Jorge und Juan Born

Die Entführung der Unternehmer Jorge und Juan Born in Argentinien war eine der spektakulärsten der Geschichte. Noch nie zuvor wurde so viel Lösegeld bezahlt. Danach suchen bis heute auch die Entführer.





• Als Jorge Born am 20. Juni 1975 freigelassen wurde, hatte er neun Monate in einem dunklen Verließ verbracht. Seine zwei mal drei Meter große Zelle hatte kein Fenster, die Wände waren mit Styropor verkleidet. Er war Gefangener der Montoneros. Die Gruppe war die schlagkräftigste Guerilla im Argentinien der Siebzigerjahre, ideologisch bezog sie sich auf den verstorbenen Präsidenten Juan Domingo Perón und den Sozialismus. Die Entführer fühlten sich in jener Zeit so sicher, dass sie die Freilassung von Born auf einer geheimen Pressekonferenz zelebrierten.

Mario Firmenich, der Chef der Organisation war persönlich anwesend und sagte, die gezahlte Lösegeldsumme „scheint sehr hoch zu sein, aber das relativiert sich, wenn man sich die gewaltige Aufgabe vor Augen führt, die die Montoneros zu bewältigen haben: die definitive nationale Befreiung“.

Die Summe, von der er sprach, betrug 60 Millionen Dollar. Noch nie zuvor war so viel Geld für die Freilassung von Entführten bezahlt worden, nach heutigem Wert wären es 239 Millionen Dollar. Der Familienkonzern Bunge & Born hat das Geld für die Söhne des Patriarchen, Jorge, damals 40, und Juan, 39, übergeben.

Doch das war alles andere als einfach. Die Kidnapper hatten alles minutiös geplant: Sie hatten die Straße gesperrt, auf der sie Born entführt hatten, sie hatten mehrere sichere Häuser als Versteck gemietet, sie wussten, wie viel Geld sie fordern konnten. Aber wie es bezahlt und angelegt werden sollte – davon verstanden die Revolutionäre wenig.

Das führte dazu, dass sich allein die Übergabe des Lösegeldes über vier Monate hinzog. Die 60 Millionen Dollar wurden in zahlreichen Raten beglichen. Die ersten Zahlungen, rund 16 Millionen Dollar, auf Bitte der Montoneros in argentinischen Pesos. Doch 440 Millionen Pesos sind sehr viele Scheine. Die Guerilleros verbrachten Tage damit, sie zu zählen.

Das viele Bargeld war ein Risiko. Die Montoneros horteten unzählige Peso-Bündel – und wussten irgendwann nicht, wohin damit. Immer wieder gelang es der Polizei, ein Versteck zu entdecken.

Daher reiste der Anführer Firmenich nach Kuba und bat die Genossen um Hilfe. Nach seiner Rückkehr behauptete er: „Ich habe persönlich mit Fidel Castro gesprochen, damit die sozialistische Regierung einen Teil des Geldes als Guthaben entgegennimmt.“ So gaben die Montoneros Säcke mit Millionen Dollar bei der kubanischen Botschaft in Buenos Aires ab. Wie viel es war, darüber streiten sich heute die Beteiligten, die Angaben reichen von 14 bis 25 Millionen Dollar. Das Geld sollte dann in Diplomatenkoffern nach Kuba geflogen werden.

Während die Entführer nicht wussten, wohin mit dem Geld, wusste Jorge Born, der Vater, bald nicht mehr, woher er das Geld nehmen sollte. Zwar konnte Bunge & Born die 60 Millionen Dollar durchaus bezahlen. Das Unternehmen war damals eines der größten in Lateinamerika. Einst als Getreidehandelsfirma gegründet, zählten inzwischen mehr als 40 Firmen dazu. Von Buenos Aires aus steuerte Bunge & Born Filialen auf der ganzen Welt. Geld wurde genug verdient.

Das Problem aber war: Das Firmenvermögen lagerte in der Schweiz. Und ob der strengen Devisenkontrollen der argentinischen Regierung war es unmöglich, größere Summen legal nach Argentinien zu bringen. Also wollte Born in der Schweiz bezahlen. Firmenich, der Guerilla-Chef, wollte in Argentinien kassieren. Schließlich mischte sich der entführte Sohn Jorge ein. Ihm gelang es, die Entführer davon zu überzeugen, das Geschäft doch in der Schweiz abzuwickeln.

