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Paris erwacht

Mit dem Minitel hatten Millionen Franzosen bereits vor Jahrzehnten eine Art Internet im Haus. Das war Fluch und Segen zugleich.





• Frédéric Salles wischt sich den Schweiß von der Stirn und sagt: „Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so aufgeregt.“ Seit fast fünf Stunden steht er nun schon in diesem Saal mit dem opulenten Kronleuchter, den jahrhundertealten wertvollen Webteppichen und den goldenen Ornamenten an den Wänden und übt zum x-ten Mal seine Rede. „Ich heiße Frédéric Salles, bin 38 Jahre alt und habe 2012 mit meinem Partner das Start-up Matooma gegründet. Wir haben eine universelle Sim-Karte entwickelt, die sich unabhängig vom Telekomanbieter in das jeweils beste Netz einwählt.“

Vielleicht als Einstieg etwas langweilig. Lieber so? „Was haben Google, Facebook, Yahoo und Matooma gemeinsam? Alle vier tragen zwei o im Namen.“ Ja, das ist gut. Das lockert die Stimmung und zeigt gleich, in welcher Liga Salles spielen will.

Es ist „Jeudigital“ in Paris, digitaler Donnerstag, eine Initiative der französischen Regierung. Einmal im Monat bringt sie Jungunternehmer und potenzielle Investoren zusammen. Gleich darf Salles am prachtvollen Amtssitz des Premierministers, dem Hôtel Matignon, sein Projekt vorstellen. Wenn es gut läuft, ist vielleicht die nächste Finanzierungsrunde gesichert. 20 Millionen Euro braucht er, um seine Matoocard international zu vermarkten.

Ein paar Tage später am südlichen Stadtrand von Paris. Die Umgebung, ein zum Inkubator umgewandeltes ehemaliges Industriegebäude, ist spartanischer, die Aufregung ähnlich wie im Hôtel Matignon. Der Finanzminister Michel Sapin hat seinen Besuch angekündigt. Jérémy Boissinot und Alexandre Strzelewicz haben den Computerbildschirm poliert, der nun mit einem chaotischen Sammelsurium aus Zahlen, Buchstaben und Satzzeichen bedeckt ist. Es sind die Algorithmen der von ihnen kreierten Plattform Keymetrics, die Entwicklern von Computerprogrammen und Apps die Arbeit erleichtert und weltweit bereits 170 000-mal genutzt wird.

Als Sapin, umringt von Kameras und Mikrofonen, auf Boissinot und Strzelewicz zusteuert, hat er sofort ein paar Worte des Lobs parat. „Frankreich muss sich keine Sorgen machen, solange unsere Jugend derartigen Erfinder- und Unternehmergeist beweist. Leute wie Sie“, sagt der Minister und nickt den beiden rechts und links des Bildschirms stehenden schmalen jungen Männern zu, „sind unsere Zukunft. Wir müssen Finanzierungswege finden, die auf Ihre Bedürfnisse abgestimmt sind und Ihr Geschäftsmodell verstehen.“

Fortschritt mit Folgen

Jungunternehmer wie Salles, Boissinot und Strzelewicz sind die Hoffnungsträger in einem Land, das seinen einst weltweit anerkannten Mut zu technischen Neuerungen in den vergangenen Jahren eingebüßt hat. Seitdem blickt es verzagt auf eine stagnierende Wirtschaft, ein Milliardendefizit im öffentlichen Haushalt und steigende Arbeitslosenzahlen.

Nun aber soll die junge Generation Paris zur Start-up-Kapitale der Welt machen, wie es ein wenig großspurig im Finanz- und Wirtschaftsministerium heißt, und an eine Zeit anknüpfen, die man in Frankreich als die „Trente glorieuses“ kennt. Das sind jene 30 Jahre bis etwa Ende der Achtzigerjahre, die für bahnbrechende französische technische Entwicklungen stehen. Gerade auch in der Informationstechnik: Mit dem sogenannten Minitel hatten die Franzosen mehr als zehn Jahre, bevor die Welt lernte, World Wide Web unfallfrei auszusprechen, einen elektronischen Informationsdienst im Wohnzimmer stehen. Nur hat niemand damals die technische Bedeutung erkannt.

