Partner von
Partner von

Christoph Türcke im Interview

Der Philosoph Christoph Türcke erklärt, was das Zahlungsmittel mit Magie und Menschenopfern zu tun hat.





brand eins: Für Ökonomen ist Geld zunächst ein Tauschmittel. Haben sie recht?

Christoph Türcke: Die seit Aristoteles herrschende ökonomische Lehre lautet: Geld ist ein Instrument, sonst nichts. Ein Irrtum. Das Wort Geld kommt vom angelsächsischen Gilt, also Schuld. Damit waren nicht private Schulden gemeint, sondern die Schuld, die archaische Kollektive gegenüber Göttern zu haben glaubten. So paradox es klingt: Schuld diente zunächst der seelischen Erleichterung. Die Schlachtung eigener Stammesgenossen, die vor Naturschrecken schützen sollte, ließ sich viel leichter ertragen, wenn man sich höhere Mächte vorstellte, die das von einem verlangten und dem Stammeskollektiv gewissermaßen sagten: Das schuldest du mir. Die Entstehung von Schuld war auch die Entstehung von Sinn. Mit der Zahlung kam Sinn in die Welt, so unsinnig die ersten Zahlungen auch waren.

Wie ist das Geld in die Welt gekommen?

Als Schutzgeld, gezahlt nicht an die Mafia, sondern an die Götter. Die Darbringung der Opfer war der verzweifelte Versuch, den Schrecken zu bekämpfen, den gefährliche Tiere oder bedrohliche Naturgewalten auslösten. Sich selbst etwas Schreckliches antun und dadurch den Schrecken dämpfen, das war die Logik darin. Man bat die Götter um Wohlwollen, indem man ihnen etwas vom Kostbarsten gab, was man hatte. Und das waren Stammesgenossen. Der Gegenwert, den man sich damit erkaufen wollte, war imaginär: die Gnade der Götter, Schutz vor dem Naturschrecken.

Die erste Zahlung, die geleistet wurde, erfolgte also nicht auf einem Markt und zwischen Menschen, sondern als Opfer an die Götter?

Mehr noch: Götter entstanden überhaupt erst durch diese Zahlung – dadurch, dass Schlachtungen als Gaben an höhere Mächte interpretiert wurden, in der Hoffnung, diese Mächte würden von allem erlösen, was ängstigt und schreckt. Die erste Zahlung zwischen Menschen dürfte dann der Geiseltausch gewesen sein. Stämme tauschten Geiseln als Unterpfand des Friedens oder zur Absicherung von Verträgen. Bei Vertragsbruch wurde die Geisel getötet. Auch da war Geld Schutzgeld, aber zugleich auch schon wechselseitige Leihgabe. Es begann gewissermaßen das Kreditwesen. Das Problem, dass der Gegenwert der Zahlung zunächst rein imaginär war, ist übrigens keineswegs völlig verschwunden. Nehmen Sie nur Kunstwerke oder Markenturnschuhe, da macht die Imagination den Preis, weit über den materiellen, stofflichen Wert des Produktes hinaus. Karl Marx nannte das Waren-Fetischismus. Geld steht für Geltung, Sicherheit, Macht, Liebe. Wer Geld anhäuft, sehnt sich danach. Aber sein Wunsch wird durch Geld nicht wirklich befriedigt. Deshalb reicht das Geld nie. Sein zwanghaftes Anhäufen hat Ersatzcharakter, deshalb ist die Jagd danach endlos. Sie hat etwas von einer Sucht und ist eher angst- als lustgetrieben.

Weshalb sind Kunstwerke nicht einfach schön und kostbar, sondern in Ihren Augen ein Beispiel für den Waren-Fetischismus?

