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Automatisierung in der Landwirtschaft

Wer verstehen will, was Automatisierung bedeutet, sollte aufs Land fahren. Ein Besuch auf Gut Neu-Hemmerich.





• Als die Sonne über den Feldern hervorlugt, sieht alles nach einem brauchbaren Tag aus. Der Backstein des Hofeingangs leuchtet, durch die Kastanie streicht der Wind. Und der Himmel? Der könnte Regen bedeuten, aber für die Kartoffeln, die Rüben, die Braugerste, den Raps und den Winterweizen wäre das nur gut.

Der Landwirt Cornel Lindemann-Berk bewirtschaftet auf seinem Gut Neu-Hemmerich in Frechen bei Köln 390 Hektar. Das ist mehr als das Sechsfache von dem, was der deutsche Durchschnittsbauer bestellt. Und trotzdem sind sie auf dieser Fläche höchstens zu dritt unterwegs.

Der Fortschritt macht’s möglich. Vor rund 100 Jahren konnte ein Landwirt vier Menschen ernähren. Vor 65 Jahren waren es zehn. Heute sind es 144. Der Ertrag pro Hektar Weizen ist im Jahrhundertvergleich viermal so hoch. Laut Landwirtschaftlicher Rentenbank legte die Arbeitsproduktivität der hiesigen Landwirtschaft allein zwischen 1991 bis 2011 um 123 Prozent zu.

Das liegt zum Beispiel an Traktoren, die 264 Pferde stark sind. Und auch der Computer ist hilfreich, mit dem sich Martin Krist, der Betriebsleiter des Gutes, zu Beginn seines Arbeitstags über das Wetter informiert. „In den alten Zeiten“, sagt er, „konnte man bloß bis zum Horizont schauen und hoffen, dass man nicht böse erwischt wird.“

Heute gibt es einen regionalen Niederschlagsradar im Internet sowie eine Software, die Daten der hofeigenen, zur Windkraftanlage auf dem Feld gehörenden Wetterstation ausliest. Sie stammt von der Firma Proplant und weiß, was auf den 40 Frechener Parzellen so wächst. Das Programm kennt alle Saattermine, die Eigenarten der Sorten und ihre Empfindlichkeiten. Nach dem Gang über die Felder gab Krist gestern auch den Wachstumsstand in den Computer ein.

Ohne die IT ginge hier nichts

Das Programm kann dank all der Informationen einschätzen, welche Schädlinge und Krankheiten gerade drohen könnten. Im Rahmen eines „Warndienstes“ macht es detaillierte Vorschläge zum Pflanzenschutz – an diesem Vormittag empfiehlt es ein Fungizid, um die Kartoffeln auf einer Parzelle nahe des Autobahnringes vor Kraut- und Knollenfäule zu schützen. Krist folgt der Software nicht blind. „Ich schaue schon noch in den Himmel, auf die Felder und auf die Pflanzen.“ So hat er das als Jugendlicher auf dem Hof eines Onkels, beim Agrarwissenschaftsstudium und in den 17 Jahren als Landwirt gelernt. Doch als Ratgeber, Planungshilfe und für den Überblick sei solche Software nützlich.

Der zweite digitale Helfer, den er um kurz nach sieben Uhr nutzt, heißt Agrocom Net. Hier kann man sehen, welche Kosten beispielsweise mit dem Einsatz von Maschinen oder Pflanzenschutzmitteln verbunden sind. „Alles Posten“, so Krist, „die der Bauer von gestern im Alltag oft mehr über den dicken Daumen gepeilt hat.“ Außerdem ist die Software eine Art Arbeitstagebuch mit allem, was man bei der Anbauplanung, Dokumentation und Datenauswertung eines Hofes so braucht. Die Anzeige der „Schläge“, der Felder also, wird in Google Earth integriert.

Bei Bedarf ließen sich sogar aktuelle Satellitenbilder erwerben, sagt Krist. Und wer noch mehr Informationen möchte, der kann sich Programme kaufen, die live auf einer Karte anzeigen, welche Traktoren und Mähdrescher gerade wo unterwegs sind.