Ohne Bank keine Revolution

Die Montoneros riefen einen Mann zu Hilfe, der ihnen schon oft in kniffeligen Angelegenheiten geholfen hatte: den Bankier David Graiver. Der war erst 35 Jahre alt, aber ein ehrgeiziger Geschäftemacher. In Argentinien gehörten ihm schon zwei Banken, und er wollte international expandieren. Politisch war er flexibel, er ging mit Guerillero Firmenich ebenso um wie mit dem argentinischen Wirtschaftsminister. In den USA war er gerade dabei, die American Bank and Trust zu kaufen. Dafür brauchte er Geld – und da kam ihm das Lösegeld für Born gerade recht.

In Panama gründete Graiver eine Firma mit dem Namen Empresas Catalanas Asociadas S. A. Dann ließ er bei einer Schweizer Bank ein Konto eröffnen. Schließlich trafen sich ein Mitarbeiter von Bunge & Born und Guerilleros in einer Tiefgarage in Genf. Der Angestellte übergab den Entführern mehrere Koffer, die Millionen Dollar enthielten. Wieder mussten die Guerilleros tagelang in einer extra dafür gemieteten Wohnung Scheine zählen.

Sie versteckten einen Teil des Geldes in einem Bankschließfach in Genf, einen weiteren zahlten sie auf das von Graiver eröffnete Konto in der Schweiz ein. Dann wollten sie peu à peu unterschiedliche Summen auf Konten in aller Welt überweisen. Doch die Bank ließ das nicht zu. Das Geld aus der Schweiz herauszukriegen war deutlich schwieriger, als es dorthin zu bringen.

Der Bankier Graiver musste persönlich erscheinen, um das Problem zu lösen. Er befahl den Guerilleros: „Wir müssen die Scheine abheben. Dann kümmere ich mich um den Rest.“ Schlussendlich landeten 16 Millionen Dollar des Lösegeldes in den USA. Graiver nutzte sie als Kredit für den Kauf der American Bank and Trust. Mit Firmenich vereinbarte er einen Zinssatz von 9,5 Prozent pro Jahr.

Damit waren 60 Millionen Dollar übergeben. Und am 20. Juni 1975, nach neun Monaten, wurde Jorge Born freigelassen. Seinen Bruder Juan hatten die Guerilleros schon früher freigelassen.

Doch mit dem Ende der Operation fing für viele der Ärger erst an: Korrupte Polizisten machten sich auf die Spur des Geldes, sie hofften, einen Teil selbst einstecken zu können. Die Borns fahndeten in Argentinien nach dem Geld, sie wollten es gern zurückhaben. Und auch die Montoneros suchten das Geld. Es war nämlich viel verschwunden.

Die ersten Millionen waren schnell weg gewesen. Sold, Waffen, Munition, Autos, Häuser – eine Rebellion ist teuer. Dann gelang es den Sicherheitskräften, insgesamt fünf Millionen Dollar zu beschlagnahmen.

Am 7. August 1976 starb der Bankier Graiver bei einem Flugzeugabsturz in Mexiko. Für die Montoneros war das bitter: Kurz vor dem Unfall war die American Bank and Trust pleitegegangen. Die darin investierten 16 Millionen waren weg.

Und das Geld in Kuba? Als eine argentinische Ministerin auf Bitte von Jorge Born Jahre später bei Fidel Castro nachfragte, antwortete der angeblich, das Geld sei nie in Kuba angekommen. So schildert es Born. Sicher ist, an die Firma ist kein Cent je zurückgeflossen. Im Jahr 1987 trat Jorge Born die Nachfolge seines Vaters an und wurde Präsident von Bunge & Born. Im Jahr 1992 wurde er abgesetzt. Doch es gelang ihm, sechs bis sieben Millionen Dollar von den Erben des Bankiers Graiver zurückzuholen. Heute ist Born Privatier und sitzt im Aufsichtsrat zahlreicher Firmen. Bunge & Born ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in den USA. Im Jahr 1999 wurde der Name geändert: von Bunge & Born in Bunge Limited. Born hat dem zugestimmt. ---