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Ein heilsamer Schock

Der Bürgermeister Michael Sack hat ein großes Ziel: Er will, dass seine Stadt nicht stirbt.





• Loitz in Mecklenburg-Vorpommern sieht nicht so aus, als würde hier die Zukunft erfunden. Die Kleinstadt, 2500 Einwohner, gut 20 Kilometer südwestlich von Greifswald, sieht aus wie viele dieser verschlafenen Städtchen auf dem flachen ostdeutschen Land, die seit der Wende schrumpfen. Beschaulich ist es hier, und sehr, sehr ruhig. Die Stärke-Fabrik wurde von einem westdeutschen Unternehmen gekauft und dichtgemacht. Die großen Landwirtschaftsbetriebe kommen mit einem Bruchteil der einstigen Belegschaften zu DDR-Zeiten aus. Wer Arbeit hat, pendelt nach Greifswald oder Stralsund. In den vergangenen 20 Jahren hat der Ort ein Drittel seiner Einwohner verloren. Wer das Muster einer schrumpfenden Gemeinde in einer strukturschwachen Region sucht, ist hier an der richtigen Adresse.

Für Michael Hüther ist die Kleinstadt mit ihren Nachbardörfern ein „Laboratorium“ der Zivilgesellschaft. Der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft schaut mit dem nüchternen Blick des Wissenschaftlers auf Loitz – schon weil „die Frage danach, in welchem gesellschaftlichen Raum wir leben, auch für die Ökonomie bedeutsam ist“. In Loitz lassen sich wie unter einem Vergrößerungsglas die Wechselwirkungen zwischen harten Faktoren wie Demografie und weichen Faktoren wie sozialer Zusammenhalt studieren. „Interessant ist“, sagt er, „dass sich Orte genau darin unterscheiden, ob und wie stark sich in ihnen bürgerschaftliches Engagement entwickelt. Diese Differenz entscheidet mit über ihre Zukunftsfähigkeit.“

Michael Sack und Eckhart Zobel wissen das. Der Bürgermeister des Städtchens Loitz und sein Kollege Zobel, als Amtsvorsteher des Amtes Peenetal / Loitz für die Dörfer im Umland zuständig, setzen auf Bürgersinn, um ihre Gemeinden am Leben zu halten. „Ohne den“, sagt Michael Sack, „haben wir irgendwann reine Schlaf-Dörfer.“

Um das zu verhindern, hat Sacks Stadtverwaltung alle möglichen Projekte initiiert, zum Beispiel eine kommunale Begegnungsstätte oder das „Kompetenzzentrum arbeitsloser Loitzer“. Notfalls geht der Bürgermeister auch etwas rabiater vor, zum Beispiel, um die Freiwillige Feuerwehr zu erhalten. Der gehen die Leute aus – ein „Riesenproblem“ für den Verwaltungsmann. Also schreibt er jetzt in die Ausschreibungen für offene Stellen der Stadtverwaltung, dass die Bereitschaft zur Mitarbeit in der Freiwilligen Feuerwehr „wünschenswert“ wäre. „Wünschenswert“ ist natürlich eine Untertreibung.

Wir haben ein Problem

Fragt man Sack und Zobel, wie sie versuchen, ihre Mitbürger zu mobilisieren, erzählen sie von einem Moment der Wahrheit. Die beiden Verwaltungschefs bewerben sich mit ihren Gemeinden gezielt bei Landes- und Bundesministerien für diverse Vorhaben. Nicht nur, weil das Geld in die Stadtkasse spült, sondern vor allem weil sie wissen, dass sich die Region Stillstand nicht leisten kann. Das Moro-Projekt („Modellvorhaben der Raumordnung“) des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung war so ein Impuls von außen. Es sorgte in Loitz vor zwei Jahren für einen heilsamen Schock.

Zu dem Pilotprojekt des Bundesverkehrsministeriums gehört, dass Wissenschaftler die demografische Entwicklung der Region analysieren. Ergebnis: Bis 2030 ist in Loitz und Umgebung jeder Zweite Rentner. Die Bevölkerung wird um 18 Prozent, die Zahl der Kinder und Schulkinder um 40 Prozent, die der Erwerbsfähigen um 37 Prozent zurückgehen. Kindergärten, Grundschulen, ärztliche Nahversorgung, Einkaufsmöglichkeiten, öffentlicher Nahverkehr, Müllabfuhr sind vielerorts kaum noch aufrechtzuerhalten. Eine sich selbst beschleunigende Spirale der Abwanderung ist so programmiert.

