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www.bio.deeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee

Zwei Schweriner besitzen seit zwölf Jahren die wohl beste Adresse für den Onlinehandel mit Bioprodukten. Aber eben nur die Adresse. Zu bieten haben sie auf der Seite wenig. Und langsam läuft die Zeit ab.





• Jetzt oder nie, dachte sich Matthias Baerens. Er hatte die Domain per Zufall entdeckt. Sie sollte verkauft werden, von Condomi, dem Kondomhersteller. „Keine Ahnung, was die damit mal vorhatten“, sagt der 47-Jährige. Er jedenfalls wollte sie unbedingt. Für ihre Idee einer, nein, der deutschsprachigen Bioplattform. Die Adresse: www.bio.de.

Friss oder stirb. So waren die Regeln. Eine mittlere fünfstellige Summe, zu zahlen in sechs Raten, bei Verzug von mehr als zehn Tagen wäre der Restkaufpreis auf einen Schlag fällig gewesen. Die Bank? „Die hat erst zu-, dann abgesagt.“ Neuland, lautete die Begründung. Und zu heikel. Die Internetblase war kurz zuvor geplatzt. Was also tun? Matthias Baerens und Jörg Fuss hatten gerade erst in ihren Fachbuchhandel, Spezialgebiet Ökolandbau, investiert. Geld war kaum noch da. Deshalb mussten Freunde, Bekannte und auch eine Tante aushelfen. „Irgendwie ging es dann“, erinnert sich Baerens. „Mit Ach und Krach.“

2003 war das. Baerens und Fuss gaben ein Gutachten über die Namens-, Marken- und Domainrechte in Auftrag, beim vermutlich einzigen Anwalt in Schwerin, der sich damals schon darauf spezialisiert hatte, so Fuss. Das Ergebnis: Keine Bedenken, nicht mal Alfred Biolek als bekannte Person dürfte unter www.bio.de seinen Onlineauftritt planen, hieß es in dem zehnseitigen Papier.

Die Geschäftspartner besitzen seither eine Premium-Domain, die man eher einem Branchenriesen zuordnen würde. Einer Lebensmittelkette etwa, die auf Bio setzt. „Die Adresse ist kurz, der Name klar, in Kombination mit der Endung ,.de‘ perfekt“, sagt Semra Körner, Sprecherin der Domainhandelsbörse Sedo. Sie meint vor allem: perfekt, um sie teuer verkaufen zu können. Obst.de sei mal für einen oberen fünfstelligen Betrag weggegangen. „Bio.de könnte locker darüber hinauskommen.“

Doch Baerens und Fuss wollen die Domain behalten. Allerdings läuft für die Umsetzung ihrer Pläne langsam die Zeit ab. Geschehen ist bislang wenig. Auf bio.de erhält man Infos und Links für den Urlaub auf Biohöfen. Der Nachrichtenticker tickt seit Februar 2013 nicht mehr. Im Terminkalender sind null Einträge. Kurz: Die beiden Männer haben zwar ein Pfund, mit dem sie aber nicht wuchern. Andere Internetplattformen für grünen Lebensstil sind längst davongezogen. Der Avocado Store etwa bietet inzwischen fast 70 000 sogenannte nachhaltige Artikel in seinem Onlineshop an. Auch alte Bekannte haben Plattformen auf- und ausgebaut. Amorebio.de, ein Vertrieb für Naturkost. Hessnatur.com, ein Versand für natürlich produzierte Textilien. Memo.de, einer der ersten größeren Onlinehändler für Ökoprodukte. Die Betreiber dieser Websites kennen das Duo aus Schwerin von früher, können sich vorstellen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Sie sagen aber auch, dass sich eine Menge getan habe in den vergangenen Jahren – vor allem auf den eigenen Seiten.

Baerens und Fuss machen 30 000 Euro Jahresumsatz mit ihrer Seite. Werbeeinnahmen. „Für mehr reicht es nicht.“ Wie kommt’s? Fuss: „Weil wir zu zweit sind und die meiste Energie in unseren Fachbuchhandel stecken müssen.“ 20 000 Bücher und Magazine stehen in einem früheren Billardsalon, ihrem Firmensitz in Schwerin. 200 Kunden werden beliefert. Behörden, Verbände, Schulen, Umweltorganisationen. „Uns fehlt vor allem eines: Zeit“, sagt der 55-Jährige.

Alles soll besser werden

Aufgeben wollen sie trotzdem nicht. Der nächste Anlauf wäre der vierte. Beim dritten haben potenzielle Partner das finanzielle Risiko gescheut, die Sache verlief im Sande. Beim zweiten sprang der Webentwickler ab, weil ihm die Aufgabe über den Kopf wuchs. Genau wie beim ersten Versuch, als die Broschüren für Anzeigenkunden schon gedruckt waren. Baerens warb auf der Biofach-Messe in Nürnberg, dem größten Treffen der Branche, für eine Seite, die man dann eine Weile online gar nicht finden konnte, weil sie nicht fertig geworden war.

