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Maschinen in Russland

Die russische Seele dürstet nach triumphaler Technik, nicht nach Innovationen für den Alltag.





• Meine Frau Olga frönt dem Automatisierungskult: Mit Wonne bedient sie außer der Wasch- und Spülmaschine den Espressoautomaten, den Küchenmixer, den Multikocher, die automatische Kaffeemühle, die elektrische Personenwaage, die selbstregelnden Luftbefeuchter, das elektrische Inhaliergerät, um nur einige zu nennen. Ihr Staubsaugerroboter ähnelt einem flügellahmen UFO, sie hat ihn Goscha getauft. Aber smarter als Goscha ist, wie sie immer wieder verkündet, ihr feuchtlappiger Wischroboter, liebevoll Proscha genannt.

Die Momente eiskältester Verachtung in unserer Ehe sind jene, in denen ich mich außerstande sehe, diverse Defekte unseres Maschinenparks zu beheben. „Oleg“ – Olga erinnert sich dann immer an ihren großen Bruder – „hätte damit kein Problem.“ Russlands Frauen sind fest davon überzeugt, dass echte Männer jede Mechanik, jedes elektrische Schaltsystem, jedes fahrende, fliegende oder schwimmende Mobil, nicht nur starten, steuern und stoppen können, sondern auch reparieren.

Meine Gattin ist natürlich ungerecht. Im Gegensatz zu ihrem aus der tschuwaschischen Provinz stammenden Bruder haben sich Großstadtrussen längst an die globale Kultur der Servicestationen und Vertragswerkstätten gewöhnt, die bekanntlich bequem ist, auch wenn sie handwerklich entmündigt. Ambitionierten Moskauern gelten Jobs, bei denen man Maschinen bedient, die Ärmel aufkrempelt oder gar schmutzig macht, als entwürdigende Fron, zuzumuten nur zentralasiatischen Gastarbeitern.

Überhaupt, die russische Maschinenbauindustrie ist kein Hit. Kein Zufall, dass die komplette Hausgerätschaft meiner Frau aus deutschen, italienischen, koreanischen oder japanischen Importen besteht. So wie der Nissan-Kleinwagen, den sie mir aufgenötigt hat. Russland selbst hat auch nie vernünftige Autos gebaut. Außer Lastwagen. Kraftprotze, so hässlich wie unverwüstlich, sie gewinnen serienweise die Rallye Dakar, ihre Motoren laufen im sibirischen Norden winterlang, um zu verhindern, dass die Kälte das Öl einfriert. Aber ihre Federungen sind so hart, dass normale russische Trucker aus Angst vor Bandscheibenvorfällen im Alltag doch westliche Zugmaschinen vorziehen.

Fabrikarbeit als rauschhafte Vereinigung

Wenn die Russen ihre deutschen Nachbarn als großartige Ingenieure und Autobauer rühmen, klingt ein Hauch Verachtung für die praktischen Germanen mit, die ihr Heil in der Lösung technischer Alltagsprobleme suchen. Selbst die um ihren Erfolg beneidete deutsche Fußballnationalelf bestaunen Fernsehkommentatoren durchaus abwertend als „Maschina“, deren kickende Bestandteile angeblich „wie auf Schienen“ übers Spielfeld rollen.

Jahrhundertelang war in Russland jene Bequemlichkeit verpönt, die anderswo den mechanischen und automatischen Fortschritt antreibt. Und das bis in die Gegenwart. Keineswegs in der Zarenzeit oder unter der Sowjetmacht, sondern 2002/2003 verbrachte ich ein Jahr in einem sibirischen Dorf, ohne dort eine einzige Schubkarre zu entdecken. Die örtlichen Allroundhandwerker zogen es vor, alle möglichen Lasten heroisch zu buckeln, bestenfalls zu zweit auf Holztragen davonzuschleppen. Auch solche, die durchaus in der Lage waren, das kaputte Getriebe eines Kamaz-Lkws auseinanderzunehmen und zu reparieren.

Die Maschine als Mittel zur Steigerung der menschlichen Arbeitsleistung, als Regler, der das Handeln des Einzelnen in den Rahmen eintöniger, aber effektiver Wiederholung zwängt – dieser Aspekt hat russische Erfinder nie begeistert. Er ist zu alltäglich, zu banal. Die Russen lieben das Außerordentliche, das Atemberaubende, das Heroische. Sowjetische Literatur, Kino und Malerei feierten nie den einzelnen Automaten, wohl aber Fabrikarbeit, als rauschhafte Vereinigung des Werktätigen mit der Maschine, die immer neue Produktionsrekorde auswirft.

Die Sehnsucht nach triumphaler Technik ist tief verwurzelt. Schon 1881 schrieb Nikolai Leskow die Erzählung „Der Linkshänder“. Es geht um einen tanzenden Floh aus Stahl, den die Briten Zar Alexander I. schenken, um ihn mit ihrem feinmechanischen Know-how zu beeindrucken. Aber Alexanders erzpatriotischer Nachfolger Nikolai I. weist die Petersburger Handwerksmeister an, das schnöde Albion zu übertrumpfen: Und einer von ihnen, ein Linkshänder, beschlägt die Füße des Flohs mit noch winzigeren Hufeisen. Die Geschichte ließ Russlands Feinmechaniker übrigens bis in die jüngere Vergangenheit nicht ruhen. 2002 benagelte der Präzisionshandwerker Nikolai Aldunin in der Waffenfabrik Tula unter dem Mikroskop die Sohlen eines leibhaftigen Flohs mit Hufeisen. Eine Spitzenleistung ohne jede Gnade für das Insekt.

Die russische Technik ist dort konkurrenzfähig, wo es ums Morden und Sterben, um Sieg und Niederlage geht: in der Rüstungsindustrie. Und in der Weltraumfahrt, in der billige russische Trägerraketen trotz aller Pannen bis heute dominieren. Mögen andere Kraftwagen und Spülmaschinen bauen, wir aber stürmen den Himmel, den Kosmos, erobern außerirdische Lebensräume. So oder so ähnlich fühlt man in Russland.

Die Folgen für den Alltag vor allem in der Provinz sind bekannt. Die Nation baut an Mond- und Marsfähren, gleichzeitig lötet und flickt ein Großteil der armen Landrussen, die sich keine Importneuwagen leisten können, fast alltäglich an den Defekten uralter Ladas herum, fern aller Vertragswerkstätten oder Ersatzteillager. In diesem noch immer von der Wildnis dominierten Land taugt wirklich nur der Mann, der sein Gefährt nicht nur fahren, sondern auch bei 30 Grad minus reparieren kann.

Einmal habe ich in der Taiga einem Zobeljäger zugesehen, wie er bei dieser Temperatur mit bloßen Händen ein gebrochenes Umsetzstück an der Keilriemenscheibe seines Motorschlittens flickte. Hätte ich das Metall berührt, die Haut meiner Finger wäre auf dem vor Kälte glühenden Eisen kleben geblieben. Der Jäger, Fedja hieß er, aber verzog keine Miene. „Zu Hause, vor der Garage, wären mir die Hände abgefroren“, sagte er später. „Aber in der Taiga sagt der Kopf: Du musst. Und die Finger bleiben warm und arbeiten.“ Russland, zumindest die Provinz, bleibt ein Reich mystischer Augenblicke, die Mensch und Maschine auf wundervolle Weise vereinen. ---