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Manfred Klimek

Unser Autor flieht aus Berlin.In die Hölle der Provinz.





• Ich ziehe aufs Land! Das Ausrufezeichen hinter diesem Satz ist mehr als gerechtfertigt, denn wer mich kennt, der weiß, dass mir diese vier Wörter nie über die Lippen kämen, wenn sie keiner Wahrheit gehorchten; keiner veränderten Wirklichkeit entsprächen. Es muss in meiner Republik also eine Art Ausnahmezustand herrschen, wenn ich das Leben in der Stadt gegen das auf dem Land eintausche.

Denn das Land ist das Böse. Auf dem Land herrscht die Kultur der Demut, des sich Beschneidens, während man in der Stadt über die Stränge schlagen darf. Auf dem Land, so sagen die vom Land, geht alles seinen geordneten Gang. Ordnung ist wichtig, denn herrschte auf dem Land keine Ordnung, könnte der Weizen nicht in Reih und Glied geköpft werden.

Auf dem Land weiß jeder, wo sein Platz ist, jeder kennt jeden, und notfalls hilft man einem anderen aus der Patsche. Wenn der nicht mehr weiterweiß. Für dieses Aus-der-Patsche-Helfen hat der Arme dann ein Leben lang Eine-Hand-wäscht-die andere-Schulden.

Gute Nachbarschaft? Auf dem Land? Wo der Neid jedes Jahr mit der Saat ausgebracht wird? Gibt es nicht. In Wirklichkeit bespitzelt sich die Landbevölkerung ihr ganzes Leben lang, und die Leute wünschen ihrem Nachbarn (vor allem, wenn er Bauer ist wie sie) stets nur die schlimmsten Katastrophen. Etwa einen neuen unbesiegbaren Todespilz im Weingarten. Oder den Absturz eines Kleinflugzeugs, das auf den Hof und die Ställe des verhassten Nachbarn kracht und einen Großbrand auslöst, den die Freiwillige Feuerwehr der Gemeinde mit ihren betagten Pumpen nicht löschen kann. Die Pumpen kamen sowieso erst gar nicht zum Einsatzort, weil der alte rote Mercedes-Feuerwehrwagen nach 50 Jahren mit einem Achsbruch auf dem Weg zum Unfallort liegen blieb, den sich der Wagen in einem Schlagloch geholt hat, das die vergangenen drei Jahre nicht ausgebessert wurde, weil die Gemeinde ihr ganzes Geld bei einem abartigen Buyout-Leaseback-Deal einer englischen Verbrecher-Versicherung verloren hat. Deswegen gibt’s auch keinen neuen Feuerwehrwagen. Und deswegen brannten Haus und Hof der verhassten Nachbarn nieder. Abschließend kann dann auch die Versicherung aus fadenscheinigen Gründen nicht zahlen. Das ist im Wunsch auch inkludiert.

Sie halten den herbeigewünschten Pilz und das abstürzende, einen Großbrand auslösende Kleinflugzeug für abartig und an den Haaren herbeigezogen? Doch leider handelt es sich um jene beiden Wünsche, die mir vergangenes Jahr ein Winzer und ein viehhaltender Bauer als dringliche Bitte an die Dreifaltigkeit namens Jesus, Mutter Maria und Gott diktiert haben, als ich ihre problematischen Verhältnisse mit ihren Nachbarn ins Gespräch brachte.

Das Land verdirbt den Charakter und macht die Landbewohner zu Monstern, die ihre Aggression in Jugendjahren immerhin noch im Zelt des Feuerwehrfestes mit einem Faustkampf austragen konnten. Diese Möglichkeit bleibt heute verwehrt. Es gibt das Festzelt zwar immer noch, aber es gibt auch eine im Anti-Aggressions-Training erfahrene Kuschelordnertruppe, die diese zünftigen und der Gemeinschaft sicher zuträglichen Massenfaustkämpfe unterbindet. Falsch verstandener Fortschritt.

