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Bildung von Talent

Fragen an Stephan A. Jansen



Gibt es einen wissenschaftlichen Talentbegriff?

Es gibt mehrere, und zwar je eigene, zum Beispiel von der Genetik, der Erziehungs- wie Verhaltenswissenschaft und Entwicklungspsychologie bis hin zur Human-Kapital-Forschung und Personalökonomie. Es bräuchte ein interdisziplinäres Talent, diesen klassischen Schulenstreit „nature or nurture“ – also Natur oder Erziehung – zu überwinden und so zu einem plastischeren Talentbegriff zu kommen.

Vereinfacht: Die Genetiker sind der Ansicht, die auch der Pianist Lang Lang vertritt: „Talent hat man, oder man hat es eben nicht.“ Damit können vor allem die Voraussetzungen gemeint sein, zum Beispiel bestimmte musische, handwerkliche und geistige Gaben. Die Verhaltenswissenschaftler hingegen gehen davon aus, dass sich Talent durch intensives Üben erlernen lässt. Andere verweisen als Vorausssetzung auf Zufälle oder frühe Zugänge zu bestimmten Themen.

Das Problem ist, dass Talent nicht objektiv beobachtbar, bestimmbar oder messbar ist – nur die Ergebnisse oder Erfolge sind es.

Wie könnte eine Arbeitsdefinition lauten?

Mit Blick auf die genetische und verhaltenswissenschaftliche Forschung könnte man vielleicht sagen: Talent ist die Kombination von besonderen und individuellen Begabungen mit einer nahezu verrückten Verliebtheit in deren Ausübung und Übung, die zu für andere erkennbaren und außergewöhnlichen Erfolgen führt. Talent ist damit eine Würdigung von geübten Begabungen, die man wahrnehmen kann.

Trotzdem scheint es schwerzufallen, es zu erkennen.

Bildungseinrichtungen und auch Familien können Talente nur aus einem bildungsbürgerlichen Kanon heraus definieren – kaum aus dem Individuum und dessen Eigenwilligkeiten. Herausragende Talente sind aber herausragend unangenehm und unbequem. Sie sind verhaltensauffällig, verrückt im Hinblick auf die Grenzen des Könnens und Wissens, deshalb bekommen sie nicht selten Medikamente ver- und Krankheiten zugeschrieben.

Ist das ein Grund dafür, dass Talente noch seltener erkannt werden, wenn sie aus sogenannten bildungsfernen Schichten kommen?

Das mag sein – aber das Problem der Chancenungleichheit geht tiefer. Die Elite reproduziert sich nahezu nur aus sich selbst. Fast alle Beamtenkinder studieren und nur jedes vierte Arbeiterkind. Die Forschung, speziell rund um den Chicagoer Nobelpreisträger James J. Heckman, hat die empirischen Belege und Gegenstrategien geliefert, gegen die insbesondere die deutsche Bildungspolitik konsequent verstößt.

Dabei ist die bildungsökonomische Formel simpel: „Mehr Geld am Anfang, weniger am Ende.“ Dann tritt der sich selbst verstärkende sogenannte Bildungskaskaden-Effekt ein, den Heckman als „skill multiplier“ beschreibt: Frühe, durch öffentliche Finanzierungen zu leistende Bildungsinvestitionen erhöhen wie ein Multiplikator auch die Rendite aller späteren Bildungsinvestitionen. Die Strategie, mehr Geld für hochwertige Frühförderung in Krippen und Kindergärten auszugeben und dafür zu sorgen, dass wie in den skandinavischen Universalsystemen möglichst alle Kinder sie besuchen, ist volkswirtschaftlich wie neurowissenschaftlich vergleichsweise unstrittig.

In Deutschland verfährt man aber umgekehrt: Wir geben in Kitas und Grundschulen zu wenig aus und nehmen dafür Gebühren, an Universitäten investieren wir durchschnittlich und nehmen keine Gebühren. Die genetische und soziale Geburtslotterie kann nur mit einer Umkehrung dieser Logik aufgehoben werden.

Wie müsste eine Universität aussehen, die auf die Wissensgesellschaft vorbereitet?

Abstrakt formuliert, brauchen wir wieder eine Universität des Nichtwissens. Wenn das Wissen dank der Digitalisierung überall einfach zugänglich ist, muss die Universität von der Vermittlung des Wissbaren konsequent auf die Ermittlung des Noch-Nicht-Gewussten umstellen. Intelligenz zeigt sich genau da: im Umgang mit Nichtwissen, in der Fähigkeit des Bekanntmachens mit dem Unbekannten.

Das ist dann eine Universität, die nicht von der Disziplinierung des Denkens ausgeht, sondern vom Problem und seiner undisziplinären Lösung. Das Neue ist undiszipliniert, und dem kann man nicht mit Kanonisierung beikommen.

Der Bologna-Prozess, gern als Verschulung des Studiums bezeichnet, scheint in diesem Zusammenhang eher kontraproduktiv.

