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Aus Wirdnix wird doch was

In der deutschen Biotech-Branche wird neuerdings Geld verdient. Und das ist gut so. Hohe Ziele müssen belohnt werden. Sonst setzt sie sich irgendwann niemand mehr.





• Manchmal ist es sinnvoll, Projekte handhabbar zu machen, sich ein Zwischenziel zu setzen, das nicht ganz so groß ist – oder sogar sehr klein. Im Falle von Ingmar Hoerr, 47, dessen ganzes Sinnen und Trachten seit 15 Jahren darin besteht, einen Impfstoff gegen Krebs und andere Menschheitsgeißeln zu entwickeln, war es das Zucken eines Mundwinkels. Genauer gesagt: des Mundwinkels von Bill Gates. Die Andeutung eines Lächelns, die ihm sagte: Ich habe ihn überzeugt!

Es war im Juni vergangenen Jahres in Seattle, in einem Konferenzraum der Bill & Melinda Gates Foundation, einer vor allem der Ausrottung von Krankheiten in Entwicklungsländern verpflichteten milliardenschweren Stiftung des Microsoft-Gründers. Hoerr hatte sich um ein Darlehen bemüht, um „sein Molekül“ weiterentwickeln zu können: die sogenannte Messenger-RNA (mRNA), ein natürlicher Botenstoff, der dem Organismus Bauanleitungen für Proteine liefert, die eine Vielzahl von Krankheiten bekämpfen können, Virusinfektionen ebenso wie Tumore. Eine Art „Software, die dem Körper hilft, sich selbst neu zu programmieren“, wie es SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp, 75, formuliert, der in Hoerrs Firma Curevac schon länger investiert. Kurz: eine neue medizinische Technologie mit ungeheurem Potenzial – wovon Hoerr Gates unbedingt überzeugen wollte. Der allerdings, erinnert sich der promovierte Biologe, habe über die mRNA schon zu Beginn der Präsentation mindestens so gut Bescheid gewusst wie er selbst, habe kühl gebeten, die ersten 15 Seiten zu überspringen und mit versteinerter Miene zugehört – bis zu diesem Moment, in dem endlich sein Mundwinkel zuckte.

Gates war so angetan, dass über ein Darlehen gar nicht mehr verhandelt wurde. Der Milliardär wollte einen Anteil an Curevac, erwarb mit seiner Stiftung vier Prozent für 46 Millionen Euro. Hoerr strahlt, als er das erzählt. Was ist jetzt das Wichtigste für ihn? „Die Technologie soll auf den Markt, zu den Patienten.“ Um diese Antwort einordnen zu können, muss man verstehen: Der Preis von 46 Millionen Euro für vier Prozent bedeutet, dass die Stiftung das Gesamtunternehmen mit einer Milliarde Euro bewertet hat. Banken klopfen an. Ein Börsengang ist möglich. Das große Geld winkt. Es ist der Moment, in dem andere Gründer sich am Ziel wähnten. Nicht Hoerr. Er wiederholt sehr bestimmt: „Die Technologie soll auf den Markt.“

Seine Haltung ist typisch für eine Branche, die anders tickt als der Großteil der heutigen Wirtschaft, in der das Streben nach dem schnellen Profit oft an erster Stelle steht. Die therapeutische Biotechnologie mit ihren Entwicklungszyklen von mehr als zehn Jahren bis zur Zulassung eines neuen Medikaments indes „zwingt zur Nachhaltigkeit, zum offenen und fairen Umgang aller Beteiligten miteinander“, wie Friedrich von Bohlen, 52, konstatiert, Neurobiologe und Portfoliomanager von Dietmar Hopp. Werner Lanthaler, Chef der Hamburger Biotech-Firma Evotec und seit 15 Jahren im Geschäft, hat eine weitere Besonderheit beobachtet. Wegen der hohen Hürden und Risiken, die in der Branche an der Tagesordnung seien, ziehe sie vor allem Menschen an, „die Passion und Begeisterung mitbringen. Sonst tun sie sich das nicht an.“ Lanthaler ist selbst ein Überzeugungstäter. Auf die Frage, was ihn antreibt, antwortet er wie aus der Phiole geschossen: „Es gibt kein schöneres Gefühl, als mitgeholfen zu haben, die Japanische Enzephalitis auszulöschen.“

Wäre dieser besondere Geist nicht, den die beiden Branchenkenner Bohlen und Lanthaler beschreiben und der auch aus Ingmar Hoerr spricht – vielleicht gäbe es die meisten Unternehmen hierzulande nicht mehr; gut möglich, dass der Großteil die mehr als zehn Jahre währende Durststrecke aus medizinischen und in der Folge auch ökonomischen Misserfolgen nicht überstanden hätte, die der deutschen Biotechnologie den Ruf einer Geldvernichtungsmaschine eintrugen; sicher ist, dass Ingmar Hoerr nicht dort stünde, wo er heute steht: auf der Zielgeraden.

