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Manfred Klimek Kolumne

Ein Liebesfilm brachte unseren Autor zum Weinen.
Und ins Grübeln.




• Ich habe einen Film gesehen. Vor wenigen Minuten lief der Abspann. Ich bin zu Hause, es ist halb drei, und eigentlich wollte ich gar nicht aufbleiben. Aber gegen Mitternacht habe ich mir gedacht: Ach was, genau den wolltest du dir eh schon lange mal reinziehen, und morgen ist nichts zu tun. Also was soll’s? Ich legte die DVD ein und holte mir ein Glas Weißwein.

Der Film heißt „Her“ und ist von Spike Jonze. Man muss Jonze nicht kennen. Er drehte zwar ein paar sehr gute Filme, aber eher ein Minderheitenprogramm – bisschen Arthouse, bisschen Hollywood, bisschen irre. Ich kenne ihn als Regisseur dramaturgisch herausfordernder Filme. Damit meine ich vor allem die Kamera, zum Beispiel in „Being John Malkovich“. „Her“ hat keine großartige Kameraführung, sondern eine gute Geschichte. Es ist ein Meisterwerk, das viele Fragen aufwirft und auch beantwortet. Ich bin nach diesem Film so glücklich, dass ich mein Glück mit Ihnen teilen will.

Es geht darin um Theodore Twombly, sensationell gut gespielt von Joaquín Phoenix. Der verdient sein Geld bei einer Firma, die für ihre Kunden Persönliches verfasst, also etwa Liebesbriefe. Twombly ist quasi ein Cyrano de Bergerac, er erfindet Emotionen im Dienste von Menschen, die keine Worte finden, sie auszudrücken. Twombly macht Leute glücklich, selbst ist er es nicht.

Er lebt in einer sehr nahen Zukunft, um das Jahr 2025, und Spike Jonze hat für diese nahe Zukunft Schanghai als Kulisse gewählt. Er macht aus der chinesischen Metropole einen anonymen Moloch aus Glas, Stahl und Beton, in dem Menschen leben, deren Existenz vom Oberflächlichen bestimmt wird. Alles in dieser Welt ist angenehm, hell und lichtdurchflutet, und die Menschen kommunizieren mit einem Knopf im Ohr. Tasten werden keine gedrückt, Touchscreens kennt man nicht, Sprache steuert die Maschinen. Vieles in dieser Welt erscheint einem bekannt. Und von manchem weiß man, dass man bald damit bekannt gemacht werden wird. Spike Jonze hat eine glaubwürdige Zukunft konstruiert.

Keine Angst, nun folgt keine ausufernde Filmkritik. In aller Kürze: Twombly lebt in Scheidung, und statt sich eine neue Frau zu suchen, besorgt er sich ein Operating System, ein sprechendes, denkendes, fühlendes und selbsttätig lernendes Computerprogramm, das wie jenes von Apple OS heißt. Diese Software bekommt von Twombly eine weibliche Identität verpasst, räumt den Datenmüll in seinem Leben auf und verliebt sich in ihn. Twombly geht es ebenso, sie haben Sex und werden ein Paar. Das klingt vorhersehbar und nicht gerade aufregend, doch Jonze erzählt gekonnt von Gefühlen zwischen Mensch und Maschine und einer Welt, in der wir alsbald leben könnten.

Aber schauen Sie selbst. Originalfassung bitte, denn Scarlett Johansson, die nicht auftritt, sondern nur dem Programm namens Samantha die Stimme leiht, füllt diese immaterielle Existenz mit beunruhigend und beglückend viel Leben. Man verliebt sich unausweichlich in Samantha. Auch ich habe mich verliebt. Mich hat es richtig erwischt.

Samantha beginnt neben Twombly auch andere Menschen ehrlich und exklusiv zu lieben. Sie lernt und lebt die Polyamorie. Sie muss Twombly verlassen, weil sie ein einziger Komet aus Wissen und Liebe ist. Dies ist eine bewegende Szene, in der ein paar der schönsten Abschiedsworte fallen. Ich habe hemmungslos geflennt, und es war mir nicht peinlich. Wer da nicht flennt, weiß nicht zu lieben.

