Partner von
Partner von

„Man muss sich ertragen“

Margret Kowert hat sich um den Frieden verdient gemacht – an Dutzenden Gartenzäunen. Die 70-Jährige schlichtete jahrzehntelang Nachbarschaftsstreitigkeiten. Hier einige Einblicke in ihre Kunst.





• Thomas Veen, Amtsgerichtspräsident in Osnabrück, war voll des Lobes, als er Margret Kowert im Frühjahr von ihrem Ehrenamt als Schiedsfrau verabschiedete. Ihr sei in „70 bis 80“ Prozent der Fälle gelungen, Streitigkeiten zu schlichten, zitiert ihn die »Neue Osnabrücker Zeitung«. Das liege weit über dem Durchschnitt.

Als einem die so Geehrte in ihrem Haus im Osten der Stadt einen Platz an dem Tisch zuweist, an dem schon viele Streithähne saßen, bekommt man gleich einen Eindruck von ihrem Umgang mit solchen Leuten. Margret Kowert macht nicht viele Worte, und sie weiß, was sie will.

Als man ihr 1978 als wohl erster Frau in Niedersachsen das Amt antrug, sagte die Rechtsanwalts- und Notargehilfin gleich zu. Sie war wegen ihrer kleinen Kinder damals ohnehin zu Hause, außerdem war ihr Vater bereits Schiedsmann gewesen. Der Job besteht darin, die Gerichte von Bagatellen wie Nachbarschaftsstreit, Beleidigungen oder leichten Sachbeschädigungen zu entlasten, indem die zerstrittenen Parteien zu einer Einigung bewegt werden. „Alles Kleinkram“, sagt Kowert, „aber die Leute steigern sich da rein.“ In Niedersachsen und vielen anderen Bundesländern ist die Schlichtung in solchen Fällen seit einigen Jahren obligatorisch. Das heißt, wer juristisch zum Beispiel gegen die wuchernde Hecke des Nachbarn vorgehen will, muss zunächst zur zuständigen Schiedsperson; in Osnabrück gibt es vier, die je für einen Bezirk der Stadt zuständig sind. Die Vermittlerin hört sich die Sache an, zitiert dann beide Parteien per Brief mit Postzustellungsurkunde zur Schlichtungsverhandlung. „Dieser Brief macht bei den Leuten Eindruck“, sagt Kowert. „Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand nicht gekommen ist.“ Wenn sie dann mit den Parteien zusammensaß, hat sie einen Vorschlag gemacht, um das Problem zu beseitigen – zum Beispiel dass die wuchernde Hecke in jedem Frühjahr gestutzt werden muss. Nur wenn die Einigung scheiterte, durften die Leute vor Gericht gehen.

Sie blättert in dem Protokollbuch, in dem alle ihre 245 Fälle verzeichnet sind. Eine Dokumentation des Allzumenschlichen. Da wehrt sich ein Mann gegen die Bezichtigung, „ehebrecherische Beziehungen zu der Mutter seiner Frau“ zu unterhalten. Da wird die Waschküche in einem Mehrfamilienhaus die ganze Woche von einer Person blockiert. Da hageln vom Baum des Nachbarn „übergroße Eicheln“ in den Garten.

Wie schön könnte es daheim sein, gäbe es nicht diese Leute nebenan! Nachbarschaft ist eine unfreiwillige Langzeitbeziehung mit entsprechender Dynamik. Der Publizist Jan Philipp Reemtsma schreibt in einem Aufsatz zum Thema: „Nachbarschaft ist extrem konfliktträchtig, Nachbarschaft ist eine Gewaltressource erster Ordnung.“ Und weiter: „Die Grenze zwischen Nachbarn ist an sich berührungssensibel.“

Der erste Fall von Margret Kowert illustriert das exemplarisch: Eine Junge schoss seinen Ball in den Garten des Nachbarn, mitten ins Erdbeerbeet. Der Nachbar konfiszierte das Tatwerkzeug und beschimpfte den Jungen in Gegenwart von dessen Vater als „Räuber“ und „Zigeuner“. Hier konnte die Schiedsfrau die Parteien nicht dazu bringen, sich zu vertragen, ihr Schlichtungsversuch blieb erfolglos. Aber sonst gelang ihr das häufig. „Man muss die Leute erst mal reden lassen“, sagt sie über ihre Arbeitsweise. Meist habe sich viel aufgestaut, die Menschen fühlten sich in ihrer Intimsphäre verletzt, weil ihr Heim sich nicht als die Burg erwies, von der sie geträumt hatten. Kowert konfrontierte die Parteien dann gern mit der Realität: „Sie leben vielleicht noch 20 Jahre hier als Nachbarn – soll das im Streit geschehen?“ Und mit der Alternative: „Wenn Sie sich gar nicht einigen können, müssen Sie wegziehen.“ Auf diese Weise gelang es ihr, einen Waffenstillstand nach dem anderen auszuhandeln und der Justiz viel Arbeit zu ersparen. Bundesweit landeten seit 1949 mehr als 1,4 Millionen Fälle von Nachbarschaftsstreitigkeiten vor Gericht.

Der hierzulande wohl berühmteste Fall wurde 1999 im Fernseh-Sender Sat.1 vor der damaligen TV-Richterin Barbara Salesch verhandelt. Regina Zindler aus dem sächsischen Vogtland beschwerte sich in schwerstem Dialekt über einen Knallerbsenstrauch ihres Nachbarn, der angeblich ihren Maschendrahtzaun beschädigte. Ein gefundenes Fressen für Stefan Raab, der Zindlers O-Töne für den Song „Maschendrohtzaun“ nutzte und es damit bis auf Platz 1 der Charts brachte. Der von ihm ausgelöste Medienhype machte der Zindler schwer zu schaffen – sie verkaufte ihr Haus, das von Reportern und Schaulustigen belagert wurde, und zog weg.