1. Gründerjahre

Als Hoerr 2004 auf Dietmar Hopp traf, hatte er eine Ochsentour hinter sich. Für sein Biologiestudium in Tübingen wurde er verlacht, Freunde prophezeiten ihm bestenfalls eine Karriere als Tierfilmer; bei seiner Promotion machte er eine Entdeckung, so neu und unglaublich, dass selbst sein Doktorvater skeptisch war; als er basierend auf dieser Entdeckung im Jahr 2000 Curevac gründete und in den Jahren darauf auf der Suche nach Geld von einem Wagniskapitalgeber zum nächsten zog, wurden er und sein Team wiederholt als „unerfahrene Doktoranden abgemeiert, an deren Idee nichts dran sein könne, weil sonst ja schon andere darauf gekommen wären. Psychoterror war das“, so Hoerr. Eine Phase, die er ohne seine Kollegen niemals durchgestanden hätte. Einmal sprang ein Geldgeber zwei Tage vor dem vereinbarten Notartermin ohne Angabe von Gründen plötzlich ab. „Da waren wir wieder mal so gut wie pleite, wie jedes Jahr vor Weihnachten.“

Hoerr ist ein hochgewachsener, jungenhafter Typ, alles andere als arrogant. Und doch, das spürt man bis heute, war ihm die Rolle des Bittstellers bei Leuten, die viel weniger von seinem Metier verstanden als er, zuwider. Er spielte sie trotzdem, putzte Klinken, warb ein paar Fördergelder hier ein, dort ein bisschen Kapital von Privatiers (unter anderem bei von Bohlen, bevor der bei Hopp anheuerte) und kleinen Venture-Capital-Gebern. Damit wirtschafteten sie bei Curevac nicht schlecht, trieben die Forschung voran, bauten mithilfe der Stadt Tübingen Reinräume zur Wirkstoffherstellung in einem alten Technologiezentrum.

Doch Hoerr wusste, das genügte nicht. Er brauchte zweistellige Millionenbeträge, um das, was noch vor ihnen lag, zu meistern: die klinischen Tests, die der Zulassung jedes Medikaments vorausgehen. Drei Phasen: Die erste prüft die Verträglichkeit; die zweite die Wirksamkeit; die dritte schließlich den Zusatznutzen im Vergleich zu bestehenden Arzneimitteln. Ein meist Jahre währender Marathon für alle Beteiligten.

Christine Günther, 49, und Ralf Huss, 57, Geschäftsführer der Münchener Biotech-Firma Apceth, ist das noch gut in Erinnerung. Es ist jetzt drei Jahre her, dass sie sich an jenem Punkt befanden, an dem Hoerr damals stand: Überwältigt von dem ungeheuren Prozedere, das den klinischen Tests vorausgeht. 1000 Seiten stark war der Antrag, den sie beim Paul-Ehrlich-Institut einreichen mussten, das als Bundesoberbehörde „Nutzen und Risiko biomedizinischer Human-Arzneimittel“ prüft und bewertet. Die Antwort war ein Mängelschreiben, das ihnen 90 Tage Zeit für Nachbesserungen ließ. Danach mussten sie den tausendseitigen Antrag erneut abliefern, schriftlich, in vierfacher Ausfertigung. „Wir ließen ihn von einer Spedition kartonweise in den Hof des Instituts karren“, erinnert sich Huss. Günther, sonst eine vor Energie sprühende Frau, nickt müde, als würde allein der Gedanke an den immensen Aufwand sie erneut erschöpfen. „Das war schlimmer als alle medizinischen Staatsexamen.“

Dabei waren sie und Huss besser dran als Hoerr: Sie hatten Thomas und Andreas Strüngmann, reich geworden mit dem Aufbau und Verkauf des Generika-Konzerns Hexal, lange zuvor von ihrer Erfindung überzeugt. Apceth verwendet menschliche Stammzellen als biologisches Shuttle, um therapeutische Gene in erkrankte Bereiche des Körpers zu transportieren, zu Tumoren etwa, um diese gezielt zu zerstören – ohne schädliche Nebenwirkungen. Die Strüngmanns investierten großzügig über mehrere Finanzierungsrunden, sind bis heute dabei. Hoerr musste Hopp noch überzeugen. Der erinnert sich gut an das erste Zusammentreffen mit dem Biologen: „Er war mir sofort sympathisch, weil er meine Ethik verkörpert. Er spielt nicht den Chef. Das wäre fatal, denn es hemmt die Innovationskraft.“

Ein Glücksfall, ein ganz ungeheurer sogar. Denn so gut und motiviert und kämpferisch die jungen Unternehmer auch waren – um eine Chance zu haben, ihre hochfliegenden und langfristigen Pläne zu verwirklichen, brauchten sie Investoren, die tickten wie sie; die an sie glaubten und bereit waren, mit großen Beträgen Risiken einzugehen. Und dafür standen deutschen Gründern damals nur zwei zur Verfügung: Hopp und die Strüngmanns.

