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Manfred Klimek Kolumne

Die Ökonomisierung aller Sphären ärgert unseren Autor derart, dass er am liebsten seinen Beruf aufgeben würde, wenn er sich das leisten könnte.





• Vor ein paar Wochen ging ich rasanten Schrittes vom Hamburger Rathaus hinauf zum Hauptbahnhof. Ich hatte gerade noch vier Minuten, um den ICE auf Gleis 8 zu erreichen, der zwar nie pünktlich ankommt, aber leider immer pünktlich abfährt – da fasste mich jemand an der Jacke und schrie: „He, bist du nicht der Fotograf.“ Man könnte diesem Satz ein Fragezeichen anhängen, doch der Typ wusste freilich genau, dass ich „der“ Fotograf bin, denn unser gemeinsamer Fototermin war kein Vergnügen gewesen – er war sogar so schrecklich, dass ich ihn verdrängt habe.

Der Typ, der da an meiner Jacke klammerte, ist Schauspieler. Vor zehn Jahren war er Hauptdarsteller einer deutschen TV-Serie, die täglich viele Zehntausend Menschen vor den Schirm lockte. Die für die Feuchtgebiete-Generation geschriebene Telenovela war ein großer Erfolg, und der Mann wurde schlagartig berühmt. So grinste er einen Sommer lang von bunt bedruckten Zeitungs-Covern, war Gast bei Fernsehshows und erhielt körbeweise ungewaschene Seidenschlüpfer von ausgeflippten Barly-Legal-Teens – das ganze Programm eben, das einen abheben lässt.

Doch nach dem Sommer kam der Herbst, und der Typ verlor den Bonus der Jugend und damit auch seinen Erfolg. Mein ICE hatte Gleis 8 inzwischen ohne auf mich zu warten verlassen, also blieb ich stehen und unterbrach sein belangloses Gerede, das er seiner Begrüßung wie eine Gerölllawine hinterherschob, mit einem scharfen „Was willst du von mir?!“ – Kurzes Schweigen.

Doch dann rückte er raus mit seiner Absicht. Er meinte gehört zu haben, dass ich öfter in eine Berliner Bar gehe, die diesem Regisseur von „Oh Boy“ gehört. „Auch gehört“, verbesserte ich ihn, „er ist einer von vier Besitzern. Und ja, ich kenne ihn. Und nein, ich frage ihn nicht, ob er eine Rolle für dich hat.“ Darauf sagte er ohne viel nachzudenken: „Scheiße, das liegt nur daran, dass ich keinen Marktwert mehr habe.“

Marktwert also. Oder vielleicht einfach nur das Schauspielern verlernt? Eventuell nie ein guter Schauspieler gewesen? Reicht wohl gerade mal für eine von großkalibrigen Kugeln durchsiebte Leiche in einem Til-Schweiger-„Tatort“.

Mehr als seine Hand an meiner Jacke ärgerte mich aber das Wort Marktwert. Ich kann den Begriff Markt in Bezug auf Mensch nicht hören. Diese elende Ökonomisierung aller Lebensbereiche macht mich so krank, dass ich gar kein Geld mehr verdienen will, weil ich Geldverdienen inzwischen für Kollaboration mit dem Schweinesystem halte. Halt, stopp, nein: Nicht Sie sind gemeint, Frau Fischer! Bitte zeichnen Sie meine Honorarnote wie üblich ab. Danke.

Als der gefallene Schauspieler seinen Marktwert-Satz sagte, erinnerte ich mich an das knapp vor der Magersucht stehende Model, das mir im vergangenen Mai im Aufzug des Mailänder Condé-Nast-Gebäudes „Kannst du hier meinen Marktwert steigern?“ zuraunte. Konnte ich nicht, denn ich fotografiere für die Italiener ausschließlich blasierte Möbeldesigner, die in großen Villen an schmalen Seen wohnen und deren Nachbarn George Clooney heißen. Die haben gemeinsam einen Marktwert, der Griechenland spielend schuldenfrei machen könnte.

Das Thema Selbstoptimierung ist durch. Widerstand ist zwecklos und wird als Terroranschlag auf das Gemeinwohl gewertet. Jeder, der Marktteilnehmer sein will, hat sich zugunsten seines Marktwertes längst selbst optimiert. Ganz freiwillig. Auch ich. Auch freiwillig. Was für ein Verrat an mir und meinen Werten.

