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Part Time Scientists: Robert Böhme

Früher traute man ihm nicht viel zu. Heute greift Robert Böhme nach den Sternen. Die Geschichte eines Ausnahmetalents.





• Die Reise zum Mond beginnt mit einem Unfall. „Ich muss dem Opa bis heute dankbar sein, der mir hinten draufgefahren ist“, sagt Robert Böhme. Das Auto hatte der IT-Sicherheitsexperte von seinen Eltern geschenkt bekommen. 16 000 Euro überwies die Versicherung für den Totalschaden. „Das Geld lag nutzlos auf dem Konto herum. Und dann mailte ein Freund mir einen Link zu dem Google-Wettbewerb für eine private Mondmission mit einem Startgeld von 10 000 Dollar.“ Sieben Jahre ist die Mail alt. Böhme hat sie noch gespeichert. 22 Jahre alt war er damals – „und wohl ziemlich naiv“.

Naivität plus etwas Kapital scheinen keine schlechten Voraussetzungen für eine private Mondmission zu sein. Im April hat Google 750 000 Dollar an den Berliner überwiesen – als Meilenstein-Preisgeld in einem Wettbewerb, in dem insgesamt 30 Millionen Dollar Preisgeld zu gewinnen sind – allerdings auch fast ebenso viel Geld aufzubringen ist, um die Aufgabe zu lösen. Sie lautet: Lande mit einem kleinen Fahrzeug auf dem Mond, fahre mindestens 500 Meter und funke Live-Bilder in hoher Qualität zur Erde.*

Mannschaftssport für Nerds

Es ist Samstagmorgen. Auch dieses Wochenende gehört der Mission. Die aktuelle Zwischenetappe führt Böhme vom Berliner Hauptbahnhof ins Institut für Eingebettete Systeme der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Dort steht ein knapp ein Meter langes und 70 Zentimeter breites Fahrzeug, im Fachjargon Rover genannt. Es heißt Asimov, benannt nach dem russisch-amerikanischen Science-Fiction-Schriftsteller. Böhme spricht oft vom „Kollegen“ – und meint damit das Fahrzeug, nicht den Autor. Kollege Asimov ist ein sich selbst steuerndes, solargetriebenes Vehikel mit Kamera und jeder Menge Sensoren. In ihm stecken rund 80 Mannjahre unbezahlte Entwicklungsarbeit sowie Material und Fremdentwicklungsleistung im Wert von rund 250 000 Euro. In spätestens zwei Jahren soll der Rover mit einer russischen Trägerrakete von der Basis Jasny aus zum Mond fliegen.

Wie fand Böhme sein Team aus Weltraum-Enthusiasten? Wie finanzieren sie die Entwicklung? Was sind die nächsten Schritte zum Raketenstart? Und was soll es bringen, wenn Privatleute ein Fahrzeug zum Mond schicken? Böhme hat vieles zu erklären. Kai-Uwe Gösicke, sein ehemaliger Mathematik-, Physik- und Informatiklehrer sagt: „Eine besondere Fähigkeit von Robert ist es, sich mit logischen Schritten einem Problem anzunähern.“ So habe er auch „seine kommunikativen Fähigkeiten immer weiter entwickelt“. Die waren ihm nicht in die Wiege gelegt. Dazu später mehr.

Böhme tastet sich zunächst mit einer sehr einfachen Antwort auf die große Frage nach dem Warum vor: „So blöd es klingt: Wir wollen gewinnen.“ Dann holt er weiter aus und fliegt in Gedanken zurück ins Jahr 2007.

Die Mail mit dem Link zum „Google Lunar X Prize“ erreichte ihn fünf Tage vor Bewerbungsschluss. Vier Tage lang sprach er mit Freunden, die seine Faszination für komplexe IT-Probleme, Robotik, Raketentechnik und die Geheimnisse des Weltraums teilten. Man fachsimpelte über ballistische Flugbahnberechnungen, die Wirkungsgrade von Solarzellen auf dem Mond und die Preislisten von russischen Raumfahrt-Dienstleistern. Dann füllte Böhme in einer langen Nacht die umfangreichen Bewerbungsunterlagen aus. Bei „Team-Name“ gab er „Part Time Scientists“ an, weil es sich um ein ambitioniertes Freizeitprojekt handeln musste. Am Morgen überwies er die 10 000 Dollar Startgeld von seinem dank Auffahrunfall gut gefüllten Privatkonto ins Silicon Valley und lud seine Freunde zu einer Grillparty ein. Im Mittelpunkt der Feier stand ein Whiteboard. Auf dem notierte der „Team-Leader“ der Part Time Scientists erste Ideen zur Vorgehensweise.