„Wir waren selbst überrascht vom Ergebnis der Studie. Als die Wissenschaftler das hier vorgestellt haben, herrschte Totenstille im Saal“, berichtet der Bürgermeister Sack. Diesen Schock-Moment haben er und Zobel in den vergangenen zwei Jahren genutzt, um die Bürger zu mobilisieren. „Wir wollten versuchen gegenzusteuern. Mit dem Ergebnis der Moro-Studie sind wir losgegangen und haben bei den einzelnen Ministerien weitere Fördermittel für neue Projekte beantragt. Damit konnten wir wieder viele Bürger aktivieren. Wir haben der Bevölkerung gesagt: Leute, wir haben ein Problem. Wenn nichts passiert, sind wir 2030 hier die Letzten, die das Licht ausmachen.“

Das Ziel war, produktive Unruhe in die Region zu bringen – zum Beispiel mit diversen Arbeitsgruppen zu möglichen Perspektiven. Am Anfang haben etwa 80 Bürger mitgearbeitet, in ihrer Freizeit, weil sie wissen wollten, wie es mit ihrer Gemeinde weitergehen kann. Partizipation ist hier keine Phrase, sondern überlebenswichtig. Auch das ist ein Grund dafür, dass sich der Wirtschaftswissenschaftler Hüther für Loitz interessiert. Er ist einer der Wissenschaftler, die im Auftrag der Bundesregierung an drei exemplarischen Orten dieses schwer fassbare „bürgerschaftliche Engagement“ untersuchen.

Energie durch Reibung

Ganz nebenbei entsteht in all den von Zobel und Sack initiierten Arbeitsgruppen, Initiativen und Projekten die wichtigste Voraussetzung für sozialen Zusammenhalt: der Austausch untereinander. Und dass in den Arbeitsgruppen viele Zugezogene mitgearbeitet haben – als Zugezogener gilt hier jeder, der nicht seit seiner Geburt hier lebt – dürfte kein Zufall sein. Davon ist jedenfalls Thomas Klie, Professor für Verwaltungswissenschaft in Freiburg und Leiter der Engagement-Studie („Sachverständigenkommission des Bundes zu bürgerschaftlichem Engagement“), überzeugt. „Engagement ist eine Strategie der Beheimatung, der Selbstintegration“, sagt er. Seine Empfehlung lautet: „Wir müssen lernen, in diese sozialen Architekturen zu investieren, ohne übergriffig zu sein. Man kann Begegnungsorte, Kristallisationspunkte schaffen, aber am Ende muss es sich aus den Gemeinden selbst entwickeln.“

Zum nötigen sozialen Austausch gehört die Begegnung zwischen den unterschiedlichen Milieus, die es im Dorf gibt. Der Sozialforscher Klie hat dafür die schönen Begriffe „Bonding“ und „Bridging“: Bindekräfte und der Brückenschlag, zum Beispiel zwischen dem alteingesessenen Landwirt und dem zugezogenen Akademiker. In einer der Arbeitsgruppen trafen etwa Bernd-Ulrich Gienke und Roland Gorsleben aufeinander. Gienke, seit 28 Jahren Pastor in Loitz, kennt so ziemlich jeden im Ort. Seine Autorität beruht auch darauf, dass er sich zu DDR-Zeiten von den Behörden wenig gefallen ließ. In seinem Pfarrhaus erklärt er einem, wie sich seine Stadt in den vergangenen Jahren verändert hat: „1989 hatten wir hier 64 Geburten, zwei Jahre später, nach der Wende, noch 30. Das hat sicher auch mit Zukunftsängsten zu tun. Wir werden uns, schon wegen des demografischen Wandels, viel mehr umeinander kümmern müssen.“