2. Eiszeit

„Verrückte willkommen“ titelte die »Süddeutsche Zeitung« Ende 2012 über die drei milliardenschweren Wohltäter, die aus unterschiedlichen Motiven – die Strüngmanns, weil sie, wie Thomas Strüngmann sagt, „ein eigenes innovatives Medikament“ schaffen wollen, Hopp, beseelt von dem Vorsatz, seiner Heimatregion etwas zurückzugeben – jeder rund eine Milliarde Euro in deutsche Biotech-Unternehmen investiert hatten. Sie waren damit auf weiter Flur so ziemlich die Einzigen, die an die Arzneimittelforschung in Deutschland zu glauben schienen. Kurz zuvor hatten zwei Hopp-Firmen, Wilex und Agennix, wegen schlechter Ergebnisse in klinischen Studien teuer entwickelte Krebsmedikamente abschreiben müssen. In den Medien kursierten Spottnamen wie Warnix und Wirdnix.

Sowohl Hopp als auch Strüngmann litten unter der Häme – und machten trotzdem weiter, ebenso wie eine Handvoll andere Privatiers, allerdings mit deutlich kleineren Investitionssummen. Roland Oetker etwa, Neffe des verstorbenen Puddingkönigs und Multi-Aufsichtsrat, den die Branche seit 30 Jahren fasziniert: „Manchmal wünschte ich, ich wäre nicht Jurist, sondern Biologe geworden.“

Ihnen allen war klar, dass in der Forschung Scheitern eher die Regel ist als die Ausnahme. Laut Statistik bringen 90 Prozent aller Wirkstoffe nicht den erhofften Erfolg. Und, so Thomas Strüngmann mit dem tapferen Lächeln des Leidgeprüften: „Es kostet immer mehr und dauert immer länger, als man denkt.“ Anders als viele Risikokapitalgeber, die sich nach dem Dotcom-Crash weitgehend aus Deutschland zurückzogen, verloren sie trotzdem den Glauben nicht, stemmten weitere Finanzierungsrunden für ihre Firmen. Und schließlich, nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, begann die Saat aufzugehen.

Vor gut zwei Jahren, es dominierten noch die Negativschlagzeilen, begann der Aufschwung. So zumindest erinnert es Dietmar Hopp. „Da wussten wir endlich“, sagt er mit Genugtuung in der Stimme, „dass mehr als nur Licht im Tunnel war.“ Klinische Erfolge stellten sich ein, Geld begann zu fließen. Das Kapital stammt fast ausschließlich aus dem Ausland. Aus Deals mit großen Pharmafirmen, die hohe Summen für Produktlizenzen zahlen, also das Recht, Medikamente nach deren Zulassung zu vermarkten; aus internationalen Börsengängen, Kapitalerhöhungen oder anderen Anteilsverkäufen (siehe Grafik Seite 126). Der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung: der Einstieg der Gates-Stiftung bei Curevac im März dieses Jahres. Weitere Investments der Amerikaner könnten folgen. Andrew Farnum, Leiter des Teams, das den Deal für Gates aushandelte, sagt: „Wir sind begeistert vom deutschen Markt.“

3. Neubeginn

Der Einstieg der Stiftung kam zur rechten Zeit. Denn so sehr die besondere Kultur in der Branche die Firmen bislang trug, und so viel die Hopps, Strüngmanns und Oetkers dieser Welt auch noch beitragen mögen – es reicht nicht, um eine echte Industrie entstehen zu lassen.

Laut dem jüngsten Biotechnologie-Report für Deutschland der Unternehmensberatung Ernst & Young gab es Ende 2014 hierzulande 401 Unternehmen, sechs weniger als im Vorjahr, mit knapp 10 000 Beschäftigten und einem leicht rückläufigen Umsatz von insgesamt mehr als 1,1 Milliarden Euro. Allein der US-Biotechkonzern Amgen setzt mit seinem bestverkauften Produkt mehr um – pro Quartal.