Doch vieles von der Technik, die von Branchenvertretern bereits als Farming 4.0 gefeiert wird, „lohnt sich für uns nicht“, sagt Krist. Das sei eher etwas für „Gebiete, wo es größere Höfe und weniger homogene Böden gibt, in Ostdeutschland zum Beispiel oder in Kanada, wo mein Vorgänger Markus Reyerding seit 2006 2800 Hektar bewirtschaftet.“ Krist hat einen zusammengefalteten Computerausdruck in der Hosentasche, der eine Übersicht über alle 40 bestellten Schläge enthält, und ein altes Handy, dessen Robustheit er schätzt.

Markus Reyerding, der Mann in Kanada, hat stets ein Smartphone oder Tablet dabei. Als er in einer Verschnaufpause des Rapsanbaus auf die E-Mail antwortet, die wir ihm geschrieben haben, lobt er das „digitale Farming: Da die Landwirtschaft in Bezug auf Arbeitskräfte in direkter Konkurrenz mit der sehr gut bezahlenden Ölindustrie steht, wird hier sehr auf maschinelle Schlagkraft gesetzt.“

Das von ihm verwaltete Unternehmen Weyga Farming Ltd. in der Provinz Alberta wertet Satellitenbilder und Infrarot-Aufnahmen einer Drohnenkamera aus. Er verfügt über automatisch gesteuerte Landmaschinen, die wegen dieser Daten wissen, wo sie welche Menge Saatgut oder Düngemittel auszubringen haben.

Sie fahren so präzise, dass Reyerding zwischen die Stoppelreihen des Vorjahres zu sähen vermag (das verringert den Verlust von Bodenfeuchtigkeit). Die Maschinen tauschen die Daten untereinander aus, sind von der Arbeitsbreite her aufeinander abgestimmt und benutzen dieselben Wege, das schont den Boden. Wenn der Diesel knapp wird oder eine Wartung ansteht, bekommt Reyerding eine Nachricht. Und auch sonst kann der Bauer in Kanada per Cloud in Echtzeit verfolgen, was auf den Feldern passiert. Sie werden zu viert bewirtschaftet, ohne Lohnunternehmer.

In Frechen, an Reyerdings altem Arbeitsplatz, staunt man über diese Ausstattung schon deshalb, weil die neueste Maschinengeneration oftmals so viel teurer zu sein scheint als die vorige. Das gilt sowohl für den Mähdrescher mit Sensoren, die den Ertrag bestimmen, für den der Händler einen Neupreis von mehr als 350 000 Euro verlangt. Aber auch für das Düngegerät, das beim Durchstreifen der Felder die Stickstoffversorgung in den Blättern messen und entsprechend aussprühen kann. Das probierten sie vergangenes Jahr aus.

Aber modern sind die Frechener auch. Die Zeiten, in denen zur Steuerung eines Traktors kräftige Unterarme, feste Rückenwirbel und ein gutes Augenmaß gehörten, sind längst vorbei. „Was Sie aus dem Kinderzimmer als Trecker kennen“, sagt Krist, „steuert Lindemann-Berk nur noch an Karneval durch die Stadt, um einen Wagen bei den Veedelszöch zu ziehen.“

Er bittet auf den neuen grünen Traktor, dessen Reifen mannshoch sind, und bringt die 264 PS samt Spritzenanhänger im Schleichgang an einem Spatz vorbei, der in einer Pfütze badet. Dann geht es über schmale Wege auf die Felder hinaus. „Gestern habe ich noch einem Fuchs zugeschaut, der gemächlich von einem Feld zum anderen schlenderte“, sagt Krist.

Er sagt das wie zur Bestätigung, sich weiterhin „in der Natur“ zu befinden und noch ein Auge für ihre Schönheit zu haben. Denn eine Maschine, sagt Krist, werde „das Werden und Vergehen und die Jahreszeiten“ nie so verstehen wie ein Mensch. Die mache bloß, was sie kann, um ihm mehr Zeit zum Nachdenken und Beobachten zu geben, „für das Ganzheitliche“, wie Krist es nennt. Am Horizont formt sich der Dampf zu einer Wolke, der aus dem Kraftwerk in Knapsack aufsteigt.