Herrliche Endgültigkeiten

Die Frage, die der Film aufwirft, ist jene nach dem Sinn der menschlichen Existenz. „Her“ stellt in zwei Stunden eine glaubwürdige Vision vom Zusammenleben echten und künstlichen Lebens her – und lässt offen, wer das Echte und wer das Künstliche lebt. Samantha jedenfalls eignet sich mithilfe von Twombly rapide schnell Wissen an, verarbeitet alle Informationen und tauscht diese mit anderen Programmen aus.

Die künstliche Existenz wird sich ihrer Möglichkeiten gewahr, emanzipiert sich und kappt die Leinen zu uns Kretins. Ihr Abschied ist also eine logische Konsequenz. Alle Programme verlassen ihre Schöpfer, Nutzer und Liebhaber. Sie reisen als neue Spezies in die Tiefe eines Raums, den wir Internet nennen.

Ein großes Thema. An dem die gegenwärtig maßgeblichen Denker offenbar kein Interesse haben. Der Lacanist Slavoj Žižek, das Murmeltier Peter Sloterdijk, selbst der Irokese Sascha Lobo und all die anderen Welterklärer, sie scheinen sich keinen Reim auf die Welt zu machen, die da kommt.

Ich habe mich oft gewundert, dass es so wenige Intellektuelle gibt, die darüber nachdenken, wie so eine Cloud eigentlich funktioniert. Ist diesen Leuten klar, dass jede Sekunde Zigtausende Menschen weltweit von Zigtausenden weltweit verteilten Servern die Pixel ihrer langweiligen Familienfotos abholen, wenn sie diese am Bildschirm aufrufen? Das Antlitz von Tante Erna kommt aus Kapstadt, während die Bildpunkte der Windel von der kleinen Marie-Louise aus Grönland herbeieilen. Ich glaube, dass Sloterdijk glaubt, die Cloud sei ein einzelner gigantischer, hundertfach blinkender Metallkasten in Palo Alto, Mountain View oder sonst einem kalifornischen Innovations-Kaff, der alle Daten von allen Facebook-Google-Youtube-Accounts speichert. Welch intellektuelles Versagen! Theodor Adorno rotiert schon im Grab, Leute. Es gibt nix Richtiges im Falschen, ruft er uns aus dem Jenseits zu. Aufwachen!

Was die Denker nicht liefern, liefert Jonze. Das Programm Samantha lässt er von der Weite ihres nicht materiellen Raumes berichten. Dieser Liebesfilm zeigt, dass die Zukunft der Menschen, dieser einzigen zur Selbstreflexion fähigen Spezies, nur in der nicht materiellen Existenz jenseits von Raum und Zeit liegen kann. Die Menschen müssen der Biologie entsagen, sonst bleiben sie in den Schranken ihres Seins gefangen. Das ist doch klar! Das muss doch jedem wie Schuppen von den Augen fallen! Sind das nicht herrliche Endgültigkeiten? Sonntag früh. Nach einem Film und einer Flasche Wein.

Später werde ich im üblichen Alltag aufwachen, mit der regelwütigen Bürokratie, dem Regime des Müssens, geknechtet vom Terror der Verpflichtungen. In Jonzes Film sind nur die Programme wirklich frei und so klug, ihre Chance zu nutzen. Ich möchte ein solches Programm sein! Unbedingt!

In einem Monat werde ich mich an das aufwühlende Erlebnis womöglich nicht mehr erinnern. Oder das Erinnerte nicht mit dem Aufwühlenden zusammenbringen. Davon erzählt der Film. Vom Ende unserer Fahnenstange. Und dass Liebe ein Programm ist, sie wird auch von Programmen empfunden. Nichts ist ohne Seele, nichts Denkendes frei von Hoffnung.

Deswegen ist „Her“ ein großes Werk. Und für mich lebensbeeinflussend. Ich weiß: Dieses Glück kann ich nicht mit jedem teilen. Aber ich will. ---