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Bjørn Lomborg im Interview

Der dänische Statistiker Bjørn Lomborg hält die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen für einen ineffizienten Wunschkatalog.





brand eins: Herr Lomborg, haben Sie erwartet, dass die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Millennium Development Goals, MDGs) erreicht werden?

Bjørn Lomborg: Ja. Es sind einfache, klar definierte Ziele, die jeder nachvollziehen kann. Und es gab eine feste Zeitvorgabe bis 2015. Regierungen hatten realistische und verifizierbare Versprechen abgegeben. Auch wenn noch nicht alle Ziele erreicht sind, haben die MDGs die Welt zu einem besseren Ort gemacht. Das Versprechen, den Prozentsatz der Hungernden zu halbieren, ist ein typisches Beispiel. Im Basisjahr 1990 hatten 24 Prozent der Einwohner von Entwicklungsländern nicht genug zu essen. 2012 waren es noch 15 Prozent. Hält der Trend an, sinkt die Zahl in diesem Jahr auf 12,2. Also ganz knapp über dem, was man erreichen wollte.

Haben die Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs), die jetzt von den Vereinten Nationen proklamiert werden, eine Chance verwirklicht zu werden? Sie kritisieren ja, dass die SDGs eine Art Wünsch-dir-was-Katalog seien.

Die MDGs funktionierten durch ihre Klarheit und Kürze – 374 Wörter, die die Welt veränderten. Diesmal haben die Vereinten Nationen im Vorfeld viele Akteure und Interessenvertreter in aller Welt befragt. Die SDGs werden Billionen Euro an Entwicklungsgeldern in bestimmte Richtungen leiten. Also versuchte jede Interessengruppe zu erreichen, dass ihr Thema im Schlussdokument erwähnt wird. Dabei kam eine Liste von 169 Zielen heraus, die 4369 Wörter umfasst. Manche sind ehrgeizig: etwa Tuberkulose und Malaria auszurotten. Manche sind speziell: den nachhaltigen Tourismus zu fördern. Und manche sind unmöglich zu erreichen: erschwinglichen Wohnraum für alle zur Verfügung zu stellen. Wer 169 Prioritäten setzt, kann auch gleich darauf verzichten. Allen alles zu versprechen gibt keine Richtung vor.

Aber bei weniger Zielen fallen wichtige Themen unter den Tisch.

Die finanziellen Ressourcen sind begrenzt. Mit den vorhandenen Mitteln kann man nicht alle Probleme in 15 Jahren lösen. Regierungen und internationale Organisationen müssen sich fragen: Wo können wir mit den vorhandenen Geldern am meisten Gutes tun? Die alternative Prioritätenliste des Copenhagen Consensus Centers löst nicht alle großen Probleme. Aber das tut keine Liste, die ein realistisches Budget zugrunde legt. Wenn Ziele schlecht ausgewählt werden, versickert Geld, ohne dass das Leben der Menschen sich verbessert. Investiert man das Geld in die 19 Prioritäten, die wir ermittelt haben, vervielfacht sich die Wirkung des Geldes. Ein Euro auf die 169 Ziele verteilt, erzeugt einen volkswirtschaftlichen Wert von sieben Euro. Dagegen bringt ein Euro Nutzen im Wert von 32 Euro, wenn man sich auf die CCC-Ziele beschränkt.

Wie können Sie diese Kosten-Nutzen-Relation so exakt beziffern? Das klingt nach Voodoo- Ökonomie.

Das ist es aber nicht. Nehmen wir ein Bei-spiel. Das größte Umweltproblem der Welt ist die Innenraum-Luftverschmutzung, also der Qualm, den die Menschen einatmen, wenn sie in ihrer Hütte auf offenem Feuer kochen und dabei Dung, Holz oder Pappe verbrennen. Das tötet laut Weltgesundheitsorganisation 4,3 Millionen Menschen im Jahr. Die Bereitstellung eines einfachen Kochherdes kostet 55 Euro. So ein Herd reduziert das Risiko, krank zu werden, um 45 Prozent. Mehr gesunde Lebensjahre bedeuten mehr wirtschaftliche Tätigkeit, wofür es statistische Werte gibt. Menschen, die gesund bleiben, erwirtschaften mehr Einkommen. Man muss aber auch die Kollateralschäden einrechnen, zum Beispiel geht mehr Rauch durch den Schornstein, wenn Menschen einen Herd benutzen, der ihnen nicht mehr die Hütte vollqualmt. Das verursacht Umweltschäden an anderer Stelle. Es stellt sich heraus, dass ein Euro, der in Kochherde investiert wird, Nutzen im Wert von zehn Euro stiftet.