Gorsleben hat mit der Kirche und Autoritäten aller Art nichts am Hut. Der Aussteiger und Öko-Fundamentalist, der gern nackt über sein Grundstück rennt, hat sich in der Moro-Arbeitsgruppe mit dem selbstbewussten, eher konservativen Pfarrer angelegt – schon weil er die Kirche für eine „verbrecherische Organisation“ hält. Aber auch wenn sich Gorsleben im Dorf als Außenseiter fühlt, engagiert er sich auf seine Weise: indem er einen Naturlehrpfad anlegt, für eine kleine Dorfzeitung schreibt oder für den Gemeinderat kandidiert. Dagegen sein ist auch eine Form der Beteiligung. Der Pfarrer und der Aussteiger sind sich ziemlich uneinig. Aber beide wollen unbedingt etwas für ihren Ort tun. Wenn unterschiedliche Weltbilder aufeinanderstoßen, produziert das zumindest Reibungswärme. Besser, als wenn jeder nur seine Ruhe haben will.

Eltern retten die Grundschule

Görmin ist ein Dorf mit 900 Einwohnern, zehn Kilometer öst-lich von Loitz. Irgendwann gab es in der Grundschule nicht mehr genug Kinder für regulären Unterricht. Wäre es nach dem Ministerium und den Lehrern gegangen, hätte man sie geschlossen. Die Kinder hätten mit dem Schulbus nach Loitz pendeln müssen. Ihr Alltag hätte sich dorthin verlagert – zum Nachteil etwa für den Fußballverein in Görmin. Die Alternative war das rechtlich mögliche Modell einer Grundschule mit jahrgangs- und klassenübergreifendem Unterricht. Doch das stieß bei den Lehrern zunächst auf wenig Begeisterung.

„Viele Lehrer waren mit dem klassenübergreifenden Unterricht überfordert“, sagt Eckart Zobel. „Nur weil die Eltern sie unterstützen – bei den Arbeitsgemeinschaften, bei der Pausenbetreuung – gibt es die Schule noch. Wenn der letzte Kindergarten und die Grundschule zumachen, stirbt eine Gemeinde. Denn natürlich werden Eltern mit kleinen Kindern nicht in solch einen Ort ziehen. Die Grundschule in Görmin ist eine Keimzelle für die Vereine und das ganze kulturelle Leben im Dorf, das ist wichtig für den sozialen Zusammenhalt.“ Indem die Eltern ihre Grundschule gerettet haben, haben sie auch ihr Dorf stabilisiert. In den vergangenen Jahren ist es sogar durch Zuzüge von neuen Nachbarn, die an der Universität Greifswald arbeiten, wieder um ein paar Mitbürger gewachsen. „Bürger-Engagement hat Einfluss auf die demografische Entwicklung“, sagt Zobel.

Einer, der sich für die Schule und damit für seine Kinder eingesetzt hat, ist Christian Uhlemann – einen „Impulsgeber“ nennt ihn Eckart Zobel. Eine seiner Ideen war es zum Beispiel, Filmabende zu organisieren. Und weil er sich für die Schule so ins Zeug gelegt hat, nebenbei noch ein guter Handwerker ist und gerade einen Job brauchte, hat die Gemeinde Uhlemann gefragt, ob er nicht auf Minijob-Basis dort Hausmeister sein will. Gut für ihn, gut für die Schule, gut für die Gemeinde.

Pragmatische Alltagssolidarität

In Loitz und erst recht in den umliegenden Dörfern funktioniert vieles, was in Großstädten von kommerziellen oder öffentlichen Dienstleistern erledigt wird, nur durch Nachbarschaftshilfe und die Arbeit von Ehrenamtlichen – vom kulturellen Leben und der Frage, wie alte Leute in die nächste Kleinstadt zum Facharzt kommen, bis zum Nachbarn, der einem bei 20 Zentimeter Neuschnee mit seinem Trecker die Hofeinfahrt freiräumt. Diese „notwendige gegenseitige Hilfe schafft eine pragmatische Alltagssolidarität“, sagt Thomas Klie. Dahinter steht für den Wissenschaftler eine prinzipielle Frage: Was hält Gesellschaft zusammen, jenseits von Markt und Staat? Der Harvard-Soziologe Robert Putnam hat für die Ressource des sozialen Zusammenhalts den Begriff Sozialkapital geprägt: Beziehungen als kostbarer Besitz.