Das kann man besonders am Markt für moderne Kunst beobachten. Die Preise explodieren seit Beginn der Siebzigerjahre, interessanterweise kurz nach Abschaffung des Goldstandards und parallel zur Entfesselung der neuen Finanzmärkte. Das Papiergeld ist nicht mehr goldgedeckt und damit trivial wie noch nie. Es besteht bloß noch aus Lappen. Damit wächst der Drang, diese Lappen sichtbar in etwas Kostbarem zu repräsentieren. Neu ist, dass man dafür Avantgarde-Kunst benutzt, bei der traditionelle Kriterien wie handwerkliches Können oder aufgewendete Arbeitszeit eher unwichtig sind. Wertvoll werden die Fettecke oder das ins Museum gehängte Urinal nur durch ihren Preis. Das macht sie zu idealen Spekulationsobjekten. Der Fettecke oder dem Urinal wird wie in einem priesterlichen Akt vom Kunstmarkt, den Museen, Händlern und Experten, Wert zugesprochen. Da berühren sich Moderne und Altsteinzeit. Und noch ein sehr archaischer Mechanismus ist wirksam. Die Kunst der Avantgarde hatte sich ja zunächst dem Markt verweigert, und zwar gerade dadurch, dass traditionelle Kriterien wie handwerkliches Können oder Arbeitsaufwand bei ihr eher unwichtig sind. Gerade das macht sie für den Markt besonders interessant. Die widerborstigen Werke werden nun wie Trophäen gehandelt. Indem die Avantgarde-Kunst als Trophäe zum teuer gehandelten Spekulationsobjekt wird, siegt der Markt, auf dem alles, auch die Geste der Verweigerung, nur eine Ware ist.

Das klingt weit hergeholt.

Die Geschichte der Zahlungsmittel ist eine Geschichte der Substitution. Das Menschenopfer ersetzt den Naturschrecken. Das Tieropfer ersetzt das Menschenopfer, Edelmetall das Tieropfer, Papier das Edelmetall. Man versucht, das schmerzlichere Zahlungsmittel durch ein weniger schmerzliches zu ersetzen und hofft, dass die Götter das akzeptieren. Aber anders als Tier- und Menschenopfer verschwindet das Gold nach der Opferung nicht, es häuft sich als Tempelschatz an. Es war anfangs eine Ungeheuerlichkeit, Metall statt Lebewesen zu opfern und dieses Gold nach der Opferung womöglich trickreich wieder in Umlauf zu bringen. Solange mit Lebewesen bezahlt wurde, konnte das Zahlungsmittel nur einmal verwendet werden, danach war das Opfer tot. Erst seit Erfindung des Gold-Opfers können Zahlungsmittel kursieren.

Aber die Steinzeit ist lange vorbei, moderne Ökonomie wird nicht vom Aberglauben gelenkt, sondern von Marktgesetzen.

Sind Sie sicher? 1971 schaffte die US-Regierung den Goldstandard ab, also die Garantie, dass die Notenbank Dollars jederzeit zu einem fixen Preis gegen Gold tauscht. Man könnte glauben, damit ende die irrationale Bindung ans Gold, ein letztes Überbleibsel des archaischen Aberglaubens. Geld sei nun völlig abstrakt, rational, ökonomisch. Doch was ist geschehen? Die Geldschöpfung wurde mysteriöser denn je. Das Geld, das die Zentralbanken nun in Umlauf bringen, ist aus dem Nichts erschaffen. „Creatio ex nihilo“ heißt das in der christlichen Theologie. Diese „Erschaffung aus dem Nichts“ ist im christlichen Glauben allein Gott vorbehalten. Die Zentralbanker, die Geld schöpfen, handeln wie Priester, nicht metaphorisch, sondern ganz real. Die modernste Stelle der Geldentstehung, die Geldschöpfung der Notenbanken, hat erstaunliche Parallelen zur ältesten Form der Geldentstehung. Wie kommt Kaufkraft in die Welt? In der Steinzeit werden Menschen oder Tiere durch einen kollektiven Ritus mit Kaufkraft versehen. Erst dadurch erlangen sie den Status als Zahlungsmittel und können geopfert werden. Genau dieses Anzaubern von Kaufkraft geschieht in der Moderne mit Papier und Daten, indem jemand sagt: „Es werde Geld.“

Sie wollen doch nicht im Ernst Notenbanker mit Schamanen gleichsetzen?

Natürlich kalkulieren Notenbanker und Börsenhändler rationaler. Sie haben für ihre Prognosen eine sehr viel bessere Datenbasis als Schamanen. Das Wort Spekulation kommt von speculari. Das bedeutet ursprünglich spähen. Schamanen und Priester etwa versuchten im Vogelflug oder in den Eingeweiden von Opfertieren die Zukunft zu sehen. Auch die Börsenspekulation versucht vorauszuahnen, wie sich die Geldwelt weiterbewegt. Dazu deutet sie ständig Zeichen: Trends, Stimmungen, Wahrscheinlichkeiten. Das geht nicht nur mit Mathematik, sonst könnten Hochleistungsrechner die Händler ersetzen. In dieser Zeichendeuterei lebt magisches Denken fort. Natürlich haben Notenbanker ein Regelwerk, in das alle Errungenschaften moderner Ökonomie eingespeist sind. Aber ein Regelwerk hatten die Schamanen auch.

