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Benjamin Hutchinson

Mit Essen spielt man nicht, heißt es. Das wollte Benjamin Hutchinson nicht akzeptieren – und wurde der erste Spekulant mit Agrarprodukten.





• Das Leben des Farmers hält schon genug Unwägbarkeiten bereit. Mal ertränkt der Regen die Ernte. Mal verdorren die Pflanzen in der Sonne. Die Bauern in der Gegend um Chicago litten noch unter einem weiteren Wetterphänomen: Wenn die Kanäle in die Stadt zufroren, konnte sie das ruinieren. Denn Weizen, Hafer, Mais und was die Farmen sonst noch hergaben, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts auf den Wasserstraßen nach Chicago zum Verkauf verschifft. Doch wenn im Winter eine dicke Eisschicht die Kanäle unpassierbar machte, kam kein Getreide in die Stadt. Aufgrund des schwachen Angebots explodierte der Preis. Sobald im Frühjahr das Tauwetter einsetzte, wurden Agrarprodukte dagegen zu Schleuderpreisen gehandelt. Die Schwankungen waren unvorhersehbar, sehr zum Leid der Farmer.

Um das Problem in den Griff zu kriegen, entwickelte die 1848 gegründete Chicagoer Getreidebörse ein Produkt: standardisierte Future-Verträge auf Getreide. Der erste damit geschlossene Deal wurde am 13. März 1851 unterzeichnet. Darin wurde der Kauf von Weizen besiegelt, der erst drei Monate später geliefert wurde – zu einem festen Preis. Beide Seiten hatten etwas davon: Der Farmer wusste, wie viel Geld er mit seiner Ernte verdient. Der Händler wusste, dass er die Ware bekommen würde.

Eigentlich eine gute Idee. Doch die Börse hatte die Rechnung ohne Männer wie Benjamin Hutchinson gemacht. Er gehörte zu jenen Spielern, die gar kein Getreide kaufen wollten, sondern nur mit den Verträgen spekulierten.

Old Hutch, wie sie ihn nannten, wurde auf einer Farm in Massachussetts geboren, er hatte in der Schuhindustrie gearbeitet, war mit Schlachthöfen reich geworden und hatte dann auf Börsenhändler umgesattelt. Schon bald nannten sie ihn auf dem Parkett den König des Weizens. 1881 wurde sein Vermögen auf zehn Millionen Dollar geschätzt. Er war gerissen, und seine Spezialität war es, in bestimmten Phasen den Markt zu kontrollieren und die Konkurrenz auszunehmen. „To corner“ nannten sie das in Chicago: die anderen in die Ecke drängen. Dafür brauchte man aber einen langen Atem – und viel Geld.

1888 hatte Old Hutch sie alle in der Ecke. Er hatte alle Weizen-Futures an sich gerissen, derer er habhaft werden konnte. Old Hutch kaufte die Verträge zur Lieferung von Weizen von anderen Händlern. Die waren längst Verpflichtungen eingegangen, die Ware zu einem bestimmten Termin zu liefern. Doch sie hofften, wenn andere auch verkauften, fiele der Preis. Dann konnten sie die Verträge später billiger zurückkaufen und daraus einen Gewinn schlagen, heute nennt man das Leerverkauf.

Aber Old Hutch kaufte und kaufte und trieb den Preis nach oben. Als im Herbst auch noch ein Frost viele Pflanzen zerstörte, stiegen die Preise weiter. Am 4. September besaß keiner so viele Weizen-Lieferverträge wie Old Hutch. Vier verzweifelte Händler baten ihn zu verkaufen. Sie mussten an Kunden Weizen liefern, den sie nicht hatten. Doch Old Hutch blieb stur.

Als zahlreiche Future-Verträge in seinem Portfolio fällig wurden, mussten die Verkäufer die Verträge von Old Hutch zurückkaufen – zu irrsinnigen Preisen. So machte er mit einem Deal Millionen. Sehr zum Ärger seines Sohnes, der da schon Präsident des Chicago Board of Trade war.

Doch keiner hält sich ewig an der Spitze. Auch nicht Old Hutch. Anfang 1891 besiegte er sich selbst. Er kaufte Futures auf drei Millionen Scheffel Mais, die im Juli geliefert werden mussten. Aber er erwarb nicht genug, um die anderen Händler in die Enge zu treiben. Der Preis fiel – und seine Future-Verträge waren weniger wert, als er für sie bezahlt hatte. Old Hutch, der immer auf einem Korbsessel im Handelsraum saß, verlor zwei Millionen Dollar.

Sein Sohn musste die Schulden begleichen. Old Hutch zog nach New York, mietete ein kleines Büro an der Wall Street und gelangte zu einer späten Einsicht. In einem Artikel für die »North American Review« behauptete er, dass es nie wieder möglich sein werde, dass ein gewiefter Händler wie er die anderen in die Ecke drängt. Und er wählte ein sehr sperriges Bild dafür: Der Weizen-Markt sei wie die Niagara-Fälle. Auch deren Wucht kann der Mensch nur beeinflussen, aber nie kontrollieren. ---

Spekulation mit Lebensmitteln

Im Mai vergangenen Jahres kündigte die Deutsche Bank an, künftig dafür zu sorgen, dass neue Finanzprodukte Lebensmittel nicht extrem verteuern. Die Bank kam so ihren Kritikern entgegen, die ein Ende der Spekulationen mit Lebensmitteln fordern. Zumindest ein kleines Stück. Kritik an diesem Geschäft gibt es schon lange. Bereits 1878 beschwerte sich ein Farmer namens R. K. Slosson in einem Leserbrief an die Zeitung »Western Rural« über die Händler in Chicago. Er nannte sie „skrupellose Gangster“, die den Preis für Getreide untereinander „absprechen“. Dem US-Kongress lagen 1892 Tausende Petitionen vor, in denen gefordert wurde, „das spekulative Spielen mit Getreide“ zu stoppen. Schon 1812 hatte der Bundesstaat New York Leerverkäufe für illegal erklärt. Doch die Finanz-Lobby war derart stark, dass das Verbot 1858 wieder aufgehoben wurde. Ähnliches geschah mit Gesetzen in Pennsylvania, Illinois und Kalifornien.