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Certeze, Rumänien

In dem rumänischen Dorf Certeze ist ein Haus prächtiger als das andere. Und alle stehen fast das ganze Jahr leer. Eine Geschichte über die Liebe zur Heimat, Stolz und Neid.





• Manchmal ist es sehr laut in Certeze. Dann hupen die Autos auf der Dorfstraße, weil ihr Weg versperrt ist. Zu Hunderten tanzen die Menschen auf der Straße, als sei der sonnenheiße Asphalt der Bretterboden eines Gasthofes.

Sie bilden Kreise, die Männer in schwarz-weißen Trachten mit bestickten Bordüren, die Frauen mit weit ausgestellten Röcken. Sie schwenken Schnapsflaschen, jauchzen und wiegen sich im Takt der Geigenmusik. Ein Brautpaar flüchtet vor den torkelnden Gratulanten. So turbulent geht es zu in Certeze. Jedes Jahr im August.

Doch meist ist es sehr ruhig in Certeze. Das einzige Geräusch, das zu hören ist, ist das Gurgeln und Bullern der Schnapsbrennerei in einem Hinterhof, rundum schwarz vom Rauch der vergangenen 50 Jahre. Offene Feuer lodern unter den Kesseln, es riecht nach verbranntem Holz und ein wenig nach vergorenen Pflaumen. Im Schuppen schöpft Anna Ciocan mit einer Kelle den trüben Schnaps des ersten Brennvorgangs ab, ihre weißen Haare stecken unter einem Kopftuch.

Dann tritt sie hinaus und blickt hinüber auf die andere Straßenseite. Sie zeigt mit dem Finger auf jedes einzelne Haus. „Das dort steht fast das ganze Jahr leer, in diesem dort ist die Familie auch fortgegangen, im nächsten auch und im nächsten auch.“ Sie könnte noch eine Weile so weitermachen. So einsam ist es hier. Elf Monate im Jahr.

Dörfer wie Certeze gibt es viele in Rumänien. Weitgehend leere Orte in einem Land, das in den vergangenen zehn Jahren mehr als zwei Millionen Menschen verlassen haben, zehn Prozent der Bevölkerung. Dörfer, die nur noch in den Sommerferien belebt sind oder wenn Weihnachten naht. Dorfhüllen in einem Auswandererland.

In Certeze ist die Hülle besonders aufwendig gestaltet. Der Ort ist eines der besten Beispiele dafür, wie der Erfolg und der Stolz von Arbeitsmigranten in Beton gegossen werden.

Fast jedes Haus an der kilometerlangen Straße ist in den vergangenen Jahren renoviert worden. Übermannshohe Stahlzäune und Mauern aus schwarzem Granit schützen das Eigentum, auf den Veranden stehen Fitnessgeräte und Gips-Schäferhunde, die Regenrinnen tragen Krönchen. In Häusern, die groß genug sind, um ein Hotel darin zu eröffnen, wohnen vier Personen. Certeze wirkt, als sei seinen Bewohnern groß nicht groß genug.

Das Dorf zeigt auch, wie eine Gemeinschaft zerfällt, weil ihre Mitglieder den Ort, den sie immer noch Heimat nennen, gegen einen Arbeitsplatz im Westen Europas eingetauscht haben. Es zeigt, dass vergoldete Zaunspitzen und Marmorfliesen daran nichts ändern können.

5763 Menschen wohnen in dem Ort im äußersten Norden Rumäniens, die Ausläufer der Karpaten schimmern am Horizont. Offiziell verdienen 2300 Einwohner des Dorfes ihr Geld im Ausland. Inoffiziell sind es vermutlich mehr.

Im August kehren die meisten für ein paar Wochen zurück. Sie putzen ihre Häuser, ernten die Pflaumen, und es wird geheiratet. Auf den Straßen des Ortes fahren dann viele Autos mit französischen Kennzeichen, ein paar aus Italien, auch einige aus Deutschland. Es sind teure Autos, ein Porsche ist darunter.

