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Andreas Rapp

Andreas Rapp hat sein Managerleben aufgegeben, um in seiner alten Heimat etwas Neues zu eginnen. Porträt eines Getriebenen.





• Zügig fährt er auf den Bahnübergang zu, doch es ist nicht mehr zu schaffen. Die Schranken senken sich, Andreas Rapp muss stoppen. „Ach, nicht schon wieder“, murmelt der hagere Mann mit dem intensiven Blick. Wie so oft, wenn er irgendwohin eilen will, halten ihn die Züge auf, die sich durch das Nahetal in Rheinland-Pfalz winden. Rapp hat zuletzt lange als Berater gearbeitet, und er würde anderen wohl empfehlen, die Zeit vor der Schranke als Geschenk zu betrachten. Um einmal ganz tief durchzuatmen. Für ihn selbst aber scheint das nicht zu gelten.

Denn der 53-Jährige ist im Ausnahmezustand, er baut sein Leben um. Radikal. Und mit Tempo. Keiner soll ihn bremsen.

„Mein Mann ist ein Getriebener“, sagt Claudia Rapp. Zu seinem aktuellen Plan gehören: eine neue Frau, nämlich sie; eine neue Firma; ein neues Leben in der alten Heimat. Das Ehepaar Rapp betreibt eine Manufaktur für Feinkost namens Vinella. Begonnen haben sie im November 2011. Im Vorjahr erst hatte Rapp seine Schulfreundin Claudia wiedergetroffen, und beide hatten sich verliebt, bei einem Weinfest in Bad Münster am Stein-Ebernburg. In diesem Dorf zwischen Mainz und Idar-Oberstein sind sie auch aufgewachsen. Sie ist geblieben, er ist gegangen. „Ich wollte damals raus“, sagt er. „Für immer und ewig wollte ich weg.“

Nach einigen Minuten gibt die Schranke den Weg frei, und Rapp brettert mit dem Transporter über die Schienen und hinauf auf den Rotenfels, der imposant über dem hügeligen Land thront. Vom Parkplatz aus marschiert er gen Felskante. Es ist Spätherbst, die Weinberge leuchten im Abendlicht. Rapp hebt den Arm und zeigt auf die Dörfer Bad Münster am Stein und Ebernburg, zwischen denen träge die Nahe fließt. Auf das Weingut der Eltern, wo jetzt der ältere Bruder Grauburgunder und Riesling anbaut. Auf die Weinstöcke unterhalb der trutzigen Ebernburg, in denen er als Kind Reben hochbinden und Unkraut jäten musste. Schließlich deutet er auf das Reihenhaus, in dem er und Claudia wohnen und Obst und Gewürze zu Delikatessen verarbeiten. „Ich wollte nie hierher zurück. Jetzt bin ich da, und es ist super.“ Dann wird er still, was nicht häufig vorkommt. Denn eigentlich redet Rapp ständig.

Im Reihenhaus unten im Tal geht es eine schmale Treppe hinab. Im Kellerraum links steht ein noch warmer Topf, so groß, dass ein Medizinball hineinpassen würde. Er ist gefüllt mit gekochten Birnen und Vanilleschoten. Auf der Arbeitsplatte reihen sich Gläser mit dunkelgrünem Bärlauch-Pesto, die Claudia Rapp für die Präsentation auf Messen vorbereitet hat. Gegenüber steht eine Schüssel mit braunen Maronenschalen. Der Raum mit dem kargen Steinboden ist das Herz der Firma Vinella. Hier kochen Claudia und Andreas Rapp ihre Produkte. Brotaufstriche, Marmeladen, Chutneys, Senfe, Pestos. Rund 70 Sorten haben sie schon entwickelt. Die 52-Jährige tüftelt an den Rezepten, ihr Mann kümmert sich um Vermarktung und Papierkram.

Noch vor wenigen Jahren hätte Andreas Rapp wohl jedem einen Vogel gezeigt, der behauptet hätte, er werde einmal freiwillig seinen Laptop gegen einen Platz am Herd tauschen.