Aus der Partygesellschaft rekrutierte sich der erste harte Kern, der über die Jahre auf ein gutes Dutzend Mitstreiter anwuchs. „Harter Kern sind die, die immer da sind, wenn du sie brauchst“, sagt Böhme. „Das sind die, die nie auf die Uhr schauen. Die kein Wochenende kennen. Und die nicht still sitzen können, bevor sie ihr Problem gelöst haben.“ Darunter sind Ingenieure, Programmierer, Physiker, Mathematiker und Techniker, unter anderem ein Spezialist für zahnmedizinische Gerätschaften. „Die Metalle der Bohrer werden in extremer Form gehärtet“, erklärt Böhme. „Genau die gleichen Anforderungen müssen bestimmte Teile in unserem Landemodul erfüllen.“

Die Faszination Weltraum öffnet auf der Erde viele Türen. In den vergangenen Jahren hat Böhme ein Netz geknüpft, das er „den zweiten Ring“ nennt. Rund 50 Personen steuern Wissen, Material oder Zugang zu Räumen, Maschinen oder Testlaboren bei. Die Raumfahrt ist der Mannschaftssport der Ingenieure, und Böhme scheint ein guter Trainer zu sein. Die 750 000 Dollar von Google bei den sogenannten Meilenstein-Preisen bekam das Team, weil Asimov umfangreiche Simulationstests in den Laboren des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt mit Bravour bestanden hatte. Auf der Rangliste der aussichtsreichsten Mannschaften rangiert die deutsche mit zwei US-Teams sowie einer indischen und einer japanischen Truppe seit Jahren unter den Top fünf.

Seine Ideen sind verwegen. Aber nicht abwegig

Asimov sieht aus wie ein zu groß geratenes Spielzeug. Auf seinem Rücken sind Solarzellen montiert. Ein schwenkbarer Kamerakopf soll die Mondoberfläche sondieren, Tests in Vulkankratern auf Teneriffa haben schon hervorragend geklappt. Das Fahrzeug steht in der TU Harburg auf einer Holzkiste und wartet auf den Umzug nach Berlin-Hellersdorf. Das Meilenstein-Preisgeld erlaubt einen Professionalisierungsschub: Ein 150-Quadratmeter-Büro mit eigener Werkstatt ist angemietet. Als Geschäftsführer der Part Time Scientist GmbH hat Böhme gerade die Arbeitsverträge der ersten beiden Vollzeit-Mitarbeiter unterzeichnet.

Mit Karsten Becker, bislang Doktorand am Institut für Eingebettete Systeme, und dem ehemaligen Spiele-Entwickler Thomas Kunze diskutiert Böhme die Vor- und Nachteile von Rädern aus Spritzguss im Vergleich mit Rädern aus einem 3-D-Drucker. Es fallen Sätze wie: „Über welchen Vektor sind wir jetzt noch mal bei diesem Thema gelandet?“ Oder: „Da könnte eine Lichtfeldkamera-Komponente weiterhelfen.“ Man wähnt sich in der Nerd-Kult-Comedy „The Big Bang Theory“, doch dann sorgt die Rückfrage „Warum macht ihr das noch mal?“ wieder für Ernsthaftigkeit.

