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Es gibt immer was zu tun. Doch wer denkt an die Erfolge? Zeit für eine Rückschau.





• Vieles liegt noch im Argen, keine Frage. Wir haben den Hunger auf Erden nicht halbiert, die neue Arbeitswelt hat uns nicht die 15-Stunden-Woche gebracht, und auch im Osten blüht nicht jede Brache. Dennoch lohnt ein Blick auf die geglückten Vorhaben, auf jene Errungenschaften, über die heute niemand mehr spricht, weil sie selbstverständlich geworden sind.

Blauer Himmel über dem Ruhrgebiet
Umweltschutz

Als Willy Brandt soziale Gerechtigkeit durch Umweltschutz forderte, wurde er – gelinde gesagt – belächelt. „Kübel voller Hohn“ habe man über ihn ausgekippt, notierte der Kanzlerkandidat seinerzeit. Seine Forderung nach einem blauen Himmel über dem Ruhrgebiet schien vermessen, und sein Ausspruch vom Schutz der Umwelt als nicht zu vernachlässigende „Gemeinschaftsaufgabe“ galt als unerhörte Provokation. Dabei waren die Zeichen der Zeit alarmierend: Den Himmel über Dortmund, Duisburg und Gelsenkirchen verdunkelten rotbraune Wolken aus Staub und Eisenoxid, Smog im Winter war normal, und Neugeborene wogen weniger als andernorts am Niederrhein – der »Spiegel« nannte das Revier „ein kleines Pompeji“. Vier Millionen Tonnen Schwefeldioxid blies die Industrie jährlich in die Luft, und mit jeder Tonne Roheisen entstanden 8,6 Kilo Staub.

Dass Duisburger ihre Bettwäsche heute zum Trocknen ins Freie hängen können, ohne abends schwarze Lumpen reinzuholen, liegt nicht nur am Zechensterben, sondern auch am umweltpolitischen Umdenken jener Zeit. Gesetze und Verwaltungsvorschriften mit Namen wie Bundes-Immissionsschutzgesetz oder Großfeuerungsanlagenverordnung konnten die Schwefeldioxidbelastung an Rhein und Ruhr um 97 Prozent reduzieren. Gleiches gilt für die Schwebstaubbelastung. Heute sorgt man sich dafür um Feinstaub und Stickstoffdioxid.

Auch das Anfang der Achtzigerjahre befürchtete Waldsterben ist ausgeblieben. Die Sorge Bernhard Ulrichs, dem Direktor des Instituts für Bodenkunde und Waldernährung in Göttingen, dass noch vor 1990 die ersten deutschen Wälder abgestorben wären, trat glücklicherweise nicht ein. Den Anteil kranker Bäume schätzt das Bundesamt für Ernährung und Landwirtschaft im Jahr 2014 auf 26 Prozent, 1984 lag der Wert bei 23 Prozent. Zwar wurde die Lage damals zu dramatisch bewertet, andererseits hat auch hier der Umweltschutz einiges bewirkt. Fuhren die Deutschen 1983 noch einen ängstlichen Bogen um die erste bleifreie Benzin-Zapfsäule der Republik, überwanden sie bald ihre Angst, der neue Sprit könnte ihrem Wagen schaden. Seit 1988 ist das waldschädliche bleihaltige Normalbenzin verboten – und der Slogan „I fly bleifrei“ zum Glück obsolet.

Neben blauem Himmel und grünen Wäldern hat der Umweltschutz rund zwei Millionen Stellen in der Umweltwirtschaft und mit Bündnis 90 / Die Grünen eine eigene Partei hervorgebracht. Und so lassen wir uns nach einem erfrischenden Bad im Rhein von der Sonne trocknen, vor deren Strahlen uns eine genesende Ozonschicht schützt. Diese soll sich dank der Verabschiedung des Montreal Protokolls von 1987, bei dem sich inzwischen 197 Länder verpflichtet haben, auf FCKW und andere schädliche Stoffe zu verzichten, bis zum Ende des Jahrhunderts wieder vollständig erholt haben.

Sonntags ein Huhn im Topf
Wohlstand

Gern mischte sich König Heinrich IV. von Frankreich unerkannt unters Volk. Mitgefühl hatte er vornehmlich mit der Landbevölkerung, die ihn „unseren guten König Heinrich“ riefen. Ihr versprach der Monarch, dass es keinen Bauern geben solle, „der sonntags nicht sein Huhn im Topf hat“. Heute, 400 Jahre später, hat sich dieser Wunsch erfüllt. In Frankreich und den Nachbarländern ist der Hunger weitgehend besiegt. 679 Kilogramm Essen nimmt der deutsche Durchschnittsbürger im Jahr zu sich. Allerdings weniger Schmorhuhn (18,5 Kilo pro Person im Jahr) als Schwein (52,6 Kilo pro Person im Jahr).

