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UniVoca App

Eine Übersetzungs-App soll nordkoreanischen Flüchtlingen die Sprachlosigkeit nehmen.





• Korea ist seit 70 Jahren in Nord und Süd geteilt, und die Menschen sind sich fremd geworden in dieser Zeit. Das gilt selbst für die Sprache. Zwar gibt es nach wie vor nur ein Koreanisch, doch sind die Sprachen in den beiden Staaten so unterschiedlich wie die zwei Wirklichkeiten, die sie beschreiben. Für die rund 27 000 nordkoreanischen Flüchtlinge im Süden ist das eine zusätzliche Integrationshürde.

Mit der App Univoca soll sich das jetzt ändern, eine solche Übersetzungshilfe gab es noch nie. Seit dem Frühjahr haben sich mehr als 5000 Menschen die App heruntergeladen. Entwickelt wurde sie von Cheil Worldwide, eine der größten Werbeagenturen Südkoreas. Wie das Programm funktioniert, erklärt Projektmanager Jongchul Jang im Firmenhauptquartier im Zentrum Seouls. Draußen, vor der gebogenen Glasfassade, sitzt ein gelber Comic-Gorilla, der bis zum zweiten Stock reicht und seine riesigen LED-Augen rollen lässt. Die App, sagt Jang, soll zur „Wiedervereinigung der Sprache“ beitragen. Für ihn ist es ein Schritt auf dem Weg hin zur großen Wiedervereinigung.

Dass die Übersetzungs-App mehr ist als ein PR-Stunt, bestätigt Soon-Hee Kwon, Professor für Koreanische Sprache an der Ewha Womens University in Seoul. „Was das Vokabular in Büchern und Literatur angeht, gibt es große Unterschiede zwischen Nord- und Südkorea.“ Besonders die Schüler haben Probleme, es sei schwierig für sie, mit südkoreanischen Büchern zu lernen. Und weil sie sich schämen, reden die Nordkoreaner nicht darüber, weder mit Lehrern noch mit Freunden. Ihre Leistungen in der Schule leiden, das Selbstbewusstsein auch. Der Projektleiter Jang sagt: „Wir müssen verhindern, dass die Nordkoreaner hier zu Bürgern zweiter Klasse werden.“

In Zusammenarbeit mit einer Nichtregierungsorganisation, die sich um Flüchtlinge aus dem Norden kümmert, begann man bei Cheil mit der Arbeit. Die größte Hilfe waren die Nordkoreaner selbst, sie lasen sich Seite für Seite durch Schulbücher und markierten alle Wörter, die sie nicht verstanden, mit einem gelben Textmarker. Jang hat so ein Buch dabei, er legt es auf den langen Tisch im Konferenzraum und blättert darin. In fast jeder Zeile sind Wörter hervorgehoben.

Ich hätte gern zwei Kugeln gefrorenen Keks, bitte

Dass den Nordkoreanern so viele Begriffe des Südens fremd sind, hat mehrere Gründe. Seit der Teilung Koreas hat die Regierung in Pjöngjang jeglichen fremdsprachlichen Einfluss unterbunden. In Südkorea hingegen veränderte sich die Sprache vor allem durch Lehnwörter aus dem Englischen wie etwa „ice cream“ oder „penalty kick“. Im Norden hingegen heißt Eiscreme „gefrorener Keks“ und ein Strafstoß beim Fußball „Elfmeter-Strafe“.

Besonders deutlich treten die Unterschiede bei der Jugendsprache hervor. Das Wort „som“ etwa bezeichnet im Süden eine Beziehung zwischen Junge und Mädchen irgendwo zwischen Freundschaft und Liebe, „som“ wie something. Das sind Dinge, die man Nordkoreanern erklären muss. In der App übernehmen vier bonbonfarbene Maskottchen die Erläuterungen: eine Eule, ein Bär, ein Reh und ein Kranich, jene Tiere, die in der demilitarisierten Zone leben, die das Land entlang des 38. Breitengrades teilt.

Die Bedienung der App ist einfach: Man tippt das unbekannte Wort ein oder scannt es mithilfe der Kamera. Das funktioniert auch mit Handschrift. Sofort erscheint die Übersetzung, oder – und das kommt öfter vor – der Begriff wird mit wenigen Wörtern umschrieben, weil es im Nordkoreanischen kein Pendant gibt. Momentan sind knapp 3600 Begriffe in der Datenbank. Damit die immer aktuell bleibt, kann jeder Nutzer Wörter vorschlagen, die er nicht kennt; nach und nach sollen sie übersetzt werden.

Als die App fertig war, stellten Jang und sein Team sie in einigen Schulen vor. Den Schülern hätte das Ergebnis gefallen, sagt er. Sie empfanden es als große Erleichterung, nicht mehr jedes einzelne Wort googeln zu müssen. Jang hofft, dass die App ihnen ermöglicht, einen guten Abschluss zu machen. Wahrscheinlich ist es aber viel wichtiger, im Alltag mitzuhalten.

Immer wieder erzählen Flüchtlinge, dass sie Situationen meiden, weil sie Angst haben, Dinge nicht zu verstehen und sich lächerlich zu machen. Eine Nordkoreanerin, die an der App mitgearbeitet hat, berichtet von einem Restaurantbesuch. Der Kellner fragte: „Wollen Sie Ihr Steak medium?“ Sie antwortete: „Nein, ich nehme ein großes.“ Sie lebt seit sechs Jahren in Seoul, inzwischen kann sie darüber lachen. ---