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Franz Király: Ausgerechnet Talent

Er war anders als die anderen Kinder. Was ist aus dem Hochbegabten von einst geworden? Eine Begegnung.




Der erste Schultag ist einer der merkwürdigsten Tage im Leben des Franz Király. Der Siebenjährige erlebt, welche Gabe ein Talent sein kann. Und welche Bürde. Eingeschult wird er in Ehingen, südwestlich von Ulm. Er kommt direkt in die zweite Klasse. „Ich merkte sofort, dass ich schneller als andere Kinder verstand“, sagt er. Die Schulkameraden finden ihn merkwürdig. Sie schieben es darauf, dass er Ausländer ist, weil seine Eltern aus Ungarn stammen. Noch bevor er seine Begabung, blitzschnell zu lernen und zu kombinieren, ob es nun um Mathematik oder um Sprachen geht, richtig entdecken kann, leidet er schon darunter. Im Unterricht ist er den anderen weit überlegen, doch die geben ihm das Gefühl, unter ihnen zu stehen.

Király ist ein Multi-Talent. 1986 wurde er als Sohn ungarischer Einwanderer in Ulm geboren. Mit drei Jahren, erzählt er, konnte er lesen und im vierstelligen Bereich dividieren. Der Großmutter fiel das zuerst auf, die Eltern sträubten sich zunächst gegen die Erkenntnis. Doch als Ärzte sahen sie viele andere Dreijährige und bemerkten schließlich, wie weit ihr Sohn denen voraus war. Seine Schulzeit bestand aus übersprungenen Klassen, Neuanfängen, Rekorden.

Der 29-Jährige erzählt heute so gelassen davon, als habe er damals einfach nur etwas schneller rechnen können als seine Mitschüler. Doch wer genau hinhört, versteht, dass das Talent eine Last für den Heranwachsenden war. Er hatte kein Verständnis für die langsamen Mitschüler. Seine Leistungen trieben ihn immer weiter, von Klasse zu Klasse, und machten ihn zu einem Einzelgänger.

Fünf Klassen hat er übersprungen. Einmal hat er es bereut, als er in die zehnte Klasse aufrückte. Da war er plötzlich ein Kind unter Pubertierenden. „Dem Klassenlehrer hat es speziell nicht gefallen, dass ich anders war“, sagt Király, „er wiegelte die Mitschüler auf.“ Mit 14 Jahren macht er sein Abitur, als bis dahin Jüngster in Deutschland, Notenschnitt 1,2. „Die Schwierigkeiten, die kamen ja nicht nur durch die anderen“, sagt er selbstkritisch.„Aber zu akzeptieren, dass Menschen eben unterschiedlich schnell verstehen und das so auch in Ordnung ist, diese Fähigkeit zur Reflexion, die entwickelte ich erst in der Abiturklasse. Da habe ich von meinen Mitschülern viel gelernt, worauf ich heute noch aufbaue.“

Franz Király hat es zum Protagonisten einer Aufgabe in einem Deutschbuch geschafft. Dort geht es um das Thema Hochbegabung, eine Frage lautet: „Möchtet ihr mit Franz Király tauschen? Warum (nicht)?“ Er hört davon zum ersten Mal, dann sagt er: „Ich überlege mir tatsächlich sehr oft, ob ich mit einem anderen Schüler tauschen würde.“ Als wäre auch das ein spannendes mathematisches Problem, das es zu lösen gilt.

Nach dem Abitur beginnt er, Informatik an der Universität Ulm zu studieren. Die Hochschule erweist sich als flexibel: Man macht ihm vieles möglich. Er studiert ab dem Wintersemester 2000 auch Medizin, nimmt später Mathematik hinzu, schließt alle drei Studiengänge zwischen 2004 und 2006 ab und beginnt mit Physik, während er an seiner Dissertation in Medizin und an der in Mathematik arbeitet. Auch das Fach Philosophie belegt er zwischendurch, allerdings nur bis zum Vordiplom; vielleicht erscheint ihm das nicht erwähnenswert. Sein Lebenslauf jedenfalls verschweigt es.

Er beschäftigt sich mit Künstlicher Intelligenz, Zahlentheorie, Nuklearmedizin, Erkenntnisphilosophie, Quantenphysik: Király ist wie ein Wissensschwamm, er sammelt Studienabschlüsse wie andere Leute Seminarscheine. „Ich hatte den Wunsch nach breitem Wissen. Mich treibt die Frage nach dem Warum.“

Sein Talent sei eine Verpflichtung. Deshalb will er irgendwann Arzt werden, wie die Eltern. Das Thema seiner Dissertation: akute Leukämie. „In meiner medizinischen Doktorarbeit ist mir erstmals bewusst geworden, dass das Mathezeug zu etwas gut ist“, sagt er. Er nennt diesen Moment sein „Erweckungserlebnis“. Als Király die Promotion in Mathematik beendet und damit seinen zweiten Doktortitel in Empfang nimmt, ist er 25 Jahre alt.

Das Studium ist vier Jahre her. Jetzt absolviert er erst einmal einen Forschungsaufenthalt am Aalto Science Institute im finnischen Espoo. Gerade hat er sich zum morgendlichen Austausch mit einem Kollegen getroffen, „kreatives Nachdenken über mathematische Probleme“ nennt er das. Es geht um Methoden, eine Matrix zu vervollständigen. „Das Vervollständigen wird dann interessant, wenn Spalten, Zeilen und Einträge etwas Praktisches bedeuten.“ Aus der Krankenakte eines Patienten könne man so schlussfolgern, welche Behandlung als Nächstes sinnvoll sei. „Ganz ähnlich dem Empfehlungs-algorithmus von Amazon“, sagt er.

Király, auch das ist Teil seiner Geschichte, hat nach vier Studienabschlüssen, zwei Dissertationen und kurzer Tätigkeit an der Technischen Universität Berlin Deutschland verlassen: Das deutsche Wissenschaftssystem konnte dem Ausnahmetalent nichts bieten, was ihn hier gehalten hätte. Bis auf vier Monate kann er seinen Forschungsaufenthalt in Espoo ausdehnen. Regulär forscht und lehrt er am University College in London. Mathematische Talente, sagt er, würden in Deutschland noch immer misstrauisch beäugt und zu wenig gefördert.

Er zögert stets einen Moment, bevor er antwortet, dann kommt eine perfekt durchdachte Replik. Doch fragt man ihn, ob es ihm um wissenschaftlichen Ruhm gehe oder um die Veränderung der Gesellschaft, ist er schneller, als die Frage zu Ende ist: „Eindeutig Veränderung.“