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Adieu, ihr Blaudaumen – Das richtige Leben ist auch schön.

Unser Autor lebt jetzt abstinent. Und entdeckt Neuland.





• Ich bin weg von Facebook. Schluss mit dem Irrsinn krankhafter Zwangsveröffentlichungen, der mich fast sieben Jahre in Geiselhaft nahm. Ich habe 17 763 Statusmeldungen gelöscht, politische, persönliche und auch private; ich habe 1447 Titel- und fast ebenso viele Profilbilder in die Tonne getreten, danach noch 648 Selfies; ich habe 161 Videos zu Datenstaub pulverisiert, auch endlich jenes, das eigentlich mit dem Prädikat FSK ab 18 hätte zugangsbeschränkt werden müssen. All das, mein digitales Leben, habe ich wie ein Streichholz einfach ausgepustet. Es blieb nur eine tot anmutende Facebook-Firmenseite, auf der mein Assistent alle meine Veröffentlichungen chronologisch auflistet. Auch sie werden dort verblassen. Und weil ich alles, was da draufgestellt wird, schon kenne, muss ich auch keinen Blick darauf werfen. Endlich frei.

Ich bin also weg von Facebook. Aber nicht freiwillig. Ich wünschte, ich könnte mich schmücken und von jener bedeutenden Erkenntnis erzählen, die mich die dünne, fast unsichtbare Deaktivieren-Zeile anklicken ließ. Erzählen von der Betrachtung des großen Gemäldes, auf dem ich klein gezeichnet war; ein Fliegenschiss im digitalen Nichts, ein Sklave des blauen, nach oben ragenden Daumens, dem Symbol für „Gefällt mir“, diese Streicheleinheiten, die ich mir täglich mit Millionen anderen Ministranten im digitalen Sozialamt auszahlen ließ. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich selber draufgekommen bin, dass ich in einem falschen Leben das Hamsterrad drehte. Als Erbärmlichster unter den Erbärmlichen, weil ich die meisten blauen Daumen begehrte. Die kriegte ich auch. Meistens für ein Foto, das mit Essen zu tun hatte (50 Likes) und auf dem das Essen auch nach Essen aussah (weitere 50 Likes).

Nein, ich bin nicht freiwillig gegangen, ich musste raus, weil jemand mein Konto missbrauchte. Und damit auch mich. Schwupp, und ich war weg. Nach Diktat verreist. „Ja wo ist er denn?“, fragen sich die von mir ratlos zurückgelassenen Claqueure. Das kann ich euch sagen: Ich war vorhin in diesem Bobo-Café am Helmholtzplatz. Die Sonne schien auf meine Handflächen, und vis-à-vis saß ein offenbar verwirrter alter Mann, der einen überdimensionierten Helm trug, an dem Dutzende Fahnen und Orden klebten. Ich sah minutenlang hin, er starrte minutenlang zurück. Das wäre noch eine Zeit lang so gegangen, wäre da nicht ein Typ mit Hosenträgern auf einem weißen Fahrrad vorbeigefahren, der laut „Bel Ami“ sang. „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami, so viel Glück bei den Frau’n, Bel Ami.“ In mir sprang der Telefunken-Schwarz-Weiß-Fernseher an, und ich konnte Willi Forst sehen, wie er sang, tanzte, lachte.

Früher hätte ich in diesem Moment mein Smartphone gezückt und Folgendes auf Facebook gepostet: „Irres Berlin. Ein Typ auf dem Rad singt ,Bel Ami‘, und der Greis gegenüber trägt einen kiloschweren, mit Flaggen und Orden verzierten Helm, der ihm irgendwann mal das Genick brechen wird. So was findet man nur hier, wo man offenbar alle Geisteskranken der Bundesrepublik zusammengezogen hat.“

Mit etwas guter Laune hätte ich von dem Alten noch ein Foto gemacht, bei besserer Laune sogar ein Selfie mit meiner Fresse im Vordergrund. Wenige Sekunden nach dem Einstellen wären die ersten blauen Daumen hochgefahren. Und nach einer Stunde hätte ich noch 40 Kommentare lesen können – alle so unnötig wie das Posting selbst. Jetzt aber, von Facebook befreit, ließ ich mein Telefon in der Tasche, blinzelte kurz in die Frühlingssonne und las weiter im »FAZ«-Feuilleton, das nach Frank Schirrmachers jähem Tod nie mehr so spannend sein wird wie damals, als er und seine Gruppe Donaldisten das Ruder in der Hand hielten.

Auch diese Erkenntnis hätte ich vor wenigen Tagen noch bei Facebook vermeldet. Jetzt müssen Sie das eben lesen. Anstelle meiner ratlos zurückgelassenen Blaudaumen-Gemeinde.