George Sas hat sich für diesen Sommer den tiefer gelegten Fiat Sportwagen seines Patenonkels geliehen. Virgil Marcus kommt mit dem BMW aus Belgien, Ioan Pop aus Österreich. Vasile Seke ist mit seiner Frau und seinen Kindern in einem Audi aus einem Pariser Vorort angereist, 18 Stunden nonstop unterwegs. In Frankreich wohnt die vierköpfige Familie auf 60 Quadratmetern. Doch wenn sie für die Sommerferien nach Certeze kommt, braucht die Frau fünf Tage, um das Haus auf Hochglanz zu bringen, so groß ist es. Die Sekes haben vor drei Jahren zum letzten Mal renoviert. Von dem Elternhaus ist nur noch das Fundament stehen geblieben. Zusätzlich wurde ein Gebäudeflügel angebaut, vor der Eingangstür strecken sich Säulen in Weiß-Orange. Im Flur steht eine hüfthohe Vase, darum ist ein lebensgroßer Plüschtiger drapiert.

Eine Oase des Wohlstands in einem armen Land

Es wäre wohlfeil, den Leuten ihren Prunk und ihren Hang zum Protz vorzuwerfen. Oft wirken sie wie verschwenderische Neureiche. Soziologen und Ökonomen haben in den vergangenen Jahren Feldstudien in Gemeinden Osteuropas durchgeführt, aus denen sich besonders viele Einwohner zur Arbeitssuche in den Westen aufgemacht haben. In jeder stießen die Wissenschaftler auf Menschen, die Geld ausgaben für Dinge, die sie nicht unbedingt brauchten.

In Polen erzählte ein Arbeitsemigrant: „Ich habe versucht, meine Nachbarn neidisch zu machen. Ich habe immer dafür gesorgt, dass sie sehen, wenn ich nach Hause komme und viele Taschen in mein Haus trage.“ In Ungarn beschwerte sich ein Gastwirt über die jungen Männer, die sich mit ihren teuren Neuwagen auf dem Hauptplatz der Kleinstadt treffen und nichts weiter tun, als sich anschauen zu lassen. Und in einer rumänischen Gemeinde berichteten Heimkehrer, sie hätten sich eigens für den Sommerurlaub Goldketten, Kleidung und ein Auto geliehen.

Das Motto lautet: „Ich habe es geschafft!“ Je größer das Haus, je teurer das Auto, desto höher das soziale Ansehen.

Aber wer heute sieht, was die Certezer aus ihrem Dorf gemacht haben, sollte nicht vergessen, wie all das begonnen hat.

Vasile Seke zum Beispiel erinnert sich daran, wie er 1995 mit 40 anderen loszog. Mit dem Bus ging es bis nach Polen, dann weiter nach Deutschland, von Berlin aus sollte es mit dem Zug weitergehen nach Frankreich, doch die deutsche Polizei schnappte ihn und schickte ihn zurück nach Rumänien. Beim zweiten Mal klappte es. Seke schlief in Frankreich monatelang in verlassenen Häusern, bevor er Arbeit fand. Erst 2007 wurde Rumänien Mitglied der Europäischen Union. Und erst seit einigen Monaten gilt auch für Rumänen die Arbeitnehmerfreizügigkeit.

Mag also sein, dass in Certeze viel geprahlt und geprotzt wird. Jedes chromblitzende, marmorglänzende Haus ist aber auch eine Entschädigung für die Entbehrungen und ausgestandenen Ängste. Eine Belohnung für den Mut, den Aufbruch gewagt zu haben, und all die Anstrengungen. Seke sagt mehrmals: „Ich habe für all das, was Sie hier sehen, sehr hart gearbeitet.“

Die Löhne in Rumänien liegen immer noch weit unter EU-Durchschnitt. Der Mindestlohn beträgt rund 200 Euro im Monat, den durchschnittlichen Nettolohn beziffert das rumänische Institut für Statistik auf knapp 400 Euro monatlich.

Wäre Vasile Seke in Rumänien geblieben, hätte er sich die Säulen und den Plüschtiger also nie leisten können. Er hätte wohl auch seine Tochter Denisa nicht auf die Friseurschule schicken können. Und er hätte die Mathematik-Nachhilfe für seinen Sohn Sergio nicht bezahlen können.