Die Plackerei ist vorbei. Fast

Nach einer Autobahnbrücke schaltet Krist die Automatiklenkung ein. Das ist der Clou des Gerätes. Der Traktor rollt dank einer Kombination aus GPS- und sogenannten RTK-Korrektursignalen im Alleingang nach vorn; er kennt das Feld, weil Krist mit ihm einmal die Konturen abgefahren ist.

Die Arbeit werde damit wesentlich präziser, sagt er. Der Autopilot verringere die Anzahl von Überlappungen, was sich besonders beim Wenden mit angehängter Maschine bemerkbar mache. Zeit und Platz ließen sich optimal nutzen: „Bei Pflanzenschutz und Düngung sparen wir um die fünf Prozent ein, bei der Bodenbearbeitung sogar bis zu zehn Prozent.“ Auf dem Monitor kann Krist anhand einer Farbspur erkennen, wo die angehängte Maschine, die über eine standardisierte Schnittstelle mit dem Traktor Daten austauscht, bereits zum Einsatz kam und wo nicht.

„Aufpassen muss man trotzdem.“ Krist stellt die Automatik aus und fährt zu einem anderen Feld, das am Rand einer mit Bäumen gesäumten Landstraße liegt. Dort hat der Lehrling des Hofes vor einigen Wochen Saatgut ausgebracht. Jetzt stehen die Zuckerrüben handhoch, und fast durchweg verlaufen die grünen Reihen parallel. Aber eben nur fast: Mitten auf dem Feld geht es drunter und drüber. „Sehen Sie die plötzliche Kurve?“ Krist kichert. „Da setzte das Signal aus dem All für einige Sekunden aus, ping, und der Azubi hat das nicht gleich gemerkt.“

Schlimmer wäre die Unachtsamkeit natürlich gewesen, wenn auf dem Feld ein Fahrrad gelegen hätte. Oder aber, bei der Fahrt mit dem roten Mähdrescher später im Jahr, ein lebendiges Tier.

„Man kann sich nicht auf Maschinen verlassen“, sagt Cornel Lindemann-Berk. Er hat eben mit einem der lokalen Supermärkte telefoniert, die von ihm Kartoffeln beziehen. Er bittet Krist, einen Kleinlaster zu beladen, und verfolgt die Abfahrt durchs Fenster: „Die Maschinen sind dumm, und die Ausnahmen, auf die sie nicht vorbereitet sind, kommen überraschend oft vor.“ Irgendwas knirscht immer, und irgendwas ist immer verstopft.

Sind sie dennoch ein Segen? Manchmal sieht er da schwarz, und das nicht nur wegen der IT, die Fragen nach ihrer Beherrschbarkeit und Datensicherheit aufwirft und im Zweifel dazu führt, dass man einen streikenden Hightech-Trecker allein nicht mehr in die Gänge bekommt.

Vielmehr fürchtet er, dass über den Glauben an die Technik traditionelles Wissen und Gespür verloren gehen könnten, ohne die ein Unternehmen, das mit der Natur arbeitet, nicht geführt werden kann. Zuweilen denkt Lindemann-Berk auch an alte Zeiten zurück, wenn er im Wohntrakt auf das Gemälde schaut, das die Ernte von anno dazumal zeigt: mit kräftigen Pferden, überladenen Wagen und Schnittern auf dem Feld. Beim Frühstück – nichts sei wichtiger als ein gutes Frühstück, sagt der Bauer – kommt das Gespräch auf die 25 Ackerpferde, die vier Zugochsen und das zugehörige Personal, das es in der Nachkriegszeit auf Gut Neu-Hemmerich gab. „Das wurde dann immer weniger.“

Auch in seiner Jugend war auf dem Hof noch viel los. Die 10 bis 15 Mitarbeiter seiner Mutter, die den Hof 1965 von ihrem Vater übernommen hatte, waren zum Beispiel noch gemeinsam mit allerlei Saisonarbeiten befasst, etwa zweieinhalb Monate im Jahr mit der Rübenernte. Alle waren in die Plackerei eingespannt, und das vom ersten Sonnenstrahl an: „Heute übernehmen diese Arbeit die vernetzten Vollernter und Rübenlademäuse eines Dienstleisters, der sich auf diese Arbeit spezialisiert hat. Die schaffen das Gleiche in zwei bis drei Tagen.“

