Partner von
Partner von

Nach oben, bitte

Aufstieg durch Bildung ist ein schönes Versprechen. Wie kann es eingelöst werden? Erkundungen in Rostock.





Die Schüler

Annett Pismak und Karolina Novikova, die alle nur Karo nennen. Zwei elfjährige Mädchen, die eine dunkelhaarig, die andere flachsblond. Sie wohnen in Rostock-Lichtenhagen. Dort stehen Plattenbauten entlang ganzer Straßen, mitunter auch um die Ecke.

Lena Pismak, die Mutter von Annett, wollte in Kasachstan Hebamme werden. Die Großmutter, bei der sie lebte, hatte aber nicht das Geld für die Ausbildung. Kristina Novikova, die Mutter von Karolina, war Buchhalterin in einer Fabrik in Nowosibirsk. Das Schicksal führte beide nach Deutschland. Die eine putzt nun eine Arztpraxis, die andere pflegt alte Leute im Heim. Das Deutsch der beiden hat einen starken russischen Akzent. Die Ämter entschieden, welche Aus- oder Weiterbildung sie machen dürfen. So wurden sie, was sie heute sind.

Was aus ihren Töchtern wird, entscheidet sich in der Sternberger und der Ratzeburger Straße. Dort findet man die Hundertwasser-Gesamtschule und die Regionalschule Nordlicht. Annett besucht die eine, Karolina die andere. Die fünfte und sechste Klasse heißen in Mecklenburg-Vorpommern Orientierungsstufe. In dieser Zeit orientiert man sich: Abitur oder mittlere Reife. Annett und Karolina wollen aufs Gymnasium. Sie wollen auch Klavier spielen, zum Akrobatikunterricht, zum Volleyball und zur Leichtathletik. Annetts Mutter sagt, sie unterstütze ihre Kinder bei allem, was sie tun. Am Geld solle es nicht scheitern. „Zur Not werde ich nicht essen, damit die Kinder lernen können.“ Die Frage ist, ob das reicht. Nach Studien der OECD bestimmt in kaum einem Land die soziale Herkunft über den Bildungserfolg so stark wie in Deutschland.

Der Graben

Annett und Karolina steuern auf einen unsichtbaren Graben zu. Vor allem bei den 12- bis 14-Jährigen entscheidet sich, wer den Aufstieg schafft. In diesem Alter entscheidet sich meistens, für wen das Versprechen vom Aufstieg durch Bildung eingelöst wird.

Im aktuellen Bildungsbericht der OECD hat sich Deutschland als eines von wenigen Ländern in einigen Punkten verbessert. Gut ist die Lage aber immer noch nicht. Heino von Meyer, Leiter des Berliner OECD-Büros, findet, dass das Versprechen „Aufstieg durch Bildung“ für Kinder aus ärmeren Familien nicht eingelöst wurde. Nur 19 Prozent der Erwachsenen im Alter von 25 bis 34 Jahren erreichen einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Der Nachwuchs von Akademikern besucht doppelt so häufig eine Universität wie der von mittel- oder wenig gebildeten Familien. Angestellte mit Hochschulabschluss verdienen im Schnitt 74 Prozent mehr als Facharbeiter. Die Arbeitslosenquote der Akademiker liegt bei 2,4 Prozent, bei geringer Qualifikation steigt sie auf 12,8 Prozent.

Das ist der Graben.

Er existiert schon lange. Die Frage nach dem Warum aber bleibt spannend. Liegt das Problem tatsächlich in der Schule oder anderswo?

Investitionen in Bildung sind in der Politik zum Mantra geworden. Aufstieg durch Bildung – Pismak und Novikova glauben fest an dieses Versprechen. „Ihr müsst lernen, sonst werdet ihr, was ich geworden bin“, sagt Lena Pismak ihren drei Kindern. Auch Annett und Karolina glauben, dass sie werden können, was sie wollen, wenn sie nur ordentlich lernen. Annett will Journalistin werden, Karolina Polizistin. Sie vertrauen dem Bildungssystem – und damit auch Mathias Brodkorb (SPD), obwohl sie den gar nicht kennen. Der Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern kennt auch die beiden Mädchen nicht. Dafür aber die Zahlen der OECD. Er hält nicht viel von ihnen.