Es lohnt sich für viele, das Land zu verlassen. Egal, ob als Verkäuferin in Irland, Bauarbeiter in Italien oder Altenpflegerin in Österreich – der Lohn anderswo ist drei- bis viermal so hoch. Rumänien ist inzwischen ein Land der Zurückgelassenen. Wer jetzt noch da ist, ist oft zu alt für die Reise. Und trotzdem geben in Umfragen immer noch drei Viertel der Befragten an, sie würden gern auswandern.

Die Konsequenzen der Ausreisewelle lassen sich einerseits in Zahlen und Statistiken ablesen. In Rumänien muss ein einzelner Arzt mehr Patienten versorgen als irgendwo sonst in Europa. In Deutschland kommt auf 100 000 Menschen mehr als doppelt so viel Pflegepersonal wie in Rumänien. Auch rumänische Baufirmen, Textilfabriken, Sägewerke und Hotels haben mittlerweile europaweit die größten Probleme, Personal zu finden. Gerade die mittel und hoch qualifizierten Arbeitskräfte fehlen der rumänischen Wirtschaft.

Andererseits sind da die Geschichten der Menschen von Certeze. Sie erzählen von ihrem Dorf, seiner Schönheit, und manchmal erzählen sie wie nebenbei davon, wie ihre Gemeinschaft gerade zerbricht.

Der August ist der Heiratsmonat

Im August wird viel geheiratet in Certeze. Darum liegen vor den verschlossenen Türen der Dorfstraße nun die Einladungskarten, in anthrazitfarbenen Umschlägen mit samtenem Ornament und einem Stein aus Glas, der einem Brillanten ähnelt. „Sie wählen, was sie lieben, und sie lieben, was sie gewählt haben“, steht in der Einladung. Es geben sich die Ehre: George Sas, 28 Jahre alt, und seine ebenso alte zukünftige Frau Romina.

Ein ungleiches Paar, er ein Koloss mit dünnem Stoppelhaar, sie eine zierliche Frau mit blasser Haut. Auf der Schrankwand thront schon die gefiederte Trachtenmütze, die George Sas am Hochzeitstag tragen wird. Auf dem Boden stehen Kisten mit leeren Flaschen, in die später Pflaumenschnaps gefüllt wird. Hunderte Flaschen, für jeden Gast eine.

Vor 17 Jahren ging zuerst der Vater von George Sas nach Frankreich auf Arbeitssuche. Die Mutter zog mit den beiden Söhnen drei Jahre später hinterher. Dem damals 14-jährigen George fiel der Abschied vom Heimatdorf nicht schwer. „Es war die Zeit, als alle Jungen Certeze verließen.“ Heute betreiben die Sas von einem Pariser Vorort aus einen Familienbetrieb. Georges Vater, der Bruder und ein Onkel mauern neue Häuser, George Sas erledigt die Klempnerarbeiten, die Mutter bekocht die Hilfsarbeiter, die jeweils für einige Wochen aus Rumänien kommen. Rund 100 Baufirmen mit Gründern aus Certeze gebe es in und um Paris, schätzen die Sas-Männer.

Die Familie bewohnt in Certeze ein Anwesen aus mehreren Gebäudekomplexen, die Tapeten sind beigefarben, an der Decke hängt ein Kronleuchter, dicke Teppiche verschlucken jeden Schritt. „Ja, ich weiß, andere Häuser hier sind moderner eingerichtet als unseres“, sagt George Sas.

Die Jüngeren zieht es nicht mehr so sehr zurück

Warum geben er und seine Familie so viel Geld aus für ein Haus, das nur wenige Wochen im Jahr bewohnt wird? Warum bauen sie noch eine Etage an für das neugeborene Kind seines Bruders, das Certeze wohl hauptsächlich aus den Erzählungen seiner Eltern kennen und vermutlich nie dort wohnen wird? George Sas zuckt mit den Schultern und brummt: „Das ist eben so.“ Er sagt es so, dass klar wird: Merkwürdig findet er das Ganze nicht.

Sas hat drei Nachbarn, ihre Häuser sind in etwa so groß wie seines. Mit einem Nachbarn versteht er sich gut. „Die anderen beiden sind Angeber.“ Mit ihnen spricht er nur noch das Nötigste.

