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Günther Mader

Der österreichische Skirennfahrer Günther Mader hatte gerade seine Karriere beendet, da wurde er aus seinem Leben gerissen. Und erkämpfte sich ein neues. Porträt eines Ausnahme-Athleten.





• Neulich erst ist es ihm wieder passiert. Da stand Günther Mader im Supermarkt vor dem Früchtestand und starrte auf dieses gelbe Ding, das so sauer schmeckt und so gut auf der Panade vom Wiener Schnitzel. „Nicht zum Verrecken“ wollte ihm der Name einfallen. Er legte die Zitrone in den Einkaufskorb und ging zur Kasse. Wieder einmal gut gegangen, keiner hatte etwas gemerkt. Und wenn doch? Kommt auch vor, ist ihm „aber völlig wurscht. Ich lache drüber und die anderen hoffentlich auch.“

Es geschieht öfter, dass ihm der Name eines Gegenstandes oder eines Menschen, selbst eines langjährigen Freundes, entfällt. Solche Aussetzer werden ihn den Rest seines Lebens begleiten, haben ihm die Ärzte gesagt. „Die Mühen des Alltags“, scherzt der 51-Jährige.

Kann man ihm das abnehmen? Einem Mann, den in Österreich jeder kennt und der deshalb nicht nur im Supermarkt genau beobachtet wird, blamiert sich durch verstörenden Gedächtnisverlust und findet das auch noch komisch? Ist das Galgenhumor, oder lenkt da einer von einer Tragödie ab, von Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit?

So einen wie Günther Mader – blaue Augen, dichtes welliges Haar, drahtig und schlank – nennen sie in seiner Heimat Tirol ein „g’standenes Mannsbild“, gern auch neidisch „Feschak“. Er gewann sieben Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen und gilt im Skisport als Ikone. Nur vier Athleten außer ihm haben es je geschafft, in allen vier alpinen Disziplinen – Abfahrt, Super G, Slalom und Riesenslalom – Weltcuprennen zu gewinnen. Im März 1998 bestritt er in der Schweiz seinen letzten Wettbewerb und beendete danach seine Karriere. Er war 33 Jahre alt.

13 Tage später erlitt Mader einen Schlaganfall. Eigentlich waren es zwei kurz hintereinander, und sie waren so heftig, dass ein behandelnder Arzt den Angehörigen mit Tränen in den Augen sagte: „Wir können für den Günther nichts mehr tun.“ 48 Stunden schwebte der Ex-Sportler in einer Innsbrucker Klinik in akuter Lebensgefahr, selbst das kleinste Blutgerinnsel wäre das sichere Ende gewesen.

Er überstand die kritische Phase. Aber seine rechte Körperhälfte war vom Gesicht bis zur großen Zehe gelähmt. Er konnte nicht mehr sprechen, lesen oder rechnen. Er hatte 85 Prozent seines Sprachvermögens verloren. Die Ärzte fürchteten, Mader würde sein Leben lang behindert bleiben. Vielleicht als Pflegefall im Rollstuhl, vielleicht mit Hirnschäden. Allerdings hatte der Patient andere Pläne: „Mir war von der ersten Sekunde an klar, dass ich nun vor der größten Herausforderung meines Lebens stehe. Viel bedeutender als alles, was ich mir in meinem Sport erkämpft habe.“ Und: „Ich zweifelte keinen Moment, dass ich diesen Kampf gewinnen würde, früher oder später.“

Mader, der sich einen „ewigen Optimisten“ nennt, hat gewonnen. Ärzte, Familie und Freunde waren anfangs skeptisch, ob er diesen Bruch seiner makellosen Erfolgsbiografie überstehen könne. Er hat es ihnen und vor allem sich gezeigt, dank der gleichen Disziplin, Leidenschaft und Besessenheit wie damals auf den Skipisten. Eine fast unglaubliche Abfolge von Glücksfällen kam hinzu.

