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Kendrick White

Bis er ins Visier übermächtiger Gegner geriet.





• „Verstehen kann man Russland nicht und auch nicht messen mit Verstand.“ So beginnt ein legendärer Vierzeiler des russischen Dichters Fjodor Tjutschew aus dem 19. Jahrhundert. Russen zitieren ihn immer dann, wenn sie mit ihren Erklärungen am Ende sind. Kendrick White geht es genauso. Der 52-Jährige sitzt in seinem Büro der Lobatschewski-Universität Nischni Nowgorod, die Haut noch gebräunt von der Sonne Floridas. Dort entspannte er sich ahnungslos, während sich in Russland die Wolken über ihm zusammenzogen.

Durchs Fenster scheint die warme russische Septembersonne auf vollgestopfte Ordner, White würde sie gern öffnen und weiterarbeiten. Aber es gibt hier für ihn nichts mehr zu tun. Einfach so. Er hat 23 Jahre seines Lebens in diesem Land verbracht – man will nicht sagen „geopfert“, weil es gute Jahre waren und er schließlich freiwillig hier ist. Seit 19 Jahren ist er mit einer Russin verheiratet, er hat zwei Kinder. Er brachte sogar die Asche seines Vaters aus den USA hierher, um sie unter einer Birke mit Blick auf die Wolga zu vergraben. Und nun: vorbei.

White dachte in all der Zeit darüber nach, wie dieses Land weitergebracht werden könnte, weg vom Erdöl, von dem es abhängig ist. In den vergangenen Jahren glaubte er endlich den Schlüssel gefunden zu haben: Als Prorektor der Universität in der Millionenstadt einige Stunden östlich von Moskau war er dabei, in einem Modellprojekt zu vermitteln, wie aus Erfindungen Geschäfte werden. White wurde gelobt dafür, von seinem Rektor und dem Bildungsminister in Moskau. Aber jetzt ist alles vorbei. Kommende Woche fliegt er zurück in die Staaten. Weil – ja, warum eigentlich?

Es gibt darauf mehrere Antworten, und White kann nicht sagen, welche stimmt. Wurde er seiner Universität zu teuer? Hatte er Feinde in der Verwaltung, die sich nicht mit einem Amerikaner auf einer Führungsposition abfinden wollte? Oder war er ein Opfer der antiwestlichen Hysterie?

Russland liegt seit 2013 im Clinch mit den USA. Das ist nichts Neues – den größten Teil des 20. Jahrhunderts lag das Land im Clinch mit den Amerikanern, lange waren die USA der Klassenfeind schlechthin. Vor 1990 hätte weder White noch sonst ein Ausländer auch nur seinen Fuß nach Nischni Nowgorod setzen können: Die Stadt, zu Sowjetzeiten hieß sie noch Gorki, war als Zentrum der Rüstungsindustrie für Ausländer tabu.

Als aus dem Kommunismus Kapitalismus, aus der Sowjetunion die Russische Föderation und aus Gorki wieder Nischni Nowgorod wurde, strömten Ausländer ins Land. Und mit ihnen auch Kendrick White, damals ein junger amerikanischer Ökonom Ende 20, der sich im Studium mit den Denkfehlern von Karl Marx beschäftigt und den Zusammenbruch der sowjetischen Planwirtschaft für das Jahr 2000 prophezeit hatte.

Es war die Zeit, als aus dem Westen die „Haie“ ins Land kamen, wie White selbst sie nennt, um sich an der Konkursmasse der Sowjetunion zu bedienen. Und in der die Russen selbst lernen mussten, dass der Kapitalismus, zumindest jener postsowjetischer Prägung, ein gnadenloses Haifischbecken ist. „Die meisten Russen waren so unglaublich naiv damals“, erinnert sich White.

Im November 1992 flog er für das Friedenscorps von Chicago erstmals nach Moskau. Nach einem Russisch-Crashkurs reiste er weiter nach Nischni Nowgorod, um die Verwaltung des jungen Gouverneurs Boris Nemzow zu unterstützen. „Ich wollte helfen, ihnen beibringen, wie man sich gegenüber den amerikanischen Business-Haien verhält, die ihnen ihre Ideen abkaufen wollen“, sagt er. Seinem ersten Eleven Albert Gusjew half White 1992 beim Aufbau einer Handelskette. Gusjews „Süßes Leben“ gehört heute mit fast einer halben Milliarde Euro Erlös zu den größten Unternehmen der Region.

