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In der Metaphern- Maschine

Wirtschaftsnachrichten sind trockener Stoff, den Journalisten gern ein wenig aufpeppen. Was dabei herauskommt, ist für die Kulturwissenschaftlerin Christine Künzel – eine Täuschung.



++++++ EZB will lahme Wirtschaft ankurbeln ++++++++++++++
++++++++++++++++++++ Der US-Jobmotor stottert +++++++
++ Der Streik der Lokführer ist Sand im Getriebe der Wirtschaft
++++++++ Werden die freien Marktkräfte ausgehebelt? +++++++++
+++++++++++++++++ Die Schuldenbremse wirkt ++++++++++
++++ Die Wachstumslokomotive China gerät ins Stottern +++++
++++++++++++ Die deutsche Wirtschaft brummt +++++++++
++++++++ Geld ist das Schmiermittel der Wirtschaft +++++++
++ Spekulieren mit dem Superhebel +++++++++++++++++
++++++++++ Willkommen im Turbo-Kapitalismus ++++++++

• Fällt Ihnen etwas auf, wenn Sie Schlagzeilen wie diese lesen? Oder buchen Sie das Ganze als Wirtschaftssprech ab und messen dem keine weitere Bedeutung zu? Dann hat die Metaphern-Maschine ihre Funktion erfüllt. Bei diesen Redewendungen handelt es sich nämlich um sogenannte tote Metaphern, die uns als solche nicht mehr auffallen, da sie in unsere Alltagssprache eingegangen sind. Das heißt, wir denken, wenn wir diese Schlagzeilen lesen, nicht: „Wow, wie originell ist das denn, die Wirtschaft als Maschine zu beschreiben!“ Sondern wir nehmen sie einfach hin, ohne darüber nachzudenken, was das für unser Verständnis von ökonomischen Prozessen und Akteuren bedeutet. Aber könnte eine Metapher lebendiger sein als die der Wirtschaft als Maschine, auf die kaum ein Börsenbericht verzichtet? Nein, sie ist nicht tot, sie tötet: und zwar das (Nach-)Denken.

Dabei ist diese Metapher keineswegs eine Erfindung des Wirtschaftsjournalismus – er reproduziert sie nur allzu häufig unkritisch. Die Wirtschaftswissenschaften waren so eng mit dem technischen Fortschritt im 19. Jahrhundert verknüpft, dass die Maschine zum Inbegriff ökonomischer Theorien und Modelle avancierte. Ein neuseeländischer Ökonom hatte das Bild so wörtlich genommen, dass er 1949 an der London School of Economics eine hydraulische Maschine baute, um seinen Studenten die keynesianische Wirtschaftstheorie zu erläutern.

Aber was heißt das, sich die Wirtschaft als Maschine vorzustellen? Ist sie gewissermaßen der Motor eines Staates? Oder sollen wir sie uns als Universal-Maschine vorstellen, in der die Politik lediglich ein kleines Rädchen ist? Bedarf es der Menschen in der Rolle von Maschinisten zu ihrer Wartung? Oder handelt es sich bei der Ökonomie um eine Mega-Maschine, die sich – ganz im Sinne der These vom Marktmechanismus – selbst steuert und den Menschen überflüssig macht?

All diese Fragen beantworten Metaphern nicht. Sie sind wie Eisberge, sie offenbaren lediglich einen geringen Teil ihres Potenzials, der weitaus größere Rest liegt unter der Sprachoberfläche. Dafür, dass Metaphern als sprachliche Bilder gehandelt werden, die uns vornehmlich Abstraktes veranschaulichen sollen, sehen wir allerdings erstaunlich wenig von dem Sprachgebilde.

Feststellen lässt sich, dass das Maschinen-Modell der Wirtschaftssprache im Zeitalter der industriellen Revolution stehen geblieben ist. Der technische Fortschritt des 20. und 21. Jahrhunderts scheint spurlos an der Metapher vorbeigegangen zu sein. Vorbild ist offenbar immer noch die gute alte Dampfmaschine, insbesondere in Form der Lokomotive. Auch vom Automobil (im Italienischen immer noch liebevoll la macchina genannt) lassen sich viele Wirtschaftsjournalisten inspirieren. Doch allen technischen Errungenschaften zum Trotz beharrt die Metapher auf der Urform des Automobils, das man ankurbeln muss und das stottert, sobald Sand ins Getriebe kommt. Von Hightech keine Spur.

Das sollte uns stutzig machen. Während sich die Wirtschaftssprache einerseits durch eine grotesk anmutende Vielzahl von Anglizismen auszeichnet, die die Entwicklung hin zu einer globalen Finanzwirtschaft abbilden sollen, bedient sie sich andererseits einer Maschinen-Metapher die auf dem technischen Niveau von 1900 stehen geblieben ist. Wie passt das zusammen?

++++++++++ Alles unter Kontrolle ++++++++

Im Zeitalter digitalisierter Aktienbörsen, durch die sich wirtschaftliche Prozesse zunehmend der sinnlichen Wahrnehmung entziehen und Algorithmen Geld in Bruchteilen von Sekunden rund um den Globus verschieben, vermittelt die Maschinen-Metapher ein geradezu trügerisches Gefühl ökonomischer Stabilität und Geborgenheit. Die Metapher suggeriert, dass ökonomische Modelle bis heute auf relativ einfachen Mechanismen beruhen, die mit ebenso einfachen Mitteln gesteuert und repariert werden können. In Krisenzeiten müssten lediglich ein paar Hebel umgelegt werden, dann funktioniere die Maschine schon wieder. In einer Zeit, da uns die Kontrolle über viele ökonomische Prozesse zu entgleiten droht, verspricht die Metapher, dass das Wirtschaftssystem nach wie vor beherrschbar sei.

Es sind nicht zuletzt solche Vereinfachungen wie die der Wirtschaft als Maschine, die die Wirtschaftswissenschaften seit der jüngsten Finanzkrise zunehmend in Kritik geraten lassen. Um ihren Methoden den Anstrich naturwissenschaftlicher Exaktheit zu geben, hat die Ökonomie vor langer Zeit damit begonnen, ihre Herkunft aus den Geistes- und Sozialwissenschaften zu verleugnen.

Die gängigen wirtschaftswissenschaftlichen Modelle bräuchten also dringend ein entsprechendes Tuning (um im Bild zu bleiben). Und: Die Ökonomik müsste sich endlich von dem Gedanken verabschieden, eine exakte Wissenschaft sein zu wollen. Ökonomisches Handeln – das immer auch menschliches Verhalten einschließt – wird sich niemals so exakt berechnen lassen wie die Hebelkräfte von Kränen, auch wenn sich die sogenannte Behavioral Economics alle Mühe gibt, komplexe Modelle zur Berechnung menschlichen Verhaltens zu entwickeln. Schließlich sollten sich die Ökonomen endlich auf ihre geisteswissenschaftlichen Wurzeln besinnen und die blinden Flecken in ihren Modellen analysieren. Dabei würden unter anderem so erstaunliche Dinge zutage treten wie die Erkenntnis, dass unser ökonomisches Verhalten und unser Verständnis oder Missverständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge zu einem großen Teil von unserer Art des Sprechens darüber abhängen. Tote Metaphern helfen dabei nicht. ---
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