Gestern Nacht ist es spät geworden für Mader. Er war in Salzburg als Gast einer Talkshow und ist anschließend noch durchs Inntal nach Hause gefahren zu seiner Lebensgefährtin, einer Münchener Ärztin, die er auf dem Oktoberfest kennengelernt hat, und dem gemeinsamen vierjährigen Sohn. Morgen muss er schon weiter, ein Termin in der Steiermark für seinen Arbeitgeber, einen französischen Sportartikelhersteller. Auf dessen Skiern hat er seine größten Triumphe erreicht, und die Firma hat auch nach seinem Schlaganfall an ihm festgehalten. Mader ist Renndirektor für das österreichische Ski-Team des Unternehmens. Er betreut und verhandelt Verträge mit den Athleten, stellt Budgets auf, koordiniert Materialtests, ist für die Serviceleute zuständig, besucht Skirennen und Händler und ist so jährlich rund 40 000 Kilometer mit dem Auto unterwegs. Das schlaucht, erst recht mit solch einer Krankenakte.

Gelegentlich muss er sich deshalb eine Auszeit nehmen. „Natürlich“, sagt er, „ist das eine Behinderung, und sie ist lästig.“ Stört ihn das? „Klar, wer will schon schlappmachen.“ Kann er damit ehrlich umgehen? „Hab’ ich schnell gelernt und war auch ganz einfach: Denn ich bin viel lieber manchmal müde als schon lange tot.“ Deshalb hat er auf eigenen Wunsch mit seinem Arbeitgeber einen Vertrag als freier Mitarbeiter, „dann habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich mich auf die Couch legen muss“. Mader galt im Skizirkus als einer der Spitzenverdiener und hat das Geld zusammengehalten: „Danke, für mich muss man nicht sammeln.“

Talentiert und eigensinnig

Er sitzt in der Wohnküche seines Hauses in Mieders bei Innsbruck bei einem Espresso. Der Blick geht aus Fenstern, die von der Decke bis zum Fußboden reichen, in die grandiosen Stubaier Alpen. Viel Beton, die Fassade schneeweiß, kein Holz, keinen einzigen Blumenkasten und – shocking im schmucken Stubaital – kein traditionelles Giebeldach wie alle anderen. Sondern ein flaches. „Mader baut ein Haus ohne Dach“, titelte seinerzeit die Bezirkszeitung. Die Pläne des Architekten existierten schon vor Maders Schlaganfall. Baubeginn der Villa war ein Dreivierteljahr später, für den Bauherrn „Teil meiner Therapie und Reha“.

Günther Mader wuchs in Gries im engen Wipptal auf, direkt unter dem Brennerpass. Die Autobahnbrücke spannt sich hoch über den Ort. Sein Vater war Gendarm, die Mutter Hausfrau. Er hat zwei jüngere Geschwister. Natürlich wollte er Skirennläufer werden, wie fast jeder Junge in Österreich. Maders Talent und Ehrgeiz entdeckte und förderte sein Volksschullehrer Robert Trenkwalder, gleichzeitig auch Chef des örtlichen Skiclubs. Der Pädagoge war gerade mal 16 Jahre älter als der Erstklässler und der jüngste Volksschullehrer im Land. Da es in der Schule keine Sporthalle gab, verlegte der Lehrer den Unterricht ins Freie. Im Winter auf die Piste.

Der Autodidakt Trenkwalder wird später einer der besten Coaches der Welt werden: kauzig, ohne Respekt vor Autoritäten. Sein Motto: „Ein Ziel, das man leicht erreicht, ist nix wert.“ Zwei Brüder im Geiste hatten sich da im Wipptal gefunden. Günther Mader bezeichnet ihn als „meinen Lebensfreund“. Trenkwalder sagt über seinen Schüler: „Er ist eine Perle von Mensch.“

Je besser der junge Mader wurde, desto teurer wurden Ausrüstung und Trainingskurse. Der Vater arbeitete daher neben dem Polizeidienst als Tankwart, um dem Sohn die Sportkarriere zu finanzieren. Der durchlief erfolgreich alle Kader des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) und feierte 1982 sein Debüt im Weltcup. Zum ersten Mal verdiente er Geld durch Prämien des Verbandes, seiner Ausrüster und Sponsoren. Trenkwalder hatte sich zeitgleich vom Schuldienst beurlauben lassen und jobbte beim ÖSV als Nachwuchstrainer. Später kehrte er als Direktor der Schule wieder nach Gries am Brenner zurück.

