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Trotzdem

Ein Mädchen will Architektin werden.
Und ein Junge Sänger.
Das Leben ist ihnen dazwischengekommen. Heute blicken sie zurück.




Gunda Krauss, 76

Ich hätte gern Architektur studiert, aber das Geld reichte nur für ein Kind an der Universität. „Du heiratest ja eh“, sagte meine Mutter damals. „Dein Bruder muss später eine Familie ernähren. Eine Frau heiratet und wird versorgt.“ Heute bin ich 76 Jahre alt. Geheiratet habe ich nie. Ich habe immer selbst für mich gesorgt.

Meine Mutter hat trotz ihres Einser-Abiturs nie gearbeitet. „Eine Krauss tut das nicht“, pflegte ihr Schwiegervater zu sagen. Das hat mich geprägt, ich hatte das Gefühl, dass eine Frau weniger wert ist. Deswegen habe ich auch lange mit meinem eigenen Frausein gehadert. Ich hatte das Gefühl, es verschließt mir viele Türen. Und so war es ja auch.

Als Kind habe ich wahnsinnig gern gemalt und gezeichnet. Und ich hatte eine große Vorstellungsgabe. Entwürfe habe ich sofort gedanklich mit Leben gefüllt und mir Fragen gestellt: Ist das praktisch, wenn die Tür jetzt zu dieser Seite aufgeht, oder ist es andersherum besser? Pläne habe ich nie platt gesehen, sondern immer plastisch und räumlich. Das war alles einfach da, ebenso wie das Kreative.

Der Berufsberaterin hat meine Mutter erzählt, ich hätte hauswirtschaftliche und pädagogische Fähigkeiten. Das stimmte nicht, aber ich war sehr gehorsam, also hörte ich mir an, was man damit so machen kann, und das war der Beruf der Gewerbelehrerin. Das gefiel mir: Prima, dachte ich, da kann ich also weiter zur Schule gehen. Es hatte zwar mit den Noten nicht so gut geklappt, weil ich mich nicht gut konzentrieren und lange stillsitzen konnte, aber ich bin leidenschaftlich gern zur Schule gegangen.

Als ich das Examen zur staatlich geprüften und anerkannten Hauswirtschaftsleiterin in der Tasche hatte, bin ich in die Elektro- und Hausgeräteberatung reingeschlittert, durch einen Aushilfsjob bei einer Messe in Hannover. Das hat mir Spaß gemacht, ich bin gern mit Menschen zusammen und erkläre denen etwas. Ende der Fünfzigerjahre kam ich zu den Stadtwerken Koblenz und brachte den Hausfrauen bei, elektrisch zu kochen und mit neuen Erfindungen wie Waschmaschine, Durchlauferhitzer oder Höhensonne umzugehen.

Nach vier Jahren wurde es mir langweilig. In München landete ich bei einem Großhandel für Sanitärartikel, der auch eine riesige Einbauküchenabteilung hatte. Da war ich in meinem Element, endlich konnte ich kreativ sein, einrichten und entwerfen. Und dort kam auch mein Verkaufstalent zum Vorschein, das war wie ein Sport für mich. Irgendwann verkaufte ich eine Küche für 100 000 D-Mark, das war damals ein Rekord. Danach war ich eine ganze Weile in der Branche sehr bekannt.

Als Frau stand ich trotzdem immer in der zweiten Reihe. Irgendwann habe ich gesagt: Leute, ich möchte gern eine verantwortungsvolle Position haben. Man teilte mir daraufhin mit, ich würde mit den Aufgaben wachsen. Aber ich war sieben Jahre mit den Aufgaben gewachsen, es reichte. Ich bin dann zur Konkurrenz gegangen, eine Bauchlandung war das. Dort arbeitete ich für einen Mann, der nicht kapierte, dass eine Frau genauso viel konnte wie er. Und dann war ich arbeitslos.

Von einer Freundin hörte ich, dass an der Technischen Universität München am Lehrstuhl für Entwerfen und Gestalten eine Sekretärin gesucht wurde. Erst habe ich gesagt: Nee, Sekretärin, das ist nichts für mich. Aber die Freundin drängte mich, ich solle doch wenigstens mal hingehen und mich vorstellen. Ich erzählte dem Professor, dass ich gern Architektur studiert hätte, und das gefiel ihm offenbar. „Wissen Sie was, dann können Sie ja hier bei uns von hinten an die Architektur rankommen“, sagte er, „ich bringe Ihnen das bei!“ Da war ich schon Mitte 30. Die Bedingung war, dass ich ein Zertifikat fürs Bauzeichnen mitbringe. Also habe ich im Schnelldurchgang die Prüfung abgelegt. So gut, dass der Chef der IHK dem Ergebnis nicht traute und zunächst Einspruch einlegen wollte.

