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Jonas Pfeil: Der große Wurf

Er war anders als die anderen Kinder. Was ist aus dem Hochbegabten von einst geworden? Eine Begegnung.




Als Jonas Pfeil auf dem Gipfel eines Berges auf einer Insel in Tonga steht, hat er die wahrscheinlich verrückteste Idee seines Lebens. Er ist gebannt vom Ausblick. Er will ein Panorama von der überwältigenden Landschaft aufnehmen. Er baut das Stativ seiner Spiegelreflexkamera auf. Sein Kumpel neben ihm findet, das dauere zu lange. Da kommt Pfeil auf die Idee: „Man müsste eine Kamera in die Luft werfen und sie rundherum Aufnahmen machen lassen.“ Eine Panorama-Wurfkamera. Eigentlich eine Idee, so verrückt, dass sie von Daniel Düsentrieb stammen könnte. Doch sie lässt Pfeil nicht mehr los, und er gründet in Berlin die Firma Panono, um sie weiterzutreiben. 

Pfeil verfügt über eines der gefragtesten Talente unserer Zeit: etwas, das man technische Fantasie nennen könnte. Bill Hewlett und David Packard, Bill Gates und Steve Jobs müssen eine ähnliche Gabe gehabt haben, sich Geräte vorzustellen, die es noch nicht gibt, aber geben sollte. Pfeil hat viele davon entwickelt. Er beteiligte sich mehrfach bei „Jugend forscht“, dem größten Wettbewerb dieser Art für Schüler. Er läuft seit 50 Jahren. Im Jahr 2014 gab es fast 12000 Anmeldungen. Pfeil ist einer der erfolgreichsten Teilnehmer. Er sagt: „Mir hat Jugend forscht Mut gemacht, meine Ideen umzusetzen. Selbst die abgedrehten.“ 

Sein erstes Problem löst er zusammen mit seinem Freund Levin Alexander, da ist er 16 Jahre alt. Gemeinsam entwickeln sie im Jahr 2000 ein System, wie man die auf empfindlichem Thermopapier ausgedruckten Bilder von medizinischen Geräten in einer Arztpraxis archivieren kann, indem man sie digitalisiert. Der erste Anwender ist Alexanders Vater. An ein paar Praxen verkaufen die beiden Freunde ihr System. Im Jahr darauf bauen sie einen Roboter, der sich durch ein „selbst entwickeltes Ultraschall-Tracking-System“ im Kinderzimmer orientiert. Sie gewinnen den Landeswettbewerb Berlin. Dann, 2002, ein „Gerät zur Erkennung von einsetzendem Sekundenschlaf anhand des Lidschlags“, das übermüdete Autofahrer retten soll. Wieder gewinnen sie. 

Wenn Pfeil spricht, schaut er aus dem Fenster des Besprechungsraums, als käme seine Geschichte von dort draußen zu ihm. Jede seiner Erfindungen kann er plastisch machen, sich in Details und Konstruktionsproblemen verlieren, seine Finger zeichnen dann Kreise auf den Tisch, erheben sich in die Luft. Während seines Studiums – Ingenieurwesen für Technische Informatik – entwickelt er einen schaumstoffschneidenden Roboter und ein vernetztes Soundsystem. Fragt man ihn nach seinem Talent, sagt er: „Mich interessieren eigentlich nur Probleme. Ich mag Probleme. Wenn eine Sache nicht nach einem Problem aussieht, interessiert sie mich nicht.“ 

An der Universität macht er sich Gedanken über seine berufliche Zukunft. „Ich habe immer gedacht, ich muss später Waschmaschinen programmieren“, sagt er. Doch zum Glück kletterte er während des Studiums 2007 auf den Berg in Tonga. Pfeil beginnt mit der Entwicklung der Wurfkamera. Zwei Jahre nach der Idee baut er die ersten Prototypen. Für seine Diplomarbeit zur Rundum-Kamera braucht er anderthalb Jahre: Dann ist das Gerät, so groß wie ein Fußball und außen mit grünem Schaumstoff überzogen, fertig. 

„Zunächst wollte ich davon nichts mehr wissen“, sagt er. Er geht nach Japan, der Prototyp verschwindet für ein halbes Jahr im Schrank. Da wäre er auch fast geblieben. Doch aus einer Laune heraus veröffentlicht Pfeil ein Youtube-Video, in dem die Kamera zu sehen ist. Mehr als drei Millionen Menschen schauen sich den Clip an und entdecken die Kamera. Viele wollen sie haben. „Ich wollte nie ein Unternehmen gründen. Aber die Menschen wollten es.“ 

Also gründet der Jugend-forscht-Star von einst ein Unternehmen. Wenn man den Kameraball in die Luft wirft, nehmen am höchsten Punkt 36 Linsen die Umgebung auf. Später am Bildschirm kann man sich zum Beispiel mit der Maus drehen. „So macht der Kameraball es möglich, ein komplettes Abbild eines Moments festzuhalten. Und das auf einfachste Weise“, sagt er. 

Einfach heißt auch: Das aufwendige Zusammenrechnen der 36 Einzelbilder passiert nicht in der Kamera, sondern erst später auf den Panono-Servern. Per Crowdfunding auf Indiegogo sammelt Pfeil 1,25 Millionen Dollar ein – Anzahlungen, verbunden mit Vorbestellungen für ein Produkt, von dem es bislang nur einen Prototyp gibt. Im Herbst 2014 besorgt er sich über die Plattform Companisto noch einmal gut 1,6 Millionen Euro von 1800 Investoren, die daran glauben, dass die Firma mit ihrem verwegenen Produkt die Zukunft der Fotografie mitgestalten kann. Es ist das erste Mal, das Pfeil den aufwendigen Weg bis zur Serienreife geht. 

Er ist Unternehmer geworden und Erfinder geblieben. Auf seinem Schreibtisch steht eine Art Belohnungsmaschine, die er – natürlich – selbst gebaut hat. Einige Essstäbchen, zwei Schrittmotoren, eine Bärenglocke, Heißkleber. Auf einem Chip blinkt eine grüne LED. Immer wenn eine Bestellung in seinem Webshop eingeht, rattert der Schrittmotor, die Sperre aus einem Essstäbchen weicht kurz zurück, und eine M&M-Schokoladenlinse fällt in ein Glas. Die Maschine steht zwischen Post-its und Visitenkarten auf dem Schreibtisch. Pfeil muss sie oft auffüllen. ---