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Alexander Gordon-Brown

Alexander Gordon-Brown will möglichst viel Geld verdienen. Um möglichst viele Menschen zu retten. Porträt eines eigenwilligen Philanthropen.





• Alexander Gordon-Brown arbeitet seit mehr als einem Jahr als Wertpapierhändler in der Londoner City, dem zweitgrößten Finanzplatz der Welt. Inklusive Boni verdient der 23-Jährige weit mehr als 100.000 Euro im Jahr. Ein kleiner Teil davon, etwa 30 Prozent, reicht ihm für den Lebensunterhalt. Sein größter Luxus ist es, ein paarmal im Jahr seine Freundin in Frankfurt am Main zu besuchen. Den Rest seines Einkommens spendet er. Vor allem an Organisationen, die weltweite Armut besonders effizient bekämpfen.

Das klingt ausgefallen, doch steht er nicht allein mit dieser Haltung. Die Idee des „earning to give“ treibt manche junge Menschen dorthin, wo das große Geld zu machen ist. Zu Hedgefonds, ins Silicon Valley, zu Unternehmensberatungen.

Handelt es sich um moderne Robin Hoods? „Das kann man so nicht sagen“, antwortet Alexander Gordon-Brown bestimmt. „Was mich betrifft, könnte ich das auch nur mit egoistischen Motiven begründen.“

1. Ordnung im Leben schaffen

Wer am Trinity College in Cambridge studiert, wird von den besten Dozenten unterrichtet, zumeist in Zweiergruppen. 32 Wissenschaftler wurden bislang mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, mehr als an jedem anderen der 31 Colleges der Universität. Besonders im Fachbereich Mathematik ist das College den anderen voraus: „Trinity ist sehr gut darin, Schüler direkt von der Endrunde der Internationalen Mathematik-Olympiade zu rekrutieren, wie auch mich“, sagt Gordon-Brown. „Die Studenten hier wissen, dass sie zu den Besten der Besten gehören.“

Obwohl er sein Studium mit der Note 1,0 abgeschlossen hat, ist er auf dem Boden geblieben. Er hat die Unaufgeregtheit eines Mathematikers, den obskure Zeichen auf einem Blatt Papier mehr in Erregung versetzen können als alles andere. „Ich wollte mir immer so viele Möglichkeiten offenhalten, wie es nur geht“, sagt er. Das heißt auch, dass er die Frage, was nach dem Studium kommt, so lange wie möglich hinauszuzögern versuchte.

Gegen Ende seiner Studienzeit ist Gordon-Brown dann auf die Idee gekommen, dass sich viele Fragen erledigen, wenn er sich dem Ziel verschreibt, extreme Armut zu bekämpfen. „Wenn ich Leben retten möchte, dann weiß ich schon mal, was ich nicht werden will“, sagt der Überflieger nüchtern. Während sich durch sein Studium in Cambridge seine Karriere-Optionen multiplizieren, kann er mit dieser Zielsetzung die nötige Ordnung in sein Leben bringen.

Andere Menschen, die ähnlich denken wie er, engagieren sich für Ärzte ohne Grenzen, setzen sich als Anwälte für die Rechte von Flüchtlingen ein oder als Ingenieure für eine bessere Wasserversorgung in Entwicklungsländern. Er aber entschied sich, nach seinem Studium Trader, also Wertpapierhändler, zu werden. Das ist für ihn kein Widerspruch: „Wenn ich Arzt geworden wäre, hätte niemand gedacht, das würde nicht passen. Der Unterschied ist allerdings, dass ich als Arzt nicht so viele Leben retten kann wie in der Finanzwelt, wenn ich mein Einkommen richtig spende.“ Er wusste, wie viel er in der City verdienen würde. Er wusste auch, wie Spenden wirken können. Die Organisation Give Well schätzt etwa auf Grundlage umfassender empirischer Studien, dass 3340 Dollar ein Leben retten, wenn sie an die Against Malaria Foundation gehen. Wenn Gordon-Brown Zeit seines Lebens mehrere Millionen Dollar spendet, kann er damit viel erreichen.

Es falle ihm nicht schwer, sich jeden Monat von einem großen Teil seines Einkommens zu trennen, sagt er. Seine Mutter, die in Jamaika unter sehr schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sei, habe ihm immer wieder bewusst gemacht, wie viel Glück er hat, in England geboren zu sein. „Es ist auch ein Zufall, dass ich mathematisch begabt bin und auf gute Schulen und Universitäten gehen konnte.“ Der junge Mann, so sieht er es, hatte Glück in der Lotterie des Lebens, und sein hohes Gehalt ist der Hauptpreis. Daher ist seine Bindung zu Geld nicht sehr eng. So wie man einen 50-Euro-Schein, den man auf der Straße findet, leichthändig ausgibt.