Die drei wechseln in einen Seminarraum, Böhme tritt ans Whiteboard, „um die Gedanken ein wenig zu systematisieren“. Schnell wird deutlich: Eigentlich ist der Google-Wettbewerb nur noch Nebensache. Das Team treibt auch nicht das astronomisch hohe Preisgeld an, das ja nur fällig wird, wenn die Mission erfolgreich vor der Konkurrenz durchgeführt wurde. Denn: „Mit dem Geld kannst du sowieso nicht kalkulieren.“

Thomas Kunze sagt, dass er „erstens in einem eigenen Unternehmen selbstbestimmt und agil arbeiten“ möchte. Zweitens wolle er „coole Technologien entwickeln, die sich nicht nur im Weltraum nutzen lassen, sondern auch auf der Erde echten technischen Mehrwert bringen“. Dieses Ziel hat das Team schon mindestens einmal erreicht. Die Weltraum-Kamera von Asimov ist so gut gegen radioaktive Strahlung geschützt, dass sie nach einer Kernschmelze in einem Atomkraftwerk Bilder zu einem Krisenstab senden könnte. „In Fukushima hätte man solch eine Kamera gut gebrauchen können“, sagt Kunze. Er soll sich in den kommenden Monaten um die Vermarktung von Lizenzen kümmern. Drittens wolle er „etwas anderes hinterlassen als nur Code für Computerspiele“.

Karsten Becker hat einen zweijährigen Sohn: „Mit dem möchte ich eines Tages auf dem Mond spazieren gehen.“ Und dann möchte er sagen können: „Wir haben dazu beigetragen, dass dies möglich ist.“ Er zitiert aus dem Science-Fiction-Film „Interstellar“ den Satz: „Die Menschheit wurde auf der Erde geboren. Sie war nie dazu bestimmt, hier zu sterben.“ Es folgt ein längerer Vortrag, warum dies kein esoterischer Unsinn sei, sondern es sinnvoll wäre, „eine Sicherheitskopie der Menschheit auf dem Mars abzulegen. Die Dinosaurier hatten diese Kopie nicht. Wir können uns diese Möglichkeit erarbeiten.“ Eine private Raumfahrt-Mission für weniger als 30 Millionen Dollar wäre ein wichtiger Zwischenschritt, „das Tor zum Weltraum endlich weit aufzustoßen“. Das ist weitgehend Konsens unter Fachleuten.

Was zählt, ist der Wille, es zu machen

Die staatlichen Raumfahrt-Agenturen arbeiten langsam und extrem teuer. Einen Rover auf den Mars zu schicken kostet den amerikanischen Steuerzahler 2,5 Milliarden Dollar. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst macht prima Raumfahrt-PR mit Schaltungen von der Internationalen Raumstation ISS in die „Sendung mit der Maus“. Doch fachkundige Beobachter haben den Eindruck: Wirklich vorangekommen ist die Weltraumforschung in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht. Ziel der Lunax X Prize ist es, die Kosten für Raumfahrt radikal zu senken. Nur dann wären ambitionierte Erkundungen im Weltall möglich. So sehen auch Böhme & Co ihre Mission als Etappenziel. Sie erwarten nicht, dass Asimov sensationelle Erkenntnisse nach Hause schickt. Der Wettlauf zum Mond soll vielmehr beweisen: Das All lässt sich auch mit preiswerter Technik erkunden. Neue, ambitionierte Ziele sollen anvisiert werden.

„Wie können wir die wertvollen Ressourcen im All nutzen?“, fragt Becker. „Und wo ist die roboterbetriebene Raketenstation auf dem Mond, von der aus Missionen viel günstiger starten können?“ Auch diese Ideen sind nicht abwegig. Auf dem Mond gibt es Wasser. Mit Sonnenenergie lässt sich daraus Wasserstoff abspalten. Wasserstoff ist der Treibstoff für Raketen. Im Staub des Mondes findet sich Eisen und Silizium. Die Teilzeitwissenschaftler überlegen, wie sie Asimov mit einem kleinen 3-D-Drucker ausrüsten können. Der soll beweisen, dass sich aus Mondstaub Raketenbauteile drucken lassen. Eine Rakete, die vom Mond startet, muss viel weniger Anziehungskraft überwinden und keine Atmosphäre durchstoßen. Der Mond wäre ein geeignetes Sprungbrett für unbemannte Raumfahrt in weitere Gefilde des Universums.