Maßgeblich dafür ist der gestiegene Wohlstand des Volkes. Seit 1950 hat sich die Kaufkraft der Deutschen mehr als verfünffacht. Musste man für einen repräsentativen Warenkorb vor 65 Jahren noch eine ganze Stunde arbeiten, ist er heute schon in elf Minuten verdient. Die benötigte Erwerbszeit, um zehn Eier kaufen zu können, hat sich im selben Zeitraum von 121 auf 8 Minuten reduziert – für ein Pfund Bohnenkaffee gar von 1582 auf 19 Minuten. Zudem hat heute fast jeder zweite private Haushalt in Deutschland Haus- und Grundbesitz. Dort ließen sich zur Not auch wieder Hühner züchten.

Alle an die Uni
Bildung

Im Jahr 1931, als die Studentenquote unter fünf Prozent lag, beklagte der Philosoph Karl Jaspers: „Das Massendasein an Hochschulen hat die Tendenz, Wissenschaft als Wissenschaft zu vernichten.“ Heute besucht hierzulande mehr als die Hälfte eines Jahrgangs die Universität.

Zwar beklagt die OECD noch immer die zu geringe Akademikerquote von Deutschland, Österreich und der Schweiz, dabei gibt es hierzulande so viele Hochschulberechtigte wie nie. Mitte der Neunzigerjahre lag die Studentenquote bei weniger als 30 Prozent, heute liegt sie bei 57 Prozent. Dass es inzwischen mehr neue Studenten als Auszubildende gibt, bringt manche Branchen in Bedrängnis.

Die Analyse Karl Jaspers’, die Universitäten passten sich der Masse an, „welche nur ihr praktisches Ziel will, ein Examen und die damit verknüpfte Berechtigung“, war korrekt. Und auch der damit verbundene Wandel weg von der Universität als einem Ort der Vita contemplativa jenseits ökonomischer Zwänge seiner Besucher. Doch ist das den Leuten zu verdenken? Je höher der Bildungsstand, desto größer die Wahrscheinlichkeit, einen Job zu finden; die Arbeitslosigkeit unter Akademikern liegt bei 2,5 Prozent. Ein Anreiz mit Strahlkraft: Die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss ist auf 5,9 Prozent gesunken. Zwar ist es nicht allein dem Bildungsniveau anzurechnen, doch Deutschland verzeichnet aktuell mit weniger als 8 Prozent die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit Europas.

Zwar gibt es noch immer gehörige soziale Unterschiede, die es Kindern aus bildungsfernen Schichten schwer machen, einen gehobenen Bildungsweg einzuschlagen, dafür haben sich die Geschlechter angeglichen. Inzwischen erwerben etwas mehr junge Frauen einen Hochschulabschluss als Männer. Daran war zu Zeiten Jaspers’ nicht zu denken – damals lag der Frauenanteil bei 19 Prozent.

Willkommen in Neuland
Fortschritt

Auch wenn wir auf den Fluxkompensator und das Hoverboard wohl noch ein wenig warten müssen, können wir uns über die Innovationsrate der vergangenen Jahrzehnte nicht beklagen. Was war das für ein Fest, als im Jahre 1971 in Westdeutschland erstmals mehr Telefongespräche geführt als Briefe verschickt wurden? Damals wog ein Autotelefon rund 16 Kilogramm, und die dazugehörige Technik passte mit etwas Glück in den Kofferraum. Wollte man einen Autofahrer erreichen, musste man wissen, in welchem Vorwahlbereich er gerade unterwegs war. Heute braucht man für ein Mobiltelefon kein Auto mehr und trägt dafür das Internet – auch so eine Erfindung – ständig bei sich.

Neben der Kommunikation hat sich auch im Verkehrswesen einiges getan. Im Jahr 1913 prophezeite der Londoner Bürgermeister Sir Vansittart Bowater zum Amtsantritt, dass im Jahr 2013 ein Pferd auf den Straßen seiner Stadt mehr Aufmerksamkeit erregen würde als ein Flugzeug über der St.-Pauls-Kathedrale. Wie wahr: Zur Stunde sind geschätzt 10 000 Flugzeuge weltweit unterwegs. Passagierflüge schaffen jedes Jahr einen Umsatz von 623 Milliarden Dollar und bewegen 3,3 Milliarden Menschen.

Ein weiter Weg vom ersten Flug des französischen Luftfahrtpioniers Louis Blériot über den Ärmelkanal vor gut hundert Jahren. Aktuell liegen die Betriebskosten von British Airways pro angebotenem Passagierkilometer bei 8,2 Eurocent. Unter diesen Konditionen hätte Blériot die Überquerung des Ärmelkanals rund vier Euro gekostet.

Doch auch für Aviophobe hatte Sir Vansittart Bowater eine Prophezeiung parat: Schnellzüge würden alle paar Minuten zwischen London und Paris verkehren. Zwar hat sich der visionäre Bürgermeister in der Taktung geirrt, die Verbindung durch den Eurotunnel aber steht seit 1994. Mission accomplished. ---