Nach wie vor aber lauert auf dem Land der Erbschleicher in jedem zweiten dieser offenbar von einer Monopolfirma für grässliche Einfamilienhäuser errichteten, gelb oder lila gestrichenen Einfamilienbunker. Knecht ist heute keiner mehr. Auf dem Land gibt es nur Herren, die ihr Grundbesitz zu Sklaven macht.

Kein Idyll, nirgends

Die wenigen übrig gebliebenen Bauernhöfe sind noch dazu auch das Sodom und Gomorrha der Landwirtschaft. Tiere, die sich in der Freiheit nicht grüßen würden, werden hier zusammengepfercht. Wenn sie dann gnadenhalber auf irgendwelchen Feldern kurz Auslauf bekommen, machen sie entweder hemmungslos Liebe oder versuchen, sich gegenseitig umzubringen.

Auf dem Bauernhof lebt auch noch die gute alte Clan-Sippen-und-Ehre-Gesellschaft, die man sonst nur noch aus Ländern mit gering entwickelten Rechtssystemen kennt. Als ich im Februar nach Jahren wieder das erste Mal einen Bauernhof betrat, um dort den Eigentümer beim Schweineabstechen zu fotografieren, da kämpften gerade im Hof zwei Hähne vor ihren Hennen. Das Spektakel war unaushaltbar! Ich habe die zwei Kreaturen zusammengeschrien, dass ihnen Hören und Sehen verging. Sie liefen in getrennte Richtungen davon und ließen die Hennen einfach sitzen. Ich auch.

Auf dem Land riecht es streng. Nach Gülle. Nur kurz währt die Zeit der blühenden Blumenwiesen. Die riechen zwar gut, doch muss meine vom jahrelangen Suchtmittelgenuss versehrte Nasenschleimhaut augenblicklich eine Allergie gegen die bunte, olfaktorisch beglückende Pflanzenschar entwickeln. Wenn ich Blumenduft will, kann ich mir duftende Seifen kaufen.

Das Land kann sich also seine Natur sonstwohin stecken. Ich brauche die nicht. Und auch nicht die Tiere, das Vieh, die Bestien, die auf dem Land herumlauern, vor allem die gemeine Wiesenzecke, die mich mit ihrem Virus zum lallenden Sozialfall degradieren will – im Rollstuhl sitzend auf das Ende wartend. Und mit der Gewissheit, nie wieder einer Budapester Ein-Meter-achtzig-Barfrau ins Dekolleté starren zu können.

Trotzdem ziehe ich aufs Land. Denn ich suche Ruhe.

Die werde ich für zwei Projekte auf dem Land hoffentlich finden, weit entfernt vom Trubel der Stadt. Denn es war vor allem dieses Andauernd-einem-spannenden-und-ruhelosen-Leben-ausgeliefert-Sein, das den Beginn der beiden Projekte schon seit Monaten verhindert. Wenn man dann auch noch – so wie ich – mit ruhelosem Leben Geld verdient, bleibt der Anreiz stets nur gering, die mühsamen beiden Vorhaben überhaupt mal zu beginnen. Denn die vielen vorbeifliegenden Spatzen lassen mehr Schotter fallen als die fette Taube im Nirgends und Irgendwo, die noch dazu gefunden werden will.

Also ziehe ich aufs Land. Aber immerhin nach Traben-Trarbach. An die Mosel. Da bin ich jetzt gerade in einem Hotel und sehe mir nachher Wohnungen an. Der Hotelbesitzer hat mich erkannt. Er ist Abonnent dieser Zeitschrift. Der Wohnungsvermieter kennt mich auch. Er trinkt Wein. Ein gutes Omen.

Aber trotzdem ist es Land. Kulturlandschaft zwar, aber Land. Und ich bin hier, weil ich meine Ruhe haben will.

Also denken Sie nicht eine Sekunde daran, mich anzurufen. ---