Robert Böhme hat sich in der Diskussion zurückgenommen. Er fasst vieles am Ende noch einmal am Whiteboard zusammen und ergänzt: „Zum Mond möchte ich persönlich nicht. Sein Plan sei es, noch eine Weile in seinem Hauptjob zu bleiben, um sein Projekt weiter zu subventionieren, so wie er es in den vergangenen sieben Jahren mit ungefähr 150 000 Euro getan hat. Seine Botschaft lautet: „Da draußen gibt es Chancen, die wir heute erkunden können. Wenn wir es schaffen, für weniger als 30 Millionen auf den Mond zu fliegen, dann könnt ihr es auch.“ Dann sagt Böhme etwas, das nur versteht, wer seine Biografie kennt. „Was qualifiziert mich, so eine Mission anzuführen? Nichts.“ Er schaut kurz nach unten wie oft im Gespräch. Und fügt an: „Das Einzige, was ich für diese Mission mitbringe, ist der Wille, es zu machen.“

Ein verkannter Hochbegabter …

Als er elf Jahre alt war und in die sechste Klasse ging, entschied seine Klassenlehrerin: Dieser bockige Junge gehört auf die Hauptschule! Sie hielt den Besuch einer weiterführenden Schule für nicht gerechtfertigt.

„Ich bin stolz, dass Robert mein Schüler war“, sagt Kai-Uwe Gösicke langsam und leise, als ob ein Lehrer so etwas nicht sagen sollte. Dann lacht er: „Vermutlich werde ich in ein paar Jahren noch viel stolzer sein.“ Gösicke unterrichtet noch immer Mathematik, Physik und Informatik an der Georg-Klingenberg-Schule in Berliner Bezirk Hellersdorf. Als „der Robert“ 1998 in seine siebte Klasse kam, war die Schule eine Realschule mit naturwissenschaftlich-technischem Profil und gutem Ruf. Roberts Eltern hatten sich gegen die Hauptschul-Empfehlung der Grundschulpädagogen gewehrt und immerhin erwirkt, dass ihr Sohn eine Chance für die mittlere Schullaufbahn bekam. „Robert war außergewöhnlich groß und im Sozialverhalten etwas ungelenk“, erinnert sich Gösicke. „Ihm fehlte noch Selbstvertrauen. Und in Mathe hatte er am Anfang tatsächlich einige Defizite.“

In den kommenden drei Jahren konnte der Lehrer dann verfolgen, wie sich der große Ungelenke mit dem fehlenden Selbstvertrauen mit Riesenschritten weiterentwickelte. Die Defizite in Mathematik glich er relativ schnell und „wohl auch mit Nachhilfe“ aus. In Physik sei er immer gut und hellwach gewesen. „Aber er war eben auch kein Schüler, der alles mit links macht.“ Auffällig waren vor allem „seine Geradlinigkeit und Zielstrebigkeit“. Das half in Informatik noch mehr als in anderen Fächern. „Da war Robert den anderen bald meilenweit voraus.“

In seinem Kinderzimmer baute Robert in jener Zeit die komplette Hardware auf, mit der Telekommunikationsanbieter die Verbindung ihrer Kunden in ein DSL-Netz herstellen. Sich selbst in ein eigenes Netzwerk einzuwählen, in dem man nur mit sich selbst kommunizieren kann, ist ein sehr spezieller Spaß, der viel Fleiß voraussetzt. Beim Programmieren half ihm eine Spezialbegabung, die Gösicke algorithmisches Denken nennt. Das heiße: „In logischen Schrittfolgen denken. Große Probleme in sinnvolle Teilprobleme zerlegen, die einzeln abgearbeitet werden können. Ein gewisses Maß an Experimentierfreudigkeit und konsequente Fehleranalyse.“

Mit dieser Begabung wechselte Robert Böhme nach Abschluss der Realschule zunächst auf eine private IT-Fachschule. Die verließ er als 18-Jähriger und als Einziger in Deutschland, der alle Microsoft-Programmierer-Zertifikate der höchsten Stufe besaß. Seit seinem 19. Lebensjahr schützt er als Mitarbeiter einer hoch spezialisierten IT-Sicherheitsfirma die Computernetze des Bundeskanzleramts und verschiedener Bundesministerien – inklusive der Mobilfunkgeräte einiger Spitzenpolitiker. Und führt das Part-Time-Scientist-Team. Er hat das große Ganze im Blick. Überlegt, wie sich welche Teilaufgaben der Mission am schnellsten voranbringen lassen und wie die rund 70 Weltraumfanatiker aus fünf Ländern so zusammenarbeiten können, dass Asimov vor der Konkurrenz seine Bilder vom Mond Richtung Erde schickt.

