Wael Ghonim (Parlio) im Interview

2011 kürte ihn »Time« zum einflussreichsten Menschen der Welt – heute will Wael Ghonim mit seinem Start-up Parlio die Gesprächskultur im Internet verbessern. Ein Gespräch mit einem, der etwas bewegen will.





• Wael Ghonim fällt in der Welt der Programmierer und Nerds in Palo Alto nicht auf. Wenn er über die University Avenue der Kleinstadt in Richtung seines Büros schlendert, deutet nichts darauf hin, dass der heute 35-jährige Ägypter vor fünf Jahren Geschichte mitgeschrieben hat. Damals erfasste der Arabische Frühling seine Heimat, und er, der Google-Mitarbeiter und politische Aktivist, wurde zu einem der bekanntesten Gesichter der Bewegung, weil er über Facebook Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime organisierte.

Für seine neue Bekanntheit musste er einen hohen Preis zahlen: Er wurde festgenommen und an einem geheimen Ort gefangen gehalten. Nach seiner Freilassung, für die sich neben dem Unternehmen Google auch zahlreiche Journalisten einsetzten, blieb er weiterhin aktiv. Bis heute lehnt er es aber ab, als maßgeblicher Kopf der Revolution in Ägypten bezeichnet zu werden.

In den USA hat er eine neue Heimat gefunden, hinter sich gelassen hat er die Ereignisse nicht: „Das, was mir 2011 in Ägypten passiert ist, wird für immer ein Teil meines Lebens bleiben.“ Er sagt das nicht bitter, er spricht überlegt, fast kühl, in jedem Fall analytisch. Für seine Verhältnisse wird er schon fast melancholisch, wenn er von Ägypten spricht, so wie es sich heute für ihn darstellt: „Ägypten hat leider die Möglichkeit, das Land zu demokratisieren, nicht genutzt. Im Gegenteil: Wir stehen jetzt schlechter da als vor der Revolution – der Zustand des Landes kann am ehesten mit George Orwells Buch „1984“ verglichen werden.“

brand eins: Die Menschen haben „hurriya“ gerufen, Freiheit, aber offenbar sind sie heute unfreier als vor vier Jahren. Gibt es denn irgendeine Errungenschaft der Revolution, die Bestand hat?

Wael Ghonim: Ich zitiere an dieser Stelle gern Noam Chomsky, der mir auf diese Frage einmal geantwortet hat: „Der Arabische Frühling war eines der bedeutendsten Ereignisse der Gegenwart. War er von Erfolg gekrönt? Wir wissen es nicht; ich denke, wir arbeiten immer noch daran.“

Gab es zumindest einen Teilerfolg?

Heute sind viele junge Menschen dabei, ihre soziale Realität zu hinterfragen. Sie zweifeln an den Gewissheiten, die man ihnen vermittelt hat: in der Politik, in der Kultur – und sogar in der Religion. Vielen jungen Menschen wurde durch den Arabischen Frühling überhaupt erst bewusst, dass sie etwas bewegen und beeinflussen, dass sie die Geschichte ändern konnten. Das haben sie auch in den vier Jahren danach nicht vergessen. Wir durchleben eine Talsohle des Arabischen Frühlings, aber nicht sein Ende.

Die Menschen- und Bürgerrechte sind für Ghonim zum Lebensthema geworden. Mit einem Freund, Osman Ahmed Osman, ebenfalls Ägypter, hat er eine Plattform für politische Diskussionen gegründet. Auf Parlio diskutieren prominente Wissenschaftler wie der Linguist Noam Chomsky oder der Friedensforscher Steven Pinker mit der Community über aktuelle Fragen. Mitreden kann nur, wer eingeladen wird und bestimmte Umgangsregeln akzeptiert.

Ghonims Ziel ist dasselbe geblieben: Wie einst auf dem Tahrir-Platz in Kairo will er Menschen zusammenführen, nur eben diesmal im Internet. Und wie damals hat er große Pläne: „Heute sprechen wir nur noch übereinander und nicht mehr miteinander“, sagt er. „Die Menschen sind mehr auf Sendung, als dass sie diskutieren. Sie teilen in sozialen Netzwerken eher das, was sie in ihrer Meinung bestätigt, und nichts, was diese herausfordert. Das Internet wird immer mehr zu einem Ort, an dem man keine Unterhaltung führen kann.“

Woran das liegt? „Zum einen an der Onlinekultur, die vor allem aus Werbeeinblendungen besteht, zum anderen an einem Algorithmus, der in sozialen Netzwerken eigene Präferenzen verstärkt. Wir würden uns wünschen, mit Parlio eine Erfahrung zu ermöglichen, die die Konversation in den Mittelpunkt stellt. Wir wollen Intellektuelle mit der Öffentlichkeit ins Gespräch bringen – und diese Gespräche sollen von Rücksichtnahme und Höflichkeit bestimmt sein.“

„Soziale Medien sind ein großartiges Werkzeug“

Das klingt fast schon nach einer Abkehr von jenem Internet, das sein einstiger Arbeitgeber mitgeprägt hat. Immerhin ist es Googles Geschäftsmodell, mithilfe von Algorithmen möglichst hohe Anzeigenerlöse zu erzielen. Aber auch Facebook, das soziale Netzwerk, das bei seinen Aktionen in Ägypten so hilfreich war, lebt von diesem Mechanismus. Ob er deswegen inzwischen bei Google gekündigt und ein weiteres Mal alles hinter sich gelassen hat, bleibt offen. Jedenfalls will er nun sehen, ob das Internet wirklich mehr kann, als nur Werbung verkaufen.

