Zentrum für Politische Schönheit

Das Zentrum für Politische Schönheit beherrscht die hohe Kunst der Kampagnen. Und verändert manchmal tatsächlich die Welt.





• Dafür, dass sich Philipp Ruch „nicht im Geringsten“ für Marketing interessiert, weiß er ziemlich genau, wie man viel Aufmerksamkeit erzielt. Bei den Mitteln, die Ruch dabei einsetzt, ist er nicht zimperlich: Vortäuschung falscher Tatsachen, Urkundenfälschung, Amtsanmaßung, Gesetzesverstöße, gezielte Denunziation einzelner Menschen. Das mag nicht jeder. Aber das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS), zu dem neben Ruch („Künstlerischer Leiter“ und „Chefunterhändler“) auch André Leipold („Geheimer Rat“) und Stefan Pelzer („Eskalationsbeauftragter“) gehören, erteilt sich seine Aufträge ohnehin selbst. Ihr unbescheidenes Ziel: „Völkermorde verhindern.“

Die Berliner Aktivisten wollen die Routine durchbrechen, mit der Menschenrechtsverletzungen bedauernd zur Kenntnis genommen werden, danach aber wieder schnell zur Tagesordnung übergegangen wird. „Normale NGOs sind in Ritualen gefangen: Lichterketten, Petitionen, Unterschriften, Spenden sammeln“, sagt Ruch. „Das beruhigt das Publikum. Sie halten sich an die Gesetze und bewegen sich in vorgegebenen Bahnen. Wir nicht. Was in Syrien und an den europäischen Außengrenzen geschieht, das sind Ausnahmezustände der Humanität. Da kann man nicht einfach in der Fußgängerzone stehen und Prospekte verteilen.“

Wer schuldig ist, bestimmen wir

2011 orderte Saudi-Arabien beim deutschen Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann 270 Kampfpanzer des Typs Leopard 2 A7+, die besonders für den Einsatz in Städten geeignet sind. In einer Vorentscheidung genehmigte der Bundessicherheitsrat die Lieferung. Ruch empört daran besonders, dass das autoritäre Königreich, das sich nicht um Menschenrechte schert, kurz zuvor im Arabischen Frühling das Regime im benachbarten Bahrain mit Sicherheitskräften gegen Aufständische unterstützt hatte.

Rüstungsunternehmen sind schlechte Presse gewöhnt, ihre PR-Abteilungen haben gelernt, Proteste ins Leere laufen zu lassen. Also attackierten Ruch und Konsorten nicht das Unternehmen, sondern seine Anteilseigner. Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht? Ruch: „Ein Demonstrant, der von deutschen Waffen getötet wird, nimmt das schließlich auch persönlich.“

Die Aktivisten nutzten aus, dass Krauss-Maffei Wegmann keine anonyme Aktiengesellschaft, sondern weitgehend im Besitz zweier Familien ist. Viele der damals 38 Anteilseigner der Familie von Braunbehrens sind keine unsentimentalen Rüstungsunternehmer, sondern vermögende Schöngeister: ein Maler, eine Lehrerin, ein Galerist, Alt-68er, eine Schauspielerin und Fotografin, ein Mozart-Biograf, ein ehemaliger Waldorfschüler. Die Aktivisten recherchierten. Und dann schlugen sie 2012 zu.

Im Internet und auf großen Plakatwänden platzierten sie Fahndungsaufrufe samt Namen, Phantombild und Kurzbiografie. Die Plakate versprachen jedem, der mithilft, die stillen Teilhaber in Haft zu bringen, eine Belohnung von 25 000 Euro. „Diese Leute sind dafür verantwortlich, dass schweres Kriegsgerät in Krisengebiete geliefert wird. Das ist zwar legal, aber wir haben entschieden, wir bringen sie trotzdem in den Knast“, sagt Ruch. Eine gewisse Unverfrorenheit gehört zum Stil des Zentrums.

Das Echo war enorm. Damit den Medien das Futter nicht ausging, stellten die Aktivisten über mehrere Tage Dutzende selbst produzierter Kurzfilme ins Netz. „Das ist ein genialer Versuch! Wenn ich mitmachen kann, werde ich mittun“, kommentierte der bekannte Menschenrechtler Rupert Neudeck die Aktion. Heute sitzt er im Kuratorium des Zentrums. Auf Vorträgen wie zuletzt beim Kongress des Chaos Computer Clubs zitieren Ruch und Pelzer gern mit breitem Grinsen aus einer Erklärung, mit der Unternehmens-Pressesprecher Kurt Braatz seiner Empörung Ausdruck verleihen wollte: „Ich bin moralisch entsetzt.“ Das Gelächter des Publikums ist ihnen dann sicher.

