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Berliner Berufsverbände für Verbrecher um 1900

Ohne Berufsverband geht’s nicht, das gilt auch für die Unterwelt. Daher gründeten Ganoven in Berlin Hilfswerke – woraus organisierte Verbrecher-Syndikate entstanden.





• Angefangen hatte alles ganz harmlos. An der Theke der „Schnurrbartdiele“, einer Kaschemme im verrufenen Berliner Scheunenviertel trafen sich regelmäßig mehrere ehemalige Häftlinge. Sie klagten darüber, wie schwierig es für sie war, eine Wohnung oder eine Arbeit zu finden.

Vielen, denen nicht von früheren Zellengenossen geholfen würde, hätten überhaupt keine andere Wahl, als wieder kriminell zu werden, wenn sie nicht verhungern wollten. Doch dann drohten wieder Polizei und Gefängnis.

Also gründeten sie 1890 den ersten Reichsverein ehemaliger Strafgefangener, um sich gegenseitig zu helfen. „Denn die Armut war sehr groß, und jeder musste wissen, wie er langkommt. Aus der Armut ist die Situation gekommen mit dem Verein“, sind die Worte eines einstigen Gründungsmitglieds überliefert.

Hilfe leistete der Verein vor allem durch Kontakte. Zu jener Zeit waren Gastronomie und Unterwelt sehr eng miteinander verflochten. Kellner, Barmänner, Glasspüler, Rausschmeißer – für derartige Tätigkeiten brauchte es keine Ausbildung, und jeder kannte irgendeinen, der irgendwo hinter der Theke stand. So vermittelte der Verein in den Anfangsjahren seine Mitglieder an Gastwirte. Als Jobbezeichnung gaben sie dann einfach „Geschäftsführer“ an.

Die Vereinsbrüder wurden gern genommen. Schließlich hatten sie sich durch die Satzung dazu verpflichtet, fortan ein geordnetes Leben zu führen. Keine Schlägereien, keine Diebstähle, nicht auf den Boden spucken und immer sauber kleiden, so stand es in den Statuten. Wer gegen diese Regeln verstieß, flog raus – und verlor dadurch sein Netzwerk.

Schon 1891 ließ sich der Zusammenschluss offiziell in das Berliner Vereinsregister eintragen. Das Beispiel machte Schule, 1898 gab es in Berlin schon zwölf ähnliche Clubs, die sich im selben Jahr im Dachverband „Ring Berlin“ zusammenschlossen – mit fatalen Folgen.

Denn fortan lernten sich Ganoven jeglicher Zunft kennen. Und nicht alle sehnten sich nach einem geordneten Leben. Sie gaben sich Namen wie Kavalier-Fritze, Juwelier-Paul oder Muskel-Adolf.

Letzterer hieß mit bürgerlichem Namen Adolf Leib, geboren am 12. Januar 1900, als Beruf gab er „Geschäftsführer“ an, er war vorbestraft wegen Diebsstahls, gefährlicher Körperverletzung und Bandendiebstahls. Leib war Vorsitzender des Geselligkeits-Clubs Immertreu 1919 e. V. Und war damit einer der mächtigsten Gangster seiner Zeit.

Bei Immertreu hatten sich Diebe, Einbrecher, Zuhälter, Rauschgifthändler und Schutzgelderpresser zusammengeschlossen. Aufnahmebedingung war, dass man mindestens zwei Jahre Zuchthaus hinter sich hatte. Ins Zuchthaus schaffte es nur, wer sich harte Vergehen geleistet hatte oder bereits vorbestraft war. Beweisen mussten Kandidaten ihre Eignung durch die Entlassungspapiere. Um die Angaben zu kontrollieren, wurden dem Ring nahestehende Polizisten gebeten, die Daten zu überprüfen. Wichtigstes Kriterium dieser Kontrolle: Die Vereinsbrüder wollten wissen, ob der Kandidat auch wirklich niemals jemanden verpfiffen hatte. Tabu waren Mörder oder wegen Sexualdelikten Verurteilte.