Damals war die Verbandsarbeit überwiegend auf die tollkühne Abfahrertruppe um den Nationalhelden Franz Klammer konzentriert. Das brachte Geld und Ruhm für Sportler und Offizielle. Die sogenannten Techniker, also diejenigen, die Slalom und Riesenslalom fuhren und bei Weitem nicht so erfolgreich und populär waren, führten eher ein Schattendasein. ÖSV-Spitzenleute verhöhnten sie gern als Weicheier oder Milupa-Kinder. Ihre Übungsbedingungen waren schlechter, und die guten Trainer wollten alle zu den umhätschelten Speedläufern. „Wir waren die Deppen des ÖSV und der Nation“, erinnert sich Mader.

Er fühlte sich hilflos und zu wenig gefördert. Das ging auch anderen Fahrern so, aber sich mit dem ÖSV anzulegen wagte keiner. Das System funktionierte damals wie heute so: Der Verband erteilt die Startberechtigung für den Weltcup. Nur dort kann der Athlet ordentlich Geld verdienen. Muckt er auf, droht ihm der Ausschluss vom Kader.

Mader gewann regelmäßig Rennen und war in vielen Saisons der einzige Läufer in der österreichischen Nationalmannschaft, der Chancen auf den Weltcup-Gesamtsieg hatte, dem wichtigsten Titel im alpinen Skisport.

In der Szene schätzte man ihn. Die Konkurrenz bewunderte sein Talent zwischen den Slalomtoren, seine Professionalität und seine Unbeirrbarkeit. Die österreichischen Fans liebten ihn wegen seiner Leistungen und seines bescheidenen und ungekünstelten Auftretens.

Kaum jemand wusste, dass seine Karriere 1990 wegen eines lädierten Rückens und beschädigter Knie kurz vor dem Ende stand. Er konnte monatelang nicht Auto fahren und brauchte morgens eine halbe Stunde, um aus dem Bett zu kriechen. Was noch ging, war steinharte Pisten hinunterzurasen, mit quälerischer Überwindung: „Ich habe keine Minute ohne stechende Schmerzen verbracht, auch nicht nachts. Ich dachte mir, das ist es dann jetzt mit 25. Ich hau’ den Hut drauf.“ Kein Arzt konnte ihm helfen. Da hörte Mader von einem Physiotherapeuten im norditalienischen Kurort Montegrotto Terme. Der stellte extreme Verspannungen und Muskelverkürzungen im Rücken fest, hervorgerufen durch jahrelanges Krafttraining. Falsches Training.

Er beendet seine Karriere. Dann erwischt es ihn

Der Patient legte sich nun zehn Tage neben rheumageplagten Rentnern ins Thermalbad, erhielt Fangopackungen und machte Dehn- und Atemübungen. Als er wieder nach Tirol fuhr, waren die Schmerzen im Rücken weg und die im Knie größtenteils abgeklungen. 1991 heiratete er Ingrid, die er im Lokal „Stubaier Tenne“ kennengelernt hatte. Die Tochter war bei der Hochzeit schon vier Jahre alt und der Sohn unterwegs. Privat passte alles, im Beruf wenig. Er fühlte sich vom Verband schlecht betreut und sorgte sich, dass seine sportliche Entwicklung stagnierte. Mader sah nur eine Lösung: wieder mit Robert Trenkwalder arbeiten.

Und zwar offiziell, rund um die Uhr und nicht wie bislang heimlich an freien Tagen, um zu zweit an Maders Technik zu feilen und zu hoffen, dass niemand sie dabei erwischte. Ihm war klar, dass der ÖSV dies verhindern wollte. Denn wer wen und wo trainiert, das entschied traditionell ausschließlich der Verband. Dann besser aufhören, als so weiterzumachen. Der Konflikt war unausweichlich, und Mader hatte sich den denkbar härtesten Widersacher ausgesucht: den ÖSV-Präsidenten Peter Schröcksnadel.