Nach einigen Jahren bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC wechselte White zum Frankfurter Risikokapital-Investor Quadriga Capital, der mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und der KfW Bankengruppe kooperierte. Deren Konzept entsprach eher seiner Idee vom Helfen: Mit günstigen Krediten unterstützte White privatisierte Staatsunternehmen bei ihrer Sanierung. Mit Erfolg. „Den damals bankrotten Pharmaproduzenten Nizhpharm kauften meine Studenten für eine Million Dollar – und verkauften ihre Anteile einige Jahre später für 45 Millionen Dollar an die deutsche Stada“, sagt der Amerikaner stolz.

2005 ging White mit seiner Investmentfirma Marchmont Capital eigene Wege. „Ich wollte in Start-ups investieren, den Braindrain von den Unis stoppen“, sagt er. Natürlich ging es ihm auch immer um Geld, sagen deutsche Geschäftsleute, die ihn aus dieser Zeit kennen. Das hätte er allerdings vermutlich bequemer haben können – etwa bei der Bank, für die er bis 1992 in Chicago gearbeitet hatte.

Es waren die goldenen Jahre der Ära Putin. Das Barrel Öl steuerte auf die 100-Dollar-Marke zu, der Präsident hatte das Land politisch stabilisiert und ließ die Geschäftsleute weitgehend in Ruhe – sofern sie sich von der Politik fernhielten. Russlands einst reichster Mann Michail Chodorkowski missachtete das ungeschriebene Gesetz, 2003 ließ Putin ihn ins Gefängnis stecken.

Kein Warnsignal für einen wie White? „Solche Dinge waren für mich Hintergrundrauschen“, sagt er. „Ich konzentrierte mich darauf, mit der liberalen Seite der Elite zu arbeiten.“ Aber diese Leute konnten ihn am Ende nicht retten. Nicht Bekannte wie Anatoli Tschubais, früherer Finanzminister und heute Chef des staatlichen Hightech-Konzerns Rusnano, den White beraten hat. Auch nicht engste Mitstreiter wie Igor Agamirsjan, Direktor der Russian Venture Company, der staatlichen Investitionsgesellschaft, die innovative Projekte fördern soll.

„Die liberalen Kräfte sind jetzt alle unter Beschuss. Sie waren nicht stark genug“, muss White sich heute eingestehen. „Und die konservativen Kräfte nutzen die jetzige Situation, um Ausländer loszuwerden. Diese Nähe mit dem Westen wollten sie nie.“

Hellhörig wurde er erstmals 2008, kurz vor der großen Krise. Da traf sich Putin in Nischni Nowgorod mit Unternehmern und geißelte die angeblichen Wucherpreise des Bergbauunternehmens Mechel. Den Direktor, der seit dem Vortag im Krankenhaus lag, werde man wohl dort besuchen müssen, um die Lage zu klären, schimpfte Putin in seinem Rowdy-Ton, den er benutzt, wenn er Exempel statuieren will. An der New Yorker Börse sank der Kurs der Firma daraufhin um etwa ein Drittel „Ein klares Signal an alle anderen Geschäftsleute“, erkannte White damals. Aber er sah das Glas lieber halb voll: Schließlich war Wladimir Putin nur noch Premier, und der neue Präsident Dmitri Medwedew wiederholte von Moskau bis Wladiwostok sein Mantra von der Modernisierung. „Es wurde von Tag zu Tag besser“, erinnert sich Kendrick White.

Der liberale Medwedew ließ in Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) und westlichen Großunternehmen das Innovationszentrums Skolkovo bei Moskau aufbauen, ein Vorzeigeprojekt. Auch auf politischer Ebene wurde nach dem Georgien-Krieg Entspannung signalisiert: Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton drückte mit ihrem russischen Kollegen 2009 demonstrativ einen „Reset“-Knopf.

White hatte in jener Zeit eine Erleuchtung, wie er sagt: Russland brauche erfahrene Geschäftsleute, die Gründer nicht nur unter ihre Fittiche nehmen, sondern sich auch finanziell an deren Projekten beteiligen. Vorbild war sein Onkel, Banker in Chicago. White brachte russische Business Angels zusammen und half beim Aufbau einer landesweiten Vereinigung. Doch das Konzept ließ sich nur bedingt auf Russland übertragen. Weil jene Geschäftsleute über 60, die in den USA den Anfängern unter die Arme greifen, in Russland heute die „roten Direktoren“ sind, die sich in den Neunzigerjahren am Staatseigentum bereicherten – also keine klassischen Unternehmer. Und die jüngeren wie Albert Gusjew sind erst in ihren Vierzigern und noch mit eigenen Geschäften beschäftigt. „Sie sind bereit, einem jungen Unternehmer seine Idee abzukaufen“, sagt White. „Warum sie nur fünf Prozent in seine Firma investieren sollten, verstehen sie aber nicht.“

