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Rüdiger Bachmann

Die Volkswirtschaftslehre wird derzeit scharf kritisiert. Der Ökonom Rüdiger Bachmann versucht sich an der Ehrenrettung.





brand eins: Herr Bachmann, Ihr Fach steht momentan nicht besonders gut da …

Rüdiger Bachmann: Wie kommen Sie darauf?

Die Lehre gilt als praxisfern, modellverliebt, und Kritiker werfen den Ökonomen vor, bei den schweren Krisen der vergangenen Jahre versagt zu haben.

Moment, Moment, wer fällt dieses Urteil? Und was heißt überhaupt versagen? Was die Eurokrise angeht, hat die Wirtschaftswissenschaft überhaupt nicht versagt. Im Gegenteil: All das, was jetzt eingetreten ist, haben die Ökonomen vorausgesagt. Und zwar bemerkenswerterweise Kollegen von beiden Seiten des politischen Spektrums. Sowohl Martin Feldstein, er war unter US-Präsident Ronald Reagan Vorsitzender des Wirtschaftsberaterstabs, wie auch der eher linke Paul Krugman. Sie haben beide gesagt, dass die Euro-Zone so konstruiert sei, dass es irgendwann Schwierigkeiten geben wird. Jetzt sind die Probleme eingetreten. Die Einführung des Euro war eine politische Entscheidung, das kann man ja durchaus so machen. Aber nicht den Ökonomen hinterher die Schuld geben, wenn es schiefgeht.

Vor der Finanzkrise hat aber kaum jemand gewarnt.

Es liegt doch in der Natur der Sache, dass man Finanzkrisen nicht genau vorhersagen kann. Ich denke, wir stehen da nicht schlechter da als die Naturwissenschaften. Es gibt wenig Mediziner, die Epidemien vorhersagen, oder Geologen Erdbeben oder Vulkanologen Vulkanausbrüche. Das liegt daran, dass es komplexe Systeme gibt, die schwierig zu durchschauen sind. Erschwerend für die Wirtschaftswissenschaft ist zudem, dass es Rückkopplungseffekte gibt, denn wir haben es mit Menschen zu tun. Sobald die Menschen Krisen erwarten, reagieren sie entsprechend darauf, und das führt dazu, dass Krisen sofort eintreten. Wenn wir ein Modell hätten, das uns mit einiger Sicherheit für den Januar 2016 eine Finanzkrise voraussagte, dann hätten wir sie schon im November 2015, weil die Leute entsprechend reagierten. Hinzu kommt der schwierige Zugang zu Daten: Hätte ein wissenschaftlich tätiger Ökonom wissen können, welche Hypothekenpapiere die amerikanischen Banken in ihren Büchern haben? Und wenn ja, wie viele? Da gibt es rechtliche und praktische Probleme. Daher halte ich das Abwatschen der Ökonomen für nicht gerechtfertigt.

Zieht die Wissenschaft die richtigen Lehren aus der Krise?

Die Forschung hat gut reagiert. Als die Krise da war, hat man sehr schnell Finanzmarktelemente, wie asymmetrische Information, Probleme von Sicherungskapital und ganz allgemein Finanzintermediation in die Modelle eingebaut und bald festgestellt, dass es zum Beispiel keine so gute Idee ist, in einer Rezession zu sparen. Von außen sieht es immer so aus, als hätten die Ökonomen ein festes Weltbild. Aber so ist es nicht.

Tatsächlich? Gerade in Deutschland ist Ihrer Zunft doch der Markt heilig.

Gut, das muss man zugeben, in Deutschland ist eine bestimmte Marktgläubigkeit weiter verbreitet als andernorts: der Ordoliberalismus – also Markt mit rechtlichem Rahmen –, den Ludwig Erhard in die Praxis umgesetzt hat, und mit dem zu Zeiten des Wirtschaftswunders ja auch viel erreicht wurde. Das Gedankengut des Ordoliberalismus mag in der deutschen Wirtschaftspolitik stark verankert sein. In der Wissenschaft ist es das nicht. Es ist ja auch so, dass man mit reinem Marktdenken an den Universitäten nicht mehr weiterkommt. Der ideale, sich selbstregulierende Markt ist seit den Sechzigerjahren ausgeforscht. Da kann man nichts Neues mehr finden. Aber Marktversagen gibt es sehr häufig. Nur da lassen sich wissenschaftliche Sporen verdienen. Wobei man anerkennen muss, dass Ökonomen auch sehr gut darin sind, Staatsversagen zu entdecken. Kurzum: Die Überzeugungen der Ökonomen sind vielfältig, es gibt nicht nur neoliberale Marktpriester.