Ein Blick zurück auf den 19. Mai 1978. Es ist 20 Uhr, Hauptnachrichtenzeit. „Ich habe hier einen Bericht“, sagt der Nachrichtensprecher, „einen sehr zweifelhaften Bericht über die In-for-ma-ti-sie-rung der Gesellschaft.“ Er betont jede Silbe einzeln und macht mit hochgezogenen Augenbrauen und einer Grimasse keinen Hehl daraus, dass er für Quatsch hält, was er hier verlesen muss. „Morgen schon werden alle Kommunikationsmittel, die heute für sich allein stehen, fusionieren. Die Presse, das Telefon, das Fernsehen.“ Computer sollen miteinander kommunizieren, so, so. „Das sind faszinierende Aussichten, aber auch beunruhigende.“

Nach diesem 19. Mai 1978 ist Frankreich der Zeit bald weit voraus. Der Staatschef Valéry Giscard d’Estaing hat die öffentliche Kritik an der staatlichen Gesellschaft für Post und Telekommunikation zum Anlass genommen, um sie zu einer neuartigen Entwicklung anzuspornen. Das Ergebnis ist ein klobiger Kasten aus beigem und braunem Plastik. Ähnlich wie der deutsche Bildschirmtext (BTX) verbindet Minitel Telefonleitung und Bildschirm zu einem Kommunikationsmittel.

Neben den Vorzügen eines elektronischen Telefonbuchs lernen die Franzosen schnell auch die Banküberweisung am Bildschirm schätzen. Sie rufen Kontoauszüge ab, buchen Reisen, konsultieren den Wetterbericht – und chatten nächtelang. Mit Freunden und Verwandten, aber auch mit gänzlich Unbekannten. Schon 1986 machen Sex-Hotlines und erotische Chats des sogenannten Minitel rose 71 Prozent des Datenverkehrs aus.

Anfang der Neunzigerjahre steht der Kubus in 6,5 Millionen Haushalten, die Zahl der Kunden übersteigt bei Weitem die des Onlineportals CompuServe, das in Nordamerika ähnliche Dienste anbietet. Im Jahr 2000 nutzen 25 Millionen von rund 60 Millionen Einwohnern Minitel. Nur 17 Prozent der Haushalte haben Internet. Erst im Sommer 2012 wird Minitel abgestellt.

Ausgerechnet die einstige Vorreiterrolle führte Frankreich jedoch ins Abseits. Laut einer Studie von McKinsey haben heute lediglich 65 Prozent der französischen Unternehmen einen Internetauftritt und nur 14 Prozent können Aufträge digital abwickeln. Im EU-Durchschnitt sind es 17 Prozent, in Deutschland 26 Prozent. Eine andere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass von den gut 63 000 französischen Unternehmen, die im Jahr 2013 pleitegingen, 81 Prozent weder im Internet noch in sozialen Netzwerken aktiv waren.

„Frankreich hatte ein funktionierendes System, das auch noch Geld abwarf“, sagt die Medienwissenschaftlerin Valérie Schafer vom renommierten Forschungsinstitut CNRS. „Warum sollte es damals ein US-System übernehmen, das kein Geschäftsmodell hatte?“

Vor allem France Télécom habe damals stark gebremst, erinnert sich Didier Roy. Auch er hatte als Jugendlicher natürlich einen Minitel-Anschluss. Heute ist Roy Technischer Direktor bei Fast-Track, einem Zusammenschluss von 13 nationalen Urhebergesellschaften, dem auch die deutsche Gema angehört. Vom Sommer 1998 an baute er die Frankreich-Niederlassung des Berliner Internet-Dienstleisters Pixelpark mit auf. „Ich hatte mit einem gewissen Widerstand gerechnet, aber nicht mit so viel. Aber klar, Minitel warf ein gewaltiges finanzielles Manna ab.“

2001 meldet die inzwischen in France Télécom umbenannte und teilprivatisierte Gesellschaft für Post und Telekommunikation 55 Millionen Verbindungsstunden, einen Umsatz von 686 Millionen Euro und 200 Millionen Euro Nettogewinn. Von der stündlich fälligen Gebühr von 58,80 Francs verbleiben 22,20 Francs beim Ministerium für Post und Telekommunikation und 36,60 Francs bei den Service-Anbietern.