Der heute 74-jährige Tiroler hat unter anderem mit Skistationen und Liftanlagen weltweit Millionen verdient, vermarktet nebenher heimische Spitzenläufer und steht dem Skiverband mit autokratischem Pomp seit 1990 vor. Er wird mit dem ehemaligen Schweizer Fifa-Chef Sepp Blatter verglichen. Er lässt sich mit „Herr Präsident“ oder „Herr Professor“ ansprechen.

Dennoch setzte sich Mader durch. Weil es keine juristischen Hebel gab, ihm einen Betreuer seiner Wahl zu verbieten. Und weil er darauf setzte, dass es selbst der Alpenkönig Schröcksnadel nicht wagen würde, seinen vielseitigsten und beliebtesten Läufer von seinem Weg abzubringen. Der Deal mit dem Verband sah vor, dass Mader Mitglied der Nationalmannschaft bleiben könne, aber künftig sämtliche Kosten – Flüge, Hotels, Sommer-Trainingslager in Australien, Chile und den USA sowie Helfer – selbst finanzieren müsse.

Mader war nun Unternehmer, sein ehemaliger Volksschullehrer sein leitender Angestellter, zuständig für Training, Organisation, das Beschaffen von Sponsoren sowie Öffentlichkeitsarbeit. Der Businessplan barg erhebliche Risiken. Eine langwierige Verletzung oder ein sportliches Formtief hätten die junge Firma schnell in Schwierigkeiten bringen können. Es ging gut. Das Modell Mader wurde später von vielen Spitzenfahrern kopiert.

Anfang 1996 dann der Karrierehöhepunkt in Kitzbühel beim prestigeträchtigsten Abfahrtsrennen der Welt. Günther Mader bezwang als Schnellster die vereisten Steilhänge der legendären Hahnenkamm-Abfahrt, wo die Fahrer Spitzengeschwindigkeiten um 150 Stundenkilometer erreichen. Nun gehörte er endgültig zu den Legenden des Skisports, im kleinen Österreich ganz nahe an der Unsterblichkeit angesiedelt.

Zwei Jahre später, nach 20 Jahren im Hochleistungssport, hörte er auf, am Sonnabend, dem 14. März 1998 in Crans Montana in den Walliser Bergen. Er hatte sich kurzfristig entschieden, selbst Trenkwalder war nicht eingeweiht: „Ich dachte, es reicht jetzt.“ Mader fuhr am Sonntag nach Tirol zu Frau und Kindern und freute sich auf die Zukunft, „auf ein normales Leben, ein schönes eben, endlich ohne den schrecklichen Stress des Rennsports“.

Am Montagabend traf er sich in Innsbruck mit Freunden zum Fußballspielen. Ganz zum Schluss knallte ein abgefälschter harter Schuss auf seinen Brustkorb.

Die Tage danach fühlte er sich nicht wohl, er war müde und hatte Gleichgewichtsstörungen. Dann brach er in seinem Haus zusammen, vor den Augen seiner Frau. Mit Blaulicht brachte ihn der Notarztwagen nach Innsbruck. Günther Maders neues Leben als Behinderter hatte begonnen.

Am frühen Morgen des folgenden Tages erlitt er auf der Intensivstation, wo er zur Beobachtung lag, kurz hintereinander zwei schwere Schlaganfälle. Seine Ärzte vermuteten, dass der Fußball eine Lungenembolie ausgelöst hatte und ein Blutgerinnsel in den Kopf gewandert war. Mader schwebte in höchster Lebensgefahr. Um einen weiteren Gehirnschlag und damit den sicheren Tod zu verhindern, verabreichte man ihm blutverdünnende Mittel: eine so notwendige wie riskante Methode, weil er bei der kleinsten inneren Verletzung verblutet wäre.

