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Senz Regenschirm

Drei niederländische Tüftler erfinden ein Alltagsprodukt neu – und vermarkten es clever.





• Ein heftiger Windstoß aus der falschen Richtung – und wieder war ein Regenschirm kaputt, der dritte in jenem Monat. Diese frustrierende Erfahrung brachte den damals 24-jährigen Industriedesign-Studenten Gerwin Hoogendoorn im März 2004 dazu, sich des Themas anzunehmen. „Natürlich hätte ich auch eine weitere Kaffeemaschine designen können“, sagt er heute, „aber ich wollte lieber ein wirkliches Problem lösen, das viele Menschen betrifft.“

Durch Messungen im Windkanal fand er eine neue Form für den vor etwa 4000 Jahren erfundenen und seither aber kaum veränderten Schirm. Der wesentliche Unterschied: Der Stock befindet sich nicht mittig, sondern weiter vorn. Dadurch ist der Regenschirm messbar robuster als die meisten herkömmlichen Produkte – im Windkanal hält er Geschwindigkeiten von 112 km / h stand. Ähnliche Werte erzielt laut einer Studie der Maastricht University nur das Modell des britischen Herstellers Fulton, das vor allem Golfer nutzen. Mit 880 Gramm ist es allerdings mindestens doppelt so schwer wie Hoogendoorns Erfindung. Trotzdem winkten große Hersteller wie Impliva oder Doppler ab: zu ungewöhnlich das Design, zu teuer die Herstellung.

Dafür ließen sich die beiden Designstudenten Gerard Kool und Philip Hess überzeugen. Obwohl Hoogendorn ihnen lediglich einen auf der Nähmaschine der Großmutter angefertigten Prototyp vorzeigen konnte, machte sich Hess an einen Geschäftsplan. Und fand heraus: Allein in den Niederlanden werden jährlich drei Millionen Schirme verkauft, im benachbarten Deutschland sind es 32 Millionen. Auch wenn 75 Prozent von ihnen weniger als zehn Euro kosten, bleibt der Markt für hochwertige Schirme immer noch beachtlich. Zumal kontinuierlich neuer Bedarf entsteht: Pro Jahr landen weltweit 1,1 Milliarden kaputte oder verloren gegangene Schirme im Müll.

Im Jahr 2006 legten die drei Studenten 18 000 Euro zusammen, überzeugten erste Investoren und brachten ihre Erfindung unter dem Namen Senz (angelehnt an „makes sense“) heraus. Die 10 000 in China bestellten Exemplare waren innerhalb von neun Tagen ausverkauft. Auch die Presse war interessiert. Neben niederländischen Medien berichteten das „BBC News Magazine“, „Good Morning America“ und die japanische Version von „Wetten, dass …?“

Allerdings hagelte es auch Beschwerden über kaputte Schirme. Hoogendoorn reiste für zwei Monate nach Südchina, wo mehr als 95 Prozent der Regenschirme für den weltweiten Markt hergestellt werden, und fand den Fehler: die Stützstreben. Inzwischen sind diese aus Fiberglas. „Heute geht höchstens noch einer von 1000 Exemplaren kaputt – und wird natürlich ersetzt“, verspricht Hess.

Die Gründer hatten ein innovatives Produkt, gute Presse, aber kaum Geld für Marketing. Daher kamen sie auf die Idee, in Fußgängerzonen Windmaschinen aufzustellen, damit die Leute sich von der Robustheit des Senz überzeugen konnten. Und sie animierten Fans auf Facebook dazu, ihn zu testen. Dort sind unter anderem Aufnahmen von Motorradfahrern oder Wakeboardern mit Schirm zu sehen. „Alles Werbung, die uns fast nichts kostet“, sagt Hess.

Viel Aufmerksamkeit erregte auch eine nächtliche Aktion zum Welt-Aids-Tag 2011. Sieben Mitarbeiter dekorierten in Amsterdam 22 Skulpturen mit Schirmen und T-Shirts neu. „Always use protection“ war darauf gedruckt. Ein schmales Budget stimuliert laut Hess wie kaum etwas anderes die Kreativität. Heute nutzt er sie, um andere Firmen für Marketing einzuspannen. So trat Hoogendoorn in einer Mazda-Werbung als Erfinder auf, und kürzlich war Hess als Testimonial auf riesigen Plakaten von KLM unter anderem im Amsterdamer Flughafen Schipol zu sehen, selbstverständlich mit Schirm.

Bis heute hat das Trio 2,5 Millionen Exemplare verkauft, die zwischen 25 und 60 Euro kosten. Ein beachtlicher Erfolg. Fachleute, denen die Gründer ihren Businessplan vor acht Jahren vorstellten, sahen für das Trio wenig Chancen, sich gegen die Platzhirschen auf dem Markt durchzusetzen. „Ihr seid doch verrückt“, sagte einer. „Wer wird schon 50 Euro für einen Schirm ausgeben, der so aussieht?“

Doch die Jungunternehmer blieben stur. Derzeit bearbeiten sie den deutschen Markt. Bislang ist der Senz nur in Modeboutiquen und Fachgeschäften erhältlich. Bald sollen die preisgekrönten Verkaufs-Displays, auf denen ein Video mit herkömmlichen, vom Sturm zerfetzten Schirmen läuft, auch in deutschen Kaufhäusern stehen. „Wir wollen nicht die größte Regenschirmfirma werden, aber die beliebteste“, sagt der ehrgeizige Philip Hess. „In zehn Jahren sollen alle Kinder einen asymmetrischen Regenschirm malen und keinen runden.“ ---
Kontakt: www.senz.com