Manfred Klimek

Unser Autor erregt sich über die Fürsorge der Politik. Erkennt aber ihren tieferen Sinn.





• Alarm! Die Europäische Union, schreit mir Jakob entgegen, habe ihre lange geplante Anti-Alkohol-Kampagne schon in der Schublade liegen. Das Ganze müsse nur noch plakatiert, verteilt und ausgestrahlt werden, schreit er weiter, als wäre ich schwerhörig (bin ich auch). Auch die Inserate seien entworfen und jene Journalisten ausgeguckt, die die Botschaft konzertiert verbreiten sollen. Wieder so ein Lügenpresse-Märchen, denke ich. Wenn das nicht bald aufhört, werde ich Lokführer.

Jakob ist Weinhändler. Deswegen bewegt ihn das Thema. Er weiß, dass er mit seinem Warenlager die Leberwerte einer Kleinstadt ruinieren kann, doch er will ja nicht jede Gesundheit gefährden, sondern nur meine und die seiner Klientel, Leute, die ihre körperlich beste Zeit ohnehin hinter sich gebracht haben und das Öffnen und Trinken einer 50-Euro-Flasche aus Mangel anderer Freuden so zelebrieren, als wäre es Teil einer spanischen Infantenhochzeit.

Das mit der Kampagne weiß Jakob deswegen, weil er gerade den Europaparlamentsabgeordneten Soundso getroffen hat, der wiederum mit dem Spitzenbeamten Soundso in Brüssel zum Lunch verabredet war. In einem Fresstempel namens Comme Chez Soi, dem sie vor einiger Zeit einen Stern weggenommen haben, was das Essen aber nicht billiger machte. Dort sprachen sie über den zeitlichen Ablauf der Aktion und die zu erwartenden Widerstände. Wahrscheinlich taten sie das bei einer Flasche Gevrey-Chambertin oder ein paar Gläsern Krug-Champagner – gemeingefährliche Getränke, die in ein paar Jahren nur mit gedruckten Warnhinweisen zu Tisch gebracht werden, gemeinsam mit dem kompletten Verzeichnis aller Lebensmittelallergien. Lachen Sie nur. So wird es kommen.

Nur so nebenbei: Ist es nicht völlig absurd, dass die nach Brüssel exportierten Politkommissare mit ihrem exaltierten Lebensstil den daheim rumorenden Vox-Populi-Bewegungen immer noch die Bälle zuspielen, als gäbe es kein Endspiel um das Ansehen der Demokratie? Und wie krank ist es bitte, sich in Zeiten von Totalüberwachung in luxuriösen Speisesälen zum Abnagen von Wachtelbeinchen zu treffen, statt in einer einfachen Brasserie demonstrativ den in Brüssel obligatorischen Eintopf „Waterzooi“ mit einem schäumenden Trappistenbier runterzuspülen? Sind diese Narren überhaupt lernfähig? Aber lassen wir das, sonst wählen Sie meinetwegen vielleicht noch einen dieser Europahasser und seine Kretins. Dafür will ich nicht verantwortlich sein.

Eine größere Arbeitsgruppe, so erzählt Jakob etwas weniger aufgeregt, sei seit Monaten mit den Alkohol-Warnaufklebern beschäftigt. Wie die aussehen sollen und so. Sicher nicht wie Panini-Bilder, denke ich, und für so was buchen die ja leider auch keinen guten Art-Direktor, keinen, der sonst die »Vogue« gestaltet oder so. Das wäre der Sache dienlich. Und ich könnte vermitteln. Aber mich fragt ja keiner. Die denken bei Fotograf nur an Magermodels. Ein Glück, dass mein Beruf noch nicht verboten wurde.

Die Teilnehmer der Aufklebervisualisierungsgruppe, so erfahre ich nun, teilen sich in zwei Fraktionen auf, die die Spaltung der Union so drastisch symbolisieren, wie es sonst nur Schaffe-schaffe-Schäuble und dieser Grieche tun, dem man ansieht, dass er jenes bessere Leben lebt, das die Deutschen nicht kennen und aus Angst vor den Folgen des Kennenlernens verbieten wollen. Die südeuropäisch dominierte Fraktion spricht sich für einen schlichten Warnhinweis aus. Die nordeuropäisch dominierte Fraktion hingegen will plakativ-abstoßende Fotos zeigen.

Weil aber eine Säuferleber nicht so eklig rüberkommt wie eine Raucherlunge, planen die aus ihren Sozialstaatsdiktatu-ren abgeschobenen Frostbeulen die Abbildung am eigenen Erbrochenen erstickter Schluckspechte. Oder die Veröffentlichung beschlagnahmter Smartphone-Fotos, auf welchen Jugendliche zu sehen sind, die sich nach dem Konsum von 26 Alkopops (in Wien früher „Baucherl“ genannt) mit ihrem aufgemotzten Opel Tigra bei überhöhter Geschwindigkeit um einen Alleebaum wickelten.