Es ist viel von Neid die Rede im Ort. Der Bürgermeister Vasile Mihoc berichtet, manch ein Lokalpolitiker der Kreisstadt Satu Mare sei neidisch auf ihn und sein Dorf. Zu Unrecht, wie er betont: „Die sollen erst mal so hart arbeiten wie wir. Von fünf Uhr am Morgen bis zehn am Abend.“

Anna Ciocan, die alte Frau, die in der Dorfbrennerei auf ihren Pflaumenschnaps wartet, sagt: „Die Menschen hier haben sich verändert. Sie sorgen sich mehr um sich und ihren Besitz als um das Wohl ihrer Nachbarn.“

Der Klempner George Sas ist dagegen der Ansicht, Konkurrenz gebe es in Certeze nicht. „Nur eine Art Wettbewerb, wer das schönste und größte Haus hat.“

Neid, tatsächliche und eingebildete Arroganz, Rechtfertigungsdruck – das beobachten die Wissenschaftler, die sich die europäischen Migrationsgemeinden genauer anschauen. Sie stellen auch fest, dass soziale Ordnungen über den Haufen geworfen werden und dörfliche Gemeinschaften zerbrechen.

Da sind Freundinnen, die sich plötzlich nichts mehr zu sagen haben, steigende Preise im alten Dorfgasthof, die sich nur noch Pendler leisten können, und Frauen, die sich ihre zukünftigen Ehemänner nach der Größe ihrer Autos aussuchen. „Es kommt zu einer Kommerzialisierung des Lebens und zu einem Verlust der traditionellen Werte, insbesondere was die sozialen Kontakte innerhalb der Familie und der Dorfgemeinschaft betrifft“, schreibt der Wirtschaftsgeograf Tim Elrick in seiner Studie über zwei polnische Gemeinden.

Auch die bunten und lauten Hochzeiten in Certeze sind letztlich Teil des Wettbewerbs. George Sas hat sehr genau beobachtet, wie viele Gäste zur Hochzeit seines Bruders kamen. Und er wird genau zählen, wie viele zu seiner kommen. Er rechnet mit mehr als tausend Besuchern.

Damit viele Gäste kommen, besuchen die Sas ihrerseits so viele Hochzeiten wie möglich. Im Sommer werden in Certeze jede Woche drei bis vier Paare getraut. Jeder Gast, der etwas auf sich hält, überreicht als Geschenk mindestens einen 100-Euro-Schein. George Sas sagt: „In Paris verdiene ich mein Geld, in Certeze gebe ich es aus.“

Die Frage an das Brautpaar lautet: „Werdet ihr irgendwann in Certeze wohnen?“ George und Romina blicken sich länger als notwendig an. Er sagt: „Keine Ahnung.“ Sie ergänzt: „In Paris fühle ich mich wohl.“ Im Hintergrund unterbricht die Mutter des Bräutigams, Maria Sas, ihren Dauerlauf durch das Haus. Sie sagt: „Natürlich kehren wir alle zurück. Wir bleiben nur noch ein paar Jahre, um Geld zu verdienen. Hier sind unsere Wurzeln.“ Das Brautpaar senkt stumm den Kopf.

Später, als die anderen nicht zuhören, erzählt George Sas mehr von Paris und seinen Zukunftsplänen. Es sei kein gutes Jahr gewesen für die rumänischen Baufirmen in Paris, sagt er. Die Aufträge blieben aus. Längst könne die Familie nicht mehr so viel Geld beiseite legen wie in früheren Jahren. Die Männer fuhren früher in den weit entfernten französischen Süden bis nach Nizza, um zu bauen. Das lohnt sich schon lange nicht mehr.

Nach der Hochzeit möchte George Sas mit seiner Frau deshalb umziehen. Am liebsten in die Schweiz. Dort soll es noch gutes Geld für harte Arbeit geben. In Certeze werden sie weiter ihre Urlaube verbringen. In einem sehr großen Haus.

Auf der Dorfstraße begegnen sich an diesem Tag zwei alte Freunde. Sie bremsen ihre Vorzeigeautos, lassen die Fensterscheiben herunter.

„Wie war dein Jahr?“

„Gut, und deines?“

Dann brummen die Motoren, die Autos fahren in verschiedene Richtungen davon. ---