Zur Jahreswende 2011/2012 – im Zentrum Moskaus forderten Zehntausende ein „Russland ohne Putin“, weil der Premier seine Rückkehr in den Kreml vorbereitete – kam White auf die Idee der „Proof-of-Concept“-Zentren. Er ist Amerikaner durch und durch, voller Begeisterung, und hätte auch einen prima Prediger abgegeben. Er reiste nun von Murmansk bis Nowosibirsk und predigte jenes Konzept, das in den USA gang und gäbe ist: Zentren an den Universitäten, in denen Erfindungen zu Geschäftsideen weiterentwickelt werden. Denn: „Die Russen haben die großartigsten Wissenschaftler, aber sie machen nichts daraus.“

Jewgeni Tschuprunow, Rektor der Lobatschewski-Universität Nitschi Nowgorod, war angetan von dem Konzept. 2013 fuhr er damit zum Bildungsminister nach Moskau und kam mit einer klaren Botschaft zurück: „He loved it“, wie sich White erinnert. Und Tschuprunow sagte zu White: „Kendrick, du musst das machen.“ Im September wurde er Prorektor der Universität, die zu den besten Russlands gehört.

White sah, wie sich die Stimmung zwischen Russland und dem Westen verschlechterte, aber er blieb Optimist. Und niemand ahnte damals, dass wenige Monate später mehr als hundert Menschen auf dem Maidan-Platz in Kiew sterben würden, Russland die Krim annektieren und der Westen Sanktionen erlassen, ja dass am Ende die Rede von einem neuen Kalten Krieg sein würde.

Doch nicht einmal darüber wundert sich White heute: Nach knapp 23 Jahren in Russland versteht er, warum Russland immer wieder politische Entscheidungen trifft, die dem Land großen wirtschaftlichen Schaden bringen. „Mehr als alles andere schätzt Russland seine Unabhängigkeit. Und um in der Welt respektiert zu werden, sind die Russen auch bereit, Dinge zu akzeptieren, die ein westlicher Mensch nicht akzeptieren würde.“ Diese Entscheidungen bekommt im Großen ein Nachbarland wie die Ukraine und im Kleinen ein Universitätsmanager in Nischni Nowgorod zu spüren.

Zunächst aber lief alles wunderbar für White. Als seine Berufung an die Universität bekannt wurde, meldeten sich namhafte Firmen wie Microsoft, Intel oder Cisco Systems mit Kooperationsangeboten. Von der Universität erhielt der Amerikaner ein weit überdurchschnittliches Gehalt, ein eigenes Gebäude und praktisch freie Hand.

„Die Uni hat ihn natürlich geholt, weil er perfekt in den Zeitgeist passte“, sagt Wladimir Antonjez, ein Biophysiker aus Nischni Nowgorod, der White seit den Neunzigerjahren kennt. 2012 hatte Putin angeordnet, bis 2020 müssten mindestens fünf russische Hochschulen unter den Top 100 der internationalen Rankings sein. Fast eine Milliarde Euro wurden seit 2014 in das Projekt investiert. Russland wollte sich auf diesem Gebiet Gehör verschaffen. Da sei „ein Amerikaner mit Russlanderfahrung, der beste Verbindungen zu westlichen Geschäftsleuten und Universitäten hat“, gerade recht gekommen, so Antonjez.

Allerdings waren nicht alle von ihm begeistert. White erinnert sich, wie sein Vorgänger, ein Wissenschaftler Ende 70, der bis dahin darüber zu befinden hatte, ob Erfindungen offen zugänglich sein oder Staatsgeheimnis bleiben sollten, eines Tages mit hochrotem Kopf in seinem Büro stand und Rache schwor.

Die meisten seiner Gegner nutzten das Internet und verwiesen auf einen verleumderischen Artikel von 2008, in dem er nicht nur als Mitglied des Friedenscorps der Spionage verdächtigt wurde, sondern auch als Freimaurer galt, weil er einst die lokalen Rotarier begründet hatte.