Der Minister

Brodkorb bezweifelt, dass sich Mecklenburg-Vorpommern mit den Champions im Schulen-Vergleichstest Pisa seriös vergleichen lässt, die Daten der OECD etwas über die Wirklichkeit vor Ort aussagen, „wenn doch nur drei Klassen aus Mecklenburg-Vorpommern an den Pisa-Studien teilnahmen“.

Auf die Frage, ob die soziale Herkunft den Bildungserfolg von Annett und Karolina beeinflusse, liefert er eine sehr genaue Antwort: zu 14 Prozent.

Dieser Wert stammt vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin. Es wurde 2004 als Reaktion auf das Pisa-Desaster im Jahr 2000 gegründet, um bundesweit geltende Lernziele zu formulieren und zu überwachen. Ebenso forschen die Qualitätsentwickler an Einflussfaktoren wie dem sozialen Milieu. Das Bildungsüberwachungsprogramm beschreibt Petra Stanat, Direktorin am IQB, als praktisches Resultat eines Lernprozesses. „Nach dem Pisa-Schock untersuchten wir, was andere Länder besser machen. Eine Erkenntnis war, dass sie öfter hinschauen.“ Schüler nicht abzuhängen heißt demnach, sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Der Einfluss der sozialen Herkunft ist laut Stanat vielschichtig. Es beginnt damit, „dass in bildungsfernen Familien weniger elaboriert gesprochen wird“. Kinder aus sozial schwachen Milieus werden oft schlechter benotet, seltener für den Besuch des Gymnasiums empfohlen. Letzteres liegt auch daran, dass die Eltern diese Empfehlung weniger stark einfordern. In einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern ist der Besuch einer weiterführenden Schule zudem häufig mit einem Wechsel in eine andere Stadt verbunden. „Viele Eltern wollen ihre Kinder aber in ihrer Nähe behalten.“

Bundesweit lassen sich Leistungsunterschiede in Mathematik und Naturwissenschaften zu etwa 13 bis 17 Prozent auf die persönlichen Lebensumstände zurückführen. Schüler aus sozial besser gestellten Familien erreichen in Mathematik im Durchschnitt 82 Punkte mehr als Jugendliche aus sozial schwächeren Milieus. Das entspricht einem Bildungsvorsprung von drei Jahren.

Mecklenburg-Vorpommern liegt mit den besagten 14 Prozent zwar am unteren Ende dieser Skala, wie aber senkt man diesen Wert, Herr Minister?

„Indem wir nicht nur auf die Schüler blicken, sondern vor allem auf die Lehrer.“

Für den Bildungserfolg hält er die eine Stunde Förderunterricht mehr oder weniger im Einzelfall für kaum relevant. Die Qualität der Lehrerarbeit aber schon, „die entwickeln wir, wenn wir gut ausbilden, aber auch im Beruf die Zeit lassen, weiter an sich zu arbeiten“.

Brodkorb spricht sehr schnell. In seinen Sätzen sagt er Dinge wie soziale Disparität, Passungsfähigkeit oder verhängnisvolle Verstrickungen. Am Ende lautet die Botschaft: Eigentlich ist alles ganz gut.

Im Schuljahr 2013/2014 erlangten in Mecklenburg-Vorpommern 35 Prozent aller Schüler die Hochschulreife, weitere vier Prozent das Fachabitur. Mehr als acht Prozent aller Schüler schafften keinen Abschluss. Das Land hat seit Jahren den höchsten Anteil an Jugendlichen, die sowohl die Schul- als auch die Berufsausbildung abbrechen beziehungsweise ohne Abschluss beenden.

Die Wirklichkeit, die sich hinter diesen Zahlen versteckt, versucht Bordkorb in den mehr als 700 Lehrersprechstunden zu ergründen, die er geführt hat. „Ich treffe zu zwei Dritteln Pädagogen mit leuchtenden Augen und zu einem Drittel solche, die resignieren, bei denen nichts mehr leuchtet.“ Er sieht seine Aufgabe darin, bei ihnen das Leuchten wieder herzustellen.