Mader überstand die kritischen ersten 48 Stunden ohne Erinnerung. Die kam erst, als Ärzte an seinem Bett standen, ihm vom Schlaganfall und der Lähmung seiner rechten Körperhälfte erzählten. Er verstand jedes Wort und dachte: „Was reden die so deppert daher. Ich und Schlaganfall? Gelähmt? Absurd.“ Er erkannte seine Frau und Trenkwalder. Aber er konnte nicht sprechen, nur aus dem linken Mundwinkel brabbeln wie ein Baby. Er sah seine Mutter vor ihm sitzen und weinen. Er hatte ihren Namen nicht parat und weinte auch.

In den kurzen wachen Momenten entdeckte er, dass seine rechte Körperhälfte tatsächlich völlig taub war. Er tastete sein Gesicht ab und spürte rechts nichts. Er zwickte sich in seinen rechten Arm und spürte nichts. Der fremde Arm lag auf dem Bett „wie eine tote Schlange“. Ein kurzer schrecklicher Moment der Erkenntnis. Dann schlief er wieder ein.

Nach ein paar Tagen wurde er von den Schläuchen befreit. Das erste Essen. Seine Frau wollte ihn füttern, aber er nahm die Gabel selbst in die linke Hand und führte sie zur rechten. Die Gabel mit den paar Reiskörnern fiel auf den Boden. Dies, erinnert er sich, sei der Beginn seiner Therapie gewesen und gleich der erste von vielen Rückschlägen.

Die meisten Schlaganfallopfer fallen zunächst in ein tiefes Loch, schwanken zwischen Angst, Verzweiflung und Selbstmitleid. Mader reagierte dagegen instinktiv, wie er es 20 Jahre als Hochleistungssportler getan hatte: hinfallen, aufstehen, sich über Schmerzgrenzen hinaus überwinden, kämpfen. Am schwersten fiel ihm anfangs zu akzeptieren, dass er nun auf Hilfe angewiesen war: „Ich lag im Bett, Speichel tropfte mir aus dem verzerrten Mund, das Gedächtnis war weg wie auf einer gelöschten Festplatte, und ich wurde gefüttert, wie ich es vor ein paar Jahren mit meinen Kindern gemacht habe.“ In den ersten Tagen nach dem Schlaganfall, ermutigten ihn die Ärzte, würden die Weichen gestellt für einen günstigen Heilungsverlauf. Je früher die Therapie einsetze, desto größer seien die Heilungschancen.

„Der Bursche hat gekämpft wie ein Verrückter“, sagt Robert Trenkwalder. Er verbrachte damals jeden Tag mindestens fünf Stunden auf der Intensivstation am Bett seines schwerkranken Schützlings. Er ist jetzt 68 Jahre alt und sitzt im Trainingsanzug in einem Luxushotel in den Bergen hinter Innsbruck vor einem Glas Apfelsaft. Er betreut seit elf Jahren für einen Getränkekonzern dessen Markenbotschafter wie den US-Skistar Lindsey Vonn, die gerade im Kraftraum ackert. Es ist seine wohl letzte Karrierestation. Pensioniert als Lehrer ist er längst.

Wenn er von der Zeit nach Maders Schlaganfällen erzählt, kommen ihm auch 17 Jahre danach noch die Tränen. Wie Mader mit schmerzverzerrtem Gesicht einen kleinen Gummiball von der linken in die rechte Hand schob und zudrücken wollte. Wie Trenkwalder ihm Dutzende Male einfache Wörter vorsagte, die Mader mühsam nachstammelte und kurz darauf schon wieder vergessen hatte.

Trenkwalder: „Mir hat es das Herz zerrissen. Ich habe ihm als Erstklässler das kleine Einmaleins beigebracht und jetzt mit ihm als Pflegefall wieder bei null angefangen.“ Er habe ihm immer wieder gesagt: „Günther, jetzt kämpfen wir nicht mehr um Hundertstelsekunden. Jetzt kämpfen wir für dein neues Leben.“ Wichtig war, den Ehrgeiz und die Ungeduld seines Freundes zu zügeln. Zu viel Training ist kontraproduktiv, auf der Piste wie im Krankenhaus. Mader begriff, dass Stress nur dazu führte, dass er mühselig erlernte Wörter oder Bewegungsabläufe sofort wieder vergaß. Es würde noch vier Monate dauern, bis er mehr als ein neues Wort auf einmal in seinem Gedächtnis abspeichern konnte.