All das nahm White nicht sonderlich ernst. Mit 22 ausgewählten Projekten und den dazugehörigen jungen Wissenschaftlern reiste er Ende 2013 nach Maryland, ganz offiziell im Rahmen des russisch-amerikanischen „Innovation Corridor“ mit dem Placet der Lokalregierung. Die Reise diente der Marktforschung: Sind die Erfindungen wirklich innovativ oder nicht? Es erwies sich, dass die meisten Projekte schon von der Realität überholt waren.

White gab den Projekten eine neue Richtung, und 17 von ihnen fanden schließlich Unterstützung von russischen Investoren. „Die Leute, mit denen ich gearbeitet habe, sind die Zukunft Russlands“, ist er überzeugt. „Aber was passiert, wenn die alle gehen? Wer bleibt dann übrig in Russland?“

Er nimmt in seinem Büro in der Universität eine gerahmte Urkunde zur Hand, den „Ameruss Prize“. Er erhielt ihn im März dieses Jahres im russischen Kulturzentrum in Washington „für seinen herausragenden Beitrag zur russisch-amerikanischen Bildungskooperation“. Am Tag zuvor hatte er der stellvertretenden russischen Bildungsministerin sein Projekt vorgestellt – in der russischen Botschaft.

Man muss das alles erzählen, um zu verstehen, warum White am 30. Juni in Orlando so ungläubig auf die mehr als tausend E-Mails reagierte, die seinen Posteingang überflutet hatten. Interviewanfragen von Journalisten, Mitleidsbekundungen von Kollegen. Was war geschehen?

Der Schauprozess findet im Staatsfernsehen zur besten Sendezeit statt. Fakten zählen dort nicht

White war bester Laune, als er, wie jedes Jahr Ende Mai, mit seiner Familie in den Sommerurlaub nach Florida flog. „Molodez“ – Pfundskerl – nannte ihn der Rektor Tschuprunow zum Abschied und umarmte ihn herzlich.

Der 28. Juni war der Tag der Abrechnung. Dmitri Kisseljow trat um 20 Uhr im schwarzen Anzug vor die Kamera und las den Feinden Russlands zwei Stunden lang die Leviten. „Vesti Nedeli“, die Nachrichten der Woche, sind so etwas wie der einstige „Schwarze Kanal“ des DDR-Fernsehens und die einflussreichste Sendung im russischen Staats-TV. Richter und Vollstrecker ist Kisseljow, die Staatsanwältin seine hübsche Reporterin Olga Skabejewa, die sich mit ihrem hetzerischen Stil in Oppositionskreisen den Titel einer „eisernen Handpuppe des Putin-Fernsehens“ erarbeitet hat.

Kisseljow berichtete von der „patriotischen Stopp-Liste“, die sich die russischen Parlamentarier ausgedacht hatten. Auf die Liste gehörten ausländische Organisationen, „die uns Schaden zufügen“, in erster Linie Personen und „Stiftungen aus den USA, die jeden Anlass nutzen, um unser Land anzuzünden, um dann die Kontrolle zu erlangen“. Seine Reporterin Skabejewa habe die Übeltäter ausfindig gemacht.

Dazu zählte Scott Blacklin, einst Vorsitzender der Russisch-Amerikanischen Handelskammer. Er wurde im Juni für fünf Jahre zur Persona non grata erklärt, nachdem er angeblich wiederholt die russischen Visabestimmungen verletzt hatte.

Der Vorwurf ist so absurd wie die Bestrafung: Zwei Wochen lang saß Blacklin vor seiner Abschiebung in Untersuchungshaft. In Kisseljows Sendung wurde er als illegaler Einwanderer dargestellt, „der mit der in Russland verbotenen Organisation“ USAID zusammengearbeitet habe. Zudem sei er mit den Geheimdiensten verbandelt und „verbirgt wie üblich die wahren Ziele seiner Reisen“. Belege? Keine.

White hofft bis zuletzt, dass er weitermachen darf. Dann zieht er einen Schlussstrich

„Eine weitere Quelle von Blacklin ist sein Freund Kendrick White“, fährt Skabejewa fort. Wie ein „amerikanischer Geschäftsmann aus Washington“ den Posten eines Prorektors bekommen konnte, sei „bis heute unklar“. Dann schwenkte die Kamera auf den Universitätsflur, und die Reporterin zeigte die Porträts von ausländischen Investoren, die White dort aufgehängt hatte, unter anderen von dem britischen Unternehmer Richard Branson. „Die Porträts russischer Wissenschaftler sind verschwunden“, so der Kommentar der eisernen Olga Skabejewa. Die einzige Chance für die Intelligenzija in Russland sei es, in die USA auszuwandern, Nischni Nowgorod sei ein „Loch“. Dann wurde White gezeigt, der tatsächlich davon sprach, dass man sich dort in einem „schwarzen Loch“ befinde.