Zwölf Jahre. Drei Enttäuschungen. Viele lange Pausen. Und was sagt Baerens? „Gebt mir ein Telefon und eine Woche.“ In sieben Tagen seien alle Kontakte wiederhergestellt. Er war vor der Wende in kirchlichen Umweltgruppen aktiv, saß am Runden Tisch, arbeitete später bei der Grünen Liga, dem Netzwerk ökologischer Bewegungen. Dort lernte er auch Fuss kennen, der sich Anfang der Neunzigerjahre beim Umweltbund Ökolöwe in Leipzig engagiert hatte. Beide sind gut vernetzt. „Das ist unser Vorteil“, so Baerens. Einkaufen im Internet habe mit Vertrauen zu tun. Mit den richtigen Ansprechpartnern. Mit Garantien, Ökosiegeln. Gerade in der Bioszene.

Im vierten Anlauf möchten sie behutsam vorgehen. Start: in den kommenden Monaten. Der Tourismusbereich soll aufgewertet werden. Mit mehr Angeboten, neuem Design und neuem Programm. „Bio.de muss bekannter werden“, sagt Baerens.

Reicht das? Nein, sagt Karsten Kilian. „Mit angezogener Handbremse geht es nicht.“ Und ohne Geld schon gar nicht. Kilian ist Professor an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt und leitet dort den Masterstudiengang Marken- und Medienmanagement. Was die beiden Unternehmer bräuchten, sei ein Investor. Und sie sollten nicht behutsam vorgehen, sondern Gas geben. „Man muss bei Google gefunden werden. Und bei Youtube, Facebook, Flickr mitmachen.“ Aktiv sein, Zielgruppen erschließen, über Crowdfunding nachdenken, falls es mit dem Kapitalgeber nichts werde. „Allerdings sollte die Kampagne ideologisch untersetzt werden. Bio.de als Anti-Amazon. Das könnte helfen.“ Und wie sollten die überlasteten Unternehmer das schaffen? Kilian: „Ich würde zwei Studenten suchen, die über bio.de ihre Abschlussarbeiten schreiben. Über Website Boosting zum Beispiel. Die das Projekt begleiten, vielleicht sogar mit aufbauen und beteiligt sind.“

„ Die Website kann einmal die zentrale Adresse für Bio werden. Für alle Produkte: Ernährung, Kleidung, Reisen … Alles in einem Shop.“ Sagen Baerens und Fuss. Für Kilian klingt das utopisch. Johannes Korten denkt bei dieser Zielsetzung an andere Anbieter grünen Lebensstils: Utopia oder Avocado Store. „Beide haben sich in den vergangenen Jahren gut positioniert. Das könnte bio.de auch gelingen“, sagt der Markencoach von GLS, einer Bank, die nach sozial-ökologischen Grundsätzen arbeitet. Die Marke bio.de habe enormes Potenzial, so Korten. Allerdings müsse die Seite professionell gemacht werden. Als Marktplatz. Mit integrierten sozialen Netzwerken. Die Zeit sei reif für ein Amazon für nachhaltige Produkte. Immer noch. Wie Kilian rät auch Korten zur Investoren-, Partner-, Bankensuche, empfiehlt Crowdfunding, bringt Genossenschaftskapital ins Spiel – und teilt vor allem eine Einschätzung: „Nebenbei geht das alles nicht.“

Und womöglich ist die Zeit auch bald nicht mehr reif, sondern abgelaufen. Regelmäßig kommen neue www-Endungen auf den Markt: bio.land, bio.kaufen, bio.berlin – alles ist möglich. „Domains sind nicht mehr so entscheidend wie noch vor ein paar Jahren“, sagt Karsten Kilian. Falls es den Schwerinern nicht gelänge, bio.de zum Fliegen zu bringen, lautet sein Rat: „Seht zu, dass ihr die Seite für viel Geld loswerdet.“

Das haben Baerens und Fuss bisher immer abgelehnt. Angebote gab es einige. Hätten sie bei einer bestimmten Summe schwach werden können? „Ich glaube nicht“, sagt Fuss. ---

Die teuersten .de-Domains 2014

1. kaffee.de 100 000 Euro
2. musik.de 99 999 Euro
3. chat.de 65 000 Euro
4. apps.de 49 999 Euro
5. autoankauf.de 36 000 Euro
6. witze.de 22 500 Euro
7. gewerbeflächen.de 16 500 Euro
8. consulting.de 15 500 Euro
9. analytics.de 15 100 Euro
10. online-autoboerse.de 15 000 Euro

Der Domain-Handelsbörse Sedo zufolge wurden im Jahr 2014 mit .de-Domains knapp fünf Millionen Euro umgesetzt. Davon stammen 320 000 Euro aus einem vertraulichen Verkauf, der nicht in der Rangliste auftaucht.