Auch die US-Gesellschaft ist tief gespalten über politische und religiöse Fragen, und am 8. November 2016 findet die Präsidentschaftswahl statt. Wollen Sie in der verbleibenden Zeit mit Ihrem Start-up etwas für die Zivilgesellschaft Ihres neuen Heimatlandes tun?

Das Web 2.0 hat uns alle ermächtigt. Zum Beispiel mich, einen jungen Mann in Kairo, der einmal von Millionen Menschen gehört wurde. Wenn so etwas passiert, dann ist das großartig und zeigt die schönste Seite des Internets. Leider ist es im Web häufiger so, dass die guten und wichtigen Beiträge nicht gehört werden, weil die, die rufen, nicht laut genug sind. Oder dass gute Inhalte von sensationsheischenden und polarisierenden Kommentaren verdrängt werden. Haben wir bei Parlio nun das Patentrezept, wie man die Internet-Kultur ändern kann? Nein, aber ich glaube, allein dadurch, dass wir die Probleme mit unserer Arbeit angehen, zeigen wir, dass wir sie erkannt haben und nun etwas dagegen tun.

Wael Ghonim hält nichts davon, die Revolution in Ägypten eine Social-Media-Revolution zu nennen: „Soziale Medien sind ein großartiges Werkzeug, um Menschen miteinander zu verbinden. Ich würde ,Werkzeug‘ fett unterstreichen.“ Besonders mit Blick auf den sogenannten Islamischen Staat, der sich bei der Kommunikation und beim Rekrutieren weiterer Dschihadisten der sozialen Medien bedient, wird deutlich, was er meint, wenn er sagt: „Werkzeuge können genutzt werden, um eine Gesellschaft zu befreien. Sie können aber auch genutzt werden, um sie zu unterdrücken und zu manipulieren. Werkzeuge können dazu dienen, Einheit herzustellen oder die Spaltung zu vertiefen.“

Spielen die sozialen Medien heute noch eine politische Rolle in Ägypten?

Revolutionen werden von Menschen initiiert, niemals von Dingen, auch nicht von Werkzeugen wie einer Kassette, einem Fax-Gerät oder eben den sozialen Medien. In Ägypten haben Menschen über soziale Medien andere Menschen mobilisiert und ihren Protest organisiert. Nachhaltig war das nicht, die Revolution ist, vorerst, versandet, auch wenn soziale Plattformen nach wie vor populär sind. Die Frage ist, ob sie irgendwann in der Lage sind, Zusammenarbeit zu ermöglichen und einen Konsens herzustellen.

Sie wurden vom Magazin »Time« im Jahr 2011 zum einflussreichsten Menschen der Welt gekürt. Hat das für Sie etwas verändert?

Vor 2011 war ich als Aktivist anonym. Ich habe damals geglaubt, dass sich eine Idee durchsetzen muss, nicht einzelne Menschen. Der Sturz von Mubarak hat das komplett geändert. Ich war 30 Jahre alt und stand auf einmal auf einer globalen Bühne. Aktivismus ist nicht mehr dasselbe, wenn du im Auge des Orkans stehst und von Medien beobachtet wirst, die auf der Suche nach einem neuen Poster Boy für ihre Geschichten sind. Ich habe versucht, mich dagegen zu wehren, habe weniger Interviews gegeben und auf unserer Facebook-Seite ohne Namen geschrieben. Ich habe versucht, mich zu erden, und mir gesagt: Es geht hier nicht um dich, Wael, es geht um Millionen junger Ägypter, die auf Veränderung hoffen.

In den Büroräumen von Parlio steht eine Tischtennisplatte, die wohl bei keinem Start-up fehlen darf. Die Redaktionsküche ist riesig, hier gibt es Snacks, Getränke und Kaffee für die Mitarbeiter. Das Team von Parlio besteht aus vier Personen, die Finanzierung für das erste Jahr ist gesichert. Auch die Aufgabe ist klar: Das Team will ausloten, wohin die Reise mit der neuen Debattier-Plattform gehen kann.

Mittlerweile leben auch seine Frau und die beiden gemeinsamen Kinder in den USA. Wie definiert er heute Freiheit, nachdem sie ihm einmal genommen wurde, in einer Zeit, in der eine Zukunft für ihn und seine Familie in ihrer Heimat ungewiss erschien? Seine Antwort: „Für mich ist Freiheit heute nicht wirklich etwas anderes als vor fünf Jahren, als ich mit anderen Ägyptern durch die Straßen von Kairo marschiert bin. Es fällt mir schwer, zu beschreiben, was ich unter Freiheit verstehe, aber wenn ich mich kurz fassen müsste, würde ich immer auf den Ersten Artikel der UN-Menschenrechtscharta zurückgreifen: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“

Ist das jetzt der richtige Augenblick für Sie, neu anzufangen?

Ich habe das Gefühl, dass ich mich immer neu definiere. Die vergangenen Jahre waren in der Tat von Ersterfahrungen geprägt: zum ersten Mal eine Revolution erlebt, zum ersten Mal entführt, für elf Tage in Handschellen und mit verbundenen Augen. Zum ersten Mal politisch aktiv, zum ersten Mal war mein Leben in Gefahr, die erste NGO gegründet, meine Heimat verlassen, dann meinen Arbeitgeber Google – und nun gemeinsam mit meinem Freund Osman Parlio gegründet.

Was sollte bleiben von dem, was war?

Was immer bleiben muss, ist Hoffnung, Glaube an die Menschlichkeit und Beständigkeit. Was verschwinden muss, ist das Gefühl, in der Vergangenheit stecken zu bleiben und sich nicht durchzuringen, voranzugehen. ---