige. Man ist zwangsläufig den ganzen Tag mit Menschen zusammen. Wenn man aussteigt, ist man erst einmal allein, und natürlich besteht die Gefahr, sich einsam zu fühlen. Also muss man seinen Kalender mit Terminen und Menschen füllen, die einen wirklich interessieren. Meine Erfahrung: Von denen gibt es mehr, als man denkt.“

Harry Klein: „Die ersten Tage genoss ich es, dass mein Handy nicht ständig klingelte. Dass mir morgens keine Sekretärin mehr erklärte, meine Termine würden auch heute leider wieder bis 23 Uhr dauern. Aber dieses Glücksgefühl verging schneller, als ich erwartet hatte. Denn stattdessen muss ich meine Tage selbst mit Sinnvollem füllen.“

Frank Sarfeld: „Das größte Risiko besteht in der Aufgabe fester Strukturen. Kannst du für dich allein im Büro sitzen und rumwurschteln und trotzdem zu Höchstleistungen auflaufen? Diese Frage sollte man sich vor dem Ausstieg ehrlich stellen. Wer sie verneint, sollte vermutlich lieber die Firma oder Branche wechseln, als ganz auszusteigen.“

Frank Sarfeld, 51, Hongkong,
ehemals Kommunikationsmanager u. a. bei AOL, Bertelsmann, Siemens Healthcare

Wenn der selbstständige Kommunikationsberater Frank Sarfeld an den angestellten Manager Frank Sarfeld zurückdenkt, fällt ihm als Erstes eine ratternde Plastikfigur mit Batteriebetrieb ein. „Ich war so eine Art Duracell-Männchen“, sagt der ehemalige Siemens-Manager. „Unter Hochdruck war ich immer am produktivsten. Langeweile war mir ein Horror.“ Damals bestand eine typische Woche aus 90 Stunden Arbeit, einer USA-Reise und einem Abstecher nach Singapur auf dem Rückweg. Wenn seine Großmutter, zu der er ein enges Verhältnis pflegte, am Himmel ein Flugzeug entdeckt habe, habe sie ihren Altenheimpflegern gesagt: „Da sitzt der Frank drin.“

Vermutlich hätte Sarfeld noch eine gewisse Zeit so weitermachen können, wären nicht ein paar tragische Ereignisse dazwischengekommen. Der Hirntumor seines Bruders. Der Versuch, sich um seinen kleinen Neffen zu kümmern, was ziemlich schwer war, wenn man pausenlos im Flieger oder in Konferenzen saß. Sein Unwohlsein bei Siemens. Der Tod seiner Großmutter, mit der er, weil ihm die Zeit fehlte, die letzten Wochen vor ihrem Tod nicht einmal mehr telefoniert hatte. Ausgerechnet als Sarfeld im Flugzeug zu ihrer Trauerfeier saß, trat in München sein Chef zurück. „Da hockte ich dann in der Kapelle, vorn die Urne mit meiner Oma, neben mir die Trauergemeinde, und hatte auf dem einen Handy die »Süddeutsche« und auf dem anderen Reporter vom »Wall Street Journal«.“ In diesem Moment spürte er, wie ihm die Kraft ausging.

Heute hat Sarfeld eigentlich allerbeste Aussichten. Durch die Fenster seines Apartments blickt er auf das Grün des Victoria Peak, auf der anderen Seite leuchten der Hafen und das Häusermeer Hongkongs. Sein Lebensgefährte ist hier Manager eines Versicherungskonzerns, Deutschland weit weg und Sarfeld sein privates Glück mittlerweile wichtiger als seine Karriere. „Mir sagen jetzt Leute: Mensch, du kannst ja auch mal ganz entspannt zuhören. So kannten wir dich ja gar nicht!“ Geld verdient er mit Medientrainings, Coachings und sporadischen Einsätzen als Krisenkommunikator. Beruflich ausgelastet sei er damit nicht, räumt Sarfeld ein. Aber zurück in den Duracell-Modus? „Nie mehr.“

Emilio Galli Zugaro: „Ohne einen Plan besteht die Gefahr, die Überforderung des alten Jobs gegen die Überforderung durch all das einzutauschen, was man tun könnte und wollte. Teil meines Plans ist es, künftig nur noch 100 Tage im Jahr zu arbeiten und die Montage und Freitage dem Lesen zu widmen. Ich habe mir außerdem vorgenommen, nie mehr als drei Coaching-Klienten zu übernehmen und meine laufenden Ausgaben so zu reduzieren, dass ich nichts des Geldes wegen tun muss.“

V. Was sagen die anderen?

An diesem Nachmittag, als Emilio Galli Zugaro sein Fahrrad vor seiner Haustür abschließt, liegen noch fünf Arbeitstage bei der Allianz vor ihm. Am Morgen des sechsten Tages, auch das ist Teil seines präzisen Plans, wird er mit dem Auto nach Umbrien fahren, ganz allein und mit Rainhard Fendrichs „Strada del Sole“ in voller Lautstärke. Danach steht eine ausgedehnte Reise mit Frau und Sohn durch Australien an, wo er in Zukunft ein paar Wochen pro Jahr an einer Hochschule lehren will. Dann beginnt sein neues Leben.

Zu diesem neuen Leben, das ist eine der unerwarteten Wendungen, werden viele Treffen mit ehemaligen Mitarbeitern gehören. Seit sein Ausstieg publik wurde, bemühen sich Kollegen um Gespräche mit ihm – darunter auch Führungskräfte, von denen Galli Zugaro es nie erwartet hätte. Als Aussteiger ist er nun ein Exot, einer, der ausprobiert, was viele erwägen, aber nur wenige sich trauen. „Es ist verrückt“, sagt seine Ehefrau. „Die Leute tun so, als werde Emilio morgen vom Erdboden verschluckt. Dabei hat er nur den Job gewechselt. Eigentlich keine große Sache.“

Aber selbstverständlich ist es das. Und die unverhohlene Neugier, mit der Aussteiger wie er beäugt werden, ist nur allzu verständlich. Ein bisschen erinnert sie an die Mischung aus Bewunderung und Neid, mit der Insassen eines Hochsicherheitstrakts einen Mithäftling betrachten, der einen perfekten Fluchtplan ausgeheckt hat. Und die jetzt auf Teufel komm raus wissen wollen, ob er funktioniert. ---