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Brutto gleich netto

Vor dem Finanzamt sind alle gleich – es sei denn, man ist Steuerausländer in Großbritannien.





• William Pitt dem Jüngeren war das Gesetz nicht geheuer. Aber er hatte keine andere Wahl. König George III. hatte ihn 1783 zum Premierminister gemacht und ihm ein Land mit 250 Millionen Pfund Schulden überlassen. Als Pitt dann bald darauf auch noch gegen Napoleon Krieg führen musste, halfen nur noch unpopuläre Maßnahmen: 1798 führte er die erste Einkommensteuer in Großbritannien ein.

Wer mehr als 200 Pfund im Jahr verdiente, musste fortan zehn Prozent davon an den Staat abgeben. Doch selbst der Premier meinte, das Gesetz stünde „im Widerspruch zu den Bräuchen und Gepflogenheiten der Nation“.

Und so hielten es auch die Steuerpflichtigen. 1853, mehr als 50 Jahre später, gab die Regierung den ersten Bericht über die Zahlungsmoral der Bürger in Auftrag. Die Prüfer kamen zu dem Ergebnis, dass die „hinterzogene Steuer-Summe beträchtlich ist“. 1872 schließlich wagten sie sich an eine Schätzung. Ergebnis: 1,5 Millionen Pfund seien hinterzogen worden, rund 40 Prozent des Steueraufkommens.

Dabei war der Staat durchaus entgegenkommend. Zur Zeit des Empire verließen viele Briten ihre Heimat. Als Arbeiter, Kaufleute oder Beamte zogen sie nach Indien, Ceylon oder Trinidad und Tobago. Damit die Kolonien der Weltmacht nicht zur Last fielen, versuchte die Regierung in London, Anreize für Unternehmen zu schaffen, in den fernen Ländern zu investieren. Daher wurden Gewinne aus Geschäften in den Kolonien nicht besteuert, sofern sie nicht zurück ins Land überwiesen wurden. So entstanden profitable Unternehmen.

Allerdings nicht nur in den Kolonien. Auch in Frankreich. 1872 entdeckten britische Steuerfahnder in Paris Wechselstuben, deren Mitarbeiter unfassbar reich waren, zumindest auf dem Papier. In einem Bericht schilderten die Beamten ihre Eindrücke von einem Besuch: „Der erste dieser Millionäre war ein einfacher Büroangestellter in einer Wechselstube. Er lebte in einem Apartment, das 16 Pfund Miete im Monat kostete, und seine Frau arbeitete als Schneiderin.“ Der Mann verwaltete das Geld von britischen Kunden. Die hatten ihre Aktien nach Paris gebracht und bei der Wechselstube gelagert. Dadurch waren die bezahlten Dividenden steuerfrei.

Im Jahr 1914 versuchte der Finanzminister David Lloyd George dieses Schlupfloch zu stopfen – und öffnete ein neues, deutlich größeres. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs brauchte er Geld und verkündete: „Künftig werden auch Einkommen von Männern besteuert, die reich genug sind, ihr Geld im Ausland zu belassen.“ In anderen Worten: Alle, die in Großbritannien niedergelassen sind, mussten künftig ihr gesamtes Einkommen dort versteuern, ganz gleich, wo das Geld verdient wurde.

Eine Einschränkung ließ er aber zu. Das britische Kolonialreich hatte eine Klasse reisender Unternehmer hervorgebracht. Und Lloyd George glaubte, es sei unfair, Leute zu besteuern, die sich nur für wenige Wochen, Monate oder Jahre auf der Insel aufhielten, sich sonst aber woanders zu Hause fühlten – meist in einer Kolonie, die ebenfalls Einkommensteuer einzog.

Daher nahm er einen Zusatz in das Gesetz auf: „Derjenige Bürger des Empire, der in einer unserer Kolonien lebt und nicht in diesem Land ansässig ist, muss diese Steuer nicht bezahlen.“ Das hatte zur Folge, dass es Briten gab, die in Großbritannien lebten und dort ihr Einkommen versteuern mussten. Und es gab Briten und Ausländer, die in dem Land lebten, ihr Vermögen aber woanders angelegt hatten – und es daher auch nicht im Königreich versteuern mussten. Im Sinne von Lloyd George waren sie nicht ansässig. Sie wurden nur dann vom Staat zur Kasse gebeten, wenn sie Geld nach Großbritannien überwiesen.

An dieser Regel hat sich bis heute wenig geändert. Auch hundert Jahre später ist sie noch immer in Kraft. Rund 120 000 Steuerausländer leben in Großbritannien. Die meisten davon arbeiten in der Finanzbranche, andere sind etwa als Spieler oder Trainer bei Fußballclubs angestellt oder in der Unterhaltungsindustrie tätig.

Die bekanntesten sind der Inder Lakshmi Mittal, Inhaber des weltweit größten Stahlproduzenten, und der Russe Roman Abramowitsch, Besitzer des Fußballclubs Chelsea FC. Sie bezahlen in Großbritannien nur auf ihr dort verdientes Geld Steuern – so sie welches verdienen. Alles, was außerhalb der britischen Grenzen erwirtschaftet wird, ist steuerfrei.

Aber man muss kein Ausländer sein, um Steuerausländer zu werden. Guy Hands, Gründer der Private-Equity-Gesellschaft Terra Firma, ist ebenso Steuerausländer wie Stuart T. Gulliver, Chef der Großbank HSBC, der sein Vermögen in der Schweiz versteckt hatte und angab, in Hongkong zu leben, wie kürzlich herauskam.

Die Labour Party hat nun angekündigt, das Steuerprivileg für reiche In- und Ausländer abzuschaffen, sollte sie die Wahlen im Mai gewinnen. Ein ähnliches Versprechen hatte die Partei schon 1997 abgegeben, dann die Wahlen gewonnen – und schließlich eine Pauschale von 30 000 Pfund für all diejenigen eingeführt, die auf der Insel keine Steuern bezahlen.

Aber dieses Mal würde es wohl noch etwas schwieriger, Ähnliches durchzusetzen. Denn selbst der Gouverneur der altehrwürdigen Bank von England, der Kanadier Mark Carney, ist Steuerausländer. ---