Spätestens als Sympathisanten an den Wohnorten der Anteilseigner die gefakten Fahndungsplakate klebten, wurde es richtig ungemütlich. „Wir bekamen Briefe von Freunden dieser Leute, in denen es hieß, das ist doch so ein netter Mensch, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er in solche Geschäfte verwickelt ist.“ Aber wer seine Millionen den Ausschüttungen eines Rüstungskonzerns zu verdanken hat, darf vor dem Zentrum nicht auf Gnade hoffen. „Wir machen Stress“, sagt der Aktivist Stefan Pelzer. „Wir sammeln keine harmlosen Unterschriften. Wir machen Leuten, die an Menschenrechtsverletzungen verdienen, das Leben zur Hölle.“

Die Welt als Bühne

Und dann geschah etwas Ungewöhnliches. Burkhart von Braunbehrens, einer der Anteilseigner des Waffenherstellers, gab dem ZDF ein Interview. Früher war er Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland und Redakteur der »Kommunistischen Volkszeitung«. Heute malt er, am liebsten Blumen. Bis zur Aktion der Berliner Aktivisten hat er die Krauss-Maffei-Wegmann-Ausschüttungen offenbar gern entgegengenommen. Im ZDF bedauerte er, dass er keinen Einfluss auf die Geschäftsführung habe. Aber er habe den Bundespräsidenten in einem Brief gebeten, die Ausfuhrgenehmigung zu verhindern. Das Interview dürfte dem Familienfrieden nicht sehr zuträglich gewesen sein. Inzwischen hat Burkhart von Braunbehrens seine Anteile verkauft.

Ob das an dieser Aktion lag oder andere Gründe hatte, ist unklar – aber die Ausfuhrgenehmigung für die Panzer wurde bis heute nicht erteilt.

Die Frage, ob die gezielte Verletzung der Intimsphäre nicht anmaßend sei, findet Ruch geradezu zynisch: „Was ist mit der Intimsphäre von Folteropfern in Regimes, die solche Waffen kaufen?“ Ruch macht sich seine Regeln selbst. Er neigt zu pathetischen Vokabeln, etwa wenn er die Strategie des Zentrums als „aggressiven Humanismus“ beschreibt oder erklärt: „Wir agieren vor dem Urteil der Geschichte. Wir betreiben eine parallele deutsche Außenpolitik, wir setzen auf Humanität als Waffe.“ Große Worte. Aber eigentlich verfolgt Ruch ein sehr altes Projekt, das so einfach wie anspruchsvoll ist: Aufklärung.

„Es geht nicht nur um Irritation und sicher nicht nur um Provokation“, sagt er. „Ein Ziel ist, dass diese Gesellschaft merkt, dass sie gar nicht so humanitär und menschenfreundlich ist, wie sie glaubt. Wir konfrontieren den humanitären Anspruch der Bundesregierung damit, dass sie zum Beispiel mögliche Hilfe für Bürgerkriegsflüchtlinge verweigert.“

Um das vorzuführen, entwendeten die Aktivisten kurz vor den Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November vergangenen Jahres Gedenkkreuze, die an Flüchtlinge erinnern, die an der innerdeutschen Grenze umgekommen waren. Zuvor hatten sie Kopien dieser Kreuze an die europäischen Außengrenzen in Griechenland und Melilla gebracht und sie zusammen mit afrikanischen Flüchtlingen fotografiert. Das offizielle Bild des seine Freiheit feiernden Deutschlands wurde konterkariert. Der Verweis auf die im Mittelmeer ertrunkenen Migranten wirkte wie eine Bildstörung im Spektakel der Mauerfall-Festivitäten.

