Tipp-Ex

Totgeglaubte leben länger. Das gilt auch für Tipp-Ex.





• Woran erkennt man, dass eine Blondine am Computer saß? Am Tipp-Ex auf dem Bildschirm. Ein, zugegeben, geschmackloser Witz, der aber zu einer interessanten Frage führt: Wer braucht im Zeitalter der Digitalisierung eigentlich noch chemische Hilfe zur Korrektur von Fehlern? Auskömmlich viele Menschen, so die Antwort von Sonja Probst. Die 30-Jährige ist in der Deutschland-Zentrale des französischen Konzerns Bic in Eschborn bei Frankfurt am Main unter anderem für das Marketing von Tipp-Ex zuständig. Sie sagt: „Solange Papier nicht aus dem Büro verschwunden ist, so lange gibt es Korrekturbedarf.“

Treue Kunden seien Behörden, Anwaltskanzleien, Verlage und Agenturen, die dem Fehlerteufel in Verträgen, Manuskripten und Anzeigen-Entwürfen nach wie vor mit Tipp-Ex zu Leibe rücken und von Hand überschreiben. Die aus Österreich stammende Sonja Probst weiß auch von nationalen Besonderheiten in Sachen Pingeligkeit zu berichten: „Deutschland und die Schweiz sind starke Korrekturländer.“ Hinzu kommen unorthodoxe Anwendungen: So nutzen Ornithologen mit Tipp-Ex Papier ausgekleidete Trichter, um die Aktivität von Zugvögeln zu beobachten, die darin hochhüpfen und dabei Kratzspuren hinterlassen.

Auf dem Flur, der zu Probsts Büro führt, befindet sich das Markenarchiv, übersichtlich in einem Setzkasten angeordnet: unter anderem jene Korrekturstreifen, mit denen Ende der Fünfzigerjahre alles anfing. Außerdem flüssiges Tipp-Ex in verschiedenen Farben aus den späten Siebzigern, als koloriertes Papier modern war.

Altgediente Mitarbeiter haben die historischen Stücke gerettet, nachdem die Bic Group Tipp-Ex übernommen hatte und Anfang des Jahrtausends die Produktion im hessischen Liederbach einstellte. Die Marke ist nun Teil eines Konzerns, der mit dem Bic-Kugelschreiber und -Einwegfeuerzeug selbst Marken-Ikonen erschaffen hat. Zahlen über die Entwicklung ihrer Sparte darf Probst nicht verraten, nur so viel, dass das Geschäft mit Bürobedarf, zu dem auch Tipp-Ex zählt, wachse. Eine Nachfrage bei Hansen Büromarkt, einem traditionsreichen Fachgeschäft im Hamburger Schanzenviertel, ergibt, dass der Artikel nach wie vor läuft.

Eine von Probsts wichtigsten Aufgaben ist es, die Marke zu verjüngen. So umgarnt sie neben der Stammkundschaft vor allem Schüler und Studenten, denen nahegebracht werden soll, die Fehler in der ausgedruckten Hausarbeit vor der Abgabe vielleicht doch noch auszumerzen. Für diese Klientel hat man vor einigen Jahren eine erfolgreiche interaktive Kampagne auf Youtube namens „Hunter shoots Bear“ entwickelt. In dem Video mit dem Jäger und dem Bären wird das Verb „jagt“ mit Tipp-Ex entfernt – der Zuschauer soll ein anderes wie zum Beispiel „tanzt“ eintippen und der Story so eine neue Wendung geben. Frei nach dem Firmenmotto: „Man kann seine Meinung immer noch ändern.“ ---

Otto Wilhelm Carls bringt 1959 in Frankfurt am Main ein Produkt auf den Markt, das Sekretärinnen die Arbeit erheblich erleichtert: einen auf einer Seite mit feinpulvriger weißer Farbe beschichteten Korrekturstreifen für Schreibmaschinen. Mit ihm lassen sich falsch getippte Buchstaben durch nochmaliges Anschlagen abdecken und dann überschreiben. Tipp-Ex verbreitet sich rasch in den Büros, und der eingängige Name wird bald zum Gattungsbegriff. Ab 1965 ist auch eine Korrekturflüssigkeit im Sortiment, mit der sich Schreibfehler aller Art abdecken lassen. Diese Idee stammt ursprünglich von der Sekretärin Bette Nesmith Graham aus Dallas, die in den Fünfzigerjahren falsch geschriebene Wörter mit Lack überpinselte. 1992 kommen Tipp-Ex-Korrekturbänder auf den Markt, 1998 Korrekturstifte. 1997 verkauft der Gründer seine Firma an die französische Bic Group und nutzt den Erlös, um mit seiner Frau Ursula die gemeinnützige Carls Stiftung zu gründen. Bruno Bich, Chef der Bic Group, freut sich darüber, mit Tipp-Ex und dem in Nordamerika bekannten Wite Out „die beiden weltweit bekanntesten Marken für Korrekturprodukte“ zu besitzen. Die meisten dieser Artikel werden heute in einer konzerneigenen Fabrik in Mexiko hergestellt.

Bic Group

Mitarbeiter: 9550; Umsatz 2014: rund 2 Mrd. Euro; Nettogewinn: 262 Mio. Euro