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Was vom Ideologen blieb

Corrado Gini war ein einflussreicher Wissenschaftler: Er erfand den Koeffizienten, mit dem sich die Ungleichheit einer Gesellschaft messen lässt. Dass er als Politiker weniger Einfluss hatte, ist ein Glück.




• Es war im Jahr 1921, als Corrado Gini im »Economic Journal« sein bedeutendstes Werk präsentierte: „Die Messung der Ungleichheit von Einkommen.“ Der Professor an der Universität von Padua begründete damit eine neue, bahnbrechende Methode, die bis heute Anwendung findet und längst seinen Namen trägt: den Gini-Koeffizienten.

Der funktioniert so: Wenn in einem Land eine Person alles verdient, dann sind die Einkommen maximal ungleich verteilt. Dieses Land hat dann einen Gini-Koeffizienten von 1. Wenn alle in einem Land lebenden Menschen das Gleiche verdienen, hat dieses Land einen Gini-Koeffizienten von 0 – die Einkommen sind gleich verteilt. Deutschland hatte 2011 einen Gini-Koeffizienten von 0,30, die USA von 0,38. In der OECD hatte Chile in jenem Jahr mit 0,49 den extremsten Wert.

Die Erforschung der Ungleichheit ist aber nur eine Facette des Denkens von Corrado Gini. Die andere ist der Faschismus. Und auch diesen begründet er wissenschaftlich.

Gini wurde 1884 in der Nähe von Treviso, im Veneto, geboren. Seine Eltern waren wohlhabende Bauern. Er studierte Jura in Bologna, doch seine Leidenschaft galt den Zahlen. 1905 legte er im Alter von 20 Jahren seine Abschlussarbeit vor. Titel: „Das Geschlecht aus statistischer Sicht.“

Danach schritt seine Karriere schnell voran. Nach dem Abschluss des Studiums arbeitete er an seiner Habilitation, 1909 wurde er Professor für Statistik an der rechtswissenschaftlichen Fakultät von Cagliari auf Sardinien, später erhielt er einen Ruf nach Padua, wo er seine Methode zur Messung der Ungleichheit entwickelte.

Schon bald nachdem er seinen Ungleichheits-Koeffizienten erfunden hatte, unterzeichnete er das „Manifest der faschistischen Intellektuellen“ in Italien. Er war der einzige Statistiker, der sich für die Sache des Führers Benito Mussolini einspannen ließ. 1922 wurde Mussolini Staatschef von Italien. 1926 ließ er das Zentrale Statistische Institut gründen und ernannte persönlich dessen Direktor: Corrado Gini.

In seiner Antrittsrede zeigte Gini, dass der Duce den richtigen Mann für den Posten gefunden hatte: „Nach der großartigen Entwicklung im vergangenen Jahrhundert sind wir an einem Punkt angekommen, an dem wir stehen bleiben“, sagte Gini. Es sei nötig, weiße, gesunde und christliche Kinder auf die Welt zu bringen, um nicht unterzugehen.

Gini war ein überzeugter Eugeniker. Bereits 1912 gehörte er zu den Gründern der italienischen eugenischen Gesellschaft. Er behauptete, dass die Geburtenrate der Oberschicht in sich entwickelnden Gesellschaften sinke, während diejenige der Unterschichten steige. Wenn eine Nation dieser Entwicklung nichts entgegensetze, so Gini, dann würde sie geschwächt und könnte von einer jüngeren, stärkeren, barbarischeren Nation überrannt werden.

Diese Ideen schrieb er 1927 in seinem Buch „Die wissenschaftlichen Grundlagen des Faschismus“ nieder, woraus eine enge Partnerschaft mit Mussolini erwuchs. Schon bald stärkte der Diktator das Zentrale Statistische Institut per Gesetz. Es sollte fortan Italien bei internationalen wissenschaftlichen Konferenzen vertreten. 1930 und 1931 wurde das Institut mit der Volkszählung beauftragt. Doch als das Finanzministerium die Mittel kürzte, trat Gini 1931 vom Posten des Direktors zurück.

1943 stürzte Mussolini, und ein Jahr später wurden Untersuchungen gegen zahlreiche Unterstützer des Regimes eingeleitet. Auch gegen Gini. Seine Lage war schwierig. Sein Rücktritt vom Amt des Institutsdirektors konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er dem faschistischen Regime nahestand. Am 14. Januar 1945 wurde Gini vorübergehend aller Ämter an der Universität entbunden, auch sein Gehalt wurde einbehalten.

Da zeigte er sich politisch flexibel und schloss sich dem Movimento Unionista Italiano an, einer politischen Bewegung, deren Ziel es war, Italien an die USA anzuschließen. „Das würde alle Probleme Italiens lösen“, sagte deren Gründer Santi Paladino einem Reporter des »Time«-Magazins. Paladino war selbst nie in den USA gewesen.

Corrado Gini verschaffte die Mitgliedschaft in der proamerikanischen Bewegung die nötige Glaubwürdigkeit, um sich reinzuwaschen. Und so entschied die Untersuchungskommission im Dezember 1944, ihn nicht anzuklagen.

Gini konnte von der Politik nicht lassen. Als Präsident des International Institute of Sociology nutzte er seine Position, um nach dem Zweiten Weltkrieg die Aktivitäten von Rassenforschern und Eugenikern zu koordinieren. Sein Engagement richtete sich dabei besonders gegen die UNESCO, die in mehreren Resolutionen ihre Haltung deutlich gemacht hatte, dass Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen soziale und nicht biologische Ursachen haben.

Gini starb am 13. März 1965 in Rom. Sein Gini-Koeffizient wird von sämtlichen internationalen Organisationen bis heute verwendet, um die Gleichheit von Gesellschaften darzustellen. Weltbank, OECD, Internationaler Währungsfonds – alle greifen darauf zurück. Dem französischen Ökonomen Thomas Piketty erschien der Gini-Koeffizient allerdings zu einfach. Er entwickelte in seinem Werk Kapital eine eigene Methode, für die er die Steuerdaten der einzelnen Länder auswertete. ---