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Sandra Schwarzhaupt: In höchsten Tönen

Sie war anders als die anderen Kinder. Was ist aus der Hochbegabten von einst geworden? Eine Begegnung.




An ihrem zwölften Geburtstag sitzt Sandra Schwarzhaupt in der Stargarderobe der New Yorker Carnegie Hall und wartet auf ihren Auftritt. Sie lächelt den Fotografen an, das Gesicht noch kindlich offen, pausbäckig. Gleich wird sie ihren großen Auftritt als Sopranistin haben, sie wird Mozart-Lieder singen. Man schreibt das Jahr 1990, noch nie zuvor hat eine so junge Sängerin auf der Bühne der altehrwürdigen Carnegie Hall gestanden. „Die Locken eingedreht, stand ich da. Ohne Nerven fast, spielerisch war es“, sagt sie heute, „man hat ja in dem Alter keine Angst.“

Andere arbeiten ein Leben lang auf einen solchen Auftritt hin. Dem Wunderkind fiel er in den Schoß. In der Mitte ihres Programms steht Mozarts „Lied zur Gesellenreise“. Mit glockenheller Stimme singt sie die Zeilen daraus: „Rau ist zwar des Lebens Reise // aber süß ist auch der Preis.“ Der Blumenstrauß nach dem Auftritt ist fast so groß wie sie. Damals sagt sie: „Ich will die beste Sängerin der Welt werden.“ Der Auftritt, der Applaus, der Blumenstrauß, sie sind wie ein großes Versprechen auf den süßen Preis.

Es ist die Zeit, in der das Talent allein für die größte Bühne reichte. Sie sagt heute: „Es strömte aus mir heraus. Ich habe so gern gesungen, dass ich manchmal nicht aufhören konnte.“ Die Schallplatte mit dem Mitschnitt aus der Carnegie Hall verkauft sich gut, das Cover zeigt die Sängerin in weißer Robe mit roter Rose. Entdeckt worden war sie ein Jahr zuvor in einer Talentshow. Medien nennen sie „eine Jahrhundertstimme“, auch „die zweite Callas“. In einem »Focus«-Interview 1994 sagt Sandra Schwarzhaupt den Satz, den sie über die Jahre oft sagen wird: „Ich stehe erst ganz am Anfang.“

Ein großes Talent ist die Grundlage einer großen Karriere. Der Anfang. Doch was, wenn danach Begabung allein nicht mehr reicht, wenn der Weg des Wunderkinds nicht steil hinaufführt?

Fünf Jahre nach dem Auftritt in der Carnegie Hall steht Sandra Schwarzhaupt in einem Boxring. Dieselbe Stimme, glockenhell. Sie singt jetzt nicht mehr Mozart, sie singt den Popsong „Hero of the Night“. Der Boxer Axel Schulz verliert den Kampf gegen George Foreman um den Weltmeistergürtel, wird zum tragischen Helden. Der Song schafft es in die Charts, Platz 80. Es ist der Beginn von Schwarzhaupts Popkarriere. Sie nimmt drei CDs auf, mehrere Singles, auf denen sie ihre außergewöhnliche Stimme eher seichten Songs leiht.

Knapp drei Jahre später, 1997. Auftritt in der „Harald Schmidt Show“. Schwarzhaupt hat die Katze Gwendolyn synchronisiert im Zeichentrickfilm „Die Furchtlosen Vier“. Sie sagt: „Ich denke immer noch, dass ich ganz am Anfang stehe.“ Als Harald Schmidt nach der Opernkarriere fragt, lacht das Publikum. Carnegie Hall, Boxring, Zeichentrickfilm: Steil nach oben geht anders. Was, wenn es das schon war? Sie sagt: „Bis dahin war mir das Singen immer leichtgefallen. Die Töne kamen natürlich, einfach so heraus. Das war plötzlich anders. Meine Stimme hat nicht mehr mitgemacht. Das hat mich verunsichert.“

Mit 27 macht Schwarzhaupt einen Schnitt. Sie geht nach New York. „Ich brauchte die Anonymität der großen Stadt, um mich auszuprobieren.“ Sie nimmt Gesangsunterricht bei ihrer früheren Lehrerin Sonja Karlsen. „Sie kennt mich noch vom Anfang meiner Karriere, sie hatte mir vor der Aufnahme meines ersten Albums geholfen“, sagt sie, „sie war ganz und gar nicht überrascht, als ich vor ihr stand.“

Sie nimmt sich Zeit, ihre Stimme kennenzulernen, Zeit, die sie vorher nie hatte. Dabei entdeckt sie ihre Stimme neu. Karlsen sagt zu ihr: „Du bist kein Sopran.“ Aus ihr wird ein lyrischer Mezzosopran. Sie singt von nun an die gefallenen und gebrochenen Rollen, die Carmen oder die Johanna von Seymour aus der Oper „Anna Bolena“.

Sandra Schwarzhaupt ist jetzt 36 Jahre alt. Sie ist keine weltberühmte Sopranistin geworden. Sie tritt mit dem Christophorus Kinder- und Jugendchor auf, im Südböhmischen Theater und im Tryon Fine Arts Center in North Carolina. Vor zwei Jahren ist sie mit ihrem Mann, dem Tenor Lázaro Calderón, von New York nach Köln gezogen, wo ihre Tochter zur Welt kam. Sie hat gelegentlich Auftritte, kann sich vorstellen, zu unterrichten oder noch ein Album aufzunehmen.

Noch hat sie das große Versprechen des Ausnahmetalents, das ihre Kindheit gegeben hat, nicht eingelöst. Das beschäftigt sie. Am Ende sagt sie: „Warum sollte es das schon gewesen sein?“