Das Geld verstellt den Blick auf die Möglichkeiten, die im Internet stecken. 1994, ein Jahr nachdem der spätere US-Vizepräsident Al Gore im Wahlkampf den Begriff von der Datenautobahn prägt, schreibt ein gewisser Gérard Théry in einem Bericht: „Die Grenzen des Internets zeigen, dass es ihm langfristig nicht gelingen wird, allein eine weltweite Datenautobahn aufzubauen.“ Und weiter: „ADSL bietet keine Entwicklungsmöglichkeiten.“ Der heute 82-jährige Théry war Generaldirektor im Ministerium für Post und Telekommunikation und gilt als einer der Väter des Minitel. „Mich macht traurig, dass das Potenzial nicht ausgeschöpft wurde“, sagt er. „Wir hätten uns mit den Deutschen zusammentun und ein europäisches Internet schaffen können. Wir hatten zehn Jahre Vorsprung.“ Frankreich habe damals, bedauert er, „seine Fähigkeit zur Innovation verloren. Wir haben Buchhalter erschaffen, aber keine inspirierten Menschen.“

Hoffnung auf den Nachwuchs

Das soll sich nun ändern. Mit jungen Leuten wie Jérémy Boissinot. Der Beamtensohn wollte wie viele junge Franzosen ursprünglich einen sicheren Posten im öffentlichen Dienst und nach dem Abschluss an der Universität noch an die Elitehochschule ENA gehen – in Frankreich die Vorstufe für einen Posten bei der Regierung und in der Finanzverwaltung. Aber dann bekam er mit, welche Reaktionen ein Seminar mit dem Titel „Unternehmenswelt“ an der Universität Sciences Po auslöste: „Das wurde von den Studenten boykottiert, weil da angeblich Propaganda für den Kapitalismus und Ausbeuter gemacht werden sollte“, erinnert sich der heute 26-Jährige. „Da hat es bei mir klick gemacht. In Frankreich strampelt die sogenannte Elite im Hamsterrad des öffentlichen Dienstes. In den USA gründen die Besten ihre eigene Firma. Meine Eltern machten sich zwar zu Beginn große Sorgen, aber ich wollte auch zur Änderung der Mentalität beitragen.“

In den vergangenen fünf Jahren habe sich schon einiges getan, sagt der Jungunternehmer. Vor wenigen Wochen etwa hielt der im linken Lager verhasste Chef des französischen Unternehmerverbands Medef an der Sciences Po einen gut besuchten Vortrag zum Thema „Unternehmertum – der Arbeitsplatz von morgen?“ Und der Staat tue derzeit „wirklich alles, um Start-ups zu helfen“, sagt Boissinot. So müssen neu gegründete Firmen in den ersten vier Jahren keine Sozialabgaben leisten, und wer nach zwei Jahren verkauft, muss nur die Hälfte des Kaufpreises versteuern.

Bis das Finanzministerium Letzteres akzeptierte, war allerdings 2012 der Aufstand der „Pigeons“ nötig. Als selbst ernannte Prügelknaben der Nation kämpften Fondsgesellschafter, Business Angels und Jungunternehmer mit einer Internet-Kampagne erfolgreich gegen die Pläne der sozialistischen Regierung, Einkünfte aus Kapitalgewinnen genauso zu besteuern wie Gehälter. Zum Rückzug beigetragen hat die Einsicht, dass junge Leute in ihren eigenen Firmen besser aufgehoben sind als in der Arbeitslosenstatistik. 25 Prozent aller 15- bis 24-jährigen Franzosen sind ohne Job. Insgesamt liegt die Arbeitslosenquote bei mehr als zehn Prozent, Tendenz seit Jahren steigend.

Die McKinsey-Autoren locken mit Prognosen. Die Wirtschaftskraft der neuen Tech-Unternehmen könne relativ schnell von heute 5,5 auf 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Jahr 2020 ansteigen, was einer Summe von 180 Milliarden Euro entspräche. Gleichzeitig könnten 700 000 Arbeitsplätze entstehen. Und plötzlich erscheint die Gründung eines Start-ups wie das Licht am Ende eines langen Tunnels.