Was droht dann wohl den Erdbeerbauern des Rheinlandes, wenn es Maschinen gibt, die dereinst mit dem menschlichen Auge und Tastgefühl der Saisonarbeiter mithalten können? Lindemann-Berk sagt: „Das Erdbeerpflücken gehört noch zu den Dingen, die ein Mensch besser kann als eine Maschine. Ich beschäftige ja auch noch Menschen zum Kartoffelsortieren.“ Sie stehen gerade zu viert am Ende eines Fließbands, das sich unaufhörlich bewegt.

Die Frage bringt ihn allerdings schneller als gedacht zur Technik zurück. Denn mit den Menschen, die sich den Rücken für kleines Geld krumm machen und „ackern“ wollen, sei es ja so: „Sie greifen zu jeder Alternative, sobald sich eine eröffnet. Und ich kann das sehr gut verstehen.“

Der Kostendruck sei zudem groß. Für viele Bauern stelle sich da eher die Frage, was mit ihren Betrieben passiert, wenn für sie keine innovativen Maschinen parat stehen. Wenn sie nicht modernisieren, höherwertige Produkte anbieten und wachsen können, zählen sie schnell zu den etwa 5000 deutschen Landwirten, die Jahr für Jahr aufgeben müssen. Schon jetzt macht weniger als die Hälfte diesen Job noch im Hauptberuf.

Lindemann-Berk bewirtschaftet mit seinen Traktoren, dem Mähdrescher und den Computern mittlerweile das Doppelte der Fläche, die seine Mutter mit viel Anstrengung bewältigen konnte. Vergangenes Jahr erntete er so 5000 Tonnen Zuckerrüben. 1300 Tonnen Weizen, 300 Tonnen Raps, 900 Tonnen Braugerste und 500 Tonnen Kartoffeln.

Das reiche nicht für den Hunger der Welt, sagt er, aber für einige Tausend Menschen im Rheinland. Die Gebäude des Hofes, in denen vor langer Zeit die Erntehelfer, Hufschmiede, Melker, Hühner und Pferde untergebracht wurden, baute er zu Lagern und Wohnungen um.

Im Hofladen mit Kassenautomat sucht eine Kundin unterdessen nach dem Kartoffelsack, der in ihren Fahrradkorb passt. Die Knollen tragen klangvolle Bezeichnungen: Alexandra, Belana, Cilena oder Valery.

Die Leute mögen es lieber romantisch

So könnten auch die Kühe von Sebastian Bützler in Bad Münstereifel heißen. Anders als auf dem Frechener Hof, dessen Rinder in den Sechzigerjahren verschwanden, haben sich Bützler und sein Vater ganz der Milchwirtschaft verschrieben, und auf seinem Hof kann man sehen, was der technische Fortschritt für Landwirte auch bedeuten kann – Lebensqualität.

Bis Bützler sich die drei Melkroboter zulegen konnte, teure Maschinen, die mehr als 100 000 Euro pro Stück kosten, musste er an jedem Morgen um fünf und abends noch mal in den Stall – für die Knochen, sagt er, sei das nicht gut gewesen. Nun kann er morgens eine Stunde später aufstehen, abends eine Stunde früher ins Haus zu seiner Frau, die er vor Kurzem geheiratet hat. Er besitzt doppelt so viele Kühe wie in den Jahren zuvor und exakte Daten jedes einzelnen Tieres. Und bessere Milch gebe es ebenfalls, sagt Bützler, der nebenbei einen Youtube-Kanal mit Landwirtschaftsfilmen bestückt. Seine Kühe gehen dreimal am Tag von sich aus zum Kraftfutter an der Melkstation.

Dennoch hat die Modernisierung der Branche nicht nur Befürworter: Die konventionelle Landwirtschaft hat in den Jahrzehnten – in denen gedüngt und gespritzt wurde, was das Zeug hielt, und Tiere unter unwürdigen Bedingungen gehalten wurden – so viel Kredit verspielt, dass heute fast jede Innovation mit Skepsis betrachtet wird.