Die Finanzmärkte werden allerdings durch gesetzliche Rahmenbedingungen reguliert und nicht von Schamanen.

Es gibt die Vorstellung, Finanzmärkte seien zunächst nur ein Hilfsinstrument im Dienst der Realwirtschaft gewesen. Ungedeckte Spekulation, Derivate, Leerverkäufe und so weiter seien lediglich späte Auswüchse eines eigentlich sinnvollen Instrumentes. Aber das ist ein großer Irrtum. Die angeblichen Auswüchse gehören zur Konstitution des Finanzmarktes. Die ersten Börsen in Brügge und Antwerpen im 15. Jahrhundert waren keine Naturalienbörsen, sondern reine Wertpapierbörsen. Schon damals wurden hochspekulativ Leerverkäufe getätigt.

Es ist ja immerhin ein zivilisatorischer Fortschritt, dass wir heute mit Geld bezahlen und nicht mehr mit Menschenopfern.

Ja, natürlich. Die ganze Substitutionsgeschichte der Zahlungsmittel kann man als einen großen Fortschritts- und Aufklärungsprozess lesen. Aber unterhalb der rationalen Oberfläche sind weiterhin archaische Muster wirksam. Unser Verhältnis zum Geld hat immer noch etwas von Magie und Fetisch. Geld suggeriert eine Verfügungsmacht über sämtliche Handelsgüter und damit über gesellschaftliche Prozesse. Es nährt Allmachtsfantasien: Geld kauft Schicksal. In solchen Fantasien setzt sich die Magie der Opfergabe fort. Der Glaube an den Wert des Geldes hat etwas zutiefst Religiöses. Die Verwandlung von profanem Papier oder Edelmetall in Gegenstände mit Kaufkraft ähnelt verblüffend der Verwandlung von Brot und Wein in den Leib Christi beim Abendmahl. Das Verwandlungsritual macht aus ihnen Mittel der Erlösung. Im Neuen Testament bedeutet das Wort „Erlösung“ so viel wie das Freikaufen von unseren Sünden. Auf den Finanzmärkten geht es auch um die Erlösung von Schulden. Ein aufgeklärtes Verhältnis zum Geld gewinnen wir nicht dadurch, dass wir den Homo oeconomicus spielen, der sein Leben rein rational nach Kosten und Nutzen einrichtet, sondern dadurch, dass wir uns darüber aufklären, wie tief der Umgang mit Geld magisch-religiös bestimmt ist. Je bewusster uns das wird, desto weniger verfallen wir der Magie. Aber ganz los kommen wir davon wohl nie.

Können Sie sich eine Gesellschaft ohne Geld vorstellen?

Ich kann sie mir wünschen. Schon die ersten Zahlungsmittel, die Menschenopfer, sollten Schrecken und Angst begleichen, das heißt, aus der Welt schaffen. Gezahlt wurde, damit sich die Zahlung erübrigt, nicht damit sie ewig weitergeht. Geld wurde erfunden, um es überflüssig zu machen. Das ist das utopische Potenzial des Geldes. Wer es sich bewusst macht, bekommt eine Distanz zum Geld, die ihn in hohem Maße vom Fetischismus des Geldes emanzipiert. Aber eine Gesellschaft ganz ohne Geld? Ich glaube nicht, dass wir das hinkriegen. Das müsste auch eine Gesellschaft ganz ohne Schuld sein. Und Menschen werden nie aufhören, einander etwas schuldig zu sein. Was ich mir hingegen vorstellen kann, ist eine Gesellschaft, die das Geld marginalisiert. Die gegenwärtige Ökonomie, die unter permanentem Wachstumszwang steht, kann ja nicht ewig bestehen. Sie ist übrigens gerade mal ein paar Hundert Jahre alt. Das ist menschheitsgeschichtlich eine winzige Episode. Aber sie tut so, als wäre sie die einzig mögliche. Absurd. Ein gutes Mittel dagegen wären regelmäßige Schuldenschnitte globalen Ausmaßes. Anders gesagt: Maßnahmen einer humanen Geldvernichtung. Auch neue Formen von Geld sind denkbar, etwa dass Sozialkapital wichtiger wird als angehäuftes Papiergeld. Nicht nur Euro und Dollar können eine Währung sein, sondern auch Akte gegenseitiger Hilfe. ---

Zuletzt erschienen von Christoph Türcke ist sein Buch„Mehr! Philosophie des Geldes“, Verlag C. H. Beck, 2015; 480 Seiten; 29,95 Euro