Wie Bürger sie nutzen, lässt sich in der Region gut beobachten. So bietet etwa die Evangelische Gemeinde Loitz für ältere Bürger mit der Hilfe von Ehrenamtlichen gegen Spenden einen Fahrdienst für Arztbesuche an. Mit dem ausgedünnten öffentlichen Nahverkehr sind die kaum zu bewältigen. Dabei bewegt sich die Gemeinde streng genommen rechtlich in einer Grauzone – schließlich hat sie keine Taxi-Konzession. Es gibt auch private Fahrgemeinschaften unter Nachbarn. „Das ist teilweise hart an der Grenze zu einem halb gewerblichen Beförderungsunternehmen“, sagt der Amtsleiter Zobel.

Bürokratische Hürden

Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, nennt Kommunalpolitiker wie Sack oder Zobel „Helden, die unsere Bürokratie aufbrechen“. Michael Sack beschreibt die Praxis so: Viele Regeln seien nicht so gemacht, dass sie unsere Probleme lösen. Stattdessen müssten wir uns so anpassen, dass wir uns nicht angreifbar machen und trotzdem zu einer Lösung kommen. Wir bräuchten größere Spielräume und andere Rahmenbedingungen als in einem urbanen Raum.

Der Gesetzgeber sorgt dafür, dass dem Bürgermeister die Probleme nicht ausgehen. Früher konnte er einem Arbeitslosen etwas Geld in die Hand drücken, der dann die Grünanlagen der Stadt in Schuss hielt. Heute ist das wegen des gesetzlichen Mindestlohns nicht möglich. Personal fest einzustellen oder eine Firma zu engagieren kann sich die Gemeinde nicht leisten. Also bleiben die Grünanlagen ungepflegt, und die Leute, die sich früher etwas dazuverdienen konnten, sitzen wieder zu Hause.

„Das war so ein halb ehrenamtliches Engagement“, sagt Michael Sack. „Gerade die Langzeitarbeitslosen konnten wir so einbinden. Das mache ich nicht mehr, ich will keinen Ärger mit dem Zoll wegen Unterschreitung des Mindestlohns. Auch in den Vereinen wird derzeit viel runtergefahren. Das Kompetenz-Zentrum arbeitsloser Loitzer zum Beispiel kann keine 8,50 Euro pro Stunde zahlen. Bevor man sich in die Gefahr des Rechtsbruchs begibt, lässt man es lieber. Vieles wurde früher über Tankgutscheine und Ähnliches geregelt. Das geht nicht mehr.“

Sack und Zobel gehen die Beispiele dafür, wie ihnen Regelungen das Leben schwer machen, nicht aus, auch nicht beim schwierigen Thema Personennahverkehr auf den verstreut liegenden, winzigen Dörfern. „Wir haben eigentlich genug Verkehr in der Fläche – Pflegedienste, Essen auf Rädern, die Apotheke, die ihre Medikamente liefert“, sagt der Bürgermeister. „Wir denken darüber nach, ob man über eine Art Mitfahrzentrale organisieren könnte, dass da auch Leute mitgenommen werden, wenn sie zum Beispiel zum Arzt müssen – vielleicht gegen eine kleine Bezahlung. Aber das ist rechtlich schwierig. Wir haben ein achtsitziges Feuerwehrauto. Das steht den ganzen Tag in der Garage. Man könnte einen Minijobber engagieren, der ein-, zweimal die alten Leute gegen kleines Geld zum Arzt oder zum Einkaufen fährt. Wenn ich das mache, bekomme ich sofort mit dem Taxigewerbe Ärger.“

Auch wenn sie versuchen, die medizinische Versorgung zu verbessern, bekommen es die Kommunalpolitiker mit robusten Verbänden und Regelwerken zu tun. In Loitz gibt es drei Allgemeinmediziner, drei Zahnärzte, zwei Apotheken. Zum Kreiskrankenhaus Demmin sind es zehn, zum Universitätsklinikum Greifswald zwanzig Kilometer. Sack würde Fachärzten der benachbarten Kliniken gern Räume für wöchentliche Sprechstunden zur Verfügung stellen, zum Beispiel für die Behandlung nach Operationen. Aber rechtlich darf ein Krankenhaus-Arzt keine Außensprechstunde halten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung will das nicht. Was in Großstädten sinnvoll sein mag, wird auf dem Land zur Zumutung – zum Beispiel die Regelung, dass auch in Praxisgemeinschaften Arzt und Physiotherapeut getrennte Eingänge haben müssen. „Das System ist so unflexibel, dass wir als kleine Gemeinde kaum dagegen ankommen können“, konstatiert der Bürgermeister.