Die Stelle an der Uni bekam ich dann leider trotzdem nicht, weil sich inzwischen eine Mitarbeiterin eingeklagt hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon ein Dreivierteljahr mit Jobs über Wasser gehalten, Zeitungen ausgetragen, bei den Olympischen Sommerspielen im Dirndl Programme verkauft. Ich wollte endlich wieder richtig arbeiten. Der Professor von der TU vermittelte mir ein Vorstellungsgespräch in einem Architekturbüro. Der Büroleiter stellte eine Frage nach der anderen: „Können Sie mit der Schablone umgehen?“ Joa, sagte ich, das kriege ich hin. „Können Sie statische Pläne lesen?“ Nein, sagte ich. „Können Sie zeichnen? Entwerfen?“ Ich verneinte weiter. In seiner Verzweiflung fragte er irgendwann: „Und was können Sie dann?“ Ich kann alles lernen, war meine Antwort. Mein erster Vertrag lief über sechs Wochen, ich blieb 20 Jahre.

Zunächst war ich das Botenmädchen. Irgendwann gab mir ein Kollege meine erste Zeichenaufgabe, Kieselsteine und kleine Grashalme auf einem Gartenweg. Als Nächstes sollte ich eine Treppe in einen Plan einzeichnen. Da habe ich gemerkt, hoppla, das ist gar nicht so einfach. Aber der Kollege erklärte es mir. Von da an durfte ich zeichnen.

Einmal wurde ich zurückgepfiffen, weil es Versicherungsprobleme hätte geben können, ich war ja keine ausgebildete Architektin. Er bedauere wirklich, dass ich nicht studiert hatte, sagte mein Büroleiter. Ich durfte trotzdem viel machen. Zum Beispiel habe ich Teile eines Berliner Krankenhauses geplant, vom Erdgeschoss bis unters Dach: Steckdosen und elektrische Leitungen, eine Schleuse im Operationssaal. Immer wieder war ich deswegen für einen Tag in Berlin. Morgens bin ich hingeflogen, mit den Plänen unter dem Arm, und abends zurück. Natürlich zusammen mit Kollegen, aber die Besprechungen mit den Bauleitern habe ich allein gemacht. Für die war ich einfach Frau Krauss aus dem Architekturbüro.

Zum 40. Geburtstag schenkte ich mir selbst eine Amerika-Reise. Sechs Wochen bin ich allein durch das Land gefahren und habe das erste Mal Freiheit gefühlt. Und in Kanada, in Calgary, bin ich zur Einwanderungsbehörde und habe mich informiert: Was muss ich tun, um hierbleiben zu können? Ein Architekturbüro dort hätte mich sogar eingestellt. Nur hatte ich ja gerade erst mit dem Zeichnen angefangen und war wirklich ein Neuling in dieser Welt. Noch dazu wäre alles auf Englisch gewesen. Mich hat dann der Mut verlassen, das muss ich ehrlich gestehen. Als ich wieder an meinem Münchener Schreibtisch saß, hat mein Chef gesagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie zurückkommen. Schön, dass Sie wieder hier sind.“

Nach fünf Jahren Zeichnen fiel ich aus gesundheitlichen Gründen für ein Vierteljahr aus. Damals drohte eine Wirtschaftskrise, und ich befürchtete, dass man mich als Erste loswerden würde, obgleich ich ja eigentlich die Preiswerteste war. Irgendwie hatte ich Sorge, dass die mich aufs Abstellgleis schieben. Und da habe ich mich für den sicheren Job im Büro beworben und bin dort dann geblieben. Als Sekretärin. Das war nicht immer leicht, plötzlich war ich unter anderem dafür zuständig, dass die Küche aufgeräumt war. Ich habe mich aber dagegen verwehrt, den männlichen Kollegen alles hinterherzutragen. Manchmal habe ich durch den Lautsprecher gerufen: Die Kaffeelöffel müssen gespült werden!

Wenn mir der richtige Mann über den Weg gelaufen wäre, hätte ich schon gern eine Familie gegründet, am liebsten sechs sommersprossige, rothaarige Jungs, denen ich gezeigt hätte, wie man klettert. Ich habe aber nie wie meine Freundinnen oder später Arbeitskolleginnen gezielt nach einem Mann Ausschau gehalten. Denen habe ich immer gesagt: Die Ehe ist kein Versorgungswerk. Ich habe mein Leben gemeistert, ohne dass ich abhängig war von einem Mann, der mich durchgefüttert hat und dessen Rente ich jetzt verprassen kann.