Von außen betrachtet, wirkt Kleinkrieg am Gartenzaun häufig komisch, aber die Konfliktparteien führen ihn mit heiligem Ernst. Und als Vermittlerin müsse man beide Seiten ernst nehmen, sagt Kowert. „Ich denke, das ist mir gelungen.“ Außerdem hatte sie ein paar handfeste Argumente. Zuallererst die Kosten: Die Gebühr für die Schlichtungsverhandlung liegt in Niedersachsen bei 15 Euro, im Erfolgsfall bei 25 Euro. Bei komplizierten Fällen steigt sie auf maximal 50 Euro. Vor Gericht wird es viel teurer. Und Gerechtigkeit bekommt man auch nicht, sondern nur ein Urteil, das ist jedenfalls Kowerts eigene Erfahrung, die sie gern teilt. Sie erwarb mit ihrem Mann ein Baugrundstück, und der Verkäufer verlangte extra Geld, um es zu erschließen, wollte die Kosten aber nach getaner Arbeit nicht aufschlüsseln. Man sah sich vor Gericht, aber die Klage der Kowerts wurde abgewiesen. Margret Kowert kann sich noch heute darüber aufregen.

Gibt es eigentlich besonders streitlustige Zeitgenossen, die sie in ihrer langjährigen Praxis identifiziert hat? Sie blättert in dem Protokollbuch und schüttelt den Kopf: Vom Sozialhilfeempfänger bis zum promovierten Akademiker sind alle Berufsgruppen und Schichten vertreten. Was diese Leute verbindet, ist Nachbarschaft als Leidensgeschichte. Bei ihrer Mediationstätigkeit ist Kowert außerdem zu der Erkenntnis gekommen, dass die Besichtigung des Kriegsschauplatzes – vulgo: Ortstermin – hilfreich ist. „Manchmal klären sich die Dinge dort ganz schnell.“ So wie in dem Fall des Eigenheimbesitzers, der eine Solaranlage auf seinem Dach anbringen wollte, das aber von den Tannen des Nachbarn (Kowert: „ein Urwald“) verschattet wurde. Bei dem Termin war der Anwalt des Waldbesitzers anwesend. Alles sah nach Konfrontation aus, danach, dass der Mann keinen Millimeter nachgeben würde. Doch urplötzlich habe sich der Streit – womöglich allein durch die Anwesenheit der Schlichterin – in Luft aufgelöst: „Ach, die Bäume stören? Dann schneiden wir die zurück.“

Verständigen sich die Parteien und unterschreiben das Protokoll, bleibt die Einigung 30 Jahre lang gültig und vollstreckbar. So darf die einstige Waschküchen-Blockiererin nur noch an zwei Tagen in der Woche zur Tat schreiten. Dass diese Vereinbarungen einzuhalten sind, hat Kowert ihren Kunden mit deutlichen Worten mitgeteilt. Auf diese Weise hat sie Frieden gestiftet, aber keine Freundschaften – „das wäre wohl zu viel verlangt“. Das höchste der Gefühle sei gewesen, wenn der eine Nachbar den anderen nach der Verhandlung mit dem Auto mitnahm. „Das ist tatsächlich einige Male vorgekommen.“

Was so gut wie nie vorkam, war, dass Leute ein Fehlverhalten unumwunden zugaben. Daher finden sich in den Protokollen viele brückenbauende und gesichtswahrende Formulierungen. Zum Beispiel bei der Person, die, so der Verdacht, in der Kehrwoche den Schmutz unter die Türmatte des Nachbarn gefegt hat: „Sollte mir das passiert sein, entschuldige ich mich dafür mit dem Ausdruck des Bedauerns. Es soll nicht mehr vorkommen.“

Jede Schiedsperson hat eigene Methoden. So ist Elisabeth Camin, die das Amt im brandenburgischen Teltow versieht, der Ansicht, dass bei Zoff unter Nachbarn die Vorgeschichte entscheidend sei, „die wie ein Riesen-Eisberg unter der Wasseroberfläche liegt“. Daher stelle sie, wie Camin den »Potsdamer Neuesten Nachrichten« verriet, zu Beginn der Verhandlung eine einfache Frage: „Wann war der Moment, als Sie über den anderen angefangen haben, schlecht zu denken?“

Margret Kowert hält von solcher Psychoanalyse nichts. Sie habe sich immer streng am Fall orientiert und – wenn über alte Geschichten geredet wurde – entgegnet: „Das ist verjährt.“

Es heißt, dass Deutsche sich besonders gern streiten. Stimmt aber nicht, so die Erkenntnis von Volker Linneweber, Professor für Sozialpsychologie an der Universität des Saarlandes. Gestritten werde in allen Ländern. Typisch deutsch sei allerdings die Streitkultur: Man gehe später und länger in den Clinch als anderswo. Er gibt daher den vernünftigen Tipp, Konflikte so früh wie möglich anzugehen.

Das sieht Margret Kowert nicht nur ähnlich, sie handelt auch selbst entsprechend, denn es ist nicht so, dass sie keinen Ärger mit Nachbarn hätte. Einer hält Katzen („Kind-Ersatz“), die gern ins Haus der Kowerts schlüpfen und dort Unappetitliches hinterlassen. Wenn das passiert, greift die ehemalige Streitschlichterin umgehend zum Telefon und macht ihrem Herzen Luft. Nutzen wird es aber wohl nichts, weil Katzen bekanntlich schwer erziehbar sind. Sie seufzt und sagt noch einen Merksatz zum Thema Nachbarschaft: „Man muss sich ertragen.“ ---