Für diesen Job braucht es mehr als Informatiker-Denken. „Dass Robert so eine Führungskompetenz entwickelt, hätte auch ich nicht erahnen können“, sagt sein ehemaliger Lehrer. Auch einen legendären Nasa-Mann gewann Robert Böhme mit sozialer Intelligenz.

… und ein 80-jähriger Crack von der Nasa

Jack Crenshaw hat für die Apollo-Missionen die Flugbahnen berechnet. Später rechnete er ballistische Formeln für die Space-Shuttles und das Hubble-Teleskop. Heute macht er das Gleiche für das deutsche Team beim Lunar X Prize. Die amerikanischen Konkurrenten kamen nicht auf die Idee, den 80-Jährigen anzusprechen. In Böhmes Kreis gab es einen losen Kontakt zu dem Senior in Florida unweit von Cape Canaveral. Als sie Crenshaw fragten, ob der an einem Wettlauf zum Mond teilnehmen wolle, hätte er „am liebsten einen Luftsprung bis in die Stratosphäre gemacht“.

Crenshaw sitzt noch jeden Tag acht bis zehn Stunden am Schreibtisch. Man kann ihn jederzeit per Skype erreichen. Im Bildfenster erscheint dann ein Gesicht mit Hornbrille und weißem Bart. Im Hintergrund krächzt ein Kakadu.

„Oh boy, ist der jung“, dachte Crenshaw, als er Robert Böhme das erste Mal traf. „Das wird sicher ein netter Spaß, ich kann mein Wissen einbringen, und die behandeln mich mit sehr viel Respekt. Als einer von ihnen und nicht als alten Knacker, den keiner mehr braucht.“ Nach ein paar Monaten merkte er: „Die meinen das echt ernst. Und die können was. Und dieser Robert treibt sie alle mit einer Energie vor sich her, die vielen bei der Nasa echt gut täte.“ Crenshaw traut Böhme viel zu. „Der wird auch das nötige Geld noch auftreiben.“ Das sind laut Projektplan 27,5 Millionen Euro.

Werden sie es tatsächlich schaffen?

Böhme erzählt die Geschichte seiner privaten Mission zum Mond so, wie er Probleme angeht. Er präsentiert dem Zuhörer logisch aneinandergereihte Schrittfolgen. Die Geschichte ist gespickt mit technischen Details. Und frei von Zweifeln. „Die Flugzeit vom erdnahen Orbit zum mondnahen Orbit wird fünf Tage dauern.“ Kurze Pause. „Das Landemodul wird im Zwei-Stunden-Takt die Landestelle im Taurus-Littrow-Krater umrunden, bis der Landevorgang ausgelöst wird. Der Aufsetzen wird dann bei komplett ausgeschalteten Triebwerken mit fünf Meter pro Sekunde erfolgen.“ Kurze Pause. „Asimov wird nicht mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 3,6 Kilometern pro Stunde fahren. Die Bilder, die er senden wird, werden um Faktor acht über der von Google geforderten Bildqualität liegen.“ Aber Böhme weiß natürlich, dass er seine Reise in die Zukunft der privaten Raumfahrt eigentlich im Konjunktiv erzählen müsste.

Es wäre so schön, wenn alles so käme. Denn dann würde ein charismatischer Nerd beweisen, dass das scheinbar Unmögliche möglich wäre. Das ist denkbar, aber natürlich alles andere als sicher. Die Part Time Scientists müssen noch viele technische Probleme lösen, die für eine kleine GmbH mit ihrem Unterstützerkreis möglicherweise nicht lösbar sind. Auf die Frage nach ihren Motiven haben sie mehr Antworten parat als unser Sonnensystem Monde. Aber die Frage nach dem Geld ist schwieriger zu beantworten. Mit den 750 000 Dollar Zwischenpreisgeld schafft man es nicht ins All. Woher sollen die 27,5 Millionen Euro kommen, die aus dem Plan eines Berliner Informatikers tatsächlich die erste privat finanzierte Mondmission der Raumfahrtgeschichte machen könnten?