2. Gemeinschaft

Das Spenden ist für Gordon-Brown zu einer Lebensaufgabe geworden, die seinen Alltag bestimmt. Er hat kein Auto und teilt sich eine Wohnung mit seiner Schwester, um sein Geld nicht unnötig zu verschleudern. Jeden Monat legt er einen Teil seines Gehalts zur Seite, um sich irgendwann ein Haus in London zu kaufen. Nicht nur, weil er dann keine Miete zahlen muss und langfristig mehr Geld zum Spenden bleibt, sondern auch, weil er die Wohnungen darin günstig an Gleichgesinnte vermieten kann, die wie er Gutes tun möchten mit ihrem Einkommen.

Zweimal im Monat geht er zum Stammtisch der Effektiven Altruisten in London. Samuel Hilton hat die Gruppe vor zwei Jahren gegründet, um Menschen zusammenzubringen, die sich fragen, wie sie die Welt so wirksam wie möglich verbessern können. Zu den Treffen kommen keine Träumer, die am liebsten gemütlich um ein Lagerfeuer sitzen und die Internationale singen. Auch keine Philanthropen, die ihre Gesinnung demonstrativ vor sich hertragen. „Ich weiß von keinem, der aus besonders reichem Hause kommt“, sagt Hilton. „Die meisten der 150, die hierherkommen, haben an sehr guten Universitäten studiert, sind jung und haben nur ihre Begabung.“

Das erste Treffen im März findet im „Shakespeare’s Head“ statt, einem rustikalen Pub im Zentrum von London. Alexander Gordon-Brown sitzt neben einem 22-jährigen Banker von J. P. Morgan und einem Psychotherapeuten, der Reiche zum Spenden bewegen will. Die Fleecejacke ist beliebt in der Runde, gern kombiniert mit T-Shirts mit Aufdrucken, die nur Mathematiker und Physiker verstehen. An diesem Nachmittag wird die Frage diskutiert, ob es besser ist, viel Geld zu verdienen und zu spenden oder sich direkt bei gemeinnützigen Organisationen zu engagieren. Für den Banker von J. P. Morgan ist die Sache klar: In einer sich ständig verändernden Welt sei es besser, sich die Mittel zu sichern, die man vielen Projekten zukommen lassen könne, als sich über Jahre an ein Projekt zu klammern. So könne man viel schneller auf Veränderungen reagieren.

Diese Treffen sind für Alexander Gordon-Brown ein Anreiz, um weiterzumachen. „Ein guter Freund hat mal gescherzt, dass die Spenden die Eintrittskarte in diese Gemeinschaft seien. Das stimmt. Man sagt, mit Geld könne man keine Freunde kaufen. Aber wenn man es weggibt, dann kommt man schon sehr nah dran.“ Auch seine Freundin hat er durch die Treffen kennengelernt. Die Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung studiert Mathematik in Frankfurt am Main und hat dort die deutsche Version des Stammtischs ins Leben gerufen. Die Gruppe sei viel kleiner als die in London, sagt sie, aber einen harten Kern gebe es schon.

Einen kleinen Teil seines Einkommens spendet Gordon-Brown an 80 000 Hours, eine Organisation, die Studenten dabei berät, wie sie so viel Gutes wie möglich tun können. Sie gehört zum Zentrum für Effektiven Altruismus in Oxford, wie auch Giving What We Can, deren knapp 1000 Mitglieder sich verpflichten, jeden Monat mindestens zehn Prozent ihres Einkommens an Projekte weiterzugeben, die effizient gegen extreme Armut vorgehen. Für Gordon-Brown ist die Spende eine Investition in die Zukunft der Bewegung. Je mehr sie werden, desto mehr können sie erreichen.

3. Spielen

„Das Thema polarisiert sehr“, sagt Gordon-Brown. „In vielen Unternehmen ist es vergleichbar mit Homosexualität: Viele halten sich bedeckt, weil sie Ärger aus dem Weg gehen möchten.“ Bei seinem Arbeitgeber fühlt er sich wohl, was nicht zuletzt daran liegt, dass es dort mit fünf seiner Kollegen und sechs Praktikanten viele Gleichgesinnte gibt. Die Firma ist unter den Altruisten beliebt, sie wird auch immer wieder von 80 000 Hours empfohlen. Das Unternehmen versucht, mithilfe komplexer Rechenvorgänge den eigentlichen Wert von Wertpapieren akkurater zu bestimmen als die Konkurrenz. Dafür braucht es Mathematiker, die die Rechenschritte der Computer verstehen. Alexander Gordon-Brown ist hier also unter seinesgleichen.