Das Vereinslokal von Immertreu war der „Schwarze Walfisch“ in der Langstraße 43–45. Dort hing auch die Fahne des Clubs mit dem eingestickten Motto:

„Lass Neider neiden
Hasser hassen
Was Gott uns gönnt
Muss man uns lassen.“

Auf der Rückseite hieß es: „Einigkeit macht stark.“ In den Statuten war alles genau niedergeschrieben. „Der Zweck des Vereins soll erreicht werden: 1. Durch Förderung der Freundschaft und Geselligkeit unter den Mitgliedern. 2. Durch Unterstützung im Krankheits- und besonderen Notfällen. 3. Durch Unterstützung im Todesfalle.“

Um das Geld dafür aufzutreiben, musste jedes Mitglied einen Beitrag in die gemeinsame Kasse zahlen, die Leib verwaltete. Wurde ein Bruder krank, erhielt er aus der Sozialkasse Geld. Wie viel, das bestimmte der Vorsitzende. Wurde ein Bruder von der Polizei geschnappt, suchte Leib den besten Anwalt. Konnte auch der nicht helfen, so schickte der Verein monatlich immerhin ein Paket mit Lebensmitteln ins Gefängnis. Zudem schauten Vereinsbrüder regelmäßig bei der Ehefrau vorbei, ob die nicht heimlich einen Liebhaber hatte, während der Mann im Knast saß. Entdeckten sie einen anderen Kerl, wurden die Zuwendungen gestoppt.

Eine besondere Ehrenpflicht kam den Mitgliedern im Todesfall zu. So mussten alle zu Beerdigungen von verstorbenen Brüdern erscheinen. Die Beisetzung musste in „Ehre und Würde“ geschehen.

1933 gab es allein in Berlin 64 solcher Ringvereine. Es gab die Heimatklänge, den Club Hand in Hand, den Zusam-menschluss Deutsche Kraft. Zusammen hatten sie rund 1000 Mitglieder. Viele darin verdingten sich als Zuhälter, erpressten Schutzgeld oder handelten mit Rauschgift.

Die Vereine kontrollierten die Unterwelt, der einstige Zweck der Clubs, sich gegenseitig zu helfen, wieder ins Leben zu finden, war praktisch vergessen. Was von den alten Zeiten blieb, war der jährliche Lumpenball, zu dem auch Polizeibeamte und Politiker geladen waren.

Diese Kontakte wusste Leib zu nutzen, als er nach einer Massenschlägerei am Schlesischen Tor vor Gericht stand. Plötzlich konnte sich keiner der Zeugen mehr richtig erinnern, und Leib kam mit zehn Monaten auf Bewährung davon.

Leib hatte kein schlechtes Leben als Gangster. Er verkehrte in der „Mulackritze“, einer Kneipe, in die auch Marlene Dietrich kam. Und er drängte sich Fritz Lang auf, damit der in seinem Film „M. Eine Stadt sucht einen Mörder“, die Ringbrüder auch authentisch darstellt.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war die Zeit der Ringe vorbei. Dadurch, dass sie im Vereinsregister eingetragen waren, war es den Nazis ein Leichtes, ihre Mitglieder zu finden. Die ersten Festnahmen wurden von Heinrich Himmler persönlich befohlen. Viele landeten als „Berufsverbrecher“ oder „Asoziale“ im Konzentrationslager. Leib wurde am 1. Januar 1934 verhaftet. Danach verliert sich seine Spur. ---
Zum Thema hat Peter Feraru eine umfassende Arbeit vorgelegt, die auch eine Grundlage dieses Textes war.
Feraru, Peter: Muskel-Adolf & Co – Die »Ringvereine« und das organisierte Verbrechen in Berlin. Argon, 1995