Was macht Sie eigentlich so sicher, dass die Prioritäten, die das CCC ermittelt hat, ein Maximum an Effizienz darstellen?

Im vergangenen halben Jahr hat das CCC mehr als 100 durch Fachleute überprüfte wissenschaftliche Analysen erstellt, an denen 82 international renommierte Ökonomen beteiligt waren, dazu weitere 44 Spezialisten, Fachleute der Vereinten Nationen und von Nichtregierungsorganisationen. In diesen Analysen wurden die Ziele nicht nur auf ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis untersucht, sondern auch darauf, wie sie sich auf die menschliche Gesundheit, die sozialen Verhältnisse und die Umwelt auswirken. Ein Expertengremium, darunter zwei Nobelpreisträger, hat die Ergebnisse nochmals geprüft und die 19 besten herausgefiltert. Die Richtschnur war, dass jeder Euro Hilfsgeld von 2016 bis 2030 sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Nutzen im Wert von mehr als 15 Euro schaffen soll.

Einige Kritiker halten Ihren Ansatz für falsch. Sie werfen Ihnen vor, Probleme durch Wirtschaftswachstum lösen zu wollen. Dabei sei das Wachstum selbst das Problem, wie die globale Erwärmung zeigt.

Die Wachstumskritiker liegen falsch. Nehmen wir zum Beispiel den Taifun „Haiyan“, der die Philippinen verwüstete. Er tötete Tausende Menschen, weil der Sturm die Hütten der Armen einfach hinwegfegte. Dieses Muster ist bekannt: Derselbe Hurrikan, der im reichen Florida nur wenige Menschen tötet, bringt im armen Nicaragua Tausende um. Leider war nach Haiyan nicht Armut das große Thema der Meinungsführer, sondern globale Erwärmung und CO2-Reduktion. Dabei wurde völlig ausgeblendet, dass die Erwärmung nur einen sehr geringen Einfluss auf solche Unwetter hat. Weder auf den Philippinen noch weltweit nehmen Tropenstürme zu oder werden stärker. CO2-Verminderung ist also ein sehr ineffektives Mittel, um Menschenleben zu retten. Es würde viel mehr bringen, sich auf Armutsbekämpfung zu konzentrieren. Dann bekämen die Menschen stabilere Häuser, bessere Warnsysteme und Evakuierungspläne, Notfallrettung und Katastrophenhilfe. Deshalb bin ich für Wirtschaftswachstum.

Es ist aus Ihrer Sicht also verkehrt, den Entwicklungsländern durch Investitionen in Wind- und Solarenergie zu helfen?

In den vergangenen 30 Jahren sind in China 680 Millionen Menschen der schlimmsten Armut entkommen, weil China auf billige, aber leider umweltverschmutzende Kohle gesetzt hat. Den Chinesen zu empfehlen, auf teure und unzuverlässige Alternativen umzusteigen, ist nicht sehr aussichtsreich. Zu erwarten, dass China und Indien mit ihren immer noch 800 Millionen extrem armen Einwohnern zu Wind- und Solarenergie wechseln werden, ist Wunschdenken. Es ist leicht, Klimaschutz im Munde zu führen und sich moralisch überlegen vorzukommen, wenn der Strom jederzeit aus der Steckdose kommt. 1,3 Milliarden Menschen haben aber keinen Strom. Dem Bewohner eines Entwicklungslandes Licht und die anderen Vorteile der Elektrizität zu verschaffen, ist gemäß einer Studie des Center for Global Development mit Wind- und Solarstrom viermal so teuer wie mit Gasverstromung.

Wind- und Solarenergie sind in den vergangenen Jahren immer billiger geworden. Bald wird der Unterschied nicht mehr so groß sein.