Was bis heute fehlt in Deutschland, ist das, was Ernst-&-Young-Experte Siegfried Bialojan, 59, eine „finanzielle Nahrungskette von der Gründung bis zum Kapitalmarkt“ nennt – ein breiteres Spektrum institutioneller Geldgeber jenseits einzelner Wohltäter: Venture-Capital-Firmen (VC) für verschiedene Finanzierungsphasen, eine aufnahmebereite Börsengemeinde mit Analysten, Fonds und anderen Großanlegern, die die immensen Risiken untereinander aufteilen – und damit der Branche eine „stabile und langfristige finanzielle Perspektive bieten“. Werner Lanthaler sagt es deutlicher: „Eine Industrie, die keine Millionäre hervorbringt, wird nie eine echte Industrie werden.“

Zwar gibt es einige in Deutschland aktive VCs, TVM Capital etwa oder Index Ventures. Sie haben aber auf ein Investitionsmodell umgestellt, bei dem etwa Curevac oder Apceth, die beide mittlerweile erfolgreich die ersten klinischen Studien abgeschlossen haben, durchs Raster fallen würden – weil sie Unternehmen sind. Und genau die wollen die Finanzprofis nicht mehr finanzieren. „Wir suchen nach einzelnen Projekten, Wirkstoffen, Molekülen. Daran erwerben wir eine Lizenz und geben sie in eine virtuelle Projektgesellschaft mit nur drei oder vier Managern, die die Entwicklung komplett outsourcen“, sagt Hubert Birner, Managing Partner bei TVM. Was ist der Nutzen? „Ein höheres Renditepotenzial im Erfolgsfall. Und das Scheitern ist nicht so teuer, weil sie keine Anlagen finanzieren und kaum Mitarbeiter.“

Der Curevac-Deal könnte, so die Hoffnung vieler Branchenexperten, Finanziers anlocken, die in größeren Dimensionen denken. So wie Bill Gates, der allerdings mehr humanitäre statt finanzielle Ziele verfolgt. Die 46 Millionen Euro, die er überwies, sind zweckgebunden. Sie dienen der Weiterentwicklung der mRNA-Technik, aber auch der Errichtung einer neuen Produktionsstätte, in der Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten wie HIV, das Rota-virus, womöglich sogar Ebola hergestellt werden sollen.

Zusätzlich zahlt die Stiftung die Entwicklungskosten für jeden dieser neuen Impfstoffe, jeweils ein weiterer zwei- bis dreistelliger Millionenbetrag, und erhält dafür die Vermarktungsrechte in sämtlichen Entwicklungsländern. Das bedeutet: Curevac muss die Arzneimittel an die Gates-Organisation zu einem günstigen Preis abgeben, der zwar nicht unter den Herstellungskosten liegen wird – „Das wäre nicht nachhaltig“, sagt Stiftungsmanager Farnum –, aber auch nicht weit darüber. Trotzdem ist die Vereinbarung für die Tübinger wirtschaftlich sehr vorteilhaft. Denn sie dürfen die Vakzine, deren Entwicklungskosten komplett die Stiftung übernimmt, in sämtlichen Industrieländern zu beliebigen Preisen verkaufen. Das bedeutet für dieses Geschäft eine überdurchschnittlich hohe Gewinnmarge.

Kein Wunder, dass die Firma als börsenreif gilt. Hopp, dem 86 Prozent der Anteile gehören, und sein Adlatus von Bohlen haben bereits Gespräche mit Banken geführt. Die Gates-Stiftung hätte nichts einzuwenden. Der Zeitpunkt ist günstig. In den USA boomen Biotech-Titel bereits seit Längerem. Viele Anleger dort glauben, die Branche stehe aufgrund neuer Verfahren vor einem Innovationsschub. Friedrich von Bohlen sieht das genauso, die personalisierte Medizin, mithilfe derer man in die Lage komme, „die individuelle molekulare Ursache einer Erkrankung zu erkennen und gezielt zu behandeln“ – im Gegensatz zu den bisher üblichen Breitbandtherapien –, werde alles verändern. Thomas Strüngmann ist davon ebenfalls überzeugt. Roland Oetker berichtet von einer „euphorischen Stimmung“ bei der weltweit wichtigsten Branchenkonferenz in San Francisco, an der er jüngst teilnahm. Wie rosig auch immer die Aussichten tatsächlich sein mögen, fest steht: Curevac würde bei einem Börsengang in den USA eine viel höhere Bewertung erzielen als in Deutschland.

Allein, Hopp wäre nicht Hopp, hegte er nicht eine Präferenz für die Heimatbörse in Frankfurt am Main. Eine erfolgreiche Emission würde das Image der Branche hierzulande weiter verbessern. Drei weitere seiner Firmen gelten als börsenreif, insgesamt könnte ein solches Paket von Börsengängen viel positive Aufmerksamkeit erzeugen. Allerdings würden die Mitarbeiter weniger für ihre Anteile bekommen, ihnen gehören zehn Prozent von Curevac. Unabhängig davon, wie er sich am Ende entscheidet – Millionäre werden einige der rund 160 Forscher am Ende wohl so oder so sein. ---