Studenten machen offenbar andere Erfahrungen. Sie haben sich in dem Netzwerk Plurale Ökonomik zusammengeschlossen und wollen die Lehrinhalte verändern. Sie erscheinen ihnen zu starr und ideologisch festgelegt.

Es ist gut, wenn sich die Studenten einmischen. Aber ganz entgegen der Meinung der Kritiker hat doch jüngst erst eine Umfrage gezeigt, dass die deutschen Ökonomen sehr unterschiedliche Ansichten haben. Natürlich gibt es Kollegen, die oft in den Zeitungen stehen, die eine dezidierte Meinung haben. Das Fach ist meines Erachtens nach aber sehr plural. Ich finde es schade, wenn einige meinen, sie seien die einzigen kritischen Stimmen.

Was ist heute der Mainstream?

Das ist nicht so einfach zu definieren. Und ich glaube auch, jeder definiert ihn anders, weil er ein anderes Feindbild hat. Manche Altkeynesianer definieren den Mainstream als konservative, neoliberale Wirtschaftspolitik, als das, was man einmal als Konsens von Washington definiert hat: Privatisierung, Liberalisierung, Marktöffnung. Wobei deren Feind eher der Wirtschaftspolitiker ist als der Akademiker. Diejenigen, die gern Diskursanalyse betreiben, haben im rechnenden Ökonomen ihr Feindbild gefunden, also denjenigen, der mit mathematischen Modellen gewisse Aussagen trifft. Die Ultraliberalen der österreichischen Schule halten dann wiederum den gemäßigten Keynesianismus für den Mainstream. Ich glaube, da pickt sich jeder etwas heraus: Der Mainstream wird mithilfe eines Feindbildes konstruiert, von dem man sich abgrenzen möchte. Dabei sind die Methoden und Themen im Mainstream sehr vielfältig. Zu den Forschungsgebieten gehören Wirtschaft und Recht, Ökonomik der Familie, Entwicklungsökonomik. Dann die Klassiker, Arbeitsmärkte, öffentliche Finanzen. Bei den Methoden wird mit numerischen Modellen gearbeitet, mit traditionellen statistischen Methoden, neuerdings gibt es Feldexperimente, ich selbst arbeite gern mit Umfragen, um die Erwartungsbildung von Menschen zu erforschen. Es gibt also eine große Vielfalt.

Oder Beliebigkeit.

Beliebig sollte die Forschung gerade nicht werden: Pluralität darf nicht bedeuten, dass alles möglich ist. Nicht alle Fragen sind gleich relevant, aber das ist ja auch nicht schlimm. Ich glaube, den Mainstream definiert eine Haltung und eine Offenheit, sich gegebenenfalls von Daten überzeugen zu lassen. So mussten während der Krise einige anerkennen, dass Fiskalmultiplikatoren in einer Rezession möglicherweise höher sind als zu anderen Zeiten – also dass während der Krise das Bruttoinlandsprodukt schneller als in normalen Zeiten wieder steigen kann, wenn der Staat Güter und Dienstleistungen einkauft. Die meisten Kollegen, die ich kenne, haben eine politische Überzeugung, aber sie sind in der Lage, ihre Meinung anzupassen, wenn die Fakten sich verändern.

Welche Forschungsinhalte halten Sie für Unsinn?

Das will ich niemandem vorschreiben. Es muss möglich sein, dass ein Forscher auch mal verrückte Gedanken haben darf, mal ein Modell ausforschen kann, um zu schauen, wohin das führt. Ob man daraus dann wirtschaftspolitische Schlüsse ziehen sollte, ist eine andere Frage.

Über die Wirtschaftspolitik und über die Wirtschaftswissenschaft erlauben sich viele ein Urteil. Wie sieht es umgekehrt mit dem ökonomischen Sachverstand der Deutschen aus?