Ich habe heute einen kleinen Job in der Buchführung, damit bessere ich meine Rente auf. Auch sonst bin ich weiter sehr aktiv: 2009 bin ich mit meinem Spezial-Dreirad von München nach Rügen gefahren, seither werde ich als Expertin für Radverkehr und Straßenplanung angefragt. Außerdem bin ich Gleichstellungsbeauftragte meines Münchener Bezirks und sitze im Unterausschuss Verkehr.

Früher hatte ich lange Zeit das Gefühl, „gelebt zu werden“. Das ist heute anders: Ich lebe jetzt sehr intensiv.

Werner Karrasch, 87

Dass ich überhaupt zum Singen kam, war ein großer Zufall. Ich war neun oder zehn Jahre alt und spielte gerade mit meinem Freund Rolf, als seine Mutter in der Tür stand. Sie hatte von einem Vorsingen für einen Berliner Kinderchor gelesen, und da sollte Rolf hingehen. Weil ich nichts anderes zu tun hatte, bin ich mit nach Friedrichshain gefahren, zur „Plaza“, einem großen Varieté-Theater. Dort sangen wir dann einzeln vor. Meinen Freund Rolf haben sie nicht genommen, aber mich. Sie haben zwar auf der Liste ein Fragezeichen hinter meinem Namen geschrieben, aber das war mir egal. Ich habe mich gefreut, dabei zu sein.

Erst aber musste ich meine Eltern überreden, die wussten ja nicht einmal, dass ich vorgesungen hatte, und waren erst dagegen. Bei uns zu Hause lief keine Musik, es wurde nicht gesungen oder musiziert. Nun sollten meine Eltern plötzlich Chorgeld für mich zahlen, zwölf Reichsmark im Monat, nicht gerade wenig. Mein Vater verdiente als Beamter monatlich 190 Mark. Er stimmte trotzdem zu, und von da an spielte sich meine Jugend auf der Bühne ab. Nicht nur Proben, auch Auftritte vor großem Publikum, vier Vorstellungen in der Woche. Für ein anderes Hobby wäre keine Zeit mehr gewesen, aber ich hatte ohnehin kein Interesse: Wer einmal Theaterluft schnuppert – und sei es nur als Kulissenschieber – der möchte nie wieder aus dieser Welt raus. Das ist wie eine Sucht.

Wir traten im Märchentheater der Plaza auf, zuerst im „Froschkönig“, dann in „Hampelmann und Hampelfrau“. Meist am Anfang, bevor der Vorhang hochging, sozusagen als Einleitung. Später habe ich auch in der Oper gesungen, und zwar im Stück „Der Evangelimann“ in der Staatsoper. Es folgte ein Auftritt in „Der Wildschütz“.

Wir haben damals für unsere Verhältnisse richtig viel Geld verdient: Beim Kindertheater bekamen wir pro Vorstellung drei Reichsmark, bei der Oper fünf, jeweils an vier Tagen in der Woche, und ich habe es gespart. Das Singen brachte mir auch viele Freiheiten. Wenn Generalprobe war, wurde ich von der Schule freigestellt. Der Rektor wurde in die Oper eingeladen und war natürlich stolz, dass sein Schüler da oben auf der Bühne stand. Meine Eltern kamen genau einmal, dann hatten sie genug gesehen.

Meine Spezialität war das hohe C, das Fragezeichen neben meinem Namen war längst verschwunden. Eigentlich sind wir immer als Chor aufgetreten, nur beim Frühlingskonzert, das Wilhelm Furtwängler dirigierte, trat ich als Solist auf, gemeinsam mit Rita Paul, die später als Sängerin in Amerika erfolgreich war.

Richtig aufgeregt war ich nie, wenn ich auf der Bühne stand. Als Kind nimmt man das alles ja nicht so ernst, man betrachtet das noch als Spielerei. Der eine spielt Fußball, der andere singt eben. Damals habe ich das alles als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Heute denke ich natürlich anders darüber.

Im Winter 1940 habe ich mit ein paar anderen Kindern Weihnachtslieder in der Reichskanzlei gesungen. Anschließend bekamen wir ein Kuvert überreicht: Hitler schenkte jedem von uns ein Stipendium. Wie gern hätte ich Musik und Schauspiel studiert und wäre Sänger geworden! Doch mein Vater war dagegen. Er wollte, dass ich einen anständigen Beruf erlerne. „Das Künstlerleben ist ein Hungerleben“, sagte er. Er meinte es ja gut – und ich widersetzte mich nicht. Es war eine andere Zeit.

1942 begann ich eine Lehre als Werkzeugmacher, da war ich 14. Die lauten Maschinen in der Fabrik haben meinem Gehör schwer zugesetzt, aber es gab noch ein anderes Problem: Ich kam in den Stimmbruch. Die Chorleiterin hatte das wohl schon geahnt und mich auf die zweite Stimme vorbereiten wollen. Aber ich konnte ja nicht mehr zu den Proben gehen. Und da war es aus mit dem Gesang.