Von den Bedingungen, zu denen seinerzeit Minitel gefördert wurde, kann Axelle Lemaire, die Staatssekretärin für neue Technologien im französischen Wirtschaftsministerium, allerdings nur träumen. Minitel wurde damals wie auch die Atomkraftwerke und die Hochgeschwindigkeitszüge TGV auf Initiative und mit dem Geld des französischen Staates angestoßen und dann von staatlichen Firmen realisiert. Minitel fand nicht zuletzt deshalb so viele Anwender, weil die dafür nötige Hardware kostenlos an die Haushalte verteilt wurde. Um auch nur annähernd vergleichbare Schritte zu unternehmen, fehlen der politischen Führung heute sowohl die Mittel als auch die Durchsetzungskraft.

Verlockungen in Übersee

Der Informatiker Frédéric Salles war arbeitslos, als er Matooma gründete. Die Banken wollten ihm keinen Kredit geben. Und die knapp 4500 Privatinvestoren, die im Netzwerk von France Angels verbunden sind, unterstützten 2014 gerade einmal 305 Start-ups – von rund 10 000, die Anträge gestellt hatten. Die durchschnittliche Summe betrug 119 672 Euro. Das reicht für den Anfang, aber nicht, um zu wachsen.

Die staatliche Investitionsbank Bpi hatte zwar voriges Jahr erstmals insgesamt eine Milliarde Euro für Anschubfinanzierungen, Stipendien und Fondskapital zur Verfügung. Im Vergleich zu Japan oder Südkorea, die sich Innovationsförderung viel kosten lassen, ist aber auch diese Summe relativ klein. „Für die zweite, dritte oder auch vierte Finanzierungsrunde, wenn es um einige Hunderttausend Euro oder sogar eine Million geht, fehlt bisher oft das Geld“, sagt Roy. Er hat selbst als Business Angel ein Start-up mit zum Erfolg geführt und mit einem anderen rund 60 000 Euro verloren. „Es gibt in Paris und auch in anderen französischen Städten sehr viele talentierte und gut ausgebildete junge Menschen, die darauf brennen, die Initiative zu ergreifen. Die Voraussetzungen sind vorhanden, eine moderne Infrastruktur, technische Hochschulen, Informatiker und Ingenieure – Frankreich ist bekannt und anerkannt für seine exzellenten Naturwissenschaftler. Um zu wachsen und sich weiterzuentwickeln, gehen die jungen Unternehmer aber besser ins Ausland.“

Meist führt dieser Weg in die USA. Docker zum Beispiel startete 2008 als französisches Unternehmen. Doch für ihre Idee, eine Open-Source-Software zu entwickeln, fanden die Gründer zu Hause keine Geldgeber. Im Silicon Valley erkannte man dagegen sehr wohl, dass sich mit ihrer Entwicklung der Transport von Daten vereinfachen ließe. Inzwischen wird Docker mit 400 Millionen Dollar bewertet.

Criteo, eine Firma für Onlinemarketing, holte sich Ende Oktober 2013 frisches Geld an der US-Technologiebörse Nasdaq. Deezer, der französische Musik-Streaming-Dienst, hat für 2015 ein „Hauptquartier B“ in New York angekündigt und 130 Millionen Dollar von der Beteiligungsgesellschaft Access Industries des russischstämmigen Investors Len Blavatnik erhalten.

Jérémy Boissinot und Alexandre Strzelewicz sind seit einigen Wochen in New York – auf Einladung des amerikanischen Accelerators Techstars. „Erst einmal für vier Monate“, sagt Boissinot. „Aber der Unterschied zwischen Investoren in Frankreich und den USA ist schon erstaunlich: In Frankreich geht es darum, dass die Investoren eine möglichst sichere und hohe Rendite erzielen wollen. Sie sind also sehr viel vorsichtiger, und es ist ungeheuer schwierig, sie vom Erfolg eines Projektes zu überzeugen. In den Vereinigten Staaten geht es in erster Linie um Ambitionen und Visionen.“

Boissinot und Strzelewicz haben deshalb einen US-Sitz für Keymetrics angemeldet und wollen auf jeden Fall versuchen, dort Geld für die künftige Entwicklung aufzutreiben. Nicht auszuschließen, dass mit Keymetrics ein weiteres vielversprechendes Unternehmen auswandert.

