Partner von
Partner von

John C. Havens im Interview

Daten werden überall und rund um die Uhr gesammelt – warum nutzt man sie dann nicht, um sein Wohlbefinden zu steigern?, fragt sich der Technik-Autor John Havens.





brand eins: Herr Havens, wir können heute immer mehr und immer intimere Daten sammeln und auswerten. Was haben wir davon?

John Havens: Für die meisten Menschen geht es bei den eigenen Daten entweder um die Privatsphäre oder um die Geschäftsbedingungen der Internet-Wirtschaft. Der Einzelne zieht aus diesen Daten bisher kaum persönlichen Nutzen, obwohl man so viel über seine Ziele und Motivationen erfahren könnte. Egal ob ich auf Facebook oder Twitter etwas aktiv teile, mit einem tragbaren Pulsmesser passiv Daten sammle oder online einkaufe, speise ich mehrere Hundert Mal am Tag Details über mich in ein großes System ein, an dem viele Firmen Geld verdienen.

Das Wohlbefinden der Nutzer ist also bestenfalls ein Nebeneffekt.

Es könnte ein Haupteffekt werden, wenn man Kapitalismus anders definiert. Noch immer wird das Bruttonationaleinkommen als Indikator für den Zustand einer Gesellschaft verwendet, das wichtige Größen außen vor lässt. Bei der Umwelt haben wir das bereits begriffen. Ähnlich verhält es sich mit dem Wohlergehen der Menschen, die eine Volkswirtschaft ausmachen. Wir alle erzeugen tagein, tagaus detaillierte Datensätze, die auch helfen könnten, Depression oder chronischen Stress zu erfassen – und die könnte man wiederum direkt mit den Gesundheitskosten in Verbindung bringen. Man muss nur eins und eins zusammenzählen.

Soll ich mich wirklich mit Sensoren behängen, um mein Wohlbefinden zu steigern?

Wenn ich jemanden frage, was ihm oder ihr etwas wert ist, dreht sich die Antwort in der Regel ums Geld. Wir alle verwenden unglaublich viel Zeit auf unsere Finanzen. Wie oft aber stellen wir uns zum Beispiel die Frage, wofür wir dankbar sein sollten und ob wir anderen helfen? Dass wir das so selten tun, hat nicht nur mit den ökonomischen Notwendigkeiten zu tun – wir sind alle mit der Botschaft aufgewachsen: Je mehr Geld du verdienst, umso glücklicher wirst du sein. Stattdessen sollten wir uns Ziele setzen, die sich um das Warum im Leben drehen. Wer sich selbst optimieren will, muss sich keineswegs mit Sensoren behängen. Wenn meine Lieblings-Jeans plötzlich kneift, wird eine normale Hose zum Sensor für das achtsame Leben. Es geht nicht um Technik, sondern darum, dass wir das messen sollten, was uns wichtig ist. Erfassen, welche täglichen Handlungen unser Wohlbefinden erhöhen. Und es muss keine Apple Watch sein. Dazu reicht ein kleiner Notizblock, in dem ich mir aufschreibe, wofür ich dankbar bin. Das mag am Anfang nerven, aber es verändert die Sicht aufs eigene Leben.

Sie sagen, man kann nur messen, was man schätzt. Wieso?

Wie können Maschinen oder Algorithmen wissen, was uns wichtig ist, wenn wir selber keine Ahnung haben, was unsere Ziele oder Werte sind? Das muss am Ende jeder mit sich selbst abmachen. Der Sozialpsychologe Shalom Schwartz hat bei Menschen in aller Welt eine Liste universeller Werte ermittelt, aus der ich für mich zwölf herausdestilliert habe, die mir besonders wichtig erscheinen. Egal welche Liste man verwendet: Es geht darum, in Ruhe nachzudenken, welche fünf, zehn oder fünfzehn Dinge mir wichtig sind. Erst danach kann ich wirklich anfangen, mein Wohlbefinden zu messen und zu steigern.

Welche Werte sind Ihnen wichtig?

Zwei ganz wichtige Dinge im Privat- wie im Arbeitsleben sind Dankbarkeit und Altruismus. Das sind Kategorien, die ich immer, hier und jetzt, verwenden kann. Auch wenn ich mich gerade nicht gut fühlen sollte, steigert es das physiologische wie mentale Wohlbefinden, wenn ich mich dankbar zeige und großzügig gegenüber anderen verhalte. Da ich einen Tracker am Handgelenk trage, kann ich messen, wie mein Stress sinkt oder ob ich besser schlafe. Wenn wir solche Datensätze von vielen hätten, könnte man das Wohlergehen einer Gesellschaft oder Volkswirtschaft wirklich messen und daran arbeiten. Geräte und Sensoren können also ein nützliches Mittel zum Zweck solcher Selbstbeobachtungen sein.

Das klingt ein wenig nach Buddhismus plus Apple Watch.

Warum nicht? Unsere Fixierung auf das Bruttonationaleinkommen ist auch eine seltsame Philosophie. Allerdings mit gravierenden Mängeln. Da bevorzuge ich die Kombination von Buddhismus plus Sensoren.

Könnte das auch die Arbeitswelt verändern?