Das bemerkt Bützler, wenn er von Tierschützern für den Einsatz von Melkrobotern kritisiert wird, „obwohl ich so mehr Zeit habe, mich mit dem einzelnen Tier zu befassen“. Das klingt auch bei Cornel Lindemann-Berk durch, wenn er misstrauisch von seiner Erfahrung mit Journalisten erzählt, die Biobauern für das Maß aller Dinge hielten und nicht glaubten, dass nahezu jeder moderne Landwirt so wenig Düngemittel wie nötig einzusetzen versucht.

Auch Martin Krist kann die Ablehnung nicht übersehen, wenn er in Frechen mit einem der beiden breiten Traktoren über die Feldwege fährt und von den Fahrradfahrern, Joggern und Gassigehern beschimpft wird. Überall wird von kleinen Ökohändlern, Urban-Farming-Projekten und neuer Landlust geschwärmt. Im Kino läuft mit „Interstellar“ ein Science-Fiction-Film, in dem die fahrerlosen Mähdrescher des Hauptdarstellers, eines Ackerbauern, wie vollautomatische Rasenmäher über das Land ziehen – bis die Welt kollabiert.

Wissenschaftler wie Ludger Frerichs, der das Institut für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge in Braunschweig leitet, gewinnen den Eindruck, „dass sich jede Industrie weiterentwickeln darf, nur die Landwirtschaft nicht“. Dabei seien deutsche Unternehmen in der Agrartechnik führend, die Schweine im Stall hätten es „besser als vor 50 Jahren“, die Produktqualität nehme zu, und selbst nach einer Alternative für den Dieselbetrieb auf dem Feld werde emsig geforscht.

Wie erklärt man, dass technischer Fortschritt eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltige Landwirtschaft ist?

Cornel Lindemann-Berk hat da eine Idee, als er am Nachmittag vor dem zugeschütteten Brunnen an der Kastanie steht und den Hund streichelt, der zum gediegenen Auftritt der Familie gehört: „Vielleicht brauchen wir einfach mehr Kinderbücher, die den Bauernhof so beschreiben, wie er ist.“ ---
Fortschritt dank Technik

Frank Emmerich vom Deutschen Landwirtschaftsmuseum in Stuttgart stellt die Entwicklung anhand der Getreideernte dar: „Noch bis weit in die Fünfzigerjahre wurde das Getreide in aller Regel stationär gedroschen. Grob kann gesagt werden, dass der Arbeitszeitbedarf um 1850 auf der reinen Handarbeitsstufe für mähen, verladen, zwischenlagern, dreschen und aufbereiten pro Hektar Getreide mehr als 300 Arbeitsstunden erforderte. Der Einsatz der göpelbetriebenen Dreschmaschine verringerte den Bedarf auf rund 150 Stunden bei der gesamten Ernte und Aufbereitung. Die Nutzung dampfbetriebener Großdrescher im überbetrieblichen Einsatz war ein weiterer Fortschritt, und es waren nur noch 100 Stunden pro Hektar für Ernte und Aufbereitung nötig. Weiter beschleunigt wurde das Dreschen durch die Einführung von stationären Verbrennungsmotoren, später dann durch die Nutzung von Elektrizität. Während bei den genannten Verfahren noch das Aufnehmen und Binden des Getreides von Hand bewerkstelligt wurde, bedeutete die Nutzung des Bindemähers ab 1930 eine weitere Arbeitserleichterung und -beschleunigung. Überflüssig wurde die zweistufige Getreideernte durch die Einführung des gezogenen Mähdreschers nach dem Krieg. Hier lag der Arbeitszeitbedarf bei nur zehn bis zwölf Stunden pro Hektar. Ab den späten Fünfzigern traten in Westdeutschland dann die eigenständigen („selbstfahrenden“) Mähdrescher ihren Siegeszug an. Die anfängliche Flächenleistung betrug noch einen Hektar pro Stunde. Moderne Mähdrescher leisten mehr als das Doppelte und schaffen zwei Hektar und mehr pro Stunde. Gegenüber der reinen Handarbeit vor 150 Jahren eine mehr als 600-fache Steigerung.“