Wenn Frankreich seine Start-ups in der Heimat halten wolle, bleibe dem Staat mangels finanzieller Mittel nur eine PR-Kampagne, sagt Benjamin Thierry, der zusammen mit Valérie Schafer die Geschichte des Minitel und seine Auswirkungen auf die digitale Wirtschaft erforscht hat. So ist dann auch das ambitionierte Ziel „Paris als Start-up-Kapitale“ zu erklären. Oder das Label „Metropole French Tech“, mit dem insgesamt neun französische Großstädte und Ballungsräume gemeinsam Frankreich als Technologie-Zentrum bewerben sollen. Die Staatssekretärin Lemaire ist überzeugt: „Das Label wird unsere Attraktivität stärken.“ Sie könne den Investoren sagen: „Kommt nach Paris, aber auch nach Rennes, nach Nantes etc.“

Da überrascht es nicht, dass Frankreich im Januar mit insgesamt 120 Unternehmen auf der Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas vertreten war. Aus Deutschland kamen 39, aus Großbritannien 33 zu der Fachmesse für Unterhaltungselektronik, die zu den größten der Welt zählt. Gut die Hälfte der Franzosen, die unter dem Label „La French Tech“ auftraten und für Flüge, Hotel und Standplatz Geld vom Staat erhielten, waren Gründer.

Auch Matooma war mit von der Partie. Und sorgte für Furore. „Der Gewinner der CES wird weder der Fernseher mit 4K-Auflösung sein noch das autonome Auto, sondern Frankreich“, prophezeite die amerikanische Website Yahoo.com. „Wer einen Blick auf die Zukunft werfen will, sollte auf die absurden, aber zauberhaften Gadgets aus Frankreich achten.“ Voller Lob war auch der Fachjournalist Jason Gilbert: „Seit einigen Jahren stellen französische Start-ups auf der CES neue Produkte vor, an denen man nicht vorbeikommt. Sie vereinen Genialität, Intelligenz, Vorstellungskraft und Zukunftsvision.“

Von den „elf coolsten Objekten“, die die US-Fachzeitschrift »Wired« auswählte, kamen fünf aus Frankreich, drei aus Asien, zwei aus den USA und eines aus Großbritannien. Zu den prämierten französischen Erfindungen gehören unter anderem die Fitness-Uhr Activité Pop von Withings, die von Philipp Starck für Parrot entwickelten Kopfhörer mit integriertem Herzschlagmesser und Schrittanalyse oder das „Connected Pedal“ von Connected Cycle. Es meldet Durchschnittsgeschwindigkeit, gefahrene Routen und zurückgelegte Höhenmeter in die Cloud und soll gleichzeitig vor Fahrraddiebstahl schützen.

Förderung mit rosa Geld

Laure Crémieux hat nicht viel Zeit. Als die Stoppuhr zu ticken beginnt, bleiben ihr gerade einmal 60 Sekunden, um die Leute im Saal von ihrer Idee zu überzeugen. Es ist Freitagabend kurz nach 19 Uhr in einer ehemaligen Spinnerei im nordfranzösischen Lille. Das Gebäude, um 1900 erbaut, beherbergt inzwischen auch das Gründerzentrum Euratechnologies. Die 24-jährige Ingenieurstudentin ist an diesem Abend eine von insgesamt 32 Kandidatinnen und Kandidaten, die darum kämpfen, binnen der nächsten 54 Stunden ein Geschäftsmodell für ihr Start-up zu entwickeln und einen Büroplatz in dem Inkubator zu gewinnen.