Der könnte besser sein.

Ist das jetzt die Retourkutsche für die Kritik an Ihrer Zunft?

Nein, aber man muss feststellen, dass die ökonomische Bildung in Deutschland besser sein könnte. Ich meine da vor allem die makroökonomische Bildung, die ist doch ziemlich verkümmert. Das hat Folgen auf Wahlentscheidungen und auf politische Entscheidungen. Es sollte dafür gesorgt werden, dass die Menschen sich mehr für Wirtschaft interessieren.

Ökonomische Bildung ist „unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung“, so sieht es auch die Kultusministerkonferenz. Und der Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren fordert: Wirtschaft muss endlich Pflichtfach werden.

Es ist gut, dass die Debatte geführt wird. Aber sie sollte auch in die richtige Richtung laufen. Ich bin nicht der Ansicht, dass man in Wirtschaft nachsitzen soll, um dann seine Steuererklärung ausfüllen zu können. Ich halte auch nichts davon, im Unterricht internationalen Handel immer nur mit Ausbeutung der Dritten Welt gleichzusetzen, wie das noch in meiner Schulzeit der Fall war, oder sich die Lehrpläne von den Arbeitgeberverbänden diktieren zu lassen. Wenn man das so angeht, dann hat man schon verloren.

Was soll gelehrt werden?

Die Dinge, die gerade passieren, sind ja nicht banal: Wie funktioniert eine Währungsunion? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit sie funktioniert? Wie soll jemand eine Meinung zum Ausscheiden Griechenlands oder Großbritanniens aus der Europäischen Union haben, wenn er von all diesen Dingen nichts versteht? Ein anderer Bereich sind die Privatfinanzen. Wenn man mal etwas von Portfoliotheorie gehört hat, die das Investitionsverhalten an den Kapitalmärkten untersucht, dann wird man sehr schnell verstehen, dass das meiste, was einem die Banker mit ihren Hochglanzprospekten anzudrehen versuchen, Quatsch ist. Wenn man ein Verständnis für das Funktionieren von Märkten hat, dann weiß man, dass es sehr schwer sein wird, den Markt zu schlagen. Viele dumme Anlageentscheidungen würden nicht getätigt, und uns allen ginge es besser. Mit wirtschaftlicher Bildung könnte man Wohlfahrtsgewinne erzielen.

Wo sollte das gelehrt werden?

Das werden wohl die Gymnasien machen müssen. Aber ich bin nicht naiv. Wer soll das denn machen? Die Lehrer sind dafür nicht ausgebildet. In den USA hören viele am College ganz selbstverständlich eine Einführung in die Mikroökonomik und in die Makroökonomie. In Deutschland ist das Bestandteil des Spezialstudiums der Volkswirtschaftslehre.

Also lohnt sich das Studium doch.

Ganz sicher.

Und warum?

Wo soll ich anfangen? Es braucht Ökonomen am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft. Man lernt in der VWL wie in keinem anderen Fach, wie wichtig politische Kosten-Nutzen-Abwägungen sind und dass wenige Dinge im Leben gratis sind. Dann bekommt man das theoretische Rüstzeug, um ein großes Problem moderner Gesellschaften zu analysieren: die marktwirtschaftliche versus die politische Ressourcen-Allokation. In der VWL erhält man einen Begriff für Risiko, und zwar für politische wie wirtschaftliche Risiken. Man lernt, dass es Menschen sind, die Entscheidungen treffen, und zwar in Abhängigkeit von den äußeren Umständen. Darüber hinaus lernt man etwas über Kausalitäten: Wann haben Entscheidungen welche Folgen? Lassen sich Kausalitäten wirklich leicht feststellen? Hinzu kommt: Man versteht die politischen Alltagsprobleme besser. Und: Man erkennt schnell, ob jemand Unfug redet oder nicht. ---

Rüdiger Bachmann, Jahrgang 1974, ist Professor für Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Makroökonomik an der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana. Zuvor war er Professor für Wirtschaftswissenschaft an der RWTH Aachen und an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. Er ist Nachwuchsbeauftragter des Vereins für Socialpolitik.