So sehen moderne öffentliche Hinrichtungen in Russland aus.

Dass es in jenem Flur vor Whites Dienstantritt nie auch nur irgendwelche Porträts gab, dass er dort nun auch Bilder russischer Helden des IT-Business aufgehängt hat, etwa von dem Virenjäger Jewgeni Kasperski oder von Arkadi Wolosch, dem Mitbegründer der russischen Suchmaschine Yandex – wen kümmert es? Dass White mit dem „schwarzen Loch“ das Informationsdefizit meinte, mit dem Gründer in Nischni Nowgorod zu kämpfen haben, dass er den Job annahm, weil der Rektor ihn darum gebeten hatte – geschenkt.

Am Tag nach der Sendung verschwand Whites persönliche Seite vom Webauftritt der Lobatschewski-Universität, einen Tag später erschien eine Erklärung über seine Entlassung – datiert auf den 26. Juni, also zwei Tage vor der Sendung. White habe seinen Posten „wegen einer Restrukturierung in der Leitung der Innovationstätigkeit der Universität aufgegeben“. Interviews gibt der Rektor Tschuprunow weder brand eins noch russischen Medien. Nur mit einem kurzen Satz hat er die Angelegenheit gegenüber der Zeitung »Kommersant« kommentiert: „So sind die Zeiten.“

White reiste im Juli zurück nach Nischni Nowgorod, und eine Weile hoffte er noch, dass sich die Wogen glätten. Der Rektor empfahl ihm unter vier Augen: stillhalten. Langjährige Weggefährten wie Antonjez und die Vereinigung der Business Angels forderten in offenen Briefen eine Rücknahme der Kündigung. White durfte weiter in seinem Büro arbeiten. „Aber über Wochen grüßten mich die Kollegen nicht mehr. Sie schauten nur betreten zu Boden“, erzählt er entgeistert.

Schnell wurde auch klar: Ohne White würde sein Projekt scheitern. „Die Leute aus den internationalen Unternehmen, die uns beraten wollten, riefen mich an und sagten: ,Wenn du gehst, gehen wir auch.‘“ Amerikanische Wissenschaftler, die im Frühherbst nach Nischni Nowgorod kommen wollten, sagten kurzfristig ab. Im August wurde Mark Pomar, Direktor der US-Russia Foundation, bei der Rückkehr aus dem Urlaub ohne Angabe von Gründen zur Persona non grata erklärt und aus Russland abgeschoben. Und in Moskau verabschiedet sich zum Ende des Jahres Edward Crawley, Professor am Massachusetts Institute of Technology, ohne genauere Erklärung urplötzlich von der Skolkovo-Hochschule, die er seit 2011 geleitet hatte.

„Die Leute in Moskau, die den Knopf drücken und solche Kampagnen starten, verstehen nicht, dass man später nicht einfach den Knopf noch einmal drücken und alles rückgängig machen kann“, sagt White. Und jetzt klingt er mit diesem grundoptimistischen Lächeln auf dem Gesicht zum ersten Mal verbittert. Am Fensterrahmen in seinem Büro hängen Dutzende Namensschildchen von Konferenzen in Russland: Auf allein 27 war er im vergangenen Jahr von September bis Dezember. In diesem Sommer hat er keine einzige Einladung bekommen. Kisseljow hat dem Amerikaner ein Kainsmal auf die Stirn gebrannt.

White zog sich auf seine Datscha an der Wolga zurück, arbeitete ein wenig im Garten und trank ein paar Gläschen mit dem Nachbarn. Mitte September dann machte er sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten und auf die Suche nach einem neuen Job. Seine Familie bleibt vorerst in Russland – das Schuljahr hat für seine beiden Töchter gerade erst angefangen.

Fjodor Tjutschews Vierzeiler über Russland endet wie folgt: „Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land.“ Kendrick White hat an Russland geglaubt. Vor einigen Tagen schrieb er auf Facebook neben einem Bild, das ihn in seiner Datscha an der Wolga zeigt: „Die meisten Menschen lieben das Land, in dem sie geboren wurden. Aber ich weiß, dass ein Mensch auch ein angenommenes Land lieben kann.“

Es hat ihm nicht geholfen. ---