Was die Ärzte für fast unmöglich hielten, geschah. Nach ein paar Tagen schaffte es Mader, den kleinen Gummiball tatsächlich in der rechten Handfläche zu halten, weil sich die Finger langsam Millimeter um Millimeter wieder bewegten. Er schaffte es, schweißüberströmt vor Anstrengung, die Gabel irgendwie zwischen die rechten Finger zu pressen und den Arm ganz behutsam und langsam Richtung Mund zu führen. Diesen Moment, erinnert sich Mader, habe er „als mindestens so einen Triumph empfunden wie zwei Jahre zuvor den Sieg am Hahnenkamm in Kitzbühel“. Zwei Wochen nach seinem Schlaganfall schleppte sich der Patient, gestützt von seiner Frau und Robert Trenkwalder, humpelnd über den Flur der Intensivstation.

Genau vier Wochen nach seinem Schlaganfall konnte Mader auf eigenen Beinen das Krankenhaus wieder verlassen. Der behandelnde Arzt Erich Schmutzhard, einer der führenden Neurologen Österreichs, fragte zum Abschied, ob er die Krankengeschichte seines prominenten Patienten bei Kongressen verwenden dürfe. So etwas habe er nämlich noch nie erlebt.

Die Lähmungen waren weitgehend zurückgegangen. Nur den rechten Fuß schleppte er beim Gehen ein bisschen nach. Er sprach langsamer als früher. Gedächtnis und Wortschatz waren immer noch verschüttet. Laptop? Er wusste nicht einmal mehr, wie das Gerät einzuschalten war. Handy? Keine Ahnung, wie das Ding funktioniert. Seine Frau erklärte ihm geduldig die Bedienung. Kurz darauf war alles wieder vergessen.

Das Schwierigste für ihn: Geduld zu lernen

Mader musste sich nun dem Abenteuer Alltag stellen. Einkaufen im Dorfladen war Horror und kostete ihn schon die Nacht zuvor den Schlaf. Er stand vor der Verkäuferin, wollte vier Brötchen und wusste das Wort nicht mehr. Hinter ihm eine kleine Schlange von Einheimischen, die ihn natürlich alle kannten, beobachteten und genauso wenig wussten wie der Rest Österreichs, dass er vor wenigen Wochen noch um sein Leben gekämpft hatte: „Die dachten, der Mader spinnt, der kriegt ja sein Maul nimmer auf.“

Die Genesung ging voran, aber nur in frustrierend kleinen Schritten. Anfang 1999 bekam er als Ehrengast eine Einladung zum Hahnenkamm-Rennen, um einen Orden durch den Bundeskanzler zu empfangen. Mader kannte jeden Winkel von Kitzbühel und bereitete sich auf den Kurztrip dennoch vor wie auf eine Expedition in den hintersten Amazonas. Als er hinfuhr, hatte er in seinen Taschen diverse Spickzettel mit dem Namen des Ortes und seines Hotels. Und natürlich dem des Kanzlers. Der hieß Klima. Blöder Name. Nicht zu merken. Auch zu Hause hatten Frau und Kinder überall gelbe Zettel angeklebt: Tisch, Stuhl, Messer, Teller, Bett und so weiter. Damit er nicht immer zu allem „Dings“ sagen musste. Er machte mit seinem sechsjährigen Sohn Schulaufgaben und war froh, halbwegs mithalten zu können.

Sein Ski-Ausrüster vergaß nicht das Versprechen, ihn auch nach Karriereende weiterzubeschäftigen. Mader empfahl, sie sollten sich das gut überlegen. Er könne nicht garantieren, dass er seine Aufgaben bewältigen und das Unternehmen nicht blamieren werde.