Bis heute sind sie jedoch immer noch zu teuer. Das sehen Sie schon daran, dass diese Energieformen fast überall mit Subventionen am Leben erhalten werden. Laut Internationaler Energie Agentur (IEA) belaufen sich diese staatlichen Fördermittel auf 110 Milliarden Euro im Jahr weltweit. Wind- und Solarkraftwerke liefern global jedoch nur 0,4 Prozent der Energie. Viel Geld für wenig Strom. Selbst wenn alle Regierungen ihre grünen Versprechen erfüllen, wird der Anteil 2040 bei 2,2 Prozent liegen. Diese unbequeme Wahrheit dürfen wir nicht ignorieren. Statt Ineffizienz zu subventionieren, sollten die Industrieländer mehr Geld in Forschung und Entwicklung stecken, um bessere grüne Technologien zu entwickeln, die dann auch für Entwicklungs- und Schwellenländer attraktiv werden.

Sie konzentrieren sich stark auf soziale und humanitäre Entwicklungsziele. Unter Ihren 19 Prioritäten sind nur vier Umwelt-Ziele. Und das sind ganz andere als die, die wir aus den Medien kennen. Sind Umwelt- und Klimaschutz für Sie nicht wichtig?

Ich habe den Umweltschutz nicht vernachlässigt, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass wir uns auf die wichtigsten Dinge konzentrieren müssen. Innenraum-Luftverschmutzung ist wie gesagt weltweit der größte Umwelt-Killer, auch wenn die meisten Leute noch nie davon gehört haben. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung leidet unter einer furchtbaren Raumluft, die dem Konsum von zwei Päckchen Zigaretten täglich entspricht. Vergleichen Sie das einmal mit dem Problem der Klimaerwärmung. Die WHO geht davon aus, dass 141 000 Menschen jährlich an den Folgen der globalen Erwärmung sterben. Das sind drei Prozent der Toten, die auf das Konto der Innenraum-Luftverschmutzung gehen.

Und wie kommen Sie darauf, dass Kindergärten in Afrika hilfreich wären?

Wir wollen mit diesem sozialen Instrument die Grundlage für ein lebenslanges Streben nach Bildung legen. Unsere Analyse von Bildungszielen, durchgeführt von einem ehemaligen Weltbank-Ökonomen, zeigt: Den größten Effekt im Sub-Sahara-Afrika erzielt man, wenn die Vorschulerziehung ausgebaut wird. Es gibt gute Gründe, sich auf Vorschule und Grundschule zu konzentrieren. Kleine Kinder sind sehr aufnahmebereit. In diesem Alter gibt es noch keine kulturellen Vorbehalte gegenüber der Bildung von Mädchen. Die Eltern befürchten noch keine wirtschaftlichen Nachteile, denn die Kleinsten können nur wenig zum Familieneinkommen beitragen. Und frühkindliche Bildung ist billiger und hat Langzeiteffekte. Sie zahlt sich durch ein höheres Einkommen im späteren Leben aus.

Eine häufig angewandte Methode, den wirtschaftlichen Wert eines Menschenlebens zu berechnen, ist, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf mit 70 (durchschnittlichen Lebensjahren) zu multiplizieren. Folglich ist ein Mensch aus einem armen Land weniger wert als jemand aus einem reichen Land. Ist eine solche Kalkulation zu rechtfertigen?

Wir arbeiten mit einer anderen Formel. In den Berechnungen des CCC legen wir eine feste Summe für jedes Lebensjahr eines gesunden Menschen zugrunde – für alle Weltteile gleich. Weil es aber viel weniger kostet, ein Menschenleben in Afrika zu retten als etwa in Europa, ist es ökonomischer, sich auf die ärmeren Länder zu konzentrieren.

Glauben Sie, „gutes Regierungshandeln“ (good governance) sollte ein SDG sein? Ist das nicht ein viel zu unscharfer Begriff?

Die Erfahrungen mit den jüngsten Programmen der Weltbank hierzu zeigen, Ziele wie die „Substanzielle Verringerung von Korruption und Bestechung in allen ihren Formen“ hören sich großartig an, sind aber im Kern gut gemeinte Slogans mit wenig Inhalt. Die Effekte solcher Programme bei der Bekämpfung extremer Armut sind schwer fassbar.