Ich will es zwar nicht wahrhaben, aber ich weiß, dass ich längst nicht mehr die Inbrunst habe, jenen Widerspruch zu leisten, der mich in den späten Achtzigerjahren zum Gottseibeiuns österreichischer Zeitschriftengrafiker gemacht hat. Bis auf wenige Ausnahmen (die heute alle in New Yorker Verlagshäusern arbeiten) schmiss ich jedem dieser minderbemittelten Kretins den Sprühkleber oder irgendwas, was sonst da herumstand, auf den fetten Wanst, weil sie es wagten, meine Fotos zu beschneiden. Himmelherrgott! Wenn ich durch den Sucher meiner Hasselblad schaue, dann komponiere ich! Jeder Millimeter hat Sinn!

Nur nicht schreien und toben!

Den Widerstand gegen diese Vergewaltigungen meiner Arbeit habe ich längst aufgegeben. Heute können Art-Direktoren (eine „Art Direktor“, wie man sie in Wien verhöhnt) meine Fotos nach Lust und Laune zerstören. Es ist mir egal. Wünscht man von mir ein Hochformat, dann mache ich eben ein Hochformat, obwohl das Hochformat scheiße aussieht. Wen interessiert’s?

Meine auffällige Akzeptanz der Verhältnisse, die ja nichts weiter als feiges Nachgeben ist, verstört vor allem jene Menschen, die mich noch von früher kennen („Was ist denn mit dem Klimek los, der rastet ja gar nicht mehr wegen jedem Scheiß aus?“). Doch mein Appeasement fruchtet: Mein teilnahmsloses Schweigen wird für Teamfähigkeit gehalten, und vermeintlicher Gruppensinn erhöht meinen Marktwert.

Würde ich hingegen wie früher schreien und toben, und Gründe dafür gibt es mehr als genug, dann könnte ich mich sehr schnell in jene Schlange Menschen einreihen, die sich tagtäglich bei den Barmherzigen Schwestern um eine Klostersuppe anstellen.

Vor 30 Jahren – eine plötzlich sehr ferne Zeit – war mein nachdrückliches Bestehen auf der Unversehrtheit meiner Bilder noch ein wesentlicher Grund, mich überhaupt zu engagieren. Meine damaligen Chefredakteure konnten mich zwar nicht länger als fünf Minuten im selben Raum ertragen, doch folgten sie meinem Ansinnen und schonten mein Werk. Was ihnen – und den Blättern, die damals die Welt bedeuteten – auch Tonnen von Kreativpreistrophäen bescherte, die man demonstrativ ins Klo stellte. So machte man das damals mit dem Marktwert. Man ließ sich keinen schenken und gab die mit ihm verbundenen Insignien der Lächerlichkeit preis.

O je, ich darf gar nicht über das ganze selbst verschuldete Elend nachdenken, denn dann kriege ich wieder Wut und Depression und muss meine Tabletten gegen Gastritis suchen, die ich irgendwo im Bad habe und die sich noch dazu schlecht mit den Antidepressiva vertragen, die ich mir seit Jahren reinziehe, wenn ich über mein Dasein zu reflektieren beginne. Mit diesem traurigen Satz sinkt mein Marktwert sicher gegen null. Wer will schon mit solch einem seelischen Krüppel arbeiten? Oder gar zusammenleben?

Apropos Bett teilen: Meine Freundin erzählte mir, dass es in der Universität Mannheim einen Soziologen geben soll, der den Marktwert der Beziehungspartner ausrechnet. Wie kann ich mir das vorstellen? „Liebe Claudia, du hast heute zwei Kilo mehr auf deinen ohnehin schon prächtigen Oberschenkeln, deswegen sinkt dein Marktwert jetzt um sieben Prozent.“ So etwa?

Gibt es dann endlich mal echte Partnerbörsen? Mit Aktien? Wo der Kurs der Jochen-Söllhammer-aus-Soest-Papiere um 14 Prozent steigt, weil er sich die Brusthaare entfernt und ein Cabrio gekauft hat? Jeder am Markt befindliche und in Partnerbörsen eingetragene Single wäre dann eine echte Ich-AG.

Derartige Ideen kommen mir jetzt nur, weil ich fast 48 Stunden nicht geschlafen habe und bereits vor Müdigkeit zu halluzinieren beginne. Ich blieb wach, weil ich diese Kolumne viermal neu zu schreiben begann. Beginnen musste, denn denen da in Hamburg hat diesmal nichts gepasst. So oft bekam ich einen meiner Texte noch nie zurückgeworfen. Ich habe mir meinen Marktwert als zuverlässiger Autor ordentlich ruiniert. ---