Natürlich sind die empirischen Befunde nach mehr als 16 Jahren verheerend. Verschulung, Verkürzung durch Beschleunigung, abnehmende Internationalisierung et cetera. Aber das liegt auch an der nicht selten talentfreien Umsetzung durch die Hochschulen.

Die stereotype Kritik an der Bologna-Reform war eine Art Entschuldigungs-Autohypnose, die man sich so lange vorbetet, bis man es selbst glaubt. Es sind auch innerhalb des scheinbaren Bologna-Korsetts Innovationen möglich gewesen, und Fachhochschulen und einige private wie staatliche Universitäten haben das beeindruckend vorgemacht. Es gibt übrigens ein ganz gutes Mittel gegen die Autohypnose: Studierende als Vollmitglieder in die Hochschulleitungen – schließlich sind sie die Einzigen, die Bologna wirklich kennen.

Ist die Exzellenz-Initiative erfolgreicher, auch mit Blick auf Talentförderung?

Der Nobelpreisträger Kenneth Arrow aus Stanford hat früh international vergleichende Forschung zu Filterfunktionen für Talente in und durch Hochschulsysteme betrieben. So sorgen in den USA Rankings und die Pflege von Hochschulmarken für eine marktliche Validierung von Filtersignalen, in Frankreich filtert der Staat, weil er sein Spitzenpersonal vor allem aus den staatlichen Grandes Écoles rekrutiert. In Deutschland hingegen gibt es bis heute eine egalitäre und mit Blick auf die Filter eher ineffiziente Kultur. Eine Folge ist die Inflation der Promotionen, lange das einzige Signal für Exzellenz an die Arbeitgeber, die lange Zeit aufgrund des egalitären Systems nicht filtern konnten.

Die Exzellenz-Initiative sollte nun mit staatlichem Geld an staatlichen Universitäten ein Wettbewerbsverfahren und damit auch eine neue Hierarchisierung einläuten. International wirkt sich das noch kaum aus, was auch daran liegt, dass die Gesamtförderung für alle Exzellenz-Unis geringer ist als der Jahresetat einer guten amerikanischen Universität – mit einer Studierendenzahl unter 20 000. Ein Effekt aber ist festzustellen: Universitäten mit ambitionierten Rektoren haben eine bis dahin kaum gekannte Strategie- und Profilierungsfähigkeit im Erstellen von Anträgen erlangt. Und da die Förderung nur mittelfristig geplant ist, könnte langfristig ein Problem durch den neu entstandenen Mittelbau entstehen, wo viele Talente auf feste Anstellungen hoffen.

Wie sollte die Universität der Zukunft aussehen?

Das kann ich kaum sagen, da dies alle Mitglieder der Universität im Dialog mit der Gesellschaft im Sinne einer eigenständigen Profilierung selbst erarbeiten müssen. Meine These ist, dass wir es einerseits mit einer ausdifferenzierten und profilierten Hochschullandschaft zu tun bekommen, was zu begrüßen ist. Andererseits werden wir eine Endformalisierung der Hochschulbildung erleben, was eine durchaus epochale Umstellung von Abschlüssen auf Anschlüsse bedeutet.

Ersteres könnte zu einer Abkehr von der derzeitigen Überdehnung der vielfältigen Ansprüche an die Universität führen. Sie könnte sich strategisch für eine der möglichen Leistungsdimensionen entscheiden – Lehre, Forschung, Weiterbildung, Beratung oder weitere Dienstleistungen, aber auch für bestimmte interdisziplinäre Themen oder eben auch für bestimmte Anspruchsgruppen. Diese Universität wäre weder isolierender Elfenbein- noch blendender Leuchtturm, sondern ein zivilgesellschaftlicher Akteur in Freiheit von Gesellschaft für eine bestimmte Gesellschaft.

Im zweiten Fall würde die ewig fortschreitende Formalisierung der Bildung durch digitale und demografische Vielfalt wieder aufgehoben und zur Individualentscheidung – unabhängig von Zugangsvoraussetzungen, Alter und einem Wissenskanon. Diese Demokratisierung der Bildung ist kein Akademisierungswahn, sondern folgt einer unbedingten Neugier und könnte mithilfe individueller Online-Angebote und intelligenten Präsenz-Formaten Zuversicht im Umgang mit Nichtwissen geben – und das jenseits des Alters von 18 bis 25 und von Bachelor- oder Doktortiteln.

Aber eine der großen Herausforderungen der Universität bleibt: Wie übersetzt sich die Dynamik der Gesellschaft in eine Dynamik der Studienprogramme, der Forschung jenseits der staatlichen Drittmittel und der universitären Dienstleistungen für die Gesellschaft? ---

Prof. Dr. Stephan A. Jansen ist Leiter des Civil Society Center der Zeppelin Universität, Gastforscher an der Stanford University und Wissenschaftlicher Leiter der Karl Schlecht Stiftung (Aichtal/Berlin).