Das sei entscheidend, um Schüler im Bildungssystem nach oben zu führen. Brauche aber Zeit. 90 unterrichtsfreie Minuten möchte Brodkorb Lehrern an bestimmten Schulen in der Woche zugestehen, um sich fortzubilden, sich zu inspirieren – an sich zu arbeiten. Er verspricht sich davon eine bessere Zusammenarbeit untereinander, das gemeinsame Zugehen auf schwierige Schüler, vielleicht sogar das Abgeben von Klassen. Er nennt das „Passungsfähigkeit“: Nicht jeder Lehrer passt in jede Klasse. Doch dass sie mit einer Klasse nicht zurechtkommen, ist nicht unbedingt das, was sie ihren Kollegen gewöhnlich offenbaren, und so entstehen die besagten „verhängnisvollen Verstrickungen“, durch die man am Ende die Schüler verliert, die man doch nach oben führen soll.

An Schulen mit besonderen Herausforderungen wurden zudem 60 Heilerzieher eingestellt. Gemeinsam mit Schulsozialarbeitern und Lehrern sollen sie kooperieren, um Schüler zu unterstützen, die Hilfe brauchen. Besserer Unterricht durch besseren Umgang mit Kindern – in Vorzeigeländern wie Finnland ist dies eine längst bewährte Praxis.

Es geht aber auch um Wahrheit. „Die Öffentlichkeit muss wissen, dass wir niemals alle Kinder mit einem Abitur-Durchschnitt von 1,5 von der Schule schicken können. Das ist unrealistisch.“ Die Lehrer sieht Brodkorb einem Übermaß an Erwartungen ausgesetzt, als könnten sie alle Fehlentwicklungen in der Gesellschaft wieder geradebiegen. Brodkorb sagt: „Dafür müssen wir die Eltern viel stärker in die Pflicht nehmen.“ Das werden wir noch öfter hören.

„Wir können noch so viele Programme starten“, sagt der Minister, „letztlich hängt alles an der Lehrerpersönlichkeit vor Ort, wie sie mit der Klasse agiert, ob sie für ihre Schüler brennt oder selbst ausgebrannt ist.“

Die Lehrer

Andreas Nadolny ist an der Hundertwasser-Gesamtschule Lehrer für Sport und Philosophie in der Klasse von Annett Pismak. Er unterrichtet beide Fächer im Trainingsanzug, gehört zu den Lehrern, die leuchten. Er sagt, die Kinder aus schwächeren Milieus seien oft die Fleißigsten. „Werden sie auch zu Hause gefördert, schießen die richtig nach oben. So ist das.“ Warum kommen sie dann aber so selten auch oben an? Hat das nicht doch mit dem Hintergrund der Eltern zu tun?

Nadolny verneint das. Die Schülerschaft sei zum Beispiel sehr heterogen, das bügele vieles glatt. Als Grund nennt er die verkehrsgünstige Lage der Hundertwasser-Gesamtschule, so heterogen ist. „Dadurch mischt sich bei uns viel.“ Aus dem schicken Warnemünde kommen Kinder, aus dem angrenzenden Speckgürtel und der direkten Nachbarschaft im Plattenbau. „Wir haben hier alles, die Schüler, bei denen wir mehr mit dem Jugendamt als mit den Eltern sprechen, die Scheidungsdramen, die Wohlerzogenen, die sozial Schwachen und die Betuchten.“ Denen es auch nicht unbedingt besser gehen muss. „Wenn die Eltern nie Zeit haben, nützt das tolle Haus mit Garten auch nichts.“

Was aber nützt dann?

Nadolny muss nicht lange überlegen: „Engagierte Eltern, so einfach ist das.“

Der Lehrer ist angespannt in diesen Tagen. Er hat den Crosslauf der Rostocker Schulen organisiert, dann folgten der Europatag und der Spendenlauf für die Kinderkrebshilfe. „Ist ja nicht so, dass es keine Angebote gäbe.“

Doch viele Eltern nähmen sie nicht an. „Sie leben zufrieden vom Amt und hegen auch für ihre Kinder keine übertriebenen Ambitionen. Oder sie sagen, dass es besser sei, das Kind wird ein guter Schüler auf der Regionalschule als ein schlechter auf dem Gymnasium.“ In anderen Elternhäusern muss das Kind aufs Gymnasium, obwohl die Lehrer wissen, dass es da eigentlich nichts zu suchen hat. „Da wird das Kind zum Abitur gescheucht, kommt nicht klar, verzweifelt und bricht ab.“

In der sechsten Klasse erhalten die Eltern eine Empfehlung, welche weiterführende Schulform für die Kinder die geeignete ist. „Wir betreiben dafür einen Heidenaufwand, beschreiben seitenweise Papier, führen Gespräche, am Ende aber ist das alles oft für die Katz, weil die Eltern machen, was sie selbst für richtig halten.“ Leider lägen sie mit ihrer Einschätzung oft falsch.