Unsere Studien haben jedoch gezeigt, dass ein Ziel im Rahmen der „Good Governance“ empfehlenswert ist: die Erstellung einer verlässlichen Einwohnerstatistik, wie sie beispielsweise deutsche Einwohnermeldeämter führen. Dies hat zahlreiche positive Effekte. Nur ein Bürger, der auch registriert ist, bekommt Zugang zu den Leistungen seiner Kommune oder seines Staates und kann das Wahlrecht ausüben. Was wiederum die Verantwortlichkeit der Regierung erhöht und Armut verringert. Der Nutzen dieser Maßnahme deckte mindestens die Kosten. Es gibt aber in anderen Bereichen auch eine Vielzahl von Zielen, die einen höheren Nutzen versprechen. Wir müssen eben Prioritäten setzen.

Bill Gates sagt: „Das Leben der Menschen in armen Ländern wird sich in den kommenden 15 Jahren schneller verbessern, als dies jemals in der Geschichte der Fall war.“ Glauben Sie das auch?

Ja, aber das Ausmaß der Verbesserung hängt davon ab, ob wir die richtigen Ziele wählen. Deshalb haben wir ja die 19 Prioritäten des CCC überhaupt erarbeitet. Wenn gut belegte ökonomische Argumente helfen, auch nur ein schlechtes Ziel durch ein gutes zu ersetzen, können die Auswirkungen immens sein. Sie können Milliarden von Euros in die richtige Richtung umleiten, wo sie die zehnfache Wirkung entfalten. Deshalb ist es gut, dass die Kanzlerin Merkel die Ziele der Vereinten Nationen auf die Tagesordnung des G7-Gipfels im Juni gesetzt hat. Zusammen werden die Industrieländer in den kommenden 15 Jahren wohl an die 2,5 Billionen Euro Entwicklungshilfe leisten. Stellen Sie sich vor, dass Merkel die Teilnehmer dazu bringen könnte, 19 klare statt 169 schillernde Ziele auszuwählen. Der höhere Nutzen von etwa 35 Billionen Euro wäre äquivalent mit einem vollen Jahr zusätzlichen Einkommens für alle Entwicklungsländer. Das wäre wohl das größte Geschenk, das die G7 und andere Nationen der Welt für die kommenden 15 Jahre machen könnten. ---

Für welche Probleme reicht das Geld?

Der 50-jährige Statistiker und Buchautor Bjørn Lomborg („Apocalypse No!“) wurde 2004 vom Magazin »Time« zu einem der „100 einflussreichsten Menschen der Welt“ gewählt. In diesem Jahr gründete er das Copenhagen Consensus Center (CCC), in dem führende Ökonomen wie Jagdish Bhagwati, Finn Kydlands oder Vernon L. Smith an Kosten-Nutzen-Analysen zur Lösung der großen Menschheitsprobleme arbeiten. Die Experten ermitteln, welche Ausgaben zur Lösung der Probleme sich besonders auszahlen. Dabei ergeben sich Abweichungen zu den Prioritätenlisten, die die UN in ihren Millenniumszielen (Millennium Development Goals) und den als Nachfolgeprojekt forcierten Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals) festsetzten. Die CCC-Liste (copenhagenconsensus.com) konzentriert sich auf den Kampf gegen Mangelernährung bei Kindern, die mit den verfügbaren Mitteln um 40 Prozent reduziert werden könnte, die Halbierung der Malaria-Infektionen, die Reduzierung der Tuberkulose-Erkrankungen um 90 Prozent, die Zugänge zu Empfängnisverhütung für alle und eine Minimierung der weltweiten Handelshemmnisse. Gegen Armut hilft auch Gleichberechtigung – das Recht für Frauen, ein Geschäft zu betreiben oder Eigentum zu besitzen – und eine um zwei Jahre verlängerte Schulzeit für Mädchen in Entwicklungsländern. Dabei gibt es eine hohe Deckung mit den Prioritäten der Weltbevölkerung .