Es scheint so, wenn Firmen wie Google von Achtsamkeit und vom „Leben im Augenblick“ sprechen. Aber wenn man genauer hinsieht, steht dahinter als Ziel immer noch das wirtschaftliche Wachstum und nicht das reine Wohlbefinden. Wer Achtsamkeit propagiert, um den Gewinn zu steigern, hat damit sicher Erfolg, aber den Gedanken komplett falsch verstanden.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Ein Manager muss sich nicht ständig fragen, ob alle in seinem Team oder seiner Firma immer glücklich sind, sondern wie er dafür sorgen kann, seine Mitarbeiter mit ihren jeweiligen persönlichen Zielen in Einklang zu bringen. Ein gutes Beispiel ist ein Chirurg, der bei einer Operation alles um sich herum vergisst. Das heißt nicht, dass er jeden Augenblick genießt, aber unterm Strich steigt die Zufriedenheit, wenn man seine Fähigkeiten einsetzen kann. Altruismus ist ein zweiter wichtiger Aspekt am Arbeitsplatz. Wenn Person A nett zu Person B ist, dann lässt sich das nicht nur bei beiden an der Ausschüttung der Hormone Oxitocyn und Dopamin messen. Es färbt nachweislich auf alle Umstehenden ab.

Soll das heißen: Umarmt euch im Büro und bei Besprechungen?

Ganz so abwegig ist das nicht. Meetings sind oft dazu da, Dominanz zu zeigen und andere auf ihren Platz zu verweisen. Die Forschung hat gezeigt: Das steigert den Stress. Das lässt sich überall mit einem einfachen Pulsmesser nachweisen, vorausgesetzt, man kann seine Mitarbeiter davon überzeugen, in Besprechungen Sensoren zu tragen. Falls ja, kann man bald zum Chef gehen und mit Daten belegen, dass ein Kompliment an einen Kollegen zehn andere entspannt hat – und dass Kollege X schlichtweg gesundheitsschädigend ist.

Und das wollen Sie einem knallharten Chef schmackhaft machen?

Genau das geschieht in Ansätzen bereits und lässt sich mit betriebswirtschaftlichen Kennziffern korrelieren. Ein Vorstands- oder Finanzchef muss nicht einmal an irgendwelche Selbsthilfe-Romantik glauben. Er kann es ausprobieren und anhand seiner Kennzahlen mitverfolgen, wie glückliche Teams mit mehr Altruismus die Firma nach vorn bringen. Personalabteilungen werden zunehmend auf Daten wie die individuelle Herzfrequenz Zugriff haben, anhand derer sie belegen können, wie sehr jemand dem Klima und dem Geschäftsergebnis schadet.

Für viele ist das keine erfreuliche Vorstellung. Was passiert mit denen, die sich nicht rund um die Uhr messen wollen? Wer sich weigert, gerät unweigerlich in Verdacht oder wird ausgegrenzt.

Dieses Dilemma bereitet mir auch Kopfschmerzen. Aber seien wir realistisch: Die Welt hat bereits über unsere Köpfe hinweg entschieden, dass persönliche Daten wertvoll sind und gesammelt werden. Der große Schock steht uns in den kommenden fünf bis zehn Jahren bevor, wenn Augmented Reality zum Massenphänomen wird. Dann tragen wir Spezialbrillen und bekommen plötzlich Daten über uns und unsere Mitmenschen eingeblendet, von deren Existenz wir gar nichts wussten. Oder eine Firma wie Google zeigt bestimmte Dinge nicht an, weil sie einen Interessenkonflikt mit ihren Werbekunden hervorrufen würden. Trotz all dieser Probleme sehe ich es als enorme Chance an, meine eigenen Daten zu aggregieren und für eine bessere Lebensführung einzusetzen. Das schafft eine Art vernetzte Achtsamkeit.

Wie soll die aussehen?

Ich muss immer an die Warnschilder in der englischen U-Bahn denken: „Mind the gap!“ Eine solche fatale Lücke wie zwischen Zug und Bahnsteig klafft auch zwischen der Technik und unserem Leben. Man hängt beispielsweise am Smartphone und merkt nicht, dass das eigene Kind mit einem spielen will. Es gibt jede Menge solcher Lücken, in einem Unternehmen wie im Privaten. Man kann sich „Gap“ gut als Abkürzung merken. G wie Gratitude (Dankbarkeit), A wie Altruismus und P wie Purpose oder Sinn. Diese drei Werte lassen sich für den Einzelnen ebenso anwenden wie für eine Organisation – angefangen bei einem Tagebuch der Dinge, für die ich dankbar bin. Ein zweiter Schritt wäre, mich zu fragen, wie ich nicht nur besser mit mir, sondern mit anderen umgehe. Und wenn ich daran arbeite, dass ich – und andere – besser in ein Team passen, in dem wir unsere Werte leben und Ziele umsetzen können, erledigt sich die Sinnfrage von allein. ---

John C. Havens

beobachtet seit einem guten Jahrzehnt kritisch, aber zugleich konstruktiv die Internet-Kultur. In „Hacking Happiness“ (2014) versucht der ehemalige PR-Manager und Schauspieler aus New Jersey, die uralte Frage nach menschlichem Glück und Wohlbefinden mit der Verfügbarkeit neuer, vernetzter Technik im Arbeits- und Privatleben in Einklang zu bringen. Anfang 2016 wird sein Buch „Genuine“ zum Wohlbefinden in Zeiten der künstlichen Intelligenz erscheinen.

b1.de/havens_hackinghappiness