Vielleicht sind nicht die Schüler das Problem, auch nicht die Lehrer, sondern die Eltern. Oft wird belächelt, wenn sie sich helikopterhaft um alles kümmern, und dabei wird vergessen, dass viele Eltern gar nichts tun und Bildung nötiger hätten als die eigenen Kinder.

Joachim S. unterrichtet seit vier Jahrzehnten an einem Gymnasium. Er möchte anonym bleiben, hat aber etwas zu sagen: „Einige Eltern geben die Kinder in der Schule ab und würden sie am liebsten erst mit dem Abitur wieder abholen.“

Es gibt Nachhilfe an den Schulen, Kurse an Volkshochschulen, kostenlos oder zumindest für jeden bezahlbar. Auch geförderte Musikprojekte, Theaterproben, ein Instrumenteverleih. Begabte Kinder, egal ob arm oder reich, können Vorlesungen an Schüleruniversitäten besuchen, es ist alles da – aber nutzt das auch?

Joachim S. beklagt ein Projektdenken, heute Trompete, morgen Schauspiel, übermorgen etwas mit Kunst. Kostenlos und unverbindlich. Und habe ich keine Lust mehr, höre ich eben auf. Aber Schule sei nun mal kein Projekt, wo man mal dieses, mal jenes mache.

Er sagt: „Wir sind überfordert. Wir sollen gute Lehrer, halbe Psychologen oder Elternersatz sein, aber ich bin nur Lehrer.“ Er könne bei Schülern Fehlentwicklungen beobachten, aber beträfen die nicht sein Fachgebiet, wisse er nicht, wie er damit umgehen solle. Da bräuchte er Unterstützung, fachliche Beratung. Stattdessen schickt man ihm Inspektoren in den Unterricht, die in 20 Minuten 140 Kriterien bewerten, wieder verschwinden und irgendwelche Rankings füttern. Joachim S. würde die Schule gern wieder auf ihr Kerngeschäft zurückführen: „Den Kindern etwas beizubringen.“

Die Aufsteiger

Am Geld liegt es also nicht. Wer will, bekommt vieles, sogar gratis eine Geige zum Üben. Zweitens lässt sich der Zusammenhang von Milieu und Bildung nicht exakt messen. Drittens sind die Eltern nicht weniger verantwortlich als die Lehrer und die Schule. Allerdings fordert die IQB-Direktorin Petra Stanat, dass Lehrer, statt über Eltern zu klagen, nach Wegen suchen sollten, diese in die Bildungsarbeit miteinzubeziehen. Die spannende Frage lautet: Was tun?

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat 40 „Extrem-Aufsteiger“ interviewt. Menschen, deren Kindheit von der Arbeitslosigkeit der Eltern, Drogen, Gewalt oder fehlenden sozialen Bindungen geprägt war und die später dennoch studierten und Erfolge feierten. Bildung, so die Erkenntnis, scheint in diesem bildungsfernen Umfeld nur dann sinnvoll, wenn sie einen unmittelbaren Nutzen bringt, vor allem Geld und Anerkennung.

So gesehen, stellen Schulen, die ihren Schwerpunkt auf musisch-künstlerische Fächer oder Sprachen legen, deren direkter Nutzen sich vielen Schülern nicht gleich erschließt, eine Aufstiegshürde dar. El-Mafaalani spricht von „einer unsichtbaren Diskriminierung“, die sich erst langsam, zum Beispiel durch technisch orientierte Schulformen auflöse. Auch in Rostock arbeiten einige Gesamt- oder Realschulen mit angepassten Lehrplänen, um die Schüler auf handwerkliche Berufe vorzubereiten.

Lehrer spielten in den Aufsteigerbiografien keine Rolle. Wohl aber Personen, die der Wissenschaftler „soziale Paten“ nennt, Mentoren aus höheren Bildungsmilieus, die motivieren und inspirieren. „Allein“, so der Soziologe, „ist der Aufstieg nicht zu schaffen.“

Der Olympiasieger

Christian Schenk erzählt die Geschichte von Fatima. Eine Schülerin einer sogenannten Brennpunktschule in Berlin-Neukölln. Mit den Jungs spielte sie wie ein Teufel Fußball. Schenk fragte sie, ob sie in einem Verein spiele. Sie sagte: „Nö. Mama hat kein Geld.“ Er sagte, sie müsse unbedingt in eine Mannschaft.