Doch Sie täuschen sich, wenn Sie denken, dass ich jetzt über Facebook herfalle wie ein geprügelter Hund über sein im Schnee gestürztes, hilfloses Herrchen.Facebook hat mir viel gebracht. Ich habe Menschen wiedergefunden, die ich vor Jahren aus den Augen verloren hatte, beispielsweise meine zweite Freundin. Sie lebt mit ihrem Mann in Kalabrien und hat drei brasilianische Adoptivkinder. Ich las auch ihren Blog, den sie nur für sich und drei andere Menschen schreibt. Und sie kann richtig gut schreiben. Mann, bin ich neidisch! Und ratlos. Wie kann man so ein Talent nicht nutzen?

Zum Fremdschämen!

Andere Wiedergefundene hätte ich gerne gleich wieder verloren. Aber sie blieben kleben und applaudierten jedem Schwachsinn. Einmal schrieb ich: „Hier scheißt Shere Hite.“ Fünf Minuten später: 36 Blaudaumen. Dann schrieb ich: „Jonathan Franzen Josef von Österreich-Ungarn.“ 24 Blaudaumen, begleitet von schrecklich schlechten Nachahmungsversuchen, die mir die Fremdschamröte ins Gesicht trieben. Was sind das für Leute?

So verlegte ich mich auf politische Kommentare. Wohl in der Hoffnung, dass die damaligen Chefredakteure von »Stern« und »Spiegel«-, die unter meinen Freunden waren, mein gigantisches Talent des Hetzens und Zuspitzens erkennen. Ich wollte in Jugendjahren der linke Matthias Walden werden. Bei einer Schülerzeitung namens „Tilt“. Facebook schleifte meinen vom Konsumismus füsilierten Linksradikalen aus seiner Gruft, und der zog erwartungsgemäß gleich über die Banken her, verfluchte die österreichische Regierung (es gibt kaum größere Versager) und kürte die Wiener Bobos zu seinem Lieblingsfeindbild, diese hochmoralischen Fußgängerzonen-Schlafwandler, die ihren Aktivismus am Eselsalami-Marktstand abgegeben haben. Einmal gelang es mir sogar, mit einem Facebook-Zitat in die Schlagzeilen der Tagespresse zu kommen, denn ich hatte aus Deutschland angereiste linkslinke Berufsdemonstranten aufgefordert, meine alte Heimatstadt Wien niederzubrennen. Entschuldigung? Ich lebe in Berlin. Da gehört so etwas zur Folklore. Und außerdem hasst jeder gute Wiener Wien.

Und ich lernte Frauen kennen. Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami. Nicht jede dieser Kurzzeitbeziehungen blieb friktionsfrei. Ein Mädchen etwa, das mir die blauen Daumen so hinwarf wie einst die FDJ dem Honecker die roten Nelken, drohte mir nach einem erpresserischen Eifersuchtsanfall die Kniescheiben aus den Beinen zu schneiden. Mit einer Kreissäge. Keine Ahnung, wie das gehen soll. Heute ist das Mädchen erwachsen. Und richtig berühmt. Freilich nicht durch Amputationen oder Kreissägenmassaker.

Mag das Second Life weitgehend aus dem Internet verschwunden sein, Facebook hält es als First Life am Leben. Jekill & Hyde im Blaudaumen-Kleid. Man ist auf Facebook. Ich nicht. Und nichts fehlt.

Das ist das Erstaunliche. Es gibt auch keine Entzugserscheinungen, Facebook ist einfach weg. Folgenlos. 5000 „Freunde“ kaltgestellt wie Bier vor dem Bayern-Spiel. Drüben bei den blauen Daumen tobt das Leben. Hier bei meinen rosa Daumen ist es ruhig. Ich sitze gerade in einem Laden in meinem Haus. Der gehört einem Tschechen, der hier böhmisch-mährische Spezialitäten anbietet. Vom richtigen Mehl für richtige Knödel über original Znaimer Essiggurken bis hin zum Pan-Tau-Shirt.

Und er hat Bier. Nicht nur in Flaschen, sondern aus einer richtigen Zapfanlage. Es kommt aus einer kleinen Brauerei, enthält wenig Kohlensäure und keine Konservierungsstoffe. Und es schmeckt so großartig, wie Bier aus kleinen tschechischen Brauereien eben schmeckt. Das gibt es bei mir im Haus. Gab es schon lange. Monatelang bin ich auf mein Smartphone starrend an dem Laden vorbeigegangen. Vorgestern, als ich den Blick nicht senkte, bin ich eingetreten. ---