Die Aufgabe für ihn und sein Team besteht darin, Angebot und Nachfrage auf den Finanzmärkten zu verbinden. Sie berechnen, wie hoch der Wert bestimmter Finanzprodukte sein müsste, kaufen sie zu einem etwas niedrigeren Preis und verkaufen sie etwas teurer. „Damit kann man recht zuverlässig Profite machen“, sagt Gordon-Brown. Und das Ganze macht ihm viel Freude. „Es ist wie beim Pokern. Falls die anderen das tun, dann reagiere ich mit X, anderenfalls mit Y, außer in dieser Ausnahmesituation, die Z erfordert.“

Gespielt hat er schon immer gern. In seiner Studienzeit war Alexander Gordon-Brown Präsident des Schachklubs der Universität, und er sagt, hätte er nicht den Effektiven Altruismus für sich entdeckt, würde er sein ganzes Einkommen sparen, um sich in fünf oder zehn Jahren professionell dem Strategiespiel „Magic: The Gathering“ zu widmen. Im Spenden sieht er nun einen ähnlichen Reiz, nämlich die Möglichkeit, einen hohen Punktestand zu erreichen. „Die Zahl der geretteten Leben ist eine Punktzahl für mich. Wenn ich meinen Bonus etwa in X Leben umwandle, dann ziehe ich meine Befriedigung vor allem aus der Tatsache, dass ich eine hohe Punktzahl bekomme.“

Das klingt kühl, nach einem, dem das Elend in der Welt nicht wirklich nahegeht. Doch Gordon-Brown sagt, dem sei nicht so. Zwar motiviere ihn die Freude am Spiel, morgens aufzustehen. Aber das heiße nicht, dass ihn die Not nicht berühre. Im Gegenteil: Er meint, dass er zum Beispiel als Arzt in einer Krisenregion nicht helfen könnte, weil ihn das Leid der Opfer blockieren würde. Als Trader zu arbeiten sei für ihn daher eine Möglichkeit, Gutes zu tun, ohne zu verzweifeln.

Allerdings stellt sich die Frage, ob die Arbeit in der Finanzbranche nicht im Widerspruch zum Altruismus steht. Als Mathematiker kann Gordon-Brown die Entwicklung von Preisen ebenso berechnen wie die Wirkung seiner Spenden. Aber nicht, was die Nebenwirkungen des Wertpapierhandels sind. „Stellen wir uns zwei Welten vor“, entgegnet er. „In der ersten kündigen alle meine Kollegen, in der zweiten spenden sie so viel wie ich. Die zweite Welt wäre besser.“

4. Moderner Calvinismus

Alexander Gordon-Brown betont immer wieder, dass er nicht selbstlos handelt. Der Effektive Altruismus ist für ihn eine Möglichkeit, die seinem Leben einen Sinn gibt. Sie verschafft ihm Zugang zu einer Gruppe von Menschen, in der er sich geborgen fühlt, und eine berufliche Karriere, die er sportlich nehmen kann. Das wichtigste Ziel für ihn sei, „dass Menschen auf Schulen gehen und ein gutes Leben führen können“.

Sein Lebensmodell ist meilenweit vom heutigen Kapitalismus entfernt, dessen Motor der Konsum ist. Aber der Effektive Altruismus liegt sehr nah am Calvinismus, der Max Weber zufolge die Grundlage des Kapitalismus war. Johannes Calvin schreibt: „Es ist nicht sündhaft, reich zu sein. Sondern in Sünde fällt nur, wer sich auf seinem Vermögen ausruht und es zur Befriedigung seiner lasterhaften Begierden missbraucht.“ Zum ursprünglichen Geist des Kapitalismus gehören demnach zwei Tugenden: der unbedingte Wille zur Arbeit und die Askese. Gordon-Brown ist ein Calvinist in diesem Sinne, wenn auch ein säkularer.

Sein Calvinismus ist das Gegenmodell zu einem Hedonismus, wie ihn zuletzt Martin Scorsese in seinem Film „The Wolf of Wall Street“ vorgeführt hat. Alexander Gordon-Brown schert sich nicht um schnelle Autos, teure Kunst und wilde Partys. Er ist vielmehr ein Schaf in einem Wolfspelz: ein Trader, der mit dem vielen Geld etwas Gutes tun möchte und auf Reichtum pfeift. ---