Ein halbes Jahr später traf er sie wieder. Das Mädchen rief: „Herr Schenk, ich spiele im Verein, ich bin Kapitän, und wir steigen auf.“ Einen ganz anderen Menschen sah er da. „Gerade und selbstbewusst.“ Ob das ihrem Bildungsaufstieg hilft, weiß er nicht. Er sei kein Pädagoge, er wisse nur, was er sehe. Fatima sah eindeutig besser aus als vor dem Vereinsbeitritt.

Christian Schenk ist Olympiasieger. 1988 gewann er in Seoul Gold im Zehnkampf für die DDR. Der Rostocker leitet heute eine Agentur für Sport- und Gesundheitsmarketing. Er entwickelte das Elite-Forum der Deutschen Sporthilfe, in dem Spitzensportler Größen aus anderen Disziplinen treffen. Gewichtheber unterhalten sich dann mit Fernsehmoderatoren oder Politikern.

Seit einigen Jahren organisiert er zudem bildungsorientierte Klassenfahrten und berufsnahe Schülercamps, damit auch Schüler wie Fatima Spitzenkräfte treffen, Unternehmen und Branchen kennenlernen und, wie Schenk sagt, „den Möglichkeiten des Lebens begegnen“.

In den Camps präsentieren sich kleine und mittelständische Unternehmen, die Auszubildende nach Fähigkeiten aussuchen, nicht nur nach Zensuren. Auch das gehört zum Versprechen vom Aufstieg durch Bildung. Jüngst erregte eine Umfrage die Gemüter, nach der Unternehmen selbst für einfache Berufe zumindest den Realschulabschluss fordern und Auszubildende mit ausländischen Wurzeln gänzlich ausschließen. Der Abschluss entscheidet über den Anschluss, vor allem seit die für die Universitäten ausgebildeten Gymnasiasten im Ausbildungsrevier der Realschüler wildern. Aus Sicht der Unternehmen verständlich: Abiturienten sind volljährig, bringen den Führerschein und eine bessere Allgemeinbildung mit. Für Schüler ohne Abitur wird der Arbeitsmarkt immer enger.

Eine Frage der Koordination

Die soziale Herkunft dürfte heute eigentlich keine Rolle mehr spielen. Christian Schenk sagt: „Es gibt so viele Organisationen, die sich für sozial schwache Jugendliche einsetzen, ein Mentoring anbieten, Netzwerke aufbauen oder materiell helfen. Aber es wird zu wenig koordiniert, dafür gibt es eben keine App.“

Der Lehrer Nadolny glaubt, Talentförderung hänge von ihm und seinen Kollegen ab. „Wenn ich da was entdecke, kann ich das fördern. Ist ja klar.“ Entsprechende Strukturen gebe es dafür an der Schule aber nicht. Er wüsste auch gar nicht, wann er das noch schaffen sollte. Im Umfeld einer Regional- oder Gesamtschule habe man „häufig mehr mit Erziehung als mit Bildungsaufgaben zu tun“. An einem Gymnasium sei das einfacher. Da zögen sich die Schüler gegenseitig nach oben, in der Regionalschule hingegen eher nach unten.

Auf die Frage, ob Annett Pismak oder Karolina Novikova schon mal von einem Lehrer besonders angespornt worden seien, sagen beide: Nö. Karolina immerhin gewann beim jüngsten Talentwettbewerb am Klavier den zweiten Platz. Annett Pismak bekommt am letzten Schultag oft Blumen für das beste Zeugnis. Und die Häme der Mitschüler.

Wie können die beiden Schülerinnen den Aufstieg schaffen? Lernen hilft. Auch der Einsatz ihrer Mütter, die jeden Tag fünf Kinder zu verschiedenen Sportarten und Musikstunden kutschieren. Karolina hat sich bereits erkundigt, wo Polizisten ausgebildet werden. Man sagte ihr, sie müsse für den Job gut in Deutsch, Sport und Mathe sein. Darin sieht sie kein Problem. ---