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Das Talent liegt auf der Straße

Einst wurden sie als Verschandler der Städte verfolgt, inzwischen haben sich viele Sprayer als Künstler etabliert. Eine Werkschau.





„Nothing in the world is more common than unsuccessful people with talent, leave the house before you find something worth staying in for.“
Banksy

JR – Der Photograffeur (* Paris, 1983) 

Der Franzose JR war nicht der Erste, der Fotos großformatig auf öffentliche Wände klebte, aber er gilt als einflussreichster Vertreter dieser Richtung.

Er begann als Jugendlicher, Graffiti auf Häuserdächer und U-Bahn-Züge zu sprühen. Mit 17 Jahren fand er – so die Legende – in der Pariser Métro eine Kamera, dokumentierte mit ihr fortan seine Graffiti, vervielfältigte die Fotos und klebte sie wiederum an Häuserwände. Schließlich verlegte er sich auf die Porträt-Fotografie, lichtete Jugendliche aus den armen Pariser Vororten ab und klebte die Fotos großformatig an Wände in der Innenstadt. Er porträtierte Israelis und Palästinenser entlang der Sperranlagen oder machte Tausende Fotos von New Yorkern und Touristen am Times Square. JR bezieht die Menschen der Umgebung immer in seine Kunst mit ein. In Brasilien zum Beispiel wurden Kinder aus den Favelas selbst zu Künstlern und brachten die Fotos an den Häuserwänden an. Die Grenze zwischen Akteur und Betrachter verschwamm.

JR bezeichnet die Straße als „die größte Galerie der Welt, in der man Menschen erreicht, die nie in ein Museum gehen würden“. Seine frühen illegalen Aktionen gelten heute als Kulturgut. 2011 gewann er den Ted Prize, eine Auszeichnung für Menschen, die die Welt verändern wollen.

Daleast – Der Schnürer (* Wuhan, China, 1984) 

Der Künstler schafft es wie kaum ein anderer, auf Mauern Bewegung und Energie darzustellen. Seine Bilder zeigen meist Menschen und Tiere, die aus Hunderten von Linien zusammengesetzt sind. Er versieht die Linien mit Highlights, sodass sie wie metallische Bänder wirken und sich optisch von der Wand lösen (https://vimeo.com/54393072).

Der Chinese sprayte seine ersten Bilder 2005 in Peking, hat Bildhauerei studiert und lebt heute in Kapstadt. Seine Werke sind nicht nur in den Hochburgen der Straßenkunst zu sehen, sondern auch in Indien, Polen, Puerto Rico oder Namibia.

Invader – Der Kachelkleber (* Frankreich, 1969) 

Seine Aktionen nennt er Invasionen, sein Material sind Wandfliesen, seine Motive Charaktere aus Videospielen der Siebziger- und Achtzigerjahre. Damit brachte es der Franzose bis in den Weltraum: Eines seiner Kunstwerke ist seit Kurzem in der Internationalen Raumstation installiert.

Invader begann Mitte der Neunzigerjahre erste Kachel-Mosaiken an Häuserwände zu kleben. Zuerst in 32 Städten Frankreichs, später in mehr als 77 Städten weltweit, darunter auf dem Hollywood-Schriftzug in Los Angeles. Inzwischen soll Invader mehr als 1,5 Millionen Kacheln verklebt haben.

Er sieht sich selbst als Hacker des öffentlichen Raums, bleibt meist zwei bis drei Wochen in einer Stadt, kundschaftet Orte aus, die gut sichtbar sind und möglichst eine besondere Bedeutung für die Umgebung haben. Dort bringt er in drei bis vier Metern Höhe seine Kacheln an. Er arbeitet maskiert und meist spät in der Nacht. Insgesamt verbrachte er bislang 22 Nächte im Gefängnis.

Die Werke fotografiert und katalogisiert er und verzeichnet sie auf sogenannten Invasionskarten, die er dann in seinem Onlineshop verkauft. Anfang 2015 wurde eines seiner Mosaiken aus Hongkong bei Sotheby’s versteigert – zu einem Preis von 225.300 Euro.

 

Roa – Der Archäologe (* Gent, 1976) 

Schon als Kind wollte der Belgier Archäologe werden und Bilder von Skeletten und Tierschädeln malen. Heute sprüht er Graffiti von wilden Tieren und Vögeln auf Häuserwände. Oft geben seine Bilder den Blick auf Skelette oder innere Organe frei. Er selbst spricht von der „Wiederbevölkerung der Stadt durch die Tiere“. Leben, Tod und Wiedergeburt sind sein Thema.

Er begann, erste Bilder auf Lagerhäuser und unter Brücken in seiner Heimatstadt Gent zu sprayen. Mittlerweile sieht man seine Werke in ganz Europa, den USA, Brasilien, Australien und Neuseeland.

Außerhalb der Szene wurde er 2010 bekannt, als die Verwaltung des Londoner Bezirks Hackney eine Auftragsarbeit von ihm übermalen lassen wollte, weil sie das Stadtbild „verderbe“. Die Fans protestierten, und die Verwaltung lenkte schließlich ein.

Above – Der Weltbürger (* Kalifornien, 1981) 

Der Amerikaner ist seit rund 15 Jahren auf Reisen. Mit 15 Jahren besprühte er die ersten Güterzüge. Mit 19 entwarf er den typischen Above-Pfeil. Er malte ihn meist auf Holzplatten und befestigte diese an Telefonleitungen. Später kehrte Above zum klassischen Graffiti zurück. Als 2008 die Kurse an der New Yorker Börse ins Bodenlose stürzten, pinselte er auf die Wand einer bankrotten Bank mit roter Linie die Kurve des Kursverlaufs, die an der Mauer hinabstürzte und schließlich in einem Gulli endete. Im Sommer reiste er nach Lissabon, wo „Giving to the poor“ (rechts) entstand. Es folgten viele politisch motivierte Arbeiten in aller Welt, bis nach „Timing is Everything (2013) eine Auftragsarbeit für Red Bull folgte.

Obey – Der Profi (* Charleston, South Carolina, 1970) 

Kaum ein Urban Artist vermarktet sich so professionell und erfolgreich wie Frank Shepard Fairey:

Aus einem kleinen Sticker schuf er ein Imperium.

Fairey kommt aus der Skateboard-Szene und bemalte mit 14 Jahren Skateboards und T-Shirts. Er besuchte eine Kunstschule in Kalifornien und hat einen Abschluss in Illustration. Bekannt wurde er mit seinen „Obey Giant“-Aufklebern, die das Gesicht des Wrestlers André René Roussimoff zeigen und die Fairey ab 1989 auf Häuserwände klebte, um seine Mitschüler zu beeindrucken. Das Motiv wurde häufig kopiert und weiterverbreitet und zu einem globalen Kult. Mittlerweile gibt es Poster und eine eigene Mode-Linie unter dem Namen Obey.

Fairey entwarf Guerilla-Marketing-Kampagnen für Pepsico, Hasbro oder Netscape Communication, gestaltete zahlreiche Filmplakate und Plattencover und das bekannte „Hope“-Plakat von Barack Obama. Es gilt heute als eine der bedeutendsten politischen Illustrationen in den USA seit den Uncle-Sam-Plakaten „I want you for U. S. Army“.