Sie dreht nervös eine Strähne ihrer dicken blonden Haare zwischen den Fingern, während sie ausführt wie „GeoPic“ im Internet Fotos nach Datum und Ort sortiert. Vom Stuhl reißt sie damit niemanden, aber das ist auch bei den anderen 31 Pitches nicht anders: Eine junge Frau will mit „Princesse 2.0“ einen Tauschmarkt für Abendroben aufziehen, dann gibt es noch eine App für Dinnerpartys, eine Art Airbnb für die Suche nach Fotografen … „Womöglich verkaufen sich die einfachsten Ideen am besten“, sinniert ein Coach, der an diesem Wochenende von Team zu Team wandert und Hilfestellung anbietet.

In der Tat hat es BlablaCar, eine relativ unspektakulär klingende französische Idee für eine kostenlose Online-Mitfahrzentrale, seit 2006 zum größten europäischen Anbieter für Mitfahrgelegenheiten gebracht und gerade mit der Übernahme des Konkurrenten Carpooling (mitfahrzentrale.de/mitfahrgelegenheit.de) auch die Führungsposition in Deutschland übernommen. Und wer hätte vor zehn Jahren darauf gewettet, dass eine Website, auf der Freunde und Bekannte mehr oder minder Belangloses austauschen, ein Milliardengeschäft würde? Jedenfalls erreichen die Dinnerpartys am Sonntagabend in Lille Platz eins, die Abendroben gelangen auf Platz zwei. Laure Crémieux und einer der anderen Gründer haben über das Wochenende ihre Ideen zusammengeworfen und schaffen es noch auf Platz drei mit ihrer Website, auf der sich nun Medien und Werbeagenturen bei Amateurfotos bedienen können.

„Wir müssen unsere Definition von Innovation ein wenig erweitern“, sagt Paul-François Fournier, der Direktor für Innovation bei der staatlichen Investitionsbank Bpi. „In Frankreich sind wir sehr ingenieur- und technikorientiert. Das ist wichtig – aber es gibt auch Unternehmen mit überraschenden Ideen, die weniger technisch sind. Wir befinden uns nicht mehr in den Achtzigerjahren, als Technik um der Technik willen nachgefragt wurde. Heute hat sie keinen Wert an sich. Sie muss erst einen praktischen Nutzen bieten.“

Im Januar hat die Bpi deshalb ihren Forderungskatalog für Finanzierungen neu aufgelegt. In Zukunft soll eine Erfindung wie die der bretonischen Firma Ijinus zur elektronischen Steuerung von Getreidesilos ebenso gefördert werden wie das Programm „Visible Patient“, das am Krebsforschungszentrum in Straßburg entwickelt wurde. Dank einer 3D-Darstellung der befallenen Organe soll es chirurgische Eingriffe selbst an bisher als inoperabel geltenden Tumoren ermöglichen.

„Der Staat hat das Potenzial der jungen Unternehmensgründer erst sehr spät erkannt“, sagt Matooma-Chef Salles. Durch das Label „French Tech“ und die Unterstützung der Bpi erhofft er für sich und seine Kollegen nun „Glaubwürdigkeit bei den Investoren, gerade wenn es um große Summen geht“.

In Paris entsteht derweil ein Inkubator, in dem bis 2017 mehr als 1000 Start-ups in der Halle Freyssinet Platz finden sollen, einem ehemaligen Bahnhofsgebäude am südlichen Pariser Stadtrand, unweit des Gare d’Austerlitz. In der Halle mit den hoch aufragenden Betonmauern und Stahlverstrebungen, in der noch ein paar abgenutzte Gleise in ihrem Bett liegen und wo die blasse Sonne nur mit Mühe durch die über die Jahre gelb beschlagenen und mit Graffiti beschmierten Fenster dringt, schließt sich der Kreis zur einstigen Minitel-Revolution.

Denn Xavier Niel, der Initiator des Inkubators, und einige Geschäftspartner erkannten damals sehr schnell, dass Minitel eine Maschine zum Gelddrucken war. Allein im Jahr 1986 überwies ihnen der Staat für die Sex-Hotlines des Minitel rose 822 Millionen Francs, rund 125 Millionen Euro. 33 Jahre später ist der 47-Jährige Chef der Unternehmensgruppe Illiad und Multimilliardär. Das hätte sich der Nachrichtensprecher von 1978 nicht träumen lassen. ---