Auch vor diesen Bäumen (Apfel, Zwetschge, Birne, Kirsche) wurde einst gewarnt, was zur Folge hatte, dass man die blühenden Schönheiten massenweise umsägte und die Landstraßen seither so langweilig anzusehen sind wie deutsche Problemfilme der Siebzigerjahre.

Warnen und verbieten! Das ist das große Ding gerade. Aktionistische Gremien erfinden täglich Umstände, vor welchen sie uns warnen, bis unsere Stimmung kippt und wir sie zum Verbot auffordern. Wenn eine dieser darin tätigen Heulbojen zufällig das hier liest, übergibt sie morgen dem Europäischen Parlament eine Ad-hoc-Gesetzgebungsvorlage, die uns a) vor dem Abnagen von Wachtelbeinchen warnt (Erstickungsgefahr), b) vor der Waterzooi (aufgekochte Fischreste) c) vor dem Opel Tigra (Augenkrebs) und d) vor dieser Zeitschrift (Kampfblatt).

Die wollen nur ablenken

Dieses andauernde Alarmieren, Warnen und Verbieten soll uns natürlich von den wirklich großen Dingen ablenken, die Alarm, Warnung und Verbot verdienen. Meine einst vor ihren akademischen Weihen noch kampfkräftigen Freunde erregen sich heute lieber über Schwachsinn wie das kommende Paternoster-Verbot, statt gehörig über TTIP zu fluchen, jenes Handelsabkommen, das Monsanto ermöglicht, in Hinterzimmern die Verwertungsrechte meiner Blutgruppe zu kaufen – jedenfalls habe ich das so verstanden.

Man muss freilich sagen, dass jene, die am lautesten gegen Verbote wettern, nicht die angenehmsten Zeitgenossen sind. Denn entweder wollen diese wie notgeile Sittiche aufgeplusterten Dauerempörten in knallvollen Behördenaufzügen kettenrauchen oder mit 160 Sachen durch eine Wohn- und Spielstraße brettern. Sie sehen das als Teil ihrer individuellen Freiheit, die von einer politisch korrekten Mafia bedroht wird, die ihnen nun die Freude nimmt, in Paternostern Pornofilmchen zu drehen. Da bleibe ich lieber schweigend in meiner leitkulturellen Wohlfühldiktatur hocken und mache mich mit meinen Mitbewohnern gemein.

Aber nicht lange, denn auch für diese Leute wäre ein Warnhinweis angebracht. Etwa für Jürgen und seine hysterische Frau Julie – Helikoptereltern, die alle derzeit erhältlichen Allergien besitzen und ihre zwölfjährige Tochter nicht allein auf die Straße lassen, weil sie Angst davor haben, dass in jedem Hauseingang ein Kinderschänder lauert. Dieses für den Bezirk inzwischen typische Paar müsste jedem zur Konversation einladenden Gegenüber dann sofort eine Mitteilungs-karte überreichen, auf der im Auftrag der Gesundheitsbehörde geschrieben stände: „Wegen Bluthochdruckgefahr mit diesen Personen nicht über Rudolf-Steiner-Schulen, Mülltrennung und Masernepidemien diskutieren.“ Oder positiv gewendet: „Mit diesen Personen nur über skandinavische Möbel, italienische Espressomaschinen und Acne-Jeans sprechen.“ Und weiter: „Mit diesen beiden Personen nicht über Sex reden.“ Wer redet schon gerne über Vergangenes?

Ehrlich gesagt finde ich es ganz in Ordnung, dass mir besorgte Bürokraten das Denken abnehmen. Denken strengt an. Eine gute Bekannte hat ihr Denkvermögen mit Medikamenten bekämpft, die sie zur Grinsekatze mutieren lassen. Die Pillen haben auch einen klein gedruckten Text über ihre Nebenwirkungen in die Schachtel gestopft bekommen. Der ist aber so lang wie das Buch des Ezechiel. So etwas liest keiner. Es ist natürlich Absicht, dass man die Risiken nicht auf einen leicht verständlichen Warnhinweis reduziert.

So ist diese Welt der Warnungen und Verbote ein sich selbst verstärkendes System. Und es ist kein Wunder, dass es sich auf bürgerliche Grünwähler stützt, die der einst so gefährlichen Alternativpartei ihr Diktat der Sorgen aufzwingen wollen. Tut was dafür, dass Limonaden, Fruchtsäfte und Weine vegan werden! Und die vor Firmen warnen, die keine vegane Herstellung garantieren.

Sie denken, ich übertreibe? Sie werden sich wundern. ---