Der Betriebswirt war ein aufstrebender Manager. Erst in der Finanz-Szene, dann in der Medienbranche. Sein Lebenslauf zeichnet das Bild eines Mannes, der immer neue Herausforderungen sucht: Nach der Promotion steigt Rapp bei der Privatbank Metzler als persönlicher Assistent des Inhabers ein. Für eine Tochter des Medienkonzerns Bertelsmann baut er ein Callcenter auf. Beim Weltbild-Verlag führt er gut 800 Menschen und gründet das Onlineportal Booxtra (später: buecher.de) mit. Für das Verlagshaus Axel Springer fahndet er nach hoffnungsvollen Internetfirmen, die der Konzern kaufen und an die Börse bringen könnte. Bei der Media-Agentur Maxus schließlich baut er Controlling und Buchhaltung auf und führt die Gespräche mit den Bewerbern.

Ihn hätten stets die Spitzenmanager persönlich eingestellt, sagt er: Friedrich von Metzler, Ex-Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski, der frühere Weltbild-Geschäftsführer Carel Halff oder Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer.

Unvollendete Karriere

Rapp ackert bis tief in die Nacht, oft auch samstags und sonntags. Spätabends trainiert er für den Marathon. Für seine Jobs zieht er quer durch Deutschland: Frankfurt, Gütersloh, Augsburg, Berlin, Düsseldorf. Nebenbei führt er Beziehungen, doch die halten selten länger. „Mein Leben war extrem“, sagt Rapp. Irgendwann endet die Karriere. Trotz Fleiß und Strebsamkeit steigt Rapp nie ganz nach oben auf. Der endgültige Erfolg, so sagt er, sei ausgeblieben – und das zehrt an ihm. Rapp fühlt sich von den Vorgesetzten nicht ausreichend geschätzt und gefördert. Als ob er ihnen nicht genügt hätte. „Ich habe in meiner Karriere nicht das erreicht, was ich hätte erreichen können.“

Auch deswegen beeilt er sich so mit seiner Firma. Als wolle er die Zeit aufholen, die er für all diese Konzerne verplempert hat. „Wir müssen mit Vinella schnell sein.“

Rapp arbeitet gewissenhaft, schläft oft nur fünf Stunden, macht kaum Pause. Woher kommt diese Disziplin? Er erzählt von der Familie. Von seiner Mutter, einer kleinen energischen Frau mit schneeweißen Haaren, die von einem Gut in Ostpreußen stammt und fliehen musste und die immer irgendetwas arbeitet. Selbst jetzt noch mit 78 Jahren. Von seinem Vater, der sich als Landwirt hochgearbeitet hat. Die Eltern hatten in seiner Kindheit einen Bauernhof mit Schweinen und Kühen, ringsherum standen Obstbäume und Getreidefelder. In den Sechzigern stellten sie auf Weinanbau um, das Geld war ständig knapp. Später eröffneten sie ein Gästehaus. „Bei uns war es knochenhart“, sagt Rapp. Er hat zwei Brüder und eine Schwester, alle mussten mit anpacken. Manchmal sei er neidisch auf seine Freunde gewesen. Weil die in den Sommerferien ins Schwimmbad durften. „Wir haben in dieser Zeit die Toiletten der Gäste geschrubbt.“

Im Reihenhaus steigt Claudia Rapp die schmale Treppe vom Keller hinauf ins Wohnzimmer. Meterhoch türmen sich blaue Geschenkkartons und Papp-Paletten mit Vinella-Gläsern. „Mein Haus gehört mir schon lange nicht mehr“, sagt sie.

Nach den langen Tagen in der Küche, an denen Claudia Rapp gefühlt hundertmal die Treppe hinauf- und hinabsteigt, setzt sie sich meist vor den Fernseher und klebt drei verschiedene Etiketten auf Einmachgläser mit Erdbeer-Marmelade. Um das Glas den Schriftzug „Vinella“, auf den Deckel den knallroten Kussmund, das ist das Logo. Untendrunter das Haltbarkeitsdatum. Es sind drei Griffe, pro Glas dauert das eine halbe Minute.

Ihr Mann verlangt viel, von sich und seinen Lieben. Wenn andere faulenzen, befremdet ihn das. Im Herbst und vor Weihnachten arbeitet das Paar meist sieben Tage die Woche. Obst pflücken, einkaufen, Zutaten zerkleinern, einkochen, abfüllen, etikettieren, packen, verhandeln, versenden. Sie machen fast alles selbst, ein paar Nachbarinnen helfen auf 450-Euro-Basis. In der Küche wird es dann eng.