Mader nahm sogar ein Angebot von Eurosport als Ko-Kommentator von Weltcuprennen an. Live natürlich, immer mit der Angst, durch einen Blackout mitten im Satz nur noch dummes Zeug zu stammeln. Er fuhr auch wieder Ski. Der Rechtsschwung war sofort wieder der eines Profis, der Linksschwung zunächst der eines Anfängers am Idiotenhügel. Natürlich merkte er, wie ihn Freunde und Verwandte heimlich beobachteten. Dass sie skeptisch blieben, wenn er optimistisch von seinen kleinen Fortschritten erzählte. „Ich verstand sie ja und war trotzdem verärgert“, sagt Mader. „Ich konnte ihnen immer nur sagen: Ihr kennt mich. Ich spiel’ nix vor. Weder euch noch mir.“

Anderthalb Jahre saß er bei einer Psychologin, um mit den Aggressionen umgehen zu lernen, die sich in ihm aufstauten, weil die einfachsten Dinge nicht klappen wollten. Er hatte Angst, dass seine Familie unter seinem Zorn leiden würde. So war es auch. Es ging ihm alles viel zu langsam. Er war unleidlich. Besonders schwer fiel ihm das Englischlernen, obwohl er die Sprache vor seinem Unfall so gut beherrscht hatte. Die Psychologin half ihm, seine Behinderung anzunehmen und mit ihr ohne Bitterkeit oder Scham umzugehen. Er verstand, dass es auch ein Glücksfall für seine Rückkehr ins Leben war, dass er die Krankheit nicht während seiner Karriere bekommen hatte, sondern nach deren selbstbestimmtem Ende. Er lernte zu sagen: „Es ist schon okay so, wie es ist.“

2003 schrieb Mader mit einem befreundeten Journalisten eine Autobiografie, auch als Mittel zur Selbsttherapie. Er wollte mit seinen Erinnerungen („Über Leben“) auch anderen Schlaganfallopfern Mut machen. Dass es sich „immer lohnt, zu kämpfen und nie aufzugeben“, ermutigte er bei Dutzenden Lesungen im ganzen Land seine Zuhörer, darunter viele Patienten wie er. Mader vermied, falsche Hoffnungen zu wecken, und machte nie einen Hehl aus „meinem unverschämten Glück“, den Schlaganfall in einer genau darauf spezialisierten Krankenhausstation quasi unter den Augen von hoch qualifizierten Ärzten erlitten zu haben. Und nicht nachts allein im Bett und stundenlang ohne Hilfe, wie es manchen Opfern ergangen ist.

2006, acht Jahre nach dem Schlaganfall, ließen er und seine Frau sich scheiden. Er redet nicht darüber, „weil ich eine öffentliche Person bin, meine Frau nicht“. Nur so viel: Es sei damals nicht einfach mit ihm gewesen. Seine Kinder sind mittlerweile erwachsen. Die Tochter arbeitet in einem Münchener Luxushotel. Der Sohn studiert in Innsbruck. Der Kontakt sei sehr eng, und beide seien in ihren kleinen Halbbruder vernarrt. Die Ex-Frau sieht er kaum noch.

Mader ist heute noch längst nicht wieder bei 100 Prozent. Sein rechter Mundwinkel hängt ganz leicht nach unten, was ihn sanft ironisch aussehen lässt. Seine Anfälligkeit für Stress ist hoch. Bei Überlastung bricht sein Immunsystem in wenigen Stunden zusammen. Er bekommt dann schuppiges Haar und Fieberblasen. Er hat gelernt, sich nicht mehr gegen seinen Körper zu wehren. Zur Blutverdünnung schluckt er jeden Tag 100 Milligramm Aspirin. Angst vor einem neuen Schlaganfall habe er nicht: „Ich hab’ ja jetzt eine Ärztin im Haus.“

Er sitzt am Küchentisch und liest Zeitung, als das Telefon klingelt. Es ist ein pensionierter Trainer vom ÖSV, den er immer sehr geschätzt hat. Der Mann ist verzweifelt. Seine Frau habe heute früh einen Schlaganfall erlitten und liege auf der Intensivstation. Wie solle es jetzt bloß weitergehen? Mader redet sehr lange mit ihm, hört dann schweigend zu. Draußen dämmert es schon. Schließlich legt Mader auf und sagt: „Ich glaube, ich habe ihn beruhigen können und ihm ein bisserl Hoffnung gemacht. Das hilft ihm. Und mir auch.“ ---