„Informatiker sind Pessimisten. Ich denke immer in Worst-Case-Szenarien“, sagt Böhme. Er ringt mit sich, wie viel er sagen darf. „Ich glaube es erst, wenn das Geld auf dem Konto ist. Aber wir haben einen Hauptsponsor gefunden.“ Wie viel zahlt der? „Es geht um einen hohen einstelligen Millionenbetrag.“ Wer zahlt so viel? Robert Böhme ringt wieder mit sich. „Ein deutscher Technologie-Konzern.“

Warum? „Weil die verstanden haben, dass wir auf der Erde nur noch technisch optimieren können. Wirklich Neues werden wir nur im All finden.“ ---

Der Wettbewerb

Wie könnten Menschen Ressourcen auf dem Mond erschließen? Und lassen sich die Kosten der Raumfahrt durch Privatunternehmen radikal senken? Diese beiden Fragen stehen über dem Wettlauf zum Mond. Initiiert wurde er von der X Prize Foundation. Die US-Stiftung mit dem Zweck, technische Entwicklungen zu beschleunigen, hatte Mitte des vergangenen Jahrzehnts den Eindruck: Die Menschheit hat das Interesse am Erdtrabanten verloren. Ursprünglich wollte die Nasa das Rennen mit 20 Millionen Dollar sponsern. Im Zuge eines großen Sparprogramms zog sie sich aber zurück. Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, beide Raumfahrt-Enthusiasten, sprangen ein und lobten zudem mehrere Zusatzpreise aus. Ursprünglich sollte der Wettbewerb nur bis zum 31.12.2014 laufen. Die Frist wurde nun um zwei Jahre verlängert, vorausgesetzt, ein Team kann bis Ende dieses Jahres einen konkreten Termin für einen Start nennen.

Insgesamt sind 30 Millionen Dollar zu gewinnen. Den Hauptpreis von 20 Millionen Dollar erhält das erste Team, das einen Rover auf dem Mond landet, mit diesem 500 Meter fährt und Bilder und Daten in einer definierten Qualität auf die Erde übermittelt. Das zweite Team, das diese Aufgabe erfüllt, bekommt fünf Millionen Dollar. Zusatzpreise im Wert von insgesamt weiteren vier Millionen Dollar gewinnen Teams für bestimmte technische Leistungen – zum Beispiel wenn ihr Rover eine Mondnacht überlebt. Der mit einer Million Dollar dotierte Heritage-Preis geht an diejenigen, die Überreste der Apollo-Missionen finden und filmen. Dagegen protestieren zurzeit Archäologen. Sie befürchten, dass historische Orte beschädigt werden könnten.

18 Teams erfüllten die Teilnahmekriterien und durften mitmachen. Weil die Aufgabe schwieriger ist als gedacht, führte Google zusätzlich die Meilenstein-Preise ein. Ende vergangenen Jahres bekamen so vier Teams eine Finanzspritze von insgesamt fünf Millionen Dollar. Zwei Teams – ein amerikanisches und ein japanisches – haben konkrete Startpläne mit dem Unternehmen SpaceX des Tesla-Gründers Elon Musk angekündigt. Beobachter gehen davon aus, dass insgesamt noch fünf Teams realistische Chancen haben, das Rennen zum Mond zu gewinnen.

Der Lunar X Prize steht in der Tradition des Orteig-Preises. Den hatte 1919 ein New Yorker Hotelier für den ersten Direktflug eines Einzelpiloten von New York nach Paris ausgelobt. 1927 gewann Charles Lindbergh die 25 000 Dollar Preisgeld. Beim Lunar X Prize dürfen maximal zehn Prozent der Kosten einer Mission durch staatliche Organisationen gefördert werden. Der Wettbewerb will explizit Unternehmertum im All fördern. Die »Washington Post« nannte das Unterfangen „einen kleinen Schritt für einen Menschen. Und einen Riesenschritt für die Kommerzialisierung des Mondes.“