Jetzt überlegt Sack, ob die Gemeinde die Fachärzte einmal die Woche für acht Stunden anstellen kann. Notfalls bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich über seiner Meinung nach unsinnige Regelungen hinwegzusetzen. Zum Beispiel im zur Grundschule Loitz gehörenden Hort für die Nachmittagsbetreuung von 145 Kindern. Die Gemeinde müsste rein rechtlich parallel zur Schule im Hort nach einem detaillierten Schlüssel eine bestimmte Zahl Toiletten und Räumlichkeiten vorhalten. Dass die Gemeinde für den Hort die Gebäude der Schule mitbenutzt, ist rechtlich heikel. Das gibt Sack gern zu. In seinen Augen spricht das aber nicht gegen seinen flexiblen Umgang mit den Vorschriften. Sondern gegen die Vorschriften.

„Engagement hat Voraussetzungen. Zum Beispiel, dass staatliche Regeln nicht kontraproduktiv sind“, sagt der Ökonom Michael Hüther. Er kann den Kommunalpolitikern mit ihrer Forderung nach größerer Flexibilität der gesetzlichen Rahmenbedingungen nur zustimmen: „Wir müssen sehr viel differenzierter denken – und den Akteuren vor Ort größere Spielräume ermöglichen.“

Thomas Klie, der Leiter der Engagement-Studie, sieht das ähnlich: „Die Variabilität von Lebenswelten bildet sich zu wenig in den Regularien ab. Wenn man solchen Orten eine Perspektive ermöglichen will, müssen wir Standards deregulieren. Ein zweiter Arbeitsmarkt wird wichtig für Aufgaben der Daseinsfürsorge. Das muss großzügiger gehandhabt werden.“

Wenn die kritische Masse fehlt

Christiane Hildebrandt sitzt in ihrem Wohnzimmer und fragt sich, wie lange es ihr Dorf noch geben wird. Die Beamtin im Ruhestand war früher ehrenamtliche Bürgermeisterin in Düvier. Das Dorf, 360 Einwohner in weit verstreuten Häusern, liegt knapp zehn Kilometer entfernt von Loitz. Die größten Arbeitgeber vor Ort sind Sozialträger, der öffentliche Dienst und eine Nachsorgeeinrichtung für Suchtkranke. Hildebrandt kennt sich aus mit den Zumutungen der Behörden. Deshalb hilft sie Langzeitarbeitslosen bei Formularen, füllt Pflegegeldanträge aus und ruft auch mal einen besonders begriffsstutzigen Sachbearbeiter an.

„Viele kommen mit dem Bus nicht zu den Behörden“, sagt sie. Wer zur Arbeitsagentur ins 25 Kilometer entfernte Greifswald muss und kein Auto hat, hat ein echtes Problem. Mittwochs geht Christiane Hildebrandt zu ihrer Handarbeitsrunde, sonst gibt es im Dorf noch eine Sportgruppe, den Reitverein und einmal im Jahr eine Blues-Nacht. Es hat lange gedauert, bis das Dorf Internetanschluss bekam. „Ich sehe schon die Gefahr, dass Düvier schrumpft und vergreist“, sagt sie. „Hier sind nur noch wenig Junge. Ich finde es toll, dass die Kita noch da ist.“

Eine Grundschule gibt es in Düvier schon lange nicht mehr, genauso wenig wie einen Bäcker. Jetzt kommt einmal die Woche ein Bäckerei-Wagen und einmal im Monat ein Friseur. Die Post-Außenstelle im Dorfladen Konsum wurde mit der Eingemeindung zu Loitz abgeschafft. Wenn die Betreiberin des kleinen Dorfladens irgendwann in Rente geht, wird auch dieses Geschäft schließen – es sei denn, der Dorfgemeinschaft fällt etwas ein. ---