Mit 17 kam ich zum Arbeitsdienst, wurde Soldat, musste zwei Jahre in russische Kriegsgefangenschaft. Als ich nach Berlin zurückkehrte, fing ich bei einer Firma an, die Einzelteile für Schreibmaschinen herstellte. Die Arbeit lag mir, ich war zufrieden. Dann kam der folgenschwere Sonntagmittag 1953: Ich wartete am S-Bahnhof Bernau auf einen Kollegen. Nebenan auf dem Güterbahnhof verluden die Russen Militärgut. Beim Warten lief ich auf der Straße hin und her, an einer Russin vorbei, die offenbar zum Einweisen dort postiert war. Ich hatte in der Gefangenschaft einige Vokabeln gelernt und begrüßte sie freundlich, auf Russisch. Sie guckte mich bloß an, sagte nichts. Fünf Minuten später wurde ich verhaftet. Der Vorwurf: Spionage. Natürlich absurd, aber das hat keinen interessiert. Ein russisches Militärgericht verurteilte mich zu 102 Jahren Zuchthaus, später wurde die Strafe auf 25 Jahre verkürzt.

Man schickte mich nach Sibirien, ins Arbeitslager Workuta: Arbeit auf den Feldern und unter der Erde, acht Monate Winter, Durchschnittstemperatur minus 40 Grad Celsius. Ich habe nicht einmal mehr mit meinem Schicksal gehadert, ich war einfach nur apathisch, gleichgültig. Ich rechnete ja damit, bis in alle Ewigkeit in Workuta zu bleiben. Aber ich hatte Glück, nach vier Jahren kam ich frei: Konrad Adenauer hatte in Moskau die Freilassung deutscher Kriegsgefangener ausgehandelt, irgendwie war ich in diese Gruppe gerutscht, obwohl ich politischer Gefangener war. Bei meiner Rückkehr nach Berlin und ins Leben war ich 30 Jahre alt.

Meine Frau Inge lernte ich durch Zufall im Urlaub kennen. Sie kam auch aus Berlin und verbrachte wie ich im hessischen Würzberg ihren Urlaub bei denselben Wirtsleuten. Wir sind gemeinsam viel verreist, Inge und ich. Bis in die Karibik haben wir es geschafft, bis auf Barbados. Wenn wir von einer Reise zurückkamen, haben wir schon überlegt, wo wir nächstes Mal hinfahren. Ich bin ein Mensch, der nicht gern angenagelt ist.

Durch das Reisen, die Zeit mit meiner Frau und den Rückhalt meiner Familie konnte ich mit den schlechten Dingen in meinem Leben besser umgehen. Nach der Gefangenschaft fing ich wieder bei der alten Firma an. Nur produzierten die jetzt Frankiermaschinen, ganz moderne Dinger. Dort blieb ich bis zur Rente, erst als Einrichter, dann als Vorarbeiter. Ich kann heute sagen, dass ich ein gutes Leben hatte, trotz allem. Schon durch das Theater. Wer hat schon die Möglichkeit, als Zehnjähriger auf der Bühne zu stehen? Das war mein großes Glück.

Gesungen habe ich später nie wieder. Ich bin auch nicht mehr ins Theater oder in die Oper gegangen. Es hätte mir wehgetan. Meine Frau hatte kein großes Interesse an Opern. Ich habe immer gern Klaviermusik gehört. Wenn ich mal eine Platte aufgelegt habe, dann hat es das ganze Haus gewusst. Manchmal habe ich mich auf den Boden gelegt, direkt vor mein Radio und habe klassische Musik gehört. Meistens Beethoven. Ich habe nicht mitbekommen, dass die Nachbarn gegen die Heizung klopften, aber meine Frau kam dann ins Zimmer und stellte die Musik leiser.

Kurz nach Inges Tod kam ich erst ins Krankenhaus, vor anderthalb Jahren dann ins Seniorenzentrum Schöneberg. Ich versuche, an möglichst vielen Veranstaltungen im Haus teilzunehmen. Wobei ich nicht alle Angebote wahrnehme, zum Beispiel habe ich überhaupt kein Talent zum Malen. Und was soll ich dort, wenn ich es nicht kann? Aber dann bin ich irgendwann zu den Sing-Treffs gegangen. Ich habe den anderen aus der Gruppe nichts von früher erzählt, nur der Chorleiterin. Wenn man sich ein Lied wünscht, das sie ausnahmsweise nicht kennt, sagt sie: Moment, drückt auf ihr Handy und legt es vor uns hin. Und schon haben Sie die beste Musik! Richtig laut. Jedes Lied, das Sie haben wollen. Wunderbar. ---