Philipp Ruch, 33, hat bei dem Berliner Politologen Herfried Münkler promoviert. Derzeit ist er Research Fellow bei der Kolleg-Forschergruppe Bildakt und Verkörperung. Den Kern des Zentrums bildet ein knappes Dutzend Aktivisten. Bei ihren Aktionen wird ihnen von etwa 100 weiteren Unterstützern geholfen. Allein die Mauerkreuz-Aktion kostete 60 000 Euro, finanziert wurde sie durch Spenden. Bisher arbeiten die Zentrums-Mitglieder ehrenamtlich. In Zukunft würden sie gern verstärkt mit Kultureinrichtungen kooperieren, vor allem, um deren Ressourcen zu nutzen. Ruch: „Alles an einem Theater interessiert mich: der moralische Auftrag, die Schauspieler, der Etat, die Technik. Das können wir alles brauchen. Nur die Bühne interessiert mich nicht.“ Seine Stücke spielen in der Wirklichkeit.

Es geht auch anders

Der Aufruf, den das Zentrum im Mai 2014 startete, war etwas aufwendiger als die Fahndung nach den Rüstungsunternehmern. Die Aktivisten suchten Familien in Deutschland, die bereit waren, insgesamt 55 000 Kinder von syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen aufzunehmen. Der Aufruf sah aus wie eine Werbekampagne des Familienministeriums, samt Foto und Unterschrift der Ministerin. Dazu gab es einen Internetauftritt, eine Telefonzentrale und einen siebenseitigen Fragebogen, den Gast-Familien ausfüllen und bitte mit polizeilichem Führungszeugnis und Schufa-Auskunft, zurücksenden sollten. Innerhalb weniger Tage meldeten sich mehrere Hundert hilfsbereite Familien. Sie erhielten eine E-Mail, die sie darüber aufklärte, dass es sich um eine Kunstaktion handele. Tenor: Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass Kunst Ihnen an Orten begegnet, an denen Sie das nicht erwarten. Das Zentrum hatte bewiesen, dass die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung enorm ist. Kosten der Aktion: etwa 40 000 Euro.

Der Name der Kampagne („Kindertransporthilfe des Bundes“) erinnerte an die Kindertransporte nach England, durch die im Nationalsozialismus etwa 10 000 jüdische Kinder vor dem Holocaust gerettet wurden. Wieder war das mediale Echo gewaltig, die Pressesprecher der Familienministerin reagierten nervös. „Wir ehren die mutigen Menschen, die im Nationalsozialismus Menschen versteckt und Pässe gefälscht haben“, sagt Ruch. „Wir sollten vielleicht auch heute für Menschen in Not Pässe fälschen und Illegale vor der Polizei verstecken.“ Natürlich war die Aktion illegal, die Straftatbestände reichten von Urkundenfälschung bis zu Amtsanmaßung. Fast bedauert Ruch, dass das Ministerium nicht juristisch dagegen vorgegangen ist: „Das hätte nur für mehr Aufmerksamkeit gesorgt. Wir haben zwei Wochen ordentlich Radau gemacht. Die Bilder aus Syrien konnte keiner mehr sehen. Wir haben Tausende von Menschen dazu gebracht, ihr Herz zu öffnen und hinzusehen.“

Als die Aufregung abzuflauen drohte, verschaffte sich Ruch einfach einen Termin im Kanzleramt. Begleitet wurde er zum Gespräch mit zwei zuständigen Fachreferenten von Inge Lammel und Kurt Gutmann. Beide haben im Holocaust einen Großteil ihrer Familien verloren und nur dank der Kindertransporte überlebt. Ruch, gewohnt unverfroren: „Wir sind mit der festen Überzeugung ins Kanzleramt gegangen, dass die Bundesregierung unser Hilfsprogramm übernimmt. Wir konnten uns nicht vorstellen, was dagegen spricht. Die Bundesregierung hatte die Wahl, dieses Programm zu übernehmen – oder öffentlich zu sagen, dass man diesen Kindern nicht helfen will.“

Selbstverständlich funktioniert Politik so nicht. Politiker argumentieren mit den Grenzen der Aufnahmefähigkeit von Flüchtlingen. Mit allerlei Sachzwängen. Aber, was das Zentrum macht, ist sehr einfach und radikal: Es nimmt den Wunsch ernst, dass es anders sein sollte. Die Aktivisten behaupten einfach, dass Humanismus, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft möglich sind. Die ZDF-„heute“-Nachrichten kommentierten die Aktion präzise: „Ihr Ziel: Aus der Fälschung sollte Wirklichkeit werden.“ ---