Noch hat sich Rapp nicht ganz aus der Konzernwelt verabschiedet. Er arbeitet bei einer Mediagentur in Düsseldorf, an einem Tag pro Woche. Es ist ein Ausstieg in Etappen. Sein Aufbruch hat irgendwann 2010 begonnen. Er trifft Claudia wieder, sie werden ein Paar. Sie arbeitet als Kosmetikerin in der Heimat, Rapp beginnt zwischen Düsseldorf und Ebernburg zu pendeln. Das sind knapp drei Stunden Fahrt mit dem Auto und viel zu viele Bahnschranken. Im August 2011 heiratet das Paar in New York und fliegt weiter nach Neuengland. Zwischen Maine und Massachusetts besprechen sie ihre Zukunft. „Uns war klar: Wir brauchen ein Art gemeinsames Baby“, sagt Andreas Rapp. Die Idee für Vinella entsteht in einem Restaurant. Sie bestellen Hummer, der Kellner serviert dazu Chutneys. Beiden ist klar: Solche Soßen kann Claudia besser.

Kurz nach den Flitterwochen gründen sie Vinella, im Advent 2011 stehen sie mit ihrem ersten eigenen Stand auf dem Weihnachtsmarkt im Kurpark in Bad Münster. Das Sortiment ist klein, die Skepsis der Dorfbewohner groß. Da arbeitet einer jahrelang als Manager und bleibt weg, jetzt ist er zurück und macht in Marmelade. Selbst die Eltern staunen. „Ich wundere mich über den Andreas“, sagt seine Mutter Ursel. „Der hat doch eigentlich einen ganz anderen Beruf.“

Ehrgeizige Ziele

Aber vielleicht ist es genau das. Rapp hat zwar einen anderen Beruf erlernt, aber er will das machen, was die Familie macht. Er möchte ihnen damit wieder näherkommen. Den Eltern, den Brüdern, der Schwester: Sie alle wohnen in Bad Münster am Stein-Ebernburg und arbeiten hier. Ihre Welt dreht sich um Weine, Äpfel, körperliche Arbeit, Gäste und Kunden, um Aufbau. Rapp wird jetzt wieder Teil dieser Welt. Er sei glücklicher als früher, sagt er. Eben weil er gemeinsam mit seiner Frau arbeite und zurück in der Heimat sei. Weil er etwas Ähnliches mache wie seine Eltern – und es doch ganz anders angehe. „Alles kommt jetzt zusammen“, sagt er.

Inzwischen haben sich die Dörfler und die Familie schon mehr an diesen neuen Rapp gewöhnt. 2015 hat Vinella 41 000 Gläser produziert und mehr als 200 000 Euro umgesetzt. 2016 soll sich der Absatz verdoppeln. Vom alten Rapp, das merkt man an diesem Ehrgeiz, hat einiges überlebt.

Die meisten Gläser verkauft Vinella über den Einzelhandel. Etliche Supermärkte zwischen Trier und Mainz bieten die handgemachten Konfitüren und Chutneys an – und Rapp darf sogar einen eigenen Aufsteller postieren. Dieser Sonderplatz ist heiß umkämpft in den gut gefüllten Läden. „Regional“ gilt vielen als das neue Bio – von diesem Trend profitiert auch Vinella. Deshalb darf eine Marmelade aus dem Reihenhaus-Keller im Supermarkt mehr als fünf Euro kosten und ein Senf mehr als vier – die Leute greifen trotzdem zu.

Doch profitabel ist das Unternehmen nicht. Obwohl die Gründer wie verrückt arbeiten. Hin und wieder steckt Rapp eigenes Geld in die Firma. In den VW-Bus, in neue Küchengeräte, in teures Material zum Verpacken der Gläser. Er kann sich das leisten. Er hat einst an der Börse „richtig Kohle gemacht“. Diese Gewinne flössen nun in Vinella, sagt er. Eine sechsstellige Summe habe er schon investiert. Er ist Betriebswirt, er weiß: Gewinne sprudeln oft erst, wenn die Menge steigt und Maschinen die Produktion effizienter machen. Doch Automaten einsetzen möchte er nicht. Vinella soll eine Manufaktur bleiben. „Wir setzen auf Handarbeit.“

Er wird nicht lockerlassen, bis er einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden hat. Zum Glücklichsein brauchen Manager Erfolg, der sich in Zahlen ausdrücken lässt. Und ein solcher Manager ist Andreas Rapp auch nach seinem Ausstieg zweifellos geblieben. ---

... kann mit seinem Firmenbus nicht so schnell fahren, wie er möchte