Partner von
Partner von

Geht nicht in die Berge!

Ein Alpenländler warnt vor den Alpen. Aus sehr persönlichen Gründen





• Die Berge und ich. Wir werden keine Freunde mehr, obwohl ich aus einem Land komme, das Alpenrepublik genannt wird. Die Berge verstellen die Sicht auf das Meer, sind schroff, kantig und haben keinen Zweck auf Erden, außer Gletschern Wohnraum zu bieten, den diese triefend verlassen, seitdem es wärmer wird. Die einzigen Tätigkeiten, denen man in den Bergen nachgehen kann, ist Fensterln (mitunter vergnüglich) und Milchprodukten beim Entstehen zusehen (immer langweilig). Wer also braucht Berge?

Die Skifahrer. Wer aber braucht die Skifahrer? Die Fremdenverkehrsindustrie braucht sie. Die Berge brauchen keine Skifahrer. Könnten die Berge sprechen, so würden sie sagen: Bleibt weg, Skifahrer, und kommt nur, wenn es uns am Rücken juckt! Dann könnt ihr uns mit den scharfen Kanten eurer gewachsten Bretter gern kratzen. Aber nur dann. Sonst nicht.

Die Berge juckt es selten. Und trotzdem kratzen wir sie. Wenn die Berge genug vom Kratzen haben, dann schicken sie ein paar Steine hinab ins Tal, wo die Menschen wohnen. Oder sie werfen Schnee ab, was man Lawinen nennt.

Ab und zu geben die Berge als Warnung auch eine Leiche frei. Etwas knöchern Verdorrtes wie den Gletschermann Ötzi, den die Österreicher kurzerhand dreist den Italienern mopsten und wieder zurückgeben mussten. Die Mumie liegt jetzt in einem Museum und starrt uns durch Sicherheitsglas an. Ihr verzerrtes Gesicht warnt: „Geht nicht in die Berge!“ Und was machen wir? Hören wir auf den Toten? Nein, wir stellen ihn aus, als wäre er eine Konserve. Und wir lassen zu, dass Reinhold Messner ihn einen Freund nennt, obwohl er Herrn Ötzi nie persönlich gekannt hat.

Messner ist übrigens Südtiroler. Im Sinne der dort gesetzlich verankerten Zweisprachigkeit müsste er Reinhold Messner /Reinholdo Messnerano heißen. Südtiroler sprechen übrigens ein Deutsch, das wie eine Kehlkopfkrankheit klingt. In München findet man viele Südtiroler Männer, die dort in der italophilen Gastronomie arbeiten. Spätabends, bei „Schumanns“, krächzen sie Deutsch, solange sie unter sich bleiben. Stellt sich aber eine gut aussehende Blondine an ihren Tisch, dann sagen sie: „Certo che sono italianio.“

Zurück zum Skifahren. Das können die Südtiroler oft besser als Österreicher und Deutsche zusammen. Ich fand es immer komisch, wenn im Fernsehen Läufer wie Gustav Thöni zu sehen waren, die unter italienischer Flagge fuhren. Das war, als Skisport noch die Massen begeisterte und es zum Feststellen einer Hundertstelsekunde einen Lastwagen voll Omega-Uhren brauchte. Wenn ein Südtiroler Läufer den Hang hinabsegelte, verbot mir meine Oma das Daumendrücken. In ihrem revanchistischen Denken hatten die „Katzelmacher“ das Land gestohlen. Mein Hinweis, dass diese Leute doch auch Deutsch sprechen und in ihre Staatsbürgerschaft gezwungen wurden, beantwortete sie mit dem Satz: „Wenn es anständige Leute wären, dann wären sie längst zu uns herübergekommen.“

Herüben ist Innsbruck. Innsbruck ist die Hauptstadt Tirols, und die dortige Politik beweist seit Jahren, dass Lichtmangel und Föhnwetter die Intelligenz mindern. Tirol hatte einst einen Langzeitlandeshauptmann. Er hieß Eduard Wallnöfer, war selbstredend katholisch-erzkonservativ und konnte poltern wie sein Nachbar Franz Josef Strauß. Wie man in den Bergen auch ohne Drogen benebelt sein kann, bewies Wallnöfer mit der über Jahre wiederholten Drohung, seine paramilitärischen Schützenverbände gegen den Außenfeind zu mobilisieren. Als könnten diese drolligen Narren einer Nato-Armee Paroli bieten.

Die Berge bedeuten kulturelle Armut. Beweise? Gern! In Tirol heißt jede zweite Straße nach Andreas Hofer, und in zwei Dritteln aller Wirtshäuser serviert man als einzige Vorspeise die Kaspressknödelsuppe, ein Gericht, das einem das Gefühl gibt, Krupps Dicke Bertha verschluckt zu haben. Auf fast allen Hütten zwischen dem Ladinischen und der Zugspitze reicht man drei Arten Speck. Einmal fetten Speck, einmal weniger fetten Speck und einmal fast schon mageren Speck.

Der Skikurs – ein Desaster

Die Südtiroler sollten sich also täglich bedanken, dass Italien ihren Landstrich aus dieser Mangelwirtschaft geholt hat. Pfeif auf Freiheit und Selbstbestimmung, wenn der kulinarische Horizont den mit Quark gefüllten Schlutzkrapfen übersteigt.

Sie fragen, was es bedeutet, in einem „Land der Berge“ (Satz in der österreichischen Bundeshymne) aufzuwachsen? Es bedeutet, sich dem Skisport zu unterwerfen. Der Wahn ging so weit, dass man den 1972 in Sapporo disqualifizierten Weltmeister Karl Schranz in Wien mit einem ähnlich großen Autokorso durch die Stadt fuhr wie weiland Adolf Hitler, als der seine Ostmark ins Reich holte.

Aus Bayern wurde mir von Freunden ähnlicher Trubel um das Geschwisterpaar Neureuther und eine gewisse Rosi Mittermaier berichtet – drei Grinsekatzen und die einzig mir bekannten deutschen Skisportler von Bedeutung. Der letzte als Person erkennbare Skifahrer war Herman Maier. Nach ihm rast nur mehr ein gewisser Red Bull die Hänge hinab, der wenig spricht, keine Merkmale bewussten Lebens zeigt und auch keiner Nation zugehörig scheint.

Ich wollte niemals Ski fahren, wurde aber zu einem Skikurs ins minder schöne Zell am Ziller verdonnert. Meine Erziehungsberechtigten kauften mir knallrote Blizzard Firebirds, ein paar eklige Wollhauben und einen orangefarbenen Helm, den ich nur unter Protest aufsetzte, weil sich das Orange mit dem Rot biss.

Der Skikurs geriet freilich zum Desaster. Ich stieß mir am zweiten Tag den Skistock ins Knie (die Narbe habe ich heute noch), und nach weiteren fünf Schwerverletzten wurde die Klasse vom Elternverein zurückgeholt. Diese Katastrophe konnte im folgenden Jahr nur noch die zehnte Klasse toppen, die nur aus Mädchen bestand. Sechs wurden schwanger. Von zwei fensterlnden Knechten. Die Orgie schaffte es sogar in die Boulevardpresse – die Berge bringen nur Unglück!

Was kann mich mit den Bergen versöhnen? Nur das bisschen Glamour, das man in Nobel-Skiorten findet. Dort gibt es auch mindestens zwei Sternerestaurants, die ich aufsuche, wenn meine Freunde eine halbe Stunde am Skilift Schlange stehen, um nach weiteren 20 Minuten acht Minuten talwärts zu wedeln. Ich sitze währenddessen am Kamin und schwenke das Portweinglas.

Ihre Welt hingegen ist nass, kalt und hässlich; ihr Tun noch dazu ein ökologisches Verbrechen, das man erst sieht, wenn der Schnee geschmolzen ist. Da kann sich der schönste Skiort zum ökologischen Sommerwanderparadies ausrufen, die Narben der Bretter zeichnen die Landschaft wie die Ritzspuren der Rasierklinge auf den Oberarmen einer 16-jährigen Pubertärdepressiven.

Berg Heil, Ski Heil, Sieg Heil. Nur logisch, dass sich die Leibstandarte des Braunauer Massenmörders in ihrer Alpen-festung verbarrikadierte, denn die Berge sind seit der Erfindung der Verkehrsmittel beliebtes Rückzugsgebiet für allerlei schräge Vögel. In Frankreich begegnet man an der Baumgrenze den Sonnentemplern und kräutersammelnden Esoterikern, in Deutschland wandernden Frühpensionären, und in der Schweiz trifft man in Gstaad, Davos und Zermatt auf Roger Moore. An einem Tag.

Einmal, als ich für Minuten ganz allein am Jungfraugletscher stand und über die Gipfel schaute, die keinen Hinweis auf Zivilisation gaben, einmal, in diesem Moment, begriff ich, dass die Berge allein für jene gemacht wurden, die mit ihnen allein sind. Und dass dies eine Einladung ist, die nur Alpinisten bekommen. Nichts für mich, dachte ich